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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Wer Angst vorm Fliegen hat, könnte ein Christ sein! Hat mal  Sören Kierkegaard gesagt. Dieser kühne Philosoph, der vor zweihundert Jahren in Kopenhagen geboren wurde, hat sich mächtig über seine christlichen Zeitgenossen aufgeregt.
Er hat sie für ziemlich beschränkt gehalten.  Und darunter sehr gelitten. Weil ihm der christliche Glaube wichtig war.
Christen müssen fliegen können! Meint Kierkegaard. Zumindest im übertragenen Sinn. Denn das Flugzeug war ja damals noch nicht erfunden. Kierkegaard ging es darum, dass ein Christ eine weite Seele hat, ein großes Herz und eben nicht engstirnig und kleinlich ist.
Er vergleicht sie mit gezähmten, flügellahmen Gänsen, die sich einmal die Woche erzählen lassen, wie das wäre, wenn man fliegen würde. Sie hören alte Geschichten, zeigen sich ihre Flügel, bewegen sie wohl auch einmal ganz kurz, um zu überprüfen, ob sie eventuell noch funktionieren könnten – und das war es dann.
Kierkegaards Resümee lautet: eigentlich müssten die Christengänse es ja können, aber sie wollen es partout nicht probieren: das Fliegen. Dabei wäre es so einfach und ist ihnen sozusagen von Natur aus mitgegeben.
Christinnen und Christen sollen keine gezähmten Gänse sein. Warum nicht losfliegen, Neuland entdecken, voller Gottvertrauen sich den Winden überlassen. Das ist viel mehr im Sinne Jesu als Besitzstandswahrung und das Reden über die gute alte Zeit, die viel besser war als heute.
Mit einem Blick von oben kann man die Schönheit der Schöpfung viel besser sehen. Und was man selber dafür tun kann. Der Blick auf die Menschen außerhalb meines Gatters, ihre Freude und ihr Leid. Das ist die Freiheit eines Christenmenschen. Raus in die herrliche Weite der Barmherzigkeit und Güte Gottes. Getragen werden vom Aufwind der Liebe Gottes.
Die Bibel hat Kierkegaard bei seiner Gänsepredigt jedenfalls auf seiner Seite. Der Prophet Jesaja spricht schon vor zweieinhalbtausend Jahren vom Fliegen: Die auf den Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, dass sie losfliegen mit Flügeln wie Adler.

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Jesus und seine Familie – das ist die Geschichte einer schwierigen Beziehung. Genauer muss man bei Jesus von Herkunftsfamilie sprechen, denn er war ja wahrscheinlich nicht verheiratet und Kinder hatte er auch keine. Einmal, erzählt die Bibel, dass Jesus seine Mutter abfertigt  mit den Worten: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? – Seine Familie revanchiert sich mit der Feststellung, Jesus sei verrückt. Kein Wunder, dass es da um den Zusammenhalt in der Familie nicht besonders gut bestellt ist.
Dabei war das damals mindestens so wichtig wie heute: ein verlässliches Netz von Menschen haben, denen man vertrauen kann und die einem nahe stehen. Das sieht Jesus genauso. Und doch kann er sich Familie noch ganz anders vorstellen. Er sagt: Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Vater und Mutter und Bruder und Schwester.
Jesus ist gründet mit seinen Jüngerinnen und Jüngern eine neue Familie, die Familie Gottes. Wer die Geschichten von Jesus in der Bibel nachliest, kann schnell das besondere Profil dieser Familie erkennen: es gibt eine große Übereinstimmung bei grundlegenden Werten: Liebe zu Gott und den Menschen. Und dass man einander vergibt. Trotzdem diskutiert diese Familie Jesu darüber von Anfang an. Streitkultur würde man heute dazu sagen. Und weil diese beiden Dinge zusammen immer wieder viel Zeit und einen Ort brauchen, wird ausgiebig miteinander gegessen.
Die Evangelische Kirche in Deutschland erinnert mit einem Büchlein über die Familie an diese Haltung Jesu. Auch heute muss Zeit und Raum zum Streiten geben. Und es muss Raum geben für ganz verschiedene Formen von Familie. Alleinerziehende gehören dazu. Zwei Frauen oder zwei Männer, die eine Familie gründen wollen, weil sie einander treu sein wollen,  gehören dazu. Es darf auch Familien geben, die ganz anders sind als meine. Wer den Willen Gottes tut, der ist mir Vater und Mutter und Bruder und Schwester.
Familie ist überall da, wo Menschen in Verantwortung und Liebe zusammen leben.
Mit seiner Idee einer Familie, die nicht nur Blutsverwandtschaft meint, hat Jesus übrigens ein Erfolgsmodell geschaffen: Zur Familie Gottes gehören zur Zeit weltweit über zwei Milliarden Christinnen und Christen. Tendenz steigend.

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Vor gut 180 Jahren hatte ein Archäologe eine verrückte Idee. Er wollte für die Bürger seiner Stadt Großenhain in Sachsen möglichst viele Bücher kostenlos ins rechte Licht rücken. Daraus entstand die erste öffentliche Bibliothek in Deutschland.  Heute, am 24. Oktober wird deshalb in Deutschland zur Erinnerung daran der Tag der Bibliotheken begangen.
Da feiere ich als Christ gerne mit. Denn Grundlage meines christlichen Glaubens ist auch eine kleine, aber feine  Bibliothek mit 66 verschiedenen Büchern: die Bibel. Das Buch der Bücher ist nämlich in Wirklichkeit ein Buch aus Büchern. 66 verschiedene Bücher, über die man mindestens 66 Buchbesprechungen machen könnte. Denn sie sind alle sehr verschieden. Da gibt es Gesetzestexte und Liebesgedichte, breit angelegte Abenteuerromane und knackig kurze Weisheitssätze. Es geht um Sex und Verbrechen, Himmel und Erde, Tod und Leben. Es geht immer um das, was Menschen unbedingt angeht.
Mit ihrer inneren Vielfalt macht die Bibel vor, was eigentlich das Prinzip jeder Bibliothek ist: Toleranz. Denn jede Überzeugung, jede Position, die sich in einem Buch findet, muss es aushalten, dass direkt neben ihr vielleicht genau die gegenteilige Meinung im Regal steht. Wer die Bibel in der Tasche hat, der trägt damit die Werke von ganz verschiedenen Menschen mit sich, denen es wichtig war, von ihren Erfahrungen mit Gott zu erzählen. Die Bibel nennt sie eine Wolke von Zeugen.
Mal sind diese Zeugen einer Meinung, mal nicht. Mal halten sie zusammen wie Pech und Schwefel, dann wieder streiten sie sich, dass die Fetzen fliegen. Genau so soll es sein, haben unsere Väter und Mütter im Glauben gesagt. Und seit über anderthalb Jahrtausenden ist es so: Keins der Bücher darf aus dieser kleinen Bibliothek entfernt oder gar verbrannt werden. Auch dann nicht, wenn sie einem nicht passen.
Bibelleser haben das Zeug zu guten Bibliothekaren: Sie sind geübt in Toleranz und achten darauf, dass keine Überzeugung und nicht einmal ein Jota der Schrift verloren geht.

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Der junge Mann musste seine Heimat im Nahen Osten verlassen. Weil er für die Mächtigen zu gefährlich war. Und dann kam eine abenteuerliche Fahrt übers Meer, nach Italien, genauer: nach Rom. Aber es war Winter, mit gefährlichen Stürmen auf dem Mittelmeer, und das Schiff, auf dem er reisen sollte, war aus Holz und zerbrechlich. Das kleine Schiff, mit 276 Menschen an Bord, gerät in einen dieser heftigen Winterstürme und wird manövrierunfähig. Vierzehn Tage und Nächte wird es im starken Seegang hin- und hergeworfen und treibt orientierungslos auf dem Wasser. Die Besatzung versucht sich mit dem Beiboot davon zu stehlen, das kann dank der Aufmerksamkeit des jungen Mannes verhindert werden, sonst wären alle verloren.
Lähmende Verzweiflung liegt auf dem Schiff, da spricht der junge Mann einfach ein Tischgebet und fängt an zu essen. Damit macht er den anderen wieder Mut und gibt ihnen Hoffnung. Schließlich strandet das Schiff auf einer Sandbank vor der Insel Malta und zerbricht in der Brandung. Doch wie durch ein Wunder erreichen alle 276 Menschen an Bord das Ufer, sie schwimmen, halten sich an Holzteilen fest. Gerettet!
Diese Geschichte ist fast zweitausend Jahre alt und doch hochaktuell. Sie beschreibt beispielhaft die Tragödie vieler Flüchtlinge an der Mittelmeergrenze Europas. Dabei steht diese Geschichte in der Bibel und beschreibt die dramatische Überfahrt des Apostels Paulus von Israel nach Italien.
In der Bibel folgt auf den Schiffbruch eine wunderbare Rettung auf Malta. Die erzählt die Apostelgeschichte mit folgenden Worten: Die Leute erwiesen uns nicht geringe Freundlichkeit, zündeten ein Feuer an und nahmen uns alle auf wegen des Regens und wegen der Kälte.
Das Feuer der Bewohner von Malta leuchtet bis heute für ganz Europa. Und es sagt: lasst uns den Menschen an den Grenzen Europas und hierzulande Freundlichkeit erweisen. Lasst keinen im Regen stehen. Und tut etwas gegen die Kälte. Sonst erleidet am Ende unsere Menschlichkeit Schiffbruch.

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Heute vor einem Jahr wurden dem Radprofi Lance Armstrong seine sieben Siege bei der Tour de France aberkannt. Sieben Mal stand er am Schluss im Gelben Trikot auf dem Siegerpodest - alles Lug und Trug. Aus dem Superathleten und Vorbild wurde von einem Tag auf den anderen auch offiziell ein überführter Doping-Sünder und Betrüger.

In den Vereinigten Staaten von Amerika hat die Affäre auch noch ein juristisches Nachspiel. Denn Lance Armstrong hat mal ein Buch über sein Leben geschrieben. Einige Käufer dieser Biografie klagen jetzt auf Schadensersatz. Sie argumentieren, dass sie schließlich die Wahrheit lesen und keine Märchen aufgetischt bekommen wollten.

Ich kann diesen Ärger gut verstehen: es ist ein großer Vertrauensverlust, wenn das, wofür ein Mensch steht, sich als falsch herausstellt. Andererseits: dass es bei der Vermarktung von sportlichen Erfolgen immer auch um Geld geht, ist vielleicht eine heilsame, wenn auch enttäuschende Erkenntnis.

Oft wissen wir von anderen Menschen nur das, was sie uns zu zeigen bereit sind. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, meint die Bibel. Darauf sollte man sich einstellen. Und eben nicht damit rechnen, dass man immer nur die reine Wahrheit über einen Menschen serviert bekommt.

Doch der Satz aus der Bibel geht noch weiter: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, aber Gott sieht das Herz an. Im Herzen haben von alters her die intensivsten Gefühle ihren Platz.  Dass der Blick Gottes bis dorthin reicht, das istja beileibe nicht immer schön. Manches, was mir peinlich ist, wo ich mich falsch verhalten habe, das würde ich schließlich lieber für mich behalten. Ganz tief im Herzen verschließen. Vor Gott geht das nicht. Der kennt sich in meinen Herzensangelegenheiten aus. Den schönen und den hässlichen.  Der weiß, wie es mir ums Herz ist. Im Guten und im Schlechten.

Die Klage auf Schadensersatz gegen das Buch von Lance Armstrong würde ich abweisen. Wer es zuhause im Bücherschrank hat, der stellt es jetzt vielleicht besser zu den Romanen oder zu Grimms Hausmärchen. Lance Armstrong aber würde ich daran erinnern: das Verstellen und Schummeln bringt nichts. Mach aus deinem Herzen nicht länger eine Mördergrube und steh zu deinen Fehlern. Das sieht Gott gerne.

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Neulich war ich bei einem Bischof eingeladen. Nicht privat, sondern ganz offiziell mit zwei Dutzend anderen Leuten. Er begrüßte uns an der Haustür, nahm uns Mäntel und Jacken ab. Das Büffet mit Finger Food stand aus Platzgründen im Flur, dahinter ein Empfangsraum. Dort standen wir dann den Abend im wahrsten Sinne des Wortes an Bistro-Tischen durch, denn es gab nur ganz wenige Sitzgelegenheiten für so viele Gäste. Und kein bischöflicher Stuhl weit und breit. Wir aßen, unterhielten uns, Frau und Kinder des Bischofs schauten kurz herein. Am Ende sammelte der Bischof schon einmal Gläser und Servietten ein, während einigein seinem Garten eine Zigarette rauchten und auf seiner Terrasse ihre Kippen ausdrückten. Wir verabschiedeten uns und gingen angeregt nach Hause.

Von Bischöfen wird derzeit ja nicht wirklich gut gesprochen. Ein schlechtes Beispiel blamiert  manchmal die ganze Innung. Deshalb wird jetzt auch immer wieder diskutiert, wie so ein Bischof eigentlich leben sollte. Wer kann ihn wieunterstützen, welche Gremien müssen ihn kontrollieren und welche Rechte haben die dabei?

Biblisch ist das allemal, so zu fragen. Und ich finde das auch gut und richtig. Was aber ist das Wichtigste bei Menschen, die viel  Verantwortung und viel Macht haben? Ob in der Kirche, in der Politik oder in der Wirtschaft? Ich finde, solche Menschen müssen jenseits aller Strukturen ihre Menschlichkeit bewahren können. Wenn ich an den Abend beim Bischof zurückdenke, dann erscheint mir als das Wichtigste für Bischöfinnen und Bischöfe: normal bleiben. Nicht abheben.

Was mir von diesem Empfang besonders in Erinnerung bleiben wird, ist dies: es war ein ganz normaler Abend. Vielleicht ist das schon das ganze Geheimnis, wenn man ein wichtiges Amt hat: dass man die Mahnung des Paulus beherzigt:  Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern orientiert euch nach unten an den geringen.

Immer mal wieder so ein ganz durchschnittlicher Abend ist da besonders hilfreich: da muss ein Bischof die Mäntel abnehmen, einen langen Abend durchstehen und am Schluss selber aufräumen.

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Einmal habe ich ein neues Feuerwehrauto gesegnet. In einer ökumenischen Feier.Das Gebet war  von mir, das Weihwasser vom katholischen Pfarrerkollegen. Oft kommt das nicht vor, dass man außerhalb des Gottesdienstes segnet, auch wenn etwas so nützlich und wichtig ist wie das neue Fahrzeug der Feuerwehr.

Im Judentum ist das anders. Jüdinnen und  Juden sollen jeden Tag einhundert Mal segnen. Das ist eine Menge.  Deshalb muss man schon am Morgen damit anfangen. Zum Beispiel könnte man sagen: Gesegnet sei  Gott für das Bett, in dem ich geschlafen habe. Gesegnet sei Gott für den Rasierer, der mich von den Bartstoppeln befreit. Gesegnet sei  Gott für den Kaffee, der mich wach macht. Und so weiter.

Das ist nicht nur etwas für religiöse Profis. Und es hat natürlich mit Dankbarkeit zu tun. Wir machen uns bewusst, was eigentlich gar nicht selbstverständlich ist und freuen uns so ganz nebenbei, dass auf unsere Welt trotz aller Probleme und Krisen immer noch Verlass ist. Und mehr als das.

Beim Segnen traue ich mir zu, etwas wirklich Gutes zu sagen und zu wünschen. Und ich vertraue darauf, dass meine Worte weiterwirken und ich durch mein Segnen Gottes Energie in dieser Welt stärke.

Denn mit den vielen kleinen Segensworten segne ich ja Gott selber. Weil er ja diese Welt geschaffen hat und erhält. Ich finde den Gedanken faszinierend.  Stell dir vor: Du segnest Gott, wenn du die kleinen Dinge des Alltags segnest!  Du segnest Gott. Wo es ja sonst immer nur heißt: der große Gott segnet dich. Ich weiß, das klingt schon ein bisschen verrückt: ein schwacher, sterblicher Mensch gibt dem großen und ewigen Gott seinen Segen.

Unsere jüdischen Mitmenschen zeigen damit, dass es ihnen ernst ist mit dem Glauben und dass sie ein Stück von dem zurückgeben wollen, was sie von Gott an Gutem geschenkt bekommen haben. Gleichzeitig vertrauen sie darauf, dass Gott sie ernst nimmt, dass er sich die Menschen als wirkliche Partner wünscht.

Ich bin mir sicher, dass Gott sich über unseren Segen freut. Ich glaube, dass es Gott gut tut, gesegnet zu werden. Und dass er sich dann richtig ins Zeug legt, wenn er uns und seine ganze Schöpfung segnet. Groß und klein, alt und jung, Freud und Leid, eben alles, was dazu gehört.

Wir Menschen fangen aber am besten erst einmal klein an, dankenGott für Alltägliches und segnen das Zeitliche: Frühstück, Radios, Straßenbahnen und bei Gelegenheit auch Feuerwehrautos.

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