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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Wer Visionen hat sollte zum Arzt gehen.“ Das hat Helmut Schmidt gesagt. Er meint damit: Wer vom Boden der Realität abhebt und sich nach Wolkenkucksheim flüchtet; wer Zukunftsträume verbreitet wie jemand, der Halluzinationen hat – der sollte mal seinen Gesundheitszustand kontrollieren lassen. 

In der Tat: Auf solche „Visionen“ kann ich auch verzichten. 

Aber die richtigen Visionäre zeichnet etwas ganz anderes aus. Die stehen mit beiden Beinen auf dem Boden der Wirklichkeit – und haben zugleich einen enormen Horizont und Weitblick. Sie haben eine Ahnung, worauf alles hinauslaufen wird. Sie malen eine Zukunft aus, die verlockend ist, die uns das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt, für die es sich einzusetzen lohnt. Eine solche Vision begeistert und zieht die anderen mit. 

Genau das ist auch die Aufgabe von sogenannten Vision-Statements. Viele Firmen formulieren ganz bewusst ihre Vision von der Zukunft des Unternehmens, wie es in soundsoviel Jahren dastehen soll. Damit hat auch eine österreichische Firma gearbeitet. Als es vor ein paar Jahren abwärts ging, hat sie mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Vision erarbeitet: „In fünf Jahren sind wir Weltmarktführer.“ Dieser Visions-Prozess hat die Mitarbeiter so sehr mitgerissen, dass die Firma tatsächlich schon in drei Jahren ihr hoch gestecktes Ziel erreicht hatte. Visionen beflügeln. 

 „Vision“ ist auch ein religiöser Begriff. In der Bibel sind die Propheten die wichtigsten Visionäre. Vor allem, wenn es in der damaligen Gesellschaft gravierende Probleme gab, wenn die Zukunft auf dem Spiel stand – dann haben sie den Menschen Hoffnung und Mut gemacht. Propheten malen die Zukunft aus, die Gott den Menschen schenkt, weil er sie aus der Not herausführen will. Hinein in ein besseres Leben. Das Entscheidende daran ist: Das müssen die Menschen nicht aus eigener Kraft leisten. Sie können auf die Hilfe und Führung Gottes vertrauen. Der eröffnet die Wege in eine gute Zukunft, die sogar bis in die Ewigkeit reicht. Eine solche Vision kann erst recht beflügeln. 

Es kann nur gut tun, wenn auch Sie eine Vision haben – für unsere globalisierte Welt, für unsere postmoderne Gesellschaft, für das eigene Leben.

 

 

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... tut eine gewisse Gleichmäßigkeit gut.  

Sie hat einen neuen Rekord aufgestellt, die Frau mit dem Ludwigsburger Kennzeichen auf dem Auto. Auf den 50 km Autobahn zwischen Hockenheim und Karlsruhe hat sie mich viermal überholt. Ich bin mit Tempomat 120 gemütlich durchgefahren. Und dabei habe ich sie dreimal überholen müssen, weil sie immer wieder langsamer und schneller gefahren ist, ganz ungleichmäßig und hektisch. 

So etwas erlebe ich öfter. Ich fahre auf der Autobahn gerne ein konstantes Tempo, meist 120. Das ist angenehm, es stresst weniger. Vor allem habe ich noch etwas vom Fahren, ich kann die schöne Landschaft wahrnehmen und mich daran freuen. Oder die Gedanken schweifen lassen. Und das Fahren raubt mir nicht die innere Ruhe. 

Umso mehr fällt mir auf, wenn andere Verkehrsteilnehmer ungleichmäßig und hektisch fahren. Ein solcher Fahrstil ist anstrengend. Er kostet zusätzliche Aufmerksamkeit, Kraft und Nerven. Und er steigert die eigene Unruhe. Eine Unruhe, die dann auch nach dem Ende der Fahrt in den Menschen steckt und in ihren Alltag hinüberschwappt. Schade! 

Nicht nur beim Autofahren tut eine gewisse Gleichmäßigkeit gut. 

Es wundert mich nicht, dass z.B. Angebote wie „Kloster auf Zeit für Manager“ oft ausgebucht sind. Gerade bei Benediktinern strahlen das Kloster und der feste Tageslauf Gleichmaß, Stetigkeit, einen wohltuenden Rhythmus und Ruhe aus – alles in allem eine heilsame Ordnung. Wer das ein paar Tage oder eine Woche lang mitmacht, der spürt die wohltuende Wirkung. Wie man so schön sagt: „Der kommt wieder runter“ – runter von der Schnelllebigkeit zum eigenen inneren Tempo; runter von wechselhaftem Verhalten zu mehr Beständigkeit und Gleichmaß; runter vom Leben an der Oberfläche in die eigene Mitte. Dadurch gewinnen das Leben und die Persönlichkeit an Tiefgang. 

Und wer das so erlebt hat, der ist dann auch im Alltag achtsamer. Aufmerksam für das, was ihm gut getan hat, für eine wohltuende Gleichmäßigkeit und einem hilfreichen Rhythmus. Wer in innerer Ruhe und bei sich ist, der hat mehr vom Leben. Auch beim Autofahren.

 

 

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Wunderbar, es geht auch anders!  Oft wird über andere Menschen, über Abwesende schlecht geredet. Unter Kollegen oder Bekannten zieht dann Kreise, was der wieder falsch gemacht hat, welche Macken die hat. Das zu sagen tut vielleicht einen Moment lang gut – aber es kann die Beziehungen und die Atmosphäre vergiften. Und dennoch passiert das immer wieder. Der Blick für das, was mich am anderen stört, für das Negative, ist oft ausgeprägter als der für das Positive.

 

Das muss aber nicht sein. Es geht auch anders. Wenn es gelingt, das Positive am anderen zu sehen und ihm das auch direkt zu sagen, dann ist das eine Wohltat für alle.

 

Ich habe ein schönes Beispiel dafür mitbekommen. Eine Bibelgesprächs-Gruppe hatte sich für ihr Treffen einen Text aus dem ersten Korintherbrief vorgenommen. Da schreibt Paulus, dass der Geist Gottes allen Menschen verschiedene Gaben und Fähigkeiten schenkt, und es heißt ausdrücklich: „Einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will“ (1 Kor 12, 11). Also hat jeder solche Gaben. Die Frage ist nur, ob wir sie sehen. Nun hat die Gruppe Folgendes gemacht: Sie hat in ihrem Gespräch über diese Bibelstelle eine Pause eingelegt. Und jedes der acht Mitglieder hat sich überlegt, welche besondere Fähigkeiten und Kompetenzen jeder von den anderen hat, was sie auszeichnet, was seine Stärken sind, was an ihr mir besonders gut tut. Und dann haben sie das einander gesagt. Jeder im Kreis hat von den anderen sieben der Reihe nach gesagt bekommen, welche Gaben und Fähigkeiten die Einzelnen an ihm oder ihr sehen. Können Sie sich vorstellen, dass dieser Austausch den Einzelnen und der Gruppe als ganzer sehr gut getan hat? Alle haben sich über diese Rückmeldung gefreut und sind innerlich daran gewachsen, was alles die anderen an Positiven an ihnen sehen und erleben. Das stärkt das Selbstwertgefühl. Und dabei haben alle eine große gegenseitige Wertschätzung erlebt, und das hat die Beziehungen untereinander weiter vertieft.

 

Ich kann Sie nur ermuntern: Üben Sie mal, das Positive an den anderen zu sehen – und sagen sie es ihnen dann. Sie können Wunder erleben …

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Nach der Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge beginnt der anspruchsvolle Prozess der Integration. Dieser Prozess fordert alte und neue Einwohner gleichermaßen. Sprache und Arbeit spielen eine wichtige Rolle, Sport, Musik und Feste können verbinden. Zugleich werden wir herausgefordert: Viele Flüchtlinge kommen aus Staaten in Auflösung und aus Gesellschaften ohne Vertrauen. Misstrauen und Überlebenstaktiken sind die Folge bitterer Erfahrungen. Loyalität gegenüber Clan und Familie sind oft die einzig verbliebene Verbindlichkeit. Bei uns treffen die Flüchtlinge auf ein Gemeinwesen, das durch eine offene, freiheitliche Gesellschaft und einen funktionierenden Staat geprägt ist, dessen Institutionen, etwa Polizei und Justiz, grundsätzlich Vertrauen verdienen. Hier müssen sie nicht nur neue Regeln lernen – etwa im Straßenverkehr - , sondern auch neues Vertrauen und den Umgang mit der Freiheit. Denn diese Freiheit kann quer zu ihren bisherigen Erfahrungen und Prägungen liegen: Freiheit und Gleichberechtigung der Geschlechter, Freiheit der Religion und der Meinung und auch Freiheit gegenüber Clan und Familie. Was wir in Jahrhunderten eingeübt haben, müssen sie sich im Schnelldurchgang aneignen. Das wird nicht immer einfach sein, und wir alte Einwohner können und müssen sie dabei unterstützen: Menschen lernen an Modellen. Es kommt deshalb darauf an, wie ernsthaft und glaubwürdig wir selbst diese Freiheiten mit Leben füllen und vorleben. Dazu gehört auch, dass wir diese Freiheiten achten und verteidigen. Das dient den Flüchtlingen, wenn wir sie verteidigen gegen Rassismus und Fremdenhass. Und wir müssten diese Freiheiten auch verteidigen, wenn sie aus den Reihen von Flüchtlingen selbst in Frage gestellt würden. Es ist kein Zeichen von Verständnis oder gar christlicher Barmherzigkeit, wenn wir kulturbedingte Einschränkungen unserer Freiheiten hinnehmen. Es ist eher ein Zeichen von Ratlosigkeit oder Schwäche. Einer ratlosen und schwachen Gesellschaft fehlen aber Kraft und Kompass zur Integration. Und das schadet alten und neuen Einwohnern. Nicht aus Überheblichkeit oder kolonialer Attitüde sollten wir auf diese Freiheiten setzen, sondern weil sie Grundlage einer gelingenden Integration sein können

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„Die Kirche erreicht die Menschen nicht mehr.“ Diese banale Botschaft findet sich in den Medien ebenso wie bei den Soziologen. Liegt es an der Botschaft oder an den Boten? Vielleicht an beidem. Noch mehr liegt es an einem Faktor, der leicht übersehen wird: Die Menschen wollen heute gar nicht „erreicht“ werden. Studien zeigen: Moderne Menschen stellen sich ihr Leben selbst zusammen. Wie durch das Fernsehprogramm zappen sie auch durch Sinnangebote, Weisheiten und Glaubenssätze und stellen sich ihr eigenes Lebensprogramm zusammen. Was ihnen einleuchtend erscheint, übernehmen sie. Was ihnen nicht passt, überspringen sie. Wie beim Fernsehprogramm.

Das mag Kirchenvertretern nicht gefallen. Aber beim Fernsehen hilft das Jammern über Einschaltquoten nicht, und bei der Glaubensvermittlung hilft das Jammern über die Menschen nicht, die man so gerne erreichen möchte.

Die Schrifttstellerin Madeleine Delbrel charaktersierte diese Situation einmal mit den Worten: „Gottes Geist hat uns zum Tanz eingeladen und wir haben daraus eine Turnübung gemacht.“ In dieser Kritik stecken zugleich zwei Lösungsvorschläge: Zum einen geht es nicht um Angebote, sondern um eine Einladung. Angebote gibt es im Supermarkt und im Fernsehen, über sie können wir bedenkenlos hinwegzappen. Hinter einer Einladung steht dagegen eine Person, die sich in die Waagschale wirft. Sie macht nicht nur ein unverbindliches Angebot, sondern setzt sich selbst aufs Spiel mit ihrer Einladung. Sie hofft auf Zusage, riskiert aber auch die persönliche Absage. Damit sticht die gute Einladung aus der Unverbindlichkeit der Angebote hervor. Und zum anderen geht es beim Glauben – um im Bild zu bleiben - nicht um stressige Turnübungen im Leistungsvergleich, sondern um einen Tanz. Niemand würde mit einem Tanz oder zum Tanz jemanden „erreichen“ wollen. Der Tanz und die Tanzenden überzeugen selbst, stecken an, machen Lust und machen Beine und lassen die Fernbedienung weglegen. Die Einladung zum Tanz will nicht bloß erreichen, sondern versetzt in Bewegung. Wann endlich laden die Kirchen wieder zum Tanz?

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In dem kleinen afrikanischen Staat Benin werden jedes Jahr bis zu 50 Tausend Kinder in die Sklaverei verkauft. Die örtliche Polizei und Politik bieten keinen Schutz, oft treten die Eltern selbst als Verkäufer auf. Unterstützung und Betreuung gewähren lediglich private Hilfsorganisationen, häufig aus dem Ausland finanziert.

Solche Notlagen gibt es viele, ob es um vertriebene Indios oder ausgebeutete Frauen oder verhungernde Familien irgendwo auf der Welt geht. Alle diese Katastrophen haben eines gemeinsam: Sie kommen in unseren Medien kaum vor. Das muss nicht am Desinteresse der Berichterstatter oder Redakteure liegen. Es liegt oft daran, dass eine andere, große Katastrophe in den Vordergrund drängt und alle Aufmerksamkeit und Spendenbereitschaft bindet. Da kann es schon passieren, dass eine Hilfsorganisation eine Kampagne für eine solche „unbekannte“ Notlage lange vorbereitet hat, die dann noch vor dem Start von einer aktuellen Katastrophe überholt wird. Ist die Berichterstattung entsprechend, wird aus der unbekannten Notlage wieder eine vergessene Katastrophe.

Wir können etwas tun, damit mit der Katastrophe nicht auch die bedrohten Menschen vergessen werden. Die meisten Spendenaufrufe sind mit einem klaren Spendenzweck verbunden. Und der ist für die betreffende Hilfsorganisation verbindlich, ohne Zustimmung des Spenders oder der Spenderin darf sie davon nicht abweichen. Für unbekannte und vergessene Katastrophen sind deshalb Spenden von besonderer Bedeutung, die für einen allgemeinen Zweck überwiesen werden, also etwa für „allgemeine Nothilfe“ oder „für Menschen in Afrika“. Die großen Hilfsorganisationen und auch viele kleine kennen die unbekannten Nöte und können hierfür Spenden verwenden, die nicht an einen anderen Zweck gebunden sind.

Die großen Katastrophen machen uns über die Medien betroffen und wecken unsere Hilfsbereitschaft. Glücklicherweise werden so häufig große Hilfsmittel mobilisiert. Darüber sollten wir aber nicht die unbekannten, ebenso schrecklichen Katastrophen vergessen. Vielleicht kann die nächste Überweisung lauten: Für unbekannte Notfälle.

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Eigentlich war ich zuversichtlich bei dem Ökotest im Internet. Ich sollte Lebensweise und Energieverbrauch darstellen, und das Programm würde dann ausrechnen, welche Last ich für die Umwelt darstelle. Wir haben kein Auto, machen keine Flugreisen und achten einigermaßen auf Umweltverträglichkeit. Deshalb rechnete ich mit einer Bestätigung meines guten ökologischen Gewissens. Doch das Programm ergab: Wenn alle so leben  wie ich, braucht die Menschheit insgesamt zweieinhalb Planeten Erde.

Zweieinhalb Erden. Das war eine ernüchternde Auskunft. Aber was heißt „wenn alle so leben“? Es leben ja nicht alle so wie ich. Doch das ändert sich gerade. Nicht erst die Flüchtlinge haben uns gelehrt: Selbst in den Tiefen Afrikas und Asiens wissen die Menschen, wie wir in Deutschland leben und wie gut es uns geht. Das können sie auf jedem Smartphone nachschauen. Auch andere wollen ein Leben wie im Westen und Norden, ob sie in Indien oder anderen aufstrebenden Staaten leben. Mit allen Folgen für die Umwelt. Wir können es ihnen nicht verdenken: Auch wir wollen lieber eine funktionierende Wirtschafts- und Konsumwelt als uns mit einigen unverdächtigen Ökoartikeln und armer bis gefährlicher Lebensweise zufrieden zu geben. Schließlich gilt das weltweit als erstrebenswert.

Doch die Folge sind der Verbrauch mehrerer Erdbälle. Offenbar geht es um mehr als   Mülltrennung und Sparlampen. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo kosmetische Änderungen und ein wenig Umweltschutz nicht mehr reichen. Es können nicht alle so leben wie wir. Und auch wir können nicht weiterleben wie bisher. Es ist die Zeit für eine Tugend, die alle Religionen propagieren: Für das Teilen. Teilen meint sich die Situation anderer zu eigen machen und wirkliches, ernsthaftes Hergeben. So wie es der heilige Martin tat, als er seinen Mantel mit dem Bettler teilte. Es heißt nicht, die eigenen Lebensgrundlagen aufgeben, sondern sie für alle nutzen.  Wir müssen die Schätze der Erde so teilen, dass sie für alle reichen. Denn „zweieinhalb Erden“ haben wir nicht.

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