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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Strohsterne! Warum gerade Strohsterne am Weihnachtsbaum? Gibt es nicht prächtigeren Baumschmuck - Baumschmuck, der so richtig etwas her macht. Goldene Kugeln zum Beispiel, die funkeln und blitzen. Und doch hänge ich immer wieder Strohsterne in unseren Weihnachtsbaum - erinnern sie mich doch daran, dass Gott nicht nur das Besondere sucht. Gott freut sich auch über die einfachen Dinge und lächelt mir zu, wenn sie von Herzen kommen. Davon handelt eine Legende, in der sich auch alles um Strohsterne dreht:
Sie spielt in Bethlehem zur Zeit der Geburt Jesu. Als die Hirten sich zum Stall aufmachen wollen, wollen sie nicht mit leeren Händen dastehen. Und so sucht jeder von ihnen etwas, was er dem Neugeborenen mitbringen will. Der eine findet ein weiches Fell, der nächste einen guten Käse. Nur der kleine Hirtenjunge weiß nicht, was er dem Jesus Kind mitbringen soll - er hat doch eigentlich nichts. Da fällt sein Blick auf den Boden und er sieht das Stroh vor seinen Füßen liegen. Ein paar der Strohhalme sehen aus wie ein Stern. Und so bückt sich der kleine Hirtenjunge, nimmt einige Halme und bastelt daraus den ersten Strohstern.
Als die Hirten zur Krippe gekommen sind, bleiben sie erst einmal sprachlos stehen, dann übergeben sie Maria und Josef ihre Geschenke. Der kleine Hirtenjunge schaut auf seinen Stern und denkt: was ist so ein Strohstern im Vergleich zu einem Lammfell! Aber dann ist er auch an der Reihe und überreicht mit zitternden Fingern seinen Stern. Als das Jesus Kind den Stern sieht, lächelt es den kleinen Hirtenjungen an.
Gewiss, das ist nur eine Legende. Aber sie gefällt mir, weil da etwas Wahres drin steckt. Gott reicht es, wenn du dich mit deinen Möglichkeiten einbringest, will sie sagen - mit den Dingen, die du kannst. Es braucht nicht die große Weihnachtsspende, du musst nicht auf der Liste der Spender in der Zeitung erscheinen. Gott freut sich auch über das Wenige, dass ich gerne gebe. Wenn ich zum Beispiel ein paar Plätzchen meinem Nachbarn vorbeibringe, dem es - warum auch immer - gerade mal nicht so gut geht. Vielleicht sollte ich noch einen Strohstern dazu tun.

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Grau und unscheinbar sieht der Stein aus, der bei einem Freund auf dem Schreibtisch liegt. Was der da bloß soll? Mein Freund schmunzelt: „Schau ihn Dir doch einmal genauer an". Als ich ihn in die Hand nehme, zerfällt er in zwei Hälften und ich bin fasziniert: Da strahlen und leuchten tiefrote Kristalle auf - wer hätte das gedacht.
„Mich erinnert dieser Stein an eine Geschichte aus der Bibel", erklärt mir mein Freund. „Samuel, ein Prophet Gottes, soll einen König salben. Er soll aus der Familie Isai stammen, die in Bethlehem lebt. Samuel macht sich auf den Weg. Bald ist er bei Isai angekommen und Isai stellt ihm seine Söhne vor. Samuels Blick fällt sofort auf den ältesten Sohn, ein stattlicher Mann - den kann er sich gut als König vorstellen. Doch da hört er Gott reden: Lass Dich nicht von seinem Äußeren täuschen, er wäre kein guter König.
Nach und nach treten auch all die anderen vor Samuel hin, doch keinen erwählt Gott. Schließlich ist nur noch einer übrig, der Jüngste, der, der die Schafe hütet. Isai lässt ihn holen. Und tatsächlich, er ist es, den Gott auserwählt hat. Und warum: ‚Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an'.
„Mir geht es oft so wie Samuel. Ich schaue erst mal nur auf das Äußere eines Menschen," fährt mein Freund fort. „Und dabei habe ich mich so manches Mal schon ziemlich getäuscht. Wie oft habe ich den wahren Schatz eines Menschen erst entdeckt, wenn ich ihn näher kennen gelernt habe." Deshalb also liegt dieser graue Stein bei meinem Freund auf dem Schreibtisch. Er erinnert ihn daran, ein bisschen vorsichtig umzugehen mit dem ersten Augenschein.
Die Geschichte tröstet mich aber auch. Sie sagt mir: Gott begnügt sich nicht mit dem äußeren Augenschein. Er sieht den ganzen Menschen: mit seiner äußeren Erscheinung und den inneren Werten. Gott will auch Ihnen und mir ins Herz schauen und vielleicht entdeckt er dabei viel mehr Schätze in uns, als wir ahnen.

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Es ist mal wieder voll in Bethlehem. Viele Menschen besuchen auch in diesem Jahr wieder die Stadt. Und so stehen sie dicht gedrängt in der Geburtsgrotte vor dem silbernen Stern. Hier also soll es gewesen sein. Hier soll Jesus geboren sein. Ein paar Meter weiter soll die Futterkrippe gestanden haben, in die sie das Christuskind gelegt haben sollen. Es gibt sogar eine Milchgrotte, in der Maria den Sohn Gottes gestillt haben soll.
Vielleicht fragen Sie sich auch: Ist das nicht alles religiöser Firlefanz? Wozu sollen die gut sein, diese so genannten historischen Stätten im Heiligen Land? Historisch beweisen kann man sie doch eh nicht und die Vorstellung einer Milchgrotte mit einer stillenden Maria mag vielleicht richtig sein, aber ist die nicht einfach nur kitschig?
Ich kann Ihre Skepsis gut verstehen. Auch mich irritieren manchmal Menschen, die von einer heiligen Stätte zur nächsten pilgern und hoffen, dadurch Gott näher zu kommen. Und doch glaube ich: Es braucht diese Stätten. Jesus ist ja keine Fantasiegestalt, es hat ihn wirklich gegeben. Dort im Heiligen Land ist er geboren worden und gestorben. Deshalb muss es auch Orte geben, wo man Spuren von ihm finden kann.
Mir ist das wichtig, diesen Spuren nachzugehen, weil ich glaube, dass Gott in diesem Menschen Jesus ein Gesicht und eine Gestalt bekommen hat. Dass Gott uns in ihm ganz nah gekommen ist. Und deshalb sind die Stätten in Israel und Palästina, wo er war, eben heilige Stätten.
Wer an diesen Jesus Christus glaubt, der glaubt zugleich an einen Gott, der das menschliche Leben geteilt hat, der genau wie wir als Baby auf die Welt gekommen ist. Seine Eltern mussten sich um ihn kümmern, wie unsere Eltern. Und Maria wird ihn gestillt haben. Mir hilft diese Vorstellung, wenn ich mich Gott mit meinen Sorgen anvertraue. Wenn sein Sohn einer von uns war, dann ist ihm mein Leben nicht so fern.
Als ich in der Geburtsgrotte von Bethlehem vor dem silbernen Stern gestanden bin, habe ich mich Gott nicht näher gefühlt. Aber ich war Gott dankbar, dass er einer von uns geworden ist und dass wir seine Spuren in unserer Welt finden können.

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„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir." (Hebr. 13,14)
Das steht auf einem Schild. Und das Schild hängt über einem Regal in meiner Lieblingsbuchhandlung.
In diesem Regal stehen die Neuerscheinungen dieses Monats. Die Bücher, die frisch herausgekommen sind, bleiben hier einen ganzen Monat. Jeder Kunde sieht sofort, was es Neues gibt. Liebesromane, Krimis, Fachbücher - alles steht nebeneinander. Aber nach einem Monat heißt es für sie: „Wir haben hier keine bleibende Stadt." Dann müssen sie weg.
Ich finde dieses Regal ganz spannend. Gerade weil es so durcheinander ist. Es gibt keine klaren Regeln, keine Vorentscheidungen. Alles steht einfach so da und man kann sich alles anschauen. So greife ich manchmal zum Sachbuch, weil der Titel so spannend ist wie ein Krimi.
Geht Ihnen das auch so? Mögen Sie das Chaos des Anfangs oder haben Sie lieber Ordnung in den Büchern, Ordnung in den Regalen?
In der Buchhandlung folgt die Ordnung dem Durcheinander. Nach einem Monat werden die Bücher einsortiert. Jedes Buch kommt an den Platz, an den es gehört.
„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir."
Manchmal denke ich: vielen von uns geht es auch irgendwie wie diesen Büchern.
Erst stehen sie ungeordnet herum. Sie haben ihren Platz noch nicht gefunden. Aber irgendwann wechseln sie den Ort, kommen dem schon näher, wo sie hingehören.
„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir."
Das ist ein Satz aus dem Neuen Testament. Er drückt Hoffnung aus. Er sagt: „Mach' dir keine Sorgen! Selbst wenn dir jetzt alles chaotisch und sinnlos vorkommt. Es geht weiter. Es geht gut weiter."
Das ist die christliche Haltung zum Leben. Das Vertrauen darauf, dass auch das nächste Jahr für uns ein gutes Jahr werden wird. Daran arbeiten wir zwar mit - wir legen nicht die Hände in den Schoß und warten.
Aber letztlich wissen wir, dass Gott unser Leben zu einem guten Ende führen wird.
Wir werden irgendwann weggeräumt wie die Neuerscheinungen des Monats - aber in den Regalen in Gottes ewigem Haus werden wir in schöner Ordnung neben den Lebensromanen der Menschen stehen, die wir selbst erlebt haben.

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„Zeit", sagte mein Opa jedes Jahr an Silvester, „Zeit ist eine seltsame Sache. Fünf Minuten im Bad sind relativ kurz. Aber fünf Minuten vor dem Bad können ziemlich lang werden." Jedes Jahr kam mein Opa an Silvester in philosophische Stimmung.
„Ist es nicht seltsam", sagte er dann, „an keinem anderen Abend im Jahr vergeht die Zeit so langsam."
Und jedes Jahr musste ich ihm Recht geben. Wenn man wartet, bis es endlich zwölf ist, dann kriecht die Zeit nur so dahin.
Wenn ich heute an Silvester auf das Jahr zurückschaue, muss ich sagen: „Das ging ja wieder so schnell vorbei." Im Rückblick ist das Jahr auf ein paar Momente zusammengeschrumpft. Oft vergesse ich, was schlecht war, und erinnere mich nur an die guten Augenblicke.
Für manche Leute war das Jahr nicht gut, es gab viel, was sie aushalten und durchstehen mussten. Für sie dauerte das Jahr eine gefühlte Ewigkeit. Jetzt sind sie froh, dass es endlich vorbei ist.
Die Bibel kennt diese unterschiedlichen Erfahrungen von Zeit auch. Für Gott spielt es keine Rolle, wie viele Tage ein Jahr hat.
„Tausend Jahre sind vor dir, Gott, / wie der Tag, der gestern vergangen ist." So sagt Ps 90 (90,4).
Für Gott zählt nicht die Länge der Zeit. Ob tausend Jahre oder ein Tag - bei Gott kommt es darauf an, was man erlebt, was man tut.
Zeit vergeht schnell, wenn ich Spaß habe, wenn ich beschäftigt bin, wenn ich etwas tue, das mich ausfüllt. Zeit vergeht schnell, wenn sie erfüllt ist.
Zeit vergeht langsam, wenn ich Schmerzen oder Sorgen habe, wenn ich krank bin. Zeit vergeht langsam, wenn ich mich langweile und mich leer fühle.
Gott erlebt das auch. Wenn ich krank bin, dann geht auch Gott durch eine schwere Zeit. Er leidet mit mir. Ich kann mit ihm reden und ihn bitten, dass er mir hilft. Dass er da ist und mich nicht allein lässt - das tröstet mich.
Und Gott erlebt auch, wenn ich mich freue. Wenn ich mit meinen Kindern spiele, dann freut sich auch Gott mit mir. Er spielt mit und freut sich am Spiel. Ich will immer gewinnen - aber Gott freut sich mit jedem Gewinner und tröstet jeden Verlierer.
Zeit fliegt vor Freude oder kriecht unter einer Last. Gott ist in jedem Moment dabei. Selbst wenn meine Zeit abläuft wie das alte Jahr mit diesem Tag zu Ende geht. Gott ist dabei.
An Silvester, im neuen Jahr und auch vor der Badezimmertür.

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„Da müssen Sie beim Vulkan Ätna aber aufpassen!" Wenn ich das sage, sind die Leute meistens ein bisschen verwirrt.
Ich sage das manchmal bei Geburtstagsbesuchen. Als Pfarrer besuche ich Gemeindeglieder, die einen runden Geburtstag feiern. Und manchmal treffe ich dann Leute, die mit Gott und der Kirche gar nichts am Hut haben.
Manche von ihnen sind ganz froh, dass Sie endlich mal mit einem Pfarrer reden können. Dem wollten sie schon lange mal ihre Meinung sagen: „Wissen Sie, Herr Pfarrer, mit Gott habe ich es nicht so. Ich glaube nur das, was ich sehe!"
Das ist dann der Moment, an dem ich sage: „Aha, dann müssen Sie beim Vulkan Ätna aber aufpassen." Und dann schauen die Leute ganz verwirrt. Was soll das mit dem Vulkan?
„Na ja", sage ich dann, „auf dem Ätna, kurz vor dem Krater des Vulkans steht ein Schild: „Achtung, unsichtbare, giftige Dämpfe! Weitergehen verboten! Was machen Sie denn dann? Sie können die Dämpfe nicht sehen - also glauben Sie auch nicht daran, oder?"
Meistens ist mein Gesprächspartner dann wenig beeindruckt, eher leicht genervt. „Aber Herr Pfarrer, das ist doch ganz was anderes!"
„Da haben Sie Recht", sage ich dann. „Aber immerhin: wir glauben doch ständig an Sachen, die wir nicht sehen können. Warum sollen wir dann nicht auch an Gott glauben?
Beim Gang zum Ätna ist es doch so: Wir vertrauen den Menschen, die diese Schilder geschrieben und aufgestellt haben. Vorsicht giftige Dämpfe! Nicht weitergehen! Wir gehen nicht weiter.
Und mit Gott es ist genauso. Vielleicht ist es für uns mindestens genauso gut, den Menschen zu vertrauen, die uns in der Bibel von Gott erzählen.
Oder die uns heute von ihren Erfahrungen mit Gott erzählen. Wir könnten das ja ernst nehmen.
Und einfach mal davon ausgehen, dass Gott da ist. Und wir mit ihm Erfahrungen machen können. Vielleicht nur als Experiment. Vielleicht geht es uns besser, wenn wir an Gott glauben.
Wenn wir darauf vertrauen, dass Gott mit uns geht und uns beschützt."
„Also, Herr Pfarrer, ich weiß nicht." Sagen dann manche.
„Ja", antworte ich „ich weiß es auch nicht: aber einen Versuch ist es doch wert.
Wie wäre es, wenn wir uns heute in einem Jahr hier wieder treffen würden? Und dann erzählen Sie mir mal, wie das Jahr mit Gott gelaufen ist."

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