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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

So ein Fußballspiel ist doch wie ein Gottesdienst. Mit den Gesängen und den Antependien - Schals zur Eingangsliturgie. Mit erhobenen Herzen, Mund und Händen.
Und dann der feierliche Einzug der Zelebranten.
Jeder mit einem kleinen Messdiener an der Hand, betreten sie gemeinsam den heiligen Rasen. Ist das nicht alles sehr ähnlich?
Und dann fangen Männer und Frauen an zu singen.
Und es kommt bald zum Bekenntnis, wenn kollektiv dazu aufgerufen wird, aufzustehen, und sich so zu seiner Mannschaft zu bekennen.
Glaubensbekenntnisse werden immer im Stehen gesprochen.
Da ist schon allerhand Gemeinsames.
Mysteriöse Entscheidungen und Botschaften gibt es hier wie dort jede Menge.
Man versteht nicht wirklich alles, was passiert.
Überhaupt ist auch viel Passion dabei. Manchmal zu viel eigentlich.
Aber manchmal passieren auch Zeichen und Wunder und es steht wieder einer auf und erwacht mit seiner ganzen Mannschaft zu einem neuen Leben, obwohl sie eben noch alle tot zu sein schienen.
Doch das gibt es und es ist würdig und recht so.
Ja und dann, wenn es nicht so richtig gelaufen ist in der ersten Hälfte, dann kommen sie wieder heraus, haben eine Predigt gehalten bekommen, und wenn sie gut war, dann war es eine so genannte Gardinenpredigt getarnt als Kabinenpredigt und was soll ich sagen, dann geschieht eine wahrlich geheimnisvolle Verwandlung der toten Hosen und sie laufen auf wie eine völlig neue Kreatur.
Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Das löst dann eine Welle der Begeisterung aus.
Und die Hände fliegen zum Himmel empor. La Ola ist wie ein bisschen Pfingsten.
Und wenn sie dann am Ende sogar siegreich gewesen sind, dann tauschen sie noch schnell die heiligen Röcke, also die Trikots aus und schon bekommen  sie am Ende die Vasa sacra, die heiligen Gefäße überreicht.
Ja ist das nicht verblüffend, wie das passt.
Das muss doch seinen Grund haben, denken sie nicht auch?
Das muss doch damit zu tun haben, dass beim Fußball ebenfalls ganz viel geglaubt und gebetet wird. Und dass ohne Zeichen und Wunder gar Nichts wirklich der Rede wert sein kann.
Und so wird am Ende hier wie dort Lachen oder Weinen jedenfalls gesegnet sein.
Und wenn sie am Sonntagmorgen Zeit haben, schauen sie doch einmal wieder bei einem Gottesdienst rein, und überprüfen sie, ob die Liturgie noch stimmt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13246

Was machen eigentlich in diesen Tagen die Leute, die keinen Fußball mögen?
Ihnen will ich mich heute Morgen einmal besonders zuwenden.
Wie geht es ihnen bloß nach all den furchtbaren Tagen und Abenden.
Umzingelt von grünem Rasen und so dermaßen geistesabwesenden Mitbewohnern.
Wie haben sie  das bisher überlebt?
Was macht man nur, wenn man nicht mit Fähnchen und tätowierten Außenspiegeln im Nationaltrikot durch die Gegend fährt.
Was Abseits ist, das können diese Leutchen uns glaub ich ganz gut erklären.
Sie stehen nämlich drin, ununterbrochen. Im Abseits der  Fußball - Gesellschaft.
Darum will ich Ihnen ein paar Überlebenstipps anbieten:
Ich denke, es könnte gut tun, wenn sie gerade während der Übertragung besonders wichtiger Spiele
ganz bewusst aus dem Haus gehen.
Natürlich nicht an die Plätze, wo public viewing alles nur noch viel schlimmer macht.
Nein, ich meine, so durch die ganz normalen Straßen und Gassen.
Und da können Sie schön zur Ruhe und zu sich selber kommen und außerdem sicher sein, niemanden zu treffen, der sie verachtet.
Im Gegenteil, alle, wirklich alle, die ihnen jetzt womöglich ganz verwirrt und ängstlich entgegen kommen, sind garantiert völlig ungefährlich, aber genauso gefährdet wie sie.
Wen sie auch treffen, still und scheu immer an der Wand lang:
Es handelt sich mit Sicherheit um Leidensgenossen, ebenfalls wie sie selbst umherirrend und immerzu nach dem Sinn des Lebens ohne Fußball suchend.
Sprechen sie solche Leute nur ganz sanft an und bilden sie mit ihnen eine Selbsthilfegruppe.
Schließen sie sich zusammen, damit man sie besser wahrnimmt und ernst nimmt.
Gehen sie dann zusammen ins Kino, so ungestört haben sie noch nie dort einen Film genießen können.
Machen sie eine Radtour, die Straße gehört praktisch ihnen. Im Wald und auf der Heide gibt es keinen Gegenverkehr.
Solange die Fußballfans evakuiert und fasziniert sind, haben sie sturmfreie Route.
Und wenn ich noch eine Bitte äußern dürfte, beten sie für die anderen, die sich so in die Gefahr der Enttäuschung und der verzweifelten Fanverbundenheit stürzen.
Seien sie barmherzig und falten sie die Hände, die die anderen gerade nicht frei haben und beten sie, dass alles es gut ausgeht.
Damit wird aus der Fußballtyrannei eine wirklich sinnstiftende Einkehrzeit.
Das nenn ich Arbeitsteilung.
Ein Tor ist, wer das nicht versteht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13245

„TONI, Du bist ein Fußballgott!"
Der  legendäre Radioreporter Herbert Zimmermann hat das ausgerufen, 1954 als sich das Wunder von Bern ereignet hat. Gegen Ungarn.
Einmalig, wie er die Dramaturgie des Endspiels vertont hat. Gänsehaut pur.
Nicht nur bei diesem Satz.
Zimmermanns ganzer Kommentar ist in die Fußballgeschichte eingegangen.
Und so ist es kein Wunder, dass auch in diesen Tagen der Europameisterschaft herausragende Fußballer wieder vergöttert werden.
Aber auch vom Fußballgott als solchem ist wieder die Rede. Vor allem dann, wenn er wieder einmal nicht auf der richtigen Seite gewesen ist.
Seltsam, dass vom Fußballgott scheinbar wird immer vor allem dann geredet wird, wenn es darum geht unerklärliche Niederlagen zu erklären.
Aber gibt es denn wirklich so einen Fußballgott?
So wie einen Wettergott womöglich?
Launisch, ungerecht, parteiisch, unfair?
Und wenn ja, auf wessen Seite sollte er dann stehen, wenn alle zu ihm beten?
Ich glaube, die Rede vom Fußballgott ist ziemlich haltlos gottlos. Und ich bin heilfroh, dass sich ein Fachmann erster Güte dieser Frage einmal angenommen hat.
Kein geringerer als der  Fritz Walter hat das für uns erledigt.
Posthum sozusagen.
Nach seinem Tod, bei der Trauerfeier auf dem Betzenberg ist das gewesen.
10 Jahre ist das her. Damals ließ er es uns ausrichten, dass erstens er selber niemals habe ein Fußballgott sein wollen und im Übrigen zweitens es nur einen Gott gäbe- und das wäre jedenfalls kein Fußballgott nur, sondern allemal mehr.
Fritz Walter sei Dank für diese Klarstellung!
Es gibt nur einen großen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat!
Und der kümmert sich nicht nur um das Fußballspiel, sondern um alle Spiele des Lebens mit und ohne Ball, Sieg und Niederlage, Weiterkommen oder Ausscheiden, sollten Ihm weitgehend nicht in die Fußballschuhe geschoben werden, weil er keine anhat.
Wahrscheinlich jedenfalls.
(Denn einmal hat ja sogar ein fußballgöttlich spielender Maradona behauptet, sein im Grund ungültiges Tor wäre mit der Hand Gottes erzielt worden.
So als hätte höhere Gewalt den Erfolg gebracht und nicht die Raffinesse eines Genies.)
Dabei sollten wir wissen:
Der große Gott spielt in einer anderen Liga, als nur in unserer.
Trotzdem dürfen wir ihn, egal wie es ausgeht immer um seine Hilfe bitten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13244

Wir machen Anstöße zum Morgengruß. Jeden Morgen. Und jetzt wieder.
Herzlich willkommen zum Anstoß als Morgengruß!
Anstöße brauchen wir. Jeden Morgen.
Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir uns nur die Bedeutung des Anstoßes im Fußballspiel klar machen.
Denn da kommt das Wort Anstoß ja auch her.
Wie so oft, leihen wir uns beim Fußball die richtige Taktik für das Spiel unseres Lebens aus. Also:
Mit dem Anstoß fängt alles an. Das Spiel beginnt nie ohne den Anstoß. Niemals.
Da könnte man lange warten. Ort des Geschehens ist der Mittelpunkt des Spielfeldes.
Da stehen zwei Spieler einer Mannschaft. Und zwar der Mannschaft, die die Seitenwahl verloren hat. Die darf anstoßen.
Dazu müssen erst einmal alle da sein. Alle Spieler auf dem Platz.
Niemandem außer den beiden, die den Anstoß ausführen, ist es erlaubt im Mittelkreis zu sein.  Wenn der Schiedsrichter dann pfeift, schiebt ein Stürmer seinem Partner den Ball nach vorne zu. Und schon ist es passiert.
Der Anstoß hat stattgefunden. Einer allein kann nicht anstoßen. Das ist wie beim Wein. Es braucht immer zwei, die sich zusammentun und das Spiel eröffnen. Und dann geht's los.
Kick-Off heißt es im Englischen. Anstöße sind also der Auftakt, die Eröffnung, der neue Start in ein neues Spiel.
Offensiv nach vorne ausgerichtet, entschlossen, das Heft in die Hand zu nehmen und den Ball an den Fuß.
So bekommt das Spiel eben Hand und Fuß.
Ohne den Anstoß, ohne die Initiative des Anfangs und der gewagten Eröffnung, würden alle Spieler nur so da stehen und das macht für ein Spiel, das gespielt werden will absolut keinen Sinn.
Darum brauchen wir an jedem Morgen einen Anstoß. Einer muss uns den Ball zuspielen, oder manchmal sind wir es selbst, die die Sache ins Rollen bringen, und dann ab nach vorne, spielen und gewinnen.
Der Anstoß aber bleibt unverzichtbar.
Der Impuls zum Spielaufbau muss sein.
Am besten mit einem AnStoßgebet wie:
Auf geht's In Gottes Namen Amen

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13243

Darf ich Sie mal was Persönliches fragen? Wo wir grad so schön unter uns sind. Glauben Sie eigentlich an etwas? Sind sie ein gläubiger Mensch?
Das würde mich wirklich mal interessieren, weil angeblich glauben ja die Leute immer weniger an was. Heißt es jedenfalls so allgemein. Höchstens an Engel vielleicht.
Glauben die Leute noch. Aber an Gott eher nicht so recht.
Die Kirchen haben wohl auch darum diesen fortlaufenden Erfolg. Es laufen ihnen nämlich immer mehr die Leute weg. Trotzdem wird da und dort noch an was geglaubt.

Und in diesen Tagen müssen wir ja auch wieder ganz arg gläubig sein. Fußballfans brauchen das.
Ohne festen Glauben sind sie arm dran. Als Fan des FCK weiß ich, wovon ich spreche.
Ganz viel Glaube ist da nötig. Sonst müssen wir wieder dran glauben, und das bedeutet bekanntlich gar nichts Gutes.
Also, wenn sie mich fragen:
Ich glaube ganz fest, dass alle Menschen glauben.
Ich glaube, es geht gar nicht anders.
Chronisch gläubig sind wir, glaube ich. Hirnforscher behaupten ja sogar, dass der Mensch biologisch für den Glauben quasi vorprogrammiert ist.
Dass es in unserem Gehirn eine spezielle Stelle gibt, wo der Glaube  sein Zentrum hat.
Im Schläfenlappen behaupten einige, was nichts mit Schlafen zu tun hat, glaube ich.
Wir sind also zweifellos für den Glauben geeignet, wir sind nicht nur in der Lage dazu, wir sind dafür hoch begabt.
Und darum glauben wir auch an alles Mögliche und noch lieber an alles Unmögliche.

Das Leben ist eine einzige Glaubensfrage:

Ob ich heute heil davon komme, ob man mir vertraut, ob ich Liebe erfahre, ob mein Vorhaben gelingt, wie ich auskomme mit den Anderen...
Ohne eine gehörige Portion Glaube, brauche ich gar nicht erst vor die Tür zu gehen.
Nur der Glaube macht mir Beine, bringt mich dazu, das lebensgefährliche Leben zu wagen.
Und in der Bibel steht, dass wir damit allerhand ins Rollen bringen können.
Jesus sagt sogar, dass ein Mini Glaube schon ausreicht, ein kleiner Glaube, so klein wie ein Senfkorn genügt, um Berge zu versetzen.
Sagt er.
Mit ein bisschen Glauben können wir die ganze Welt verändern. Oder zumindest einen Teil davon, womöglich sogar uns selbst.
Und wenn wir als Fußballfans mit unserem Talent zum Glauben jetzt richtig dran bleiben, dann wird das was, mit dem Traum vom Titel.

Was glauben Sie denn-

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13242

Jetzt können wir endlich mal wieder ein bisschen verrückt sein. Normalerweise sind wir das ja nicht. Da sind wir ganz normal. Fast immer.
Und das ist ja so anstrengend. Überall sollen wir uns unauffällig benehmen und schön brav sein, grade sitzen, leise sein, artig auch wenns geht.
Nur wenn Fußball kommt, da ist endlich alles erlaubt.
Nicht nur „schwarz rot gold" in Variationen auch Hupen ohne vermeintlichen Grund oder in Kolonnen durch die Straßen fahren und allen anderen den Weg versperren.
Verrückt sein, das bedeutet also, etwas von dem abrücken, was sonst geht, wenn es so seinen gewohnten Gang geht.
Ich habe immer schon darüber gestaunt, wie das geht, wenn die Fans am Samstag bei uns nach Kaiserslautern auf den Betzenberg fahren.
Dann erkennt man sie zielsicher daran, dass sie einen Fanschal aus dem Seitenfenster flattern lassen. Noch nie habe ich jemanden winken oder aufgeregt hindeuten sehen.
Schon gar nicht hat jemals die Polizei so einen Wagen angehalten mit dem ernsten Hinweis, dass da etwas aus dem Fenster hängt und womöglich gleich verloren gehen könnte.
Auch hat auf dem Weg hoch zum Stadion bei womöglich hochsommerlichen Temperaturen noch nie einer die Schalträger besorgt angehalten und gefragt, ob sie sich denn so schwer erkältet hätten.
Einen Fanschal, den trägt man doch nicht, weil man Halsschmerzen hat. Es ist eben einfach nur verrückt, etwas daneben und deshalb genau richtig.
Und wer nicht ab und zu einmal von dem gewohnten Alltäglichen abrückt, der rückt auch mit nichts von sich raus, der rückt auch niemals weiter vor im Entdecken des Lebens.
Das gilt nicht nur in der Welt des Fußballs. Das gilt glaube ich generell. Und auch wer glaubt, was Christen glauben, muss unbedingt ein bisschen verrückt sein dazu.
Sonst geht das nicht. Denken sie nur:
Schon beim ersten Auftreten der Christen in Jerusalem vor 2000 Jahren war das so.
An Pfingsten, dem allerersten public viewing, wo man sich gemeinsam anschauen konnte, wie die Christen glauben, da sind die alle fast verrückt geworden vor Begeisterung.
Und eine La Ola Welle nach der anderen schwappte durch die Stadt.
Und die Kritiker, die sich das von Weitem ansahen, die schüttelten mit ihrem klaren Kopf und sagten zueinander: Also entweder die sind  alle betrunken oder sie sind total verrückt.
Ja, so ist das halt, wenn man anfängt, ein bisschen mehr als nur normal zu sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13241