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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Es ist bereits einige Jahre her, aber ich werde dieses Ereignis niemals vergessen: Meine Frau und ich, wir waren gemeinsam mit unseren drei Kindern mit dem Auto unterwegs, in dem Augenblick gerade auf der Überholspur; ich selbst war am Steuer, meine Frau macht mich auf irgendetwas aufmerksam, vielleicht auf unserer Spur, noch ganz weit vorne - es war nicht zu erkennen. Ich verlasse die Überholspur, fahre rechts weiter, und dann, etwa eine Sekunde danach, fährt ein anderes Auto an uns vorbei, es kam uns entgegen, auf der Überholspur, auf unserer Seite! Das war ein „Geisterfahrzeug!" Mit einem Schlag wurde mir klar, was passiert wäre, wenn... - innerlich noch wie gelähmt, wollten wir gerade den Notruf informieren, als sogleich die Meldung im Radio kam und genau vor diesem Geisterfahrer gewarnt wurde.„Glück gehabt!" - „Was wäre, wenn...?"
Ja, mir wurde deutlich ins Bewusstsein gerufen, wie zerbrechlich mein Leben ist und wie schnell es auch zu Ende sein kann. Auch wenn es mir recht gut gehen mag, wenn ich zufrieden und gesund bin, so darf ich mich nicht der Illusion hingeben, dass es immer so weiter geht, dass „alles so bleibt wie es ist!"
Mit einem Schlag kann alles anders sein - das wurde mir neu bewusst; eigentlich nichts Neues, natürlich nicht, aber doch scheint es mir wichtig, dass ich mich immer mal wieder daran erinnere, ganz klar. Ich bin seither nicht ängstlicher geworden, auch nicht trauriger, auch von meinem Antrieb und meiner Lust am Leben habe ich - glaube ich - nichts verloren.
Vielleicht aber bin ich ein Stück ehrlicher geworden, mir selbst gegenüber, im Blick auf den Stellenwert von Alltäglichem - und dankbar, ganz konkret, dankbar dafür, dass mir der Glaube an Gott Vertrauen schenkt. Dieses Vertrauen ist es, das mich trägt und anspornt für den nächsten und übernächsten Schritt.

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Von Leonardo da Vinci habe ich den Ausspruch gelesen: „Binde Deinen Karren an einen Stern!" Lange schon muss ich über diesen Satz nachdenken, er beschäftigt mich. Mit dem „Karren" ist wohl mein Alltag gemeint, das, was ich so plane und umsetze, meine Termine und Verpflichtungen sind in dem „Karren" enthalten. Der „Stern" steht für meine Träume und Visionen, für meine Hoffnungen und Wünsche.
So kann dieser Satz für mich auch heute zu einem Hoffnungssatz werden: „Binde Deinen Karren an einen Stern!" - das kann bedeuten: ‚Mache Dir klar, dass es um mehr geht, als nur um das, was Du jetzt gerade vorhast. Lass Wesentliches nicht aus den Augen. Hinter vielem, das Dir begegnet, steht ein großer Sinn.'
Ich kann mich jetzt fragen:
‚Was ist mir wirklich wichtig heute?'‚Worauf möchte ich besonderen Wert legen?' ‚Auf was kann ich mich jetzt schon freuen?'
Nicht die Bedenken, die mir kommen, nicht schlechte Launen, nicht die Angst vor dem Versagen sollten meine größte Aufmerksamkeit bekommen, sondern die Chancen, die auch in diesem Tag heute stecken. Aufgaben, Arbeiten, Begegnungen, die mich erwarten, kann ich in einem größeren Zusammenhang sehen. Ich erlebe meinen Alltag in einem weiten Winkel, nicht nur im Blick auf den Boden und den nächsten kleinen Schritt, sondern auch in die Weite. Ich bin mir sicher: Leonardo da Vinci konnte Großartiges nur deshalb schaffen, weil für ihn solch ein Satz zum Lebensinhalt wurde:  „Binde Deinen Karren an einen Stern!" 

 

 

 

 

 

 

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Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, was mit dem Wort „Barmherzigkeit" gemeint ist? Es ist ja eines der Wörter, die bei uns nicht gerade zum täglichen Sprachgebrauch gehören. In meinem Lexikon kann ich dazu finden, Barmherzigkeit sei „das Verhalten, sich des Leides anderer, vor allem fremder Menschen durch solidarische Hilfe anzunehmen." Heute ist zwar kein „Gedenktag der Barmherzigkeit" oder so etwas, aber der Gedenktag einer Person, der ein barmherziger Umgang der Menschen ein großes Anliegen gewesen sein muss - im Kalender steht heute der heilige Lukas.
Dieser Lukas ist bekannt als Verfasser des gleichnamigen Evangeliums in der Bibel, auch die Apostelgeschichte wurde von ihm geschrieben. Seiner Herkunft nach ist er vermutlich „Syrer aus Antiochien" und als Arzt tätig. Seit dem Jahr 50 begleitet er Paulus auf seinen Missionsreisen und auch während dessen römischer Gefangenschaft.
In seinem Evangelium stellt Lukas seinen Leserinnen und Lesern besonders die „barmherzige Liebe Gottes" vor Augen - eine Liebe zu allen Menschen, besonders zu denen, die in Not geraten sind und die am Rand der Gesellschaft leben. Barmherzigkeit ist immer wieder ein großes Thema bei ihm. So finden wir in seinem Evangelium die Gleichnisse vom „barmherzigen Samariter" und vom „barmherzigen Vater".
Zwischen der Lebenszeit von Lukas und uns liegen zwar knapp 2000 Jahre, aber aktuell scheint mir das Anliegen der Barmherzigkeit immer wieder zu sein - und viele von uns wissen, wie schwer es ist, barmherzig zu sein und den Kreislauf von Geben und Nehmen zu durchbrechen.

Ich wünsche uns allen, dass wir immer mehr zu barmherzigen Menschen werden, zu Frauen und Männern, die Barmherzigkeit üben, als Väter, als Mütter, als Kinder und Enkel, als Lehrer und Vorgesetzte.

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Vier Tage war ich weg. Als ich wieder kam, traute ich meinen Augen nicht: Das große Haus an der Ecke war verschwunden. Einfach abgerissen! 
Frau Werner hat ihr ganzes Leben darin verbracht. Erst als Kind mit ihren Eltern, dann mit ihrem Mann und den vier Kindern. Und zuletzt hat sie allein darin gewohnt. Für das Haus hat sie geschuftet und gespart. Sie hat es geputzt und renoviert, darin geschlafen und gearbeitet, gestritten und gelacht. Frau Werner ist Anfang des Jahres gestorben. In den letzten Jahren war sie fast blind. Trotzdem hat sie sich im Haus zurecht gefunden; sie wusste, wo alles zu finden war. Und jetzt ist das Haus weg. Einfach weg. Das ganze Grundstück ist nur noch ein Acker. Bald wird hier wieder gebaut. Ein Schild verweist bereits auf tolle Eigentumswohnungen der Extraklasse. Ich bin aber mit meinen Gedanken noch bei Frau Werner. Stelle mir vor, was sie in diesem Haus alles erlebt hat: Geburtstagsfeiern und Kissenschlachten, Streitereien und Wasserrohrbrüche, glückliche Zeiten und einsame Tage.
Sie hat nächtelang bei den kranken Kindern am Bett gesessen, sie hat sich über die neue Arbeitsstelle mit ihrem Mann gefreut, unzählige Kuchen für alle möglichen Feste gebacken, so lange es ging Gäste bewirtet. Und manches Mal hat sie auch die Tür laut zugeschlagen, wenn es ihr zu viel wurde. Selbst, wenn das Haus jetzt verschwunden ist: All das bleibt! Es bleibt das Leben, das in den vier Wänden geteilt wurde. Die Erfahrungen, die sie an ihre Kinder weiter gegeben hat. Der Trost, den sie gespendet hat. Es bleibt die Liebe, die sie verbreitet hat. Das hat das Haus wertvoll und einzigartig gemacht. Und das wirkt weiter, selbst wenn Mauern und Wände abgerissen und die Steine weggeräumt sind.

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Zweimal im Jahr trifft sich eine Gruppe von Frauen zu einer kleinen Wanderung. Im Rucksack steckt neben Kaffee und Gebäck eine Bibel. „Mit Rucksack und Bibel" machen sie sich auf den Weg. Es ist eine Wanderung der besonderen Art. Die Frauen beschäftigen sich unterwegs mit einem Text aus der Bibel. Sie erwandern sich den Sinn der biblischen Worte. Sie lesen, hören, zweifeln, fragen, stimmen zu.  An diesem Nachmittag geht es um die Bibelstelle von der kranken Frau, die nicht mehr aufrecht gehen kann. Ihr Rücken ist verkrümmt.
Und die wandernden Frauen erzählen sich von dem, was sie selbst niederdrückt und klein macht: Die Sorgen um den kranken Mann, die vielen Verpflichtungen, die Angst um die Enkelkinder. Die Frauen hören sich gegenseitig gut zu, sie fühlen sich verstanden, weil es vielen ganz ähnlich geht. Und dann lesen sie in der Bibel weiter. Sie hören, wie Jesus die kranke Frau sieht, sie zu sich ruft und mit ihr spricht. Das heilt. Das befreit. Das richtet die Frau auf. 
Auch die Frauen, die miteinander unterwegs sind, kennen das: Wenn jemand für mich da ist, wenn ich gelobt werde, wenn ich getröstet werde und mir jemand Hoffnung macht, wenn ich glauben kann. Ja, das richtet mich auf, das hilft weiter. Die Bibel wandert unterwegs von Hand zu Hand. Das verbindet die Frauen untereinander. Sie erzählen sich von ihrem Leben und gehen ihren Hoffnungen und ihrem Glauben nach. 
Bevor jede wieder nach Hause geht, teilen sie das mitgebrachte Gebäck und den heißen Kaffee miteinander. So fühlen sich alle von „Rucksack und Bibel" gestärkt. Gestärkt für die nächsten Tage.

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„Wir warten, bis alle da sind und wünschen uns dann: Guten Appetit!"
An meiner Schule sagt das die Lehrerin ihren Schülern. Sie essen zweimal am Tag zusammen. Und jedes Mal wünschen sich alle vor dem Essen einen Guten Appetit. Das wird vom ersten Schultag an so eingeübt und bis zum Schluss so beibehalten. Das gehört einfach dazu. 
Kein Wunder, dass die Schüler zusammen  mit einem Lehrer auf die Idee kommen, ein Lied zu schreiben mit dem Titel „Guten Appetit".
Die Schüler singen es gern und laut und oft. Zu allen möglichen Gelegenheiten.
Denn das Lied macht nicht nur Appetit auf´s Essen. Es macht Appetit auf´s Leben.
Appetit auf´s  Leben machen, das ist an meiner Schule besonders wichtig. Hier lernen nämlich Jungen und Mädchen mit einer geistigen Beeinträchtigung. Rechnen, Schreiben und Lesen fällt den allermeisten sehr schwer. Aber die Schüler lernen, sich selbst einzuschätzen, was geht und wo Grenzen sind. Sie erfahren, manchmal gelingt einfach alles, und dann wieder grad gar nichts. Sie erleben: Ich kann vieles, aber nicht alles. Und sie spüren, andere trauen mir etwas zu und halten zu mir. Ich meine, damit sind die Schüler gut vorbereitet für das Leben, das vor ihnen liegt. Das macht sie trotz einiger Schwächen stark und lebensfroh. Sie kriegen in der Schule Appetit auf´s Leben. 
Ich finde, es gehört zu den wichtigsten Aufgaben aller Lehrer, Appetit zu machen auf das Leben, auf die Herausforderungen und auf all das, was das Leben so bietet. Die Schüler sollen Geschmack am Leben bekommen und behalten, sich darauf freuen, neugierig sein und das Leben genießen, so wie ein leckeres Essen, das auf einem Teller vor ihnen liegt.

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„Wenn Sie der Hauptstraße folgen, kommen Sie auf einen der schönsten Plätze der Stadt. Hier können Sie sich auf eine Bank setzen und die Leute beobachten." Im Reiseführer stand das.
Neben anderen Sehenswürdigkeiten wird mir da empfohlen, an einem schönen Platz die Leute zu beobachten. Ich gebe zu, ich mache das auch gerne, wenn´s nicht im Reiseführer steht. Einfach da sitzen und schauen, was so um mich herum passiert, wer da so unterwegs ist. Manche haben viel Zeit, schlendern langsam durch die Straße und andere huschen eilig an mir vorbei. Ich beobachte Menschen, vermute, wie es ihnen so geht, ob sie wohl nett oder unsympathisch sind, froh oder bedrückt. Der Reiseführer hat Recht. Menschen sind wirklich eine Sehenswürdigkeit!Weil sie so verschieden und einmalig sind. Und weil es der Würde des Menschen entspricht, sie anzusehen, sie wahrzunehmen und zu beachten. Und ich weiß von mir, wie gut es tut, von anderen gesehen zu werden. Das verleiht Ansehen.
Auch Zachäus kann davon ein Lied singen: Zachäus, der Zöllner. Der zu klein geraten ist. Der den Leuten zu viel Geld abnimmt. Als Zachäus hört, dass Jesus in die Stadt kommt, sucht er sich einen schönen Platz. Einen Platz, von dem er alles gut beobachten und sehen kann. Er findet einen Baum. Auf den klettert er. Von dort hat er alles, ja alle Sehenswürdigkeiten, im Blick. Aber Zachäus beobachtet nicht nur, er wird auch angesehen, von Jesus. Jesus holt Zachäus aus seiner Beobachterrolle heraus. Sieht ihn an, spricht ihn an und lädt sich sogar bei ihm zuhause ein. Jesus macht  Zachäus deutlich: Ich will nicht aus der Ferne beobachtet werden, nicht bewundert, auch nicht bejubelt werden. Ich will auch dich ansehen. Ich will dir begegnen. Denn du bist eine Sehenswürdigkeit - so wie jeder Mensch!

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