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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Manches ist ja bei den Evangelischen besser als bei uns Katholischen: um den Konfirmationsspruch habe ich schon oft meine evangelischen Freunde beneidet. Ein Bibelvers, den man mit 14 Jahren zur Konfirmation ausgesucht bekommt. Und manchmal trägt er durchs ganze Leben.

Ich lernte eine Frau kennen, die von ihrem Bruder ganz unvermittelt im Haus der Mutter mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt worden war. Zwei Stiche, einer nah am Herzen, einer grade neben der Halsschlagader, nur mit viel Glück hatte sie den Angriff überlebt. Es waren nicht nur die körperliche Verletzung und der Schmerz, die ihr zu schaffen machten. Auch die Seele war verletzt. Einerseits hatte die Frau das Zutrauen verloren: „mir wird schon nichts richtig Schlimmes passieren“. Andererseits war es auch noch im Haus der Eltern passiert, an einem sicheren Ort.  Und durch einen Menschen, der ihr zwar fremd geworden war, dem sie aber dennoch arglos begegnete. Ihr war der Boden unter den Füßen weggezogen; der feste Grund, auf dem ihr Leben aufgebaut war, die Lebenszuversicht,  war ins Wanken geraten. In dieser schweren Zeit sprach sie sich selbst Mut zu mit ihrem Konfirmationsspruch, der sie schon 32 Jahren begleitete:  „Gott hat uns nicht den Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Tim 1.7)

Der Geist der Verzagtheit wollte sie überkommen, wenn sie an die Zukunft dachte. Der Bruder in Untersuchungshaft, aber irgendwann würde er wieder frei sein. Würde er der Mutter etwas antun? Musste sie sich fürchten, das Elternhaus aufzusuchen, sobald er wieder auf freiem Fuß sein würde? Gab es überhaupt noch Sicherheit in ihrem Leben? Sie hielt sich fest an dem Gedanken: Gott wünscht mir nicht Kraft, Liebe und Besonnenheit, sondern er hat sie mir schon gegeben. Kraft, Liebe und Besonnenheit sind in mir, das ist der feste Grund, auf dem ich stehe. Nicht immer trägt diese Überzeugung, aber oft. Und immer wieder betet sie darum. Dass die Zuversicht in ihr wächst.

 

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Krank sein ist doof! Glücklicherweise erlebe ich das nicht so oft, aber am Anfang des Jahres kam eins nach dem anderen und 4 Wochen konnte ich nicht so, wie ich wollte. Ich machte Pläne für die Arbeit – und musste alles absagen. Ich wollte zu einer Fortbildung, da streikte der Körper einfach weiter. Auch privat ging nichts, ich lag mal im Bett, mal auf dem Sofa und wurde mit jedem Tag missgelaunter. Richtig doof – und dann tröstet es auch nicht, dass es vielen anderen Menschen schlechter geht als mir. Mein Körper lies mich im Stich und ich bin das nicht gewöhnt fand das einfach ätzend.

Und dann ist was passiert. Eine Nachbarin und Freundin rief an, ob sie mal vorbei kommen könnte. Ja, aber die Haare sind nicht gewaschen und ich lieg im Bett. Macht nichts, sagte sie, ich bleib nicht lange und ich ignoriere die Haare. Und dann kam sie und brachte einen Topf mit selbstgekochter Hühnersuppe, noch heiß, und suchte mir eine kleine Schüssel und einen Löffel und ich verspeiste diese „ich-mach-dich-gesund-Suppe“ und die war absolut köstlich, lecker gewürzt, mit Möhrchen und Sellerie und Nudeln und Hähnchenfleisch – und  obwohl ich eigentlich keine Freundin von Suppen bin, hab ich davon gleich zwei kleine Portionen genascht und es ist mir super gut bekommen.

Ich glaube, da hat beides zusammen gewirkt.

Hühnersuppe ist ja ein altes Hausmittel und hilft tatsächlich, obwohl das wissenschaftlich nicht erklärbar ist. Und dann hat mir auch die emotionale Seite gut getan: dass Hilde mir etwas gekocht hat und extra  kam, um  mich damit gesund zu machen. Und tatsächlich: es hat gewirkt (zusammen mit den Antibiotika ehrlich gesagt, aber vielleicht hätten die ohne die Suppe längst nicht so gut geholfen).

Ich werde diese Liebenswürdigkeit der Welt zurück geben. Wenn demnächst eine meiner Freundinnen krank wird, werde ich auch mal eine „ich-mach-dich-gesund-Suppe“ kochen.

Dann ist es auch gar nicht mehr so doof, krank zu sein.


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Was würdest du machen, wenn du eine Million Euro gewonnen hättest? Eine beliebte Frage für Tagträume. Für das, was ich mir wünsche, brauche ich allerdings mehr als eine Million. Ich würde gern einen Ingenieur beauftragen,  einen Umweltstaubsauger  zu erfinden. Das Patent würde mir gehören. Dieser Umweltsauger könnte den ganzen Müll an den Straßenrändern, das Plastik, die Pizzakartons, die Autoreifen, die Kippen  und die leeren Flaschen aufsaugen, ohne die kleinen Gräser und Blümchen abzureißen. Grade jetzt im Frühjahr, wenn ich morgens auf dem Weg zur Arbeit bin, regt es mich besonders auf. Die Natur gibt sich die beste Mühe, alles ist wieder grün und bunt geworden. Der Goldregen öffnet seine Blüten, die Buchen leuchten in hellem Grün. Am Boden wachsen Veilchen, manchmal steht ein Büschel Margeriten oder Lupinen am Straßenrand. Eine große Pracht entsteht jedes Jahr, aber der Mensch weiß es nicht zu würdigen. Schmeißt alles aus dem Autofenster, was grade stört. Entsorgt seinen Müll in der blühenden Natur; Plastik braucht 400 Jahre, bis es verrottet ist. Ich finde das richtig respektlos. 400 Jahre lang muss jetzt jeder Frühling aufs Neue versuchen, den ganzen Müll mit seinen leuchtenden Farben zu verdecken und seine Schönheit zu entfalten, aber er wird immer wieder gegen den Menschendreck verlieren. Deshalb möchte ich gern diesen Umweltsauger haben. Meistens würde ich selbst drauf sitzen, aber ich würde vielleicht auch den einen oder anderen Arbeitsplatz schaffen. Von dem vielen Geld würde ich die Arbeit auch gerecht bezahlen, aber ich bin sicher: die, die darauf sitzen dürfen und sehen, wie schön die Natur wieder wird, die fühlen das als ihren schönsten Lohn. - Und wenn ich so viel Geld nicht gewinne? Mache ich jetzt schon auf meinen Wanderungen in der Eifel ein bisschen Müll weg, wo ich ihn sehe. Für so eine private Aktion hat mir mal die Verbandsgemeinde eine neue Wanderkarte geschenkt. Auch ein schöner Gewinn.


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„Von der Last, katholisch zu sein.“ So lautet der Titel eines älteren Taschenbuchs. Der Autor hat die Freude an der Religion gründlich vergällt bekommen. Er den Glauben erlebt als ein System von Vorschriften und Verboten, die das Leben einengen. Wenn dazu noch Machtausübung kommt, die Menschen klein macht – dann ist es kein Wunder, wenn jemand eine solche Religion über Bord wirft. Mich schmerzt das – weil dabei der christliche Glaube total entstellt wird, ja: pervertiert wird.

Offensichtlich besteht die Gefahr, dass eine Religion falsch interpretiert und missbraucht wird. Auch zu Zeiten Jesu haben die Pharisäer und Schriftgelehrten den Glauben entsprechend ausgelegt. Sie pochten auf eine wörtliche Einhaltung von mehreren Hundert Geboten. Dadurch ist aber der Kern des Glaubens aus dem Blick geraten. Er ist für die Menschen eine Last geworden.

Genau dagegen ist Jesus vehement eingetreten. An einer Stelle im Matthäus-Evangelium, die mir sehr wichtig ist, sagt er: „Kommt alle zu mir, die ihr euch abmüht und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch aufatmen lassen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Aufatmen finden für euer Leben. Denn mein Joch ist ja gut, und meine Last ist leicht.“ (Mt 11, 28-30)

Jesus wendet sich ganz klar dagegen, dass Religion für die Menschen eine zusätzliche Last ist. Der Glaube ist gerade umgekehrt dazu da, dass die Menschen von unnötigen Lebenslasten befreit werden. „Ich werde euch Aufatmen schenken für euer Leben.“ – darum geht es Jesus. Der christliche Glaube ist ein Weg, dass die Menschen aufleben, aufgerichtet werden, innerlich stark und frei werden. Ein gutes Joch hilft, Lasten leichter zu tragen. Der Glaube, das gute Joch Jesu – wie es in der Bibel heißt –,  das hilft, die unvermeidlichen Belastungen im Leben leichter zu tragen.

Das ist keine theoretische Behauptung. Das erlebe ich ganz konkret – bei mir selbst und bei den Menschen, die ich über Jahre hin geistlich begleite. Richtig verstanden ist der christliche Glaube ein Weg zu größerer innerer Freiheit und Lebendigkeit. Mit den Worten Jesu: Zu einem „Leben in Fülle“ (Joh 10, 10).

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„Ich blicke hoffnungsvoll in die Zukunft.“ Das sagt eine junge Frau, deren Zukunftschancen gleich null waren. Maria José Xiloj Chicoij lebt in Guatemala und gehört zum Volk der Maya-Quiché. Die Kinder aus den Indio-Völkern haben in Guatemala fast keine Chance auf Bildung. Im Durchschnitt besuchen sie nur drei Jahre lang die Schule – mehr geht nicht. Aus der Traum von einem besseren, selbstbestimmten Leben in Würde. Die meisten bleiben eingesperrt im Gefängnis der Armut. Die Ursachen sind ein korrupter Staat, Rassismus, Diskriminierung und Gewalt. Ein Teufelskreis.

Maria hat ihn durchbrochen. Mit Hilfe des Stipendienwerks „Samenkorn“, das eine deutsche Journalistin in Guatemala gegründet hat. Ich war dort. Ich habe das Projekt besucht und habe Stipendiaten kennengelernt. Begabte Jugendliche aus den Indio-Stämmen können mit dem Stipendium eine weiterführende Schule besuchen und dann auch studieren. Außerdem durchlaufen sie ein eigenes Bildungsprogramm zur Persönlichkeitsbildung.

Vilma Esperanza Escot Chocoyo hat diese ihre Chance auch genutzt. Sie hat ihr Medizinstudium an der Universität als Beste ihres Jahrgangs abgeschlossen. Jetzt arbeitet sie als einzige Ärztin in der staatlichen Gesundheitsstation ihres Heimatdorfes. Jeden Tag behandelt sie 80 bis 100 Patentinnen und Patienten. Sie kann ihren Traumberuf ausüben – und hilft dadurch ihrem Volk. Die Menschen in ihrem Dorf hätten ohne sie keinen Arzt in der Nähe.

Maria und Vilma sind Hoffnungszeichen für ihre Mitmenschen. Maria hat das so formuliert: „Ich blicke hoffnungsvoll in die Zukunft. Ich habe erkannt, dass ich mit dem Studium alle Möglichkeiten habe. Meinen Beruf als Juristin möchte ich als meine Berufung ausüben, nicht nur als Job. Jungen Menschen in Deutschland würde ich gerne sagen, dass auch sie Hoffnung und einen starken Willen haben sollen. Nutzt eure Chance! Schaut nicht nur auf die Schattenseiten eurer Gesellschaft. Wenn euch etwas nicht passt, sagt nicht, ihr könnt daran nichts ändern. Entwickelt euch als Person, damit sich die Gesellschaft so verändert, dass sie gerechter und besser für alle wird.“

Näheres zum Stipendienwerk „Samenkorn“ findet sich unter www.stipendienwerk-guatemala.de; Mail: samenkorn@hotmail.com">samenkorn@hotmail.com oder proyectoijatz@hotmail.com">proyectoijatz@hotmail.com

Die Zitate stammen aus dem Rundbrief Nr. 67 / April 2016 des Stipendienwerks und aus

www.adveniat.de/blog/mit-dem-stipendium-hat-sich-mir-das-leben-geoeffnet/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21972

"Es ist unglaublich, was sich der Kollege im Büro alles erlaubt!“ Im Gespräch mit mir hielt die junge Frau mit ihrer Wut nicht hinterm Berg. „Oft hebt der Kollege das Telefon gar nicht ab, wenn es klingelt – dafür führt er dann Privatgespräche auf dem Handy. Und er geht zu der Kollegin im Büro nebenan und quatscht lange mit ihr. Die Arbeit ist ihm ziemlich egal. ‚Ich nehme alles etwas locker.‘ hat er gesagt. Und ich, ich sitze da und weiß manchmal nicht, wo mir der Kopf steht. Ich habe einen richtigen Zorn auf diesen Kollegen.“

Wuff! Volle Breitseite. Da kam der ganze Groll auf den Kollegen heraus. Verständlicherweise. Doch im Verlauf des langen Gesprächs änderte sich die Gefühlslage der jungen Frau. Am Ende war sie nicht mehr bei dem Kollegen, sondern ganz bei sich selbst. Und sehr nachdenklich.

Denn sie ist nach und nach sich selbst auf die Schliche gekommen. Ihr ist aufgegangen, warum sie den Kollegen so auf dem Kicker hat. Natürlich ist es ärgerlich, wenn ein Kollege seine Arbeit nur sehr nachlässig macht, – erst recht, wenn dadurch die andern mehr machen müssen. Aber der eigentliche Grund für die innere Aufwallung der jungen Frau war ein anderer. Sie hat gemerkt: Trotz des falschen Verhaltens des Kollegen ist sie irgendwie neidisch auf ihn. Neidisch auf die Lockerheit, mit der der Kollege das Leben nahm. Sie selbst war sehr gewissenhaft, pflichtbewusst, manchmal eher verkrampft – und so schielte sie mit einer gewissen Sehnsucht auf den Kollegen, der alles so locker nehmen konnte.

Mit dieser Erkenntnis war die junge Frau dann auf sich selbst zurückgeworfen. Und sie fragte sich, wie sie auch lockerer werden könne. Ihr wurde bewusst, dass sie öfter schon versucht hatte, irgendwie einen „auf cool zu machen“; aber das war dann künstlich, da war sie nicht sie selbst.

Nun macht sie sich auf einen anderen inneren Weg. Der erste Schritt ist: Ja sagen zu sich selbst. Sich so annehmen, wie sie ist – gerade auch mit der fehlenden Lockerheit. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, dass sich dort etwas wandeln kann.

Dabei kann der jungen Frau ihr Glaube eine gute Hilfe sein: Die Gewissheit, dass Gott mich so annimmt, wie ich bin, mit allen Macken und Schwächen – dieses Vertrauen kann helfen, dass ich selbst immer mehr Ja sagen kann zu mir und dadurch innerlich wachse.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21971