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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Seit ein paar Monaten  zieht jeden Montagabend ein friedliches aber entschlossenes Volk zum Frankfurter Flughafen: Männer und Frauen, Junge und Alte, Familien und Kinder, Fromme und Atheisten. Eine richtige kleine Völkerwanderung ist das. Aus allen Richtungen im Rhein-Main Gebiet.
Lange haben die Leute den Lärm erduldet. - „Das gehört halt dazu, wenn man so nah an einem riesigen Flughafen wohnt",  haben sie gesagt. Und es hat ja auch seine Vorteile: Keine lange Fahrerei, wenn man mal verreisen will. Und die vielen Arbeitsplätze, die so wichtig sind für den Wohlstand der Region. -
Mein Nachbar verdient dort seine Brötchen; und mein Bruder ist Pilot bei der Lufthansa. Das habe ich mir immer vor Augen gehalten, wenn es mir zu laut wurde.
Bis zum Bau der neuen Startbahn. Da hat sich das schlagartig geändert.
Jetzt ist es oft so laut, dass ich Mühe habe, mich zu konzentrieren. Ich spüre direkt, wie mein Blutdruck steigt. Und das geht vielen so. Eines ist klar:
Die Folgekosten des Lärms sind immens. Aber die zahlen nicht die Verursacher, die zahlen die Opfer. Und die fragen sich:
Werden wir denn erst ernst genommen, wenn wir dem Gesundheitswesen Kosten verursachen, weil wir krank werden? Oder haben wir auch vorher einen Anspruch auf Unversehrtheit?
Und deshalb die Völkerwanderung, jeden Montag.
Man trifft Wildfremde am Bahnhof und teilt sich eine Gruppenkarte. Und mit neuen Bekannten kehrt man zurück. Es wird gesiezt und geduzt. Man staunt, wie viele interessante Menschen in der gleichen Stadt wohnen, denen man noch nie begegnet ist.
Was die Flug-Reisenden zu den Demonstranten sagen? Bestaunt werden wir schon: „Seht nur die deutsche Gründlichkeit, sogar beim Demonstrieren" lese ich in ihren Gesichtern. Und so werden wir stets fotografiert wie eine touristische Attraktion.
Mich erinnert das gemeinsame Demonstrieren ein wenig an Kirchentage. Und wen wundert's? Schließlich geht es um die Menschenwürde und den sozialen Frieden.

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Du sollst deines Nächsten Himmel achten und seine himmlische Nachtruhe nicht stören. - So ein Gebot steht nicht in der Bibel.
Das Problem ist auch ziemlich modern. Dass einer dem anderen den Schlaf raubt. Das gibt's eigentlich nur als Foltermethode.
Bei uns wird das immer mehr zum Problem. Ob Flugzeug, Auto oder Schienenverkehr. Die Verlärmung nimmt rasant zu.
Zwar weiß inzwischen jedes Kind, dass man die Umwelt schonen soll. Wir reden davon, „die Schöpfung zu bewahren", trennen brav unseren Müll und achten auf schadstoffarme Autos. Aber der Verlärmung haben wir lange keine Aufmerksamkeit geschenkt. - Was nun?
Ein neues Gebot brauchen wir sicher nicht. Denn wenn es darum geht, die Rechte des anderen zu achten, das steht schon alles in den zehn Geboten drin. Nehmen wir einmal das Gebot: Du sollst nicht stehlen. Auch die Nachtruhe ist ein hohes Gut, das man keinem stehlen darf.
Oder nehmen wir ein anderes Gebot: Du sollst nicht töten. Nicht töten heißt im weitesten Sinne auch: Nicht die Gesundheit der Mitmenschen gefährden. Und so ihr früheres Sterben riskieren. Dauerbeschallung durch Flugzeuge oder auf den Schienen erhöht den Blutdruck. Und das wirkt sich lebensverkürzend aus. Genauso wie die nächtliche Ruhestörung. Das betrifft übrigens diejenigen Menschen genauso, die sich gar nicht daran stören.
Und ganz nebenbei: wer nicht ausgeruht in den Tag geht, kann auf Dauer auch nichts leisten. Mag ja sein, dass sich auch daran nicht jeder stört. Aber was, wenn der Pilot, dessen Flugzeug sich gerade im Landeanflug über unserer Stadt befindet, sich nicht ausreichend konzentrieren kann? Oder der Arzt, der mich operieren soll, weil er nachts kaum schlafen konnte? Oder die Lokführerin? Oder all die vielen Leute, denen ich täglich im Straßenverkehr begegne?
Und deshalb: lasst uns um Himmels willen für die Bewahrung unserer Ruhe eintreten.

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Nicht wissen, wo man hingehört - das ist das Lebensgefühl vieler Menschen, die zwischen zwei Kulturen aufwachsen. Hinzu kommt, dass sie oft von keiner Seite richtig akzeptiert werden. Das ist nicht einfach. Aber darin liegt auch eine Chance.
Und davon erzählt die Geschichte von Moses in der Bibel. Moses ist der Sohn einer Hebräerin. Hebräer waren eine wenig angesehene Minderheit in Ägypten, die nach allen Regeln der Macht unterdrückt wurde.
Moses nun wächst nicht bei den Hebräern, sondern unter den Ägyptern auf, am Palast des Pharaos. Es mangelt ihm an nichts, doch er kann seine Herkunft nicht verleugnen.
Wie es Moses damit ergangen ist, können wir nur ahnen. Während er am Königshof alle Privilegien genießt, weiß er tief im Inneren, dass er zum Volk der geknechteten Hebräer gehört. Aber die sehen in ihm nur den verwöhnten Zögling am Hof. Und die Ägypter, auf der anderen Seite, lassen ihn spüren, dass er nicht wirklich dazu gehört.
Eines Tages jedenfalls entlädt sich seine ganze Frustration an einem Ägypter und er schlägt ihn tot. Jetzt hat er alle gegen sich und muss fliehen.
Eine schreckliche Geschichte, wie es sie auch heute noch gibt: die Zerrissenheit eines Heimatlosen führt zu Mord- und Totschlag. Und zuletzt sind alle Beteiligten noch schlechter dran, als zuvor. Aber Gottlob, die Geschichte von Moses endet so nicht.
Gott ist mit Moses. Und sieht seine Stärken - Stärken, die ihm gerade durch seine Zerrissenheit zugewachsen sind:
Denn Moses kennt beide Welten - die Welt der Hebräer und die der Ägypter.
Er spricht beide Sprachen. Und er kann sich spielend in beiden Welten bewegen. Und damit ist er genau der richtige Kandidat für eine ganz große Aufgabe: Moses soll zwischen den beiden Kulturen vermitteln. Gott erwählt ihn, um das Volk der Hebräer aus der Knechtschaft zu befreien.
Heimatlosigkeit, nicht wissen, wo man hingehört, fühlt sich nicht gut an. Aber wie so oft liegt auch in einer schwierigen Situation eine Chance. Und wer sie ergreift, macht allen Hoffnung.

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Stellen Sie sich vor: Sie sollen etwas tun, das Ihnen absolut falsch vorkommt; etwas, das Sie nicht mit Ihrem Gewissen vereinbaren können. Sie sind in der Zwickmühle: Wenn Sie sich weigern, müssen Sie mit schlimmen Konsequenzen rechnen. Wenn Sie gehorchen, müssen Sie mit Ihren Gewissensbissen weiterleben. Was tun?
Manchmal gibt es einen dritten Weg. Davon erzählt eine Geschichte in der Bibel (2.Mos 1): Ein neuer Herrscher regiert in Ägypten, ein neuer Pharao. Und der stört sich an der Minderheit der Hebräer in seinem Land. Er findet, sie vermehren sich zu schnell. Und das macht ihm Angst.
Da lässt der Pharao die hebräischen Hebammen Pua und Shifra zu sich rufen und befiehlt ihnen: „Wenn die hebräischen Frauen Kinder gebären, lasst die Mädchen leben, die Jungen aber tötet!"
Was für ein Befehl! Hebammen sind dazu da, Kindern zum Leben zu verhelfen - und jetzt sollen sie Neugeborene töten? - Sollen das Vertrauen der Mütter arglistig täuschen? Und ihnen die wehrlosen, kleinen Söhne wegnehmen?
- Für Pua und Shifra unmöglich. Zwar fürchten sie den Pharao, aber Gott fürchten sie noch mehr. Und so lassen sie sich etwas einfallen, um dem Befehl des Pharaos auszuweichen.

Nicht lange, stellt der Pharao sie zur Rede:
„Warum verweigert ihr meinen Befehl und lasst die Kinder am Leben?"
Da antworten die Hebammen: „Bei den hebräischen Frauen ist es nicht wie bei den Ägypterinnen, sondern wie bei den Tieren. Wenn die Hebamme zu ihnen kommt, haben sie schon geboren."
Eine geniale List. Zum einen spielen die beiden Hebammen ihre eigene Bedeutung herunter. Sie behaupten, dass sie nie rechtzeitig zu den Geburten kommen, weil die Hebräerinnen so schnell sind. Und sie vergleichen die Frauen ihres Volkes mit Tieren, machen sie also auch klein und unbedeutend. Sie vermitteln also dem Pharao: Wir betrachten die Angelegenheit ganz nüchtern und professionell. Mit Befehlsverweigerung hat das rein gar nichts zu tun.
Und mit dieser wunderbaren List schaffen sie es, sich dem Befehl zu entziehen. Und dabei haben sich nur ganz schlau auf ihr kleines bisschen Macht besonnen.

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„Träum weiter", sage ich, wenn mir Träume unrealistisch scheinen. „Träum weiter." Auch zu Joseph hätte ich das gesagt. In der Bibel steht, was für große Träume er gehabt hat:
„Eines Tages werden sich alle meine Brüder in Ehrfurcht vor mir verneigen", hat er geträumt. Das kommt allerdings gar nicht gut an, bei den großen Brüdern; sie werden ja in seinem Traum klein gemacht. Kein Wunder, dass sie Joseph nicht ausstehen können. Hinzu kommt: während sie hart arbeiten müssen, lässt der Vater den Joseph in feinen Sachen herumstolzieren und seinen Träumen nachjagen. So übermächtig wird der Hass der Brüder, dass sie ihn eines Tages in eine Falle locken und an fahrende Händler verkaufen. Und so landet Joseph in Ägypten.
Aber Gott liebt Joseph und seine großen Träume. Dort in der Fremde steigt er schnell auf. Weil er nämlich auch Träume deuten kann.
Zu dieser Zeit plagen den ersten Mann im Staat - also den Pharao - gerade wirre Träume. Aber niemand kann ihm helfen. Nur Joseph: Er versteht die Träume des Pharao in ihrer ganzen Tragweite:
Es werden wirtschaftlich fette Jahre kommen mit ungeheurem Wachstum.
Und darauf werden ganz magere Jahre folgen, eine richtige Hungerkatastrophe. Und Joseph rät dem Pharao: „Wirtschafte gut in den fetten Jahren. Bau Kornkammern und lagere Getreide ein. Dann bist Du gut vorbereitet auf die schlechten Zeiten und kannst in die notleidenden Nachbarländer exportieren."
Joseph hat die Träume richtig gedeutet. Es kommt genauso, wie Joseph es vorausgesehen hat: Erst der Aufschwung, dann die Rezension. Und so rettet der große Träumer Joseph viele Menschen vor einer Hungerkatastrophe.
Mehr als dreitausend Jahre ist das her und ich frage: wo sind die großen Träumer von heute? Ich wünschte, es gäbe mehr solche Träumer wie Joseph; Träumer, mit denen Gott ist. Denn ich bin überzeugt: es sind die großen Träume, die die Welt verändern. - Also: „Träumt weiter..."

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