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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Heute Abend nicht vergessen, die Schuhe vor die Tür zu stellen. Morgen kommt der Nikolaus. Da müssen doch die Stiefel raus.
Sonst ist es ja eher üblich, einander etwas in die Schuhe zu schieben. Diese alte Redewendung stammt noch aus der Zeit, in der es als bewährter Diebestrick galt, etwas Gestohlenes bei Verdacht oder Überprüfung schnell mal einem Anderen in die abgestellten Schuhe zu schmuggeln, um  den Verdacht von sich abzulenken.
Das muss es sehr oft gegeben haben, sonst wäre es nicht zum Sprichwort gekommen. Und hinter dem Sprichwort muss auch ein besonderes menschliches Talent stecken. Denn wenn es darum geht, einen Fehler einzugestehen, ist das Talent ganz groß, den Fehler denen in die Schuhe zu schieben, die mit uns unterwegs sind.
Aber heute Abend geht die Geschichte anders herum. Da sollen wir eine andere Übung ausprobieren.
Wir stellen unsere Schuhe und Stiefel  freiwillig vor die Tür.
Mit dem Ziel, nichts zu unterstellen, oder unterzuschieben, sondern zu schenken, zu überraschen, abzugeben und zu gönnen.
Kurzum, einander menschenfreundlich zu begegnen. Wie damals im 4 Jahrhundert zur Zeit von St. Nikolaus, dem Bischof von Myra, das liegt in der heutigen Türkei, nahe bei Antalya.
Nikolaus wurde durch legendäres Beschenken zum Heiligen, weil er sein ererbtes Vermögen an Arme verteilt hat.
Ganze Goldklumpen hat er über Nacht Bedürftigen in den Vorgarten geworfen, ist Hunger und Armut mit wundersamer Hilfsbereitschaft entgegen getreten.
Wenn man die Geschichte nachliest, zieht es einem glatt die Schuhe aus und man stellt sie erwartungsfroh vor die Tür.

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Adventskalender sind eine feine Sache. Kinder bekommen einen geschenkt, damit sie die Zeit bis Weihnachten als eine besondere  Zeit erleben.
Seit dem 19. Jahrhundert schon ist das ein christlicher Brauch. Es ist wie ein Geländer, an dem entlang gegangen werden kann mit Blick auf das große wunderbare Weihnachtsfest. Jeden Tag ein Türchen öffnen und dahinter ein Bild, einen Spruch, etwas Süßes oder andere Überraschungen finden.
Die Adventszeit als Zeit voller schöner Überraschungen, als Zeit der offenen Türchen und süßen Geschenke. Besser kann man sich nicht vorbereiten auf die Heilige Nacht und die Geburt des Christuskindes.
Schade eigentlich, dass dieses besondere Ritual nur für Kinder vorgesehen ist. Ich finde, das tut auch großen Kindern gut. Deshalb freue ich mich so über meinen Adventskalender, den mir dieses Jahr ein lieber Mensch geschenkt hat. Endlich.
Und gleich am zweiten Tag ist mir etwas aufgefallen, was wahrscheinlich jedes Kind weiß, was ich aber erst einmal verstehen musste:
Auf meinem Kalender sind die Zahlen für die Tage im Advent nicht etwa schön der Reihe nach geordnet, man muss sie jeden Tag erst einmal suchen. Das kann doch kein Zufall sein denke ich. Da muss sich jemand was dabei gedacht haben. Etwa, dass die Adventszeit eine Entdeckungsreise sein soll. Sie ergibt sich nicht einfach so.
Die Tage plätschern nicht einfach vor sich hin. Jeder Tag will aufgesucht und gefunden werden. So tasten wir uns vorwärts. Und wenn wir es gefunden haben, wollen wir sehen, was dahinter steckt.
Das heißt also: Es kann nur langsam gehen. Nichts ist selbstverständlich. Vieles ist rätselhaft.
Die Türchen suchen, sie öffnen und sich überraschen lassen. Sich Zeit nehmen, endlich einmal nicht mit der Tür ins Haus fallen, sondern tastend voranzugehen, nicht schon alles wissen. Adventskalender machen langsam. Schenken Sie doch jemandem einen.

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Nur Sieger bekommen einen Kranz! Den haben sie nach Wettkämpfen aufgesetzt bekommen. Damals in der Antike. Die Sieger mit ihrem Siegerkranz. Darum steht auch in der Bibel, wir alle sollen im Lebenskampf so laufen, dass wir am Ende den Siegerkranz aufgesetzt bekommen. Heute kennen wir Kränze eher vom Friedhof.
Dort werden sie an einem Grab niedergelegt und erscheinen uns eher als Zeichen der Kapitulation und der endgültigen Niederlage im Lebenskampf. Aber der Kranz ist anders gemeint. Der Kranz auf dem Friedhof, am Grab oder am Denkmal niedergelegt, soll ein trotziges  Zeichen des Widerspruchs sein. Soll sagen: Der Tod hat nicht das letzte Wort, sondern das Leben, das Leben, das in Gott geborgen ist für alle Zeit.
Das ist unser Ziel.
Deshalb habe ich schon oft am letzten Sonntag im Kirchenjahr, dem Toten und Ewigkeitssonntag den noch ungeschmückten Adventskranz als grünen Vorboten in die Kirche getragen, um den Menschen zu sagen:
Schaut her, das ist allem Kummer und Leid zum Trotz unser Zeichen.
Der Friedhofskranz wird nächsten Sonntag unser Adventskranz sein. Wir sind nämlich nicht die ewigen Verlierer. Wir gehören zu dem Gott, der am Ende gewinnt, der uns allen das Leben gibt und zu dem es wieder zurückkehrt.
Und wir sollen dann Sieger sein, die das ewige Leben gewinnen. Darum hat der Adventskranz etwas Triumphales. Er ist das Zeichen für den Glauben, der sich nicht unterkriegen lässt.
Licht anzuzünden ist allemal besser, als über die  Dunkelheit zu klagen. So sehen Sieger aus.

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Bestimmt haben Sie auch einen zuhause. Einen Adventskranz. Den gibt es fast in jeder Wohnung jetzt. Letze Woche habe ich auch einen besorgt. Darauf freue ich mich alle Jahre wieder.
Ihn zu holen und heimzubringen, das betrachte ich als Privileg. Und schon auf dem Hinweg bin ich jedes Mal gespannt, wie das wird. Dabei wird es eigentlich wie immer.
Ich bin da nämlich ganz altmodisch. Ich brauche grüne Tannen, rote Kerzen und nur ganz wenig Schnick Schnack. Und dann lege ich ihn neben mich auf den Beifahrersitz und sage unterwegs zu ihm: „ Du hast uns gerade noch gefehlt!“
Zuhause angekommen, ziehen wir zusammen feierlich ein, wie eine Prozession - auf evangelisch natürlich und dann lege ich ihn auf dem Küchentisch ab, wir lassen uns loben, dass wir so schön sind und schon ist alles anders, als es vorher war.
Das ganze Haus hat sich verändert, es duftet vielversprechend und markiert unübersehbar, dass da was kommt. Es ist wieder so weit. Advent in Sicht.
Da freut es sich, das Kind in mir. Und es ist nicht allein.
Wo ein Kranz ist, da ist auch ein Weg. Hat wohl schon Johann Hinrich Wichern gesagt.
Der war Theologe und Erzieher und hat ihn erfunden.
Der erste Adventskranz hing bei ihm, in dem Kinderheim, das er geleitet hat in Hamburg. Das war 1839.
Weil die Kinder in seinem Rauhen Haus, so hieß das Heim, immer ungeduldig gefragt haben, wann denn endlich Weihnachten sei, baute Wichern aus einem alten Wagenrad einen Holzkranz mit 20 kleinen roten und vier großen weißen Kerzen. Macht zusammen 24 Kerzen. Jeden Tag der Adventszeit durfte ein Kind eine Kerze anzünden. An den Adventssonntagen eine große Kerze.
Und so konnten die Kinder die Tage bis Weihnachten zählen. Immer mehr Licht sollten sie sehen. Die Kleinen und die Großen, weil die das brauchen in dunklen Zeiten -unbedingt.

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Licht ist Leben. Wunderbar, wenn es morgens endlich hell wird. Dann atmen wir auf. Besonders jetzt, wo es nachmittags schon dunkel wird. In dem Dorf meiner Kindheit gab es früher nur ganz wenige Lampen. Gefühlt waren es auf meinem Weg von zuhause zur Oma Drei. Drei Straßenlampen – und dazwischen unheimlich viel dunkel.
„Sackedunkel“  – hieß das bei uns  am Donnersberg.
Und wenn ich dann spät Abends nochmal zur Oma geschickt wurde, um etwas vorbei zu bringen, dann war das immer eine Mutprobe für mich. Zum Glück hat mich keiner gesehen, hoffe ich jedenfalls nachträglich, denn ich bin immer schier um mein Leben gerannt - bis zum Licht, dort habe ich dann Luft geschnappt, meine vorläufige Rettung als Sieg verbucht, um mich todesmutig in die nächste schwarze Bedrohung zu stürzen.
Am liebsten hätte ich dann immer bei der Oma übernachtet, um am nächsten Morgen im Hellen, unbeschadet nachhause zu gehen. Aber es half alles nichts.
Wenn die Tasche oder der Korb abgegeben war, musste der Rückweg angetreten werden. Und den habe ich dann in weltrekordverdächtigem Sprint bewältigt.
Zuhause haben sie sich immer gewundert, wie schnell doch der Bub seine Aufgaben erledigt, aber dass er so ganz blass und außer Atem gewesen ist, das hat niemand in seiner ganzen Dramatik erfasst.
Dunkel macht Angst. Licht lässt die Angst dahinschmelzen, wie Butter in der Sonne.
Licht ist Leben.
Gerade in diesen dunkelsten Tagen des Jahres spüre ich das besonders.
Nicht ohne Grund wird die Weihnachtsbeleuchtung immer früher entfacht.
Niemand mag gerne im Dunkeln tappen und kein Licht am Ende des Tunnels sehen.
Oder sehnen Sie sich nicht auch gerade in den dunklen Tagen dieser Welt danach, dass sich etwas aufhellt und Auswege einleuchten heraus aus dem Dilemma von Angst und Schrecken?
Mich beeindruckt immer wieder diese Redensart, wenn ein Kind geboren wird. Da heißt es nämlich noch immer, es habe das Licht der Welt erblickt.
Dabei ist es doch in der Welt oft so dunkel, dass man nur noch Schwarz sehen könnte.
Aber niemand käme auf die Idee in eine Geburtsanzeige zu schreiben:
Unser Ludwig hat die Dunkelheit der Welt erblickt. Das macht er schon noch früh genug. Und dann springt er von Laterne zu Laterne, von Lichtblick zu Lichtblick.
Und da ahnt man doch gleich, warum es Sinn macht, dass wir einen Adventskranz haben.

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Heute ist der letzte Tag im November. Heute geht er zu ende. Das hätten wir geschafft. Obwohl, diesmal war er gar nicht so grau. Nicht so nebelverhangen und nasskalt wie sonst. Im Gegenteil. Warm wars, sonnig oft, merkwürdig mild und lind.
Ganz entgegen seinem Image als grandioser Griesgrämermonat.
Aber wer dem November einen schlechten Ruf anhängen möchte, der irrt sich sowieso.
Denn wenn man genauer hinschaut, dann verbirgt sich auch hinter seinem Grauschleier das Leben von Morgen.
Der November ist nämlich im Grunde ein Gärtner vor dem Herrn. Sieht zwar manchmal aus wie ein Totengräber, pflanzt aber in Wirklichkeit bereits die Farben für den Frühling in den Boden. Eigentlich ist der November kein Griesgrämer, sondern ein Geheimnisgrämer. In ihm schlummern und wachsen nämlich die Knospen, die im nächsten Frühling kommen sollen. Und deshalb wurde auch in diesem November wieder so fleißig in den Gärten und Parks gearbeitet, wurden Bäume gepflanzt und Büsche gesetzt, wurde geschnitten und aufgeräumt, die Blumenzwiebeln in der Erde versteckt.
Sag noch einer, dieser Monat sei nicht kreativ.
November ist der Vorabend für einen neuen Aufbruch, Schutzzone für das Leben, das noch wird. Jesus sagt:
„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein;
Wenn es aber erstirbt, so bringt es viel Frucht!“
Durch den dunklen November hindurch will uns Gott aufkeimen und wachsen lassen. Was uns blüht, ist neues Leben, Leben in Fülle vor und nach dem Tod. November ADE!
Du warst nicht nur trüb, du warst selig!

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Heute ist die Kirche ihrer Zeit voraus. Endlich einmal. Das passiert ihr nicht so oft. Meist hinkt sie eher ein bisschen hinterher. Aber heute nicht.
Lange vor dem Beginn des neuen Kalenderjahres, weit ab von der Terminierung eines Schuljahres passiert das Besondere:
Es beginnt ein neues Kirchenjahr. Mit dem 1. Advent.
Seit dem 3. Jahrhundert nach Christus ist das schon so geregelt. Da war das Konzil von Nicäa, eine Kirchenversammlung also, bei dem unsere Vorfahren festgelegt haben, wann was gefeiert wird.
Man ist von dem wichtigsten Fest, nämlich dem Fest der Auferstehung an Ostern ausgegangen und hat dann alles andere nach vorne und hinten ausgebreitet. Im Kirchenjahr wird alles nacheinander gefeiert und bedacht, alle Höhen und Tiefen des Menschseins. Nichts wird ausgespart, verschwiegen oder umgangen. Alles kommt vor.
Alles an Lust und Frust, Liebe und Leid, Leben und Sterben zieht an uns vorbei:
Beginnt mit Advent mit seinem Starten und Warten auf Weihnachten zu und feiert Gottes Ankunft in der Welt, die Geburt des Jesuskindes, mit dessen Wachsen, Werden und Wirken füllt sich dann der Kalender weiter:
Seine Passion passiert, Leiden und Fasten prägt diese Zeit mit dem Tiefpunkt Karfreitag samt Trauer Abschied und Tod, mündet dann in den Osterglockenjubel, mit dem Echo - Ruf der Gemeinde:
Der Herr ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.
Was uns blüht, ist neues Leben, erfülltes Leben vor und nach dem Tod.
Und so  kommen Anhimmeln und Begeistern nacheinander, Himmelfahrt und Pfingsten, das große Verstehen beim Geburtstag der Kirche, es wächst und gedeiht das Leben, es ist Sommer, ehe alles mündet in Ernten und Danken, Büßen und Beten.
Und am Ende unter dem Grauschleier des Novembers geht es um Trauern und um Vertrauen ganz und gar. Was für ein Parcours! Wie viele Stationen und Etappen.
Ein Trainingslauf für die armselige Seele, in alle Farben des Regenbogens eingewickelt-so läuft das Kirchenjahr um und um, mit uns Runde um Runde und führt uns hinein in das Konditionstraining unseres Glaubens.
Alles hat da seine Zeit.
Und heute fangen wir wieder von vorne an und sagen A, A wie Advent.
Was uns schon so vertraut ist, dürfen wir wieder holen. Den kleinen Lichtblick.
Der schenkt Geborgenheit. Wir buchstabieren uns durch unser Leben und dürfen heute noch einmal von vorne beginnen. Sozusagen mit Anlauf starten wir In der Hoffnung, dass  wir etwas anzufangen wissen mit dem Glauben an Gottes guten Plan. Trotz aller Sorge, Angst und Dunkelheit:
Es gibt einen Hoffnungsschimmer im Neubeginn. Hoffentlich wird sich was ändern, wenn wir uns heute schon adventlich grüßen und sagen:
Ein Gutes Neues Jahr!

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