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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Familienfeste - Klassentreffen - Weihnachtstage . Das sind Hoch-Zeiten des Erinnerns. Alles wird wieder lebendig: Geschichten von früher, vergangene Erlebnisse, Lächerliches, Unsinniges, Betrübliches. Ach, was früher alles war!
Erinnerungen sind wichtig. Wir brauchen sie fürs Leben. Wie bin ich der Mensch geworden, der ich bin? Was hat mich geprägt? Es tut gut, darüber einiges zu wissen. Unsere erwachsenen Kinder schauen immer noch gerne ihre Fotoalben an. Wie war das, als ich klein war? fragen sie dann und wollen alles mögliche wissen von früher. Durchs Erzählen lernen sie sich noch besser kennen. Abwechselnd schütteln sie die Köpfe oder staunen über sich selbst und gewinnen das Kind noch mehr lieb, das sie einmal waren.

Erinnerungen sind wichtig. Aber es gibt auch Erinnerungen, die tun überhaupt nicht gut.
Dann nämlich, wenn sie einen bitteren Unterton haben. Wenn ich wieder und wieder daran denke, wie ich irgendwann schlecht behandelt worden bin. Wenn ich immer und immer wieder aufzähle, welche Chancen mir entgangen sind. Oder was alles schiefgegangen ist. Oder was ich hätte anders machen sollen, und wie die Handicaps im Leben heißen mögen.
In solchen Fällen tut es nicht gut, sich zu viel zu erinnern. Denn das blockiert nur und hilft nicht weiter. Der alte Schmerz wird nur immer tiefer in mein Gedächtnis eingebrannt, wenn ich so viel daran denke. Will ich das wirklich? Denn das stiehlt mir Kraft und Mut.

In solchen Fällen ist es besser, nach dem heutigen Tag zu fragen: wie geht es mir heute? Die Geschichte meines Lebens kenne ich schon, muss sie nicht immer wiederholen. Was kann ich heute für mich tun? Wie kann ich mich heute unterstützen, damit mein Tag gelingt? Was kann ich aus meinem jetzigen Leben machen? Wie kann ich heute neu anfangen?
In einem Lied von Huub Osterhuis heißt es:
Starre nicht auf das, was früher war, steh nicht stille im Vergangnen,
ich, sagt Gott, mache einen neuen Anfang, es hat schon begonnen, merkst du es nicht?

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Groß steht er vor mir, tüchtig in seinem Beruf und fleißig. Seine Ansichten vom Leben sind bodenständig und grundehrlich. Ich bin beeindruckt von diesem Menschen und sehr gerührt. Denn früher als Jugendlicher hat er regelmäßig alle zur Verzweiflung gebracht, die ihn erziehen und die ihm was beibringen wollten.
Damals war es schwierig mit ihm. Er hatte so viel Unsinn im Kopf. Ermahnungen waren für die Katz. Strafen nutzten nichts. Und wenn sein Name fiel, verdrehten alle die Augen. Schon wieder der….hieß es dann…er schien ein hoffnungsloser Fall zu sein. Dennoch haben sich alle weiter um ihn bemüht, auch wenn es noch so aussichtslos schien.
„Was soll aus dir nur werden“…… hat er oft gehört. Und leise lief der Gedanke mit: Aus dem wird nie was.

Aber „aus dem“ ist was geworden. Und wie! Allen Befürchtungen zum Trotz hat er es wirklich geschafft, sein Leben in die Hand zu nehmen. Ausbildung, Beruf, Meisterprüfung, Familie…ein angenehmer Mensch ist er geworden. Und das habe ich ihm gesagt, dass er stolz sein darf auf sich selbst. Was er geschafft hat, ist einfach super.
„Siehst du, Mama“, sagt meine Tochter, als ich ihr bewegt davon erzähle. „Man sollte einen Menschen nie zu früh aufgeben!“ Wie recht sie hat! Während ihrer Pubertät haben wir doch auch oft die Augen verdreht und uns gefragt, was aus all den Kämpfen noch mal werden soll? Und wie oft waren alle Ermahnungen und Gespräche und Streitereien scheinbar für die Katz.

Aber: All die Kämpfe und Streitereien waren wohl nötig. So war es bei dem jungen Mann damals, so ist es bei allen jungen Menschen. Für beide Seiten. Erzieher und Eltern müssen lernen, den jungen Menschen ihren Freiraum zu geben. Jugendliche müssen lernen, dass Leben auch Pflicht und Mühe heißt. Das Wichtigste aber ist, dass ein Mensch nie zu früh aufgegeben wird. Jeder junge Mensch hat es verdient, eine, zwei, viele Chancen zu bekommen. Und dass sich Ausbilder und Lehrer mit ihm Mühe geben. Vor allem dann, wenn die Ausgangsbedingungen nicht allzu gut waren. Und vor allem sollte man immer hoffen: aus dem (oder der) wird doch noch was!

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Vorsichtig löst die Baggerschaufel die Steinplatten vom Bahnsteig, schiebt sie sachte übereinander und nimmt sie dann auf. Langsam dreht sich der Bagger dann um seine eigene Achse. Legt seine Last ebenso langsam in die riesige Schaufel eines Raupenfahrzeugs, das hinter ihm steht. Fasziniert beobachte ich das Zusammenspiel der beiden Maschinen, während ich auf meinen Zug warte. Ja, erst einmal sehe ich nur die Maschinen, und dann erst die Männer, die sie bewegen. Toll, wie Baggerführer und Raupenfahrer zusammen arbeiten. Die beiden Männer sind ein eingespieltes Team. Sobald der Bagger ein wenig zurücksetzt, fährt auch die Raupe zurück, damit die Steine gut in die Schaufel geschüttet werden können. Wie vorsichtig die beiden Männer mit den großen Maschinen arbeiten. Und wie das wortlos funktioniert: Steine lockern, aufnehmen, drehen, zurücksetzen, in die große Schaufel rutschen lassen. Die beiden Männer können nicht miteinander sprechen, die Maschinen sind viel zu laut. Aber die Bewegungen passen reibungslos aufeinander.
Und ich stehe da, warte auf meinen Zug, staune und freue mich.
Ich freue mich über zwei Dinge: Dass der Bahnsteig umgebaut wird, war dringend nötig. Demnächst können Gehbehinderte und Menschen mit Kinderwagen leichter ein- und aussteigen. Das ist das Eine. Aber ich freue mich auch über das Zusammenspiel der beiden Maschinenführer, das so reibungslos zu funktionieren scheint. Zug um Zug, Schritt für Schritt, Meter für Meter werden die Platten abgebaut und der Weg frei für den Umbau. Teamwork mit großen Maschinen!
Teamwork finde ich immer wunderbar. Ich arbeite auch selbst sehr gerne gemeinsam mit anderen. Das beflügelt mich immer: Wenn Menschen zusammenarbeiten statt sich zu behindern. Wenn sie sich ergänzen statt sich zu blockieren. Wenn sie sich aufeinander verlassen können. Wenn eins ins andere greift. Das ist herrlich und es kann eine Menge dabei entstehen. Spaß macht es manchmal auch. Solche Team-Arbeit sei täglich zur Nachahmung empfohlen.

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 Meine Freundin ist bei Hartz IV. Das kann schnell gehen: eigentlich ein guter Beruf, aber dann durch Krankheit nach längerer Zeit arbeitsunfähig und jetzt Hartz IV. Eine vom Steuerzahler finanzierte Wohnung, dazu 374 € im Monat. Ich hab bisher noch nicht versucht, damit zu leben. Und wir beide leben seitdem sehr unterschiedlich.
Ich bin oft unter Zeitdruck, weil ich mit einer Vollzeitstelle schon ziemlich ausgefüllt bin, dazu der Haushalt und Garten und Chor und wandern und so allerlei, Langeweile kenne ich nicht.
Bei meiner Freundin das genaue Gegenteil: viel Zeit, die sinnvoll gefüllt werden will. Wenn der Termin beim Jobcenter schon um 9 ist, hat sie danach noch den ganzen Tag frei... 11 Uhr wäre besser.
Sie arbeitet ehrenamtlich beim Kinderschutzbund, aber das sind auch nur 2 Stunden in der Woche. Sie würde bestimmt gern mit mir tauschen. Auch in Sachen Finanzen.
Sie kommt aus Bitburg, hat immer das dazu passende Getränk gern getrunken. Das verkneift sie sich jetzt. Ich dagegen fahre gelegentlich in eine schöne Weingegend und nehme dann auch eine Kiste Wein mit nach Hause. Sie hätte so viel Zeit, Geld auszugeben, aber eben zu wenig Geld - bei mir ist es eher umgekehrt. Darf einer, der von Hartz IV lebt, außer dem Lebensnotwendigen auch Überflüssiges haben wollen? Eine Kinokarte? Einen Adventskranz? Dafür muss schon an anderer Stelle gespart werden. Wie sieht es aus mit einer Flasche Wein  oder Zigaretten?
Ich denke da an das Abendgebet der kleinen Schwestern von Charles de Foucault. Das sind Ordensschwestern, die nicht in der Abgeschiedenheit eines Klosters leben, sondern in kleinen Wohngemeinschaften in den Armenvierteln dieser Welt.
Zum Beispiel in Algerien, in Tunesien, in Haiti. Sie versuchen, die Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern. Abends beten sie:  Haben wir Blumen gegeben mit dem Brot? Das gefällt mir. Nicht nur Brot oder eben Hartz IV, sondern ein Strauß Blumen dazu. Die Kinokarte, der Adventskranz, Zigaretten? Manchmal besuche ich sie und bringe ihr das passende Getränk aus ihrer Heimatstadt mit, dann freuen wir uns beide.

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 Kriegt dein Handy Kopfweh, wenn es mal länger an bleibt? So schrieb ich meiner Schwester eine SMS.
Sie wollte von Hamburg zu mir in die Eifel kommen und wusste nicht genau, mit welchem Zug. Ich sollte sie aber abholen, und da das Handy aus war, konnte ich sie nicht erreichen. Wie blöd. Deshalb die Frage, ob das Handy Kopfweh kriegt, wenn es länger an ist.
Aber so ist meine Schwester: die nutzt das Handy zum Telefonieren, und wenn sie nicht telefoniert, ist das Dings aus - Pech. 
Mich brachte dieses Erlebnis etwas ins Grübeln. Müssen wir eigentlich immer erreichbar sein? Ist das typisch Mensch in der heutigen Zeit, dass einen dauernd jemand anklingeln oder antexten darf? Und dass erwartet wird, dass ich mich sofort melde? Ja, irgendwie ist es typisch. Im Theater oder Kino wird mittlerweile extra darauf hingewiesen, die Mobiltelefone abzustellen.
Letztens hörte ich sogar mal ein Telefon bei einer Beerdigung läuten. Es gibt Untersuchungen darüber, dass Arbeitnehmer  für ihre Chefs ständig erreichbar sein müssen und deshalb auch am Wochenende das Handy nicht abschalten können.
Aber nicht alles, was üblich ist, ist auch gut. Meine Schwester hatte mir damals aus dem Zug eine SMS geschrieben: das Handy kriegt kein Kopfweh, aber ich. Schlagfertig. Und stimmt wahrscheinlich.
Erreichbar sein ist prima, aber immer erreichbar sein macht Kopfweh. Der Trick dagegen ist: der Anrufbeantworter: Ich bin erreichbar, man kann mir eine Nachricht aufs Band sprechen und ich kann mich dann zurück melden.
Aber nicht immer sofort. Es gibt auch Zeiten, da will ich für mich sein, mit jemandem ernsthaft reden, ungestört etwas leckeres kochen, in den winterlichen Sternenhimmel schauen und mich in den Himmel träumen. Und danach hab ich auch kein Kopfweh mehr, sondern ich bin erreichbar und ich rufe zurück.

 

 

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Statistisch gesehen hat jeder 2. Mensch in Deutschland ein Auto und auf einer weltweiten Liste stehen wir auf Platz 4, was die Ausstattung mit Fahrzeugen angeht. Das Auto ist des Deutschen liebstes Spielzeug, heißt es, und sowohl beruflich müssen wir mobil sein und privat wollen wir es auch so.
Meine Oma fand die Reise von Wuppertal nach Elberfeld noch erwähnenswert,  2 km übrigens.
Ich wache morgens in Berlin auf, bin nachmittags schon wieder in der Eifel und finde das fast normal.
Ich bin ganz schön mobil - und dann ziehe ich mich in meine Immobilie zurück, in meine Wohnung , mein Haus und genieße einen ruhigen Abend auf der Couch, ganz bewegungslos und entspannt.
Grade die langen Abende jetzt im Winter laden ja dazu ein, aus der alltäglichen Hektik zur Ruhe zu kommen. Im Frühjahr ist es wieder anders herum, da heißt es: raus aus der Bude, hinein ins schnelle Leben, aber jetzt gehe ich mal ein bisschen vom Gas. Wenn ich mich  frage: woher kommt das nur, der ständige Wechsel, woher haben wir Menschen das nur, dann stelle ich fest: schon die alten Philosophen haben sich mit  dieser Frage beschäftigt  (Aristoteles, Thomas von Aquin).
Sie haben beobachtet, dass alles in der Welt in Bewegung ist, alles verändert sich dauernd: der Sternenhimmel, das Meer, aber auch Steine, Bäume, Tiere und Menschen. Wodurch kommt das alles in Bewegung? Wie hat das angefangen? Hinter aller Bewegung muss irgendein Impuls stecken, der selbst nicht bewegt wird, sondern alles andere in Bewegung bringt. Der erste Impuls, der erste Gedanke, durch den alles ins Rollen kam.
Für die alten Philosophen  ist das Gott. Für mich auch. Selbst nicht von anderen in Bewegung gebracht, aber der Ursprung aller Bewegung. Ich-  wir alle - sind das Ebenbild dieses unbewegten Bewegers. Und ich verstehe, dass ich deswegen manchmal ganz unbewegt sein muss, in Ruhe, auf meiner Couch, damit ich dann wieder in Bewegung komme, zufuß, oder in Gedanken, oder mit meinem Automobil.

 

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„Ich bin ja keiner, der dauernd in die Kirche rennt." Witzige Formulierung, ich renne natürlich auch nicht dauernd in die Kirche. Der Mann, der das zu mir sagte, arbeitet in dem Krankenhaus, wo ich auch arbeite, als Springer. Hilft mal hier, hilft mal da, kommt viel rum. Er schraubte in der Kapelle eine neue Birne ein, da spricht man mal ein paar Worte. Er wollte wohl sagen, dass er nicht oft zum Gottesdienst geht, aber manchmal doch und die Messe an Karneval, die fand er einfach genial... da stellen sich ihm heute noch die Nackenhaare auf, wenn er dran denkt. Die Leute zum Teil verkleidet, der Musikverein hat gespielt, und der Pastor hat eine lustige Predigt gehalten. Das war prima.
Er geht bestimmt auch Weihnachten wieder in die Kirche, da freut er sich schon drauf. Und  manchmal zündet er in der Kapelle eine Kerze an, wenn er irgendein Anliegen an  Gott hat. Er erzählt mir von dem Gänsehautgefühl, das er in der Kirche hat. An Karneval ist es die Musik, die aus dem eher nüchternen Gotteshaus in seinem Dorf einen großen, klingenden Raum voller Töne und Fröhlichkeit schafft. In unserer Krankenhaus-Kapelle macht -glaube ich- die Stille die Gänsehaut. Da ist man für einen kleinen Moment mitten im Alltag in einer anderen Welt. Erde und Himmel, die umtriebige Welt und die leise Sehnsucht nach Gott berühren sich da. Das spüre ich selber; unser Springer spürt es auch. Und wenn er Weihnachten in die Kirche geht, bekommt er bestimmt wieder eine Gänsehaut. Von den strahlenden Kinderaugen? Wegen der alten Lieder? Weil er sich an die Zeit erinnert, wo die Welt auch für ihn noch voller Wunder war? Eine Mischung von allem vielleicht. Da geht er bestimmt gern in die Kirche. Das geht im Advent  ja vielen Menschen so.
Heute wird schon die 2. Kerze am Adventskranz angezündet. Die Kirchen sind anheimelnd geschmückt, oft wird hinterher zum Kirchenkaffee eingeladen, und die alten Adventslieder bringen in vielen Menschen eine Sehnsucht zum klingen. Da wird der Springer vielleicht mal eine Ausnahme machen und doch in die Kirche rennen. Und vielleicht treffen wir uns.

 

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