Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre ein Film- oder Fernsehstar. Genauer gesagt, möchte ich gerne  Don Camillo sein oder Pfarrer Braun aus dem Fernsehkrimi. Die haben nämlich etwas gemeinsam: sie reden mit Gott wie mit dem Mann von nebenan. Sie erzählen ihm ihre Alltagsprobleme, so wie ihnen der Schnabel gewachsen ist  und erwarten ganz natürlich eine direkte Antwort und Hilfe. Und das Schöne dabei: oft bekommen sie diese Antwort auch. Das ist ja viel zu einfach, völlig naiv und wirklichkeitsfremd, kann man da schnell sagen. Das sind Film und Fernsehen, die befriedigen unser Wunschdenken, aber das wahre Leben sieht doch ganz anders aus. Das ist richtig. Und trotzdem sagen mir die Geschichten von Pfarrer Braun und Don Camillo, dass ich mit meiner eigenen Methode nicht so ganz falsch liege. Ich habe nämlich kein Problem, mir ab und an meine Kindervorstellung von Gott wieder hervor zu holen. Die Älteren wissen das noch: den alten weisen Mann mit Bart. Ich weiß: eigentlich kann man sich ja gar keine Vorstellung von Gott machen, aber irgendwie möchte ich es ja doch. Und als Mensch mit menschlichen Möglichkeiten stelle ich ihn mir eben menschlich vor.  Also rede ich manchmal mit dem alten Herrn und sage Sätze wie: „Lieber Gott, was hast du dir denn dabei wieder gedacht?" oder: „ Lieber Gott, wenn heute der alte Herr Schmidt bei dir anklopft, gib ihm genau so einen Garten, wie er ihn gerne hat, damit er sich wohl fühlt." Ich erwarte natürlich keine direkte Antwort. Aber vielleicht ist ja das Gefühl, dass es mir nach so einem kurzen Gespräch besser geht, schon eine. Wissen kann ich das nicht. Und vielleicht muss man ab und zu die ganzen hochwissenschaftlichen Überlegungen, die theologischen Spitzfindigkeiten und Problematisierungen, vielleicht muss man  das große Rätsel um den fernen, schweigenden Gott einfach auch einmal wegwischen und Gott, wie es im Sprichwort heißt „einen guten Mann sein lassen". Manches kann dann wirklich leichter gehen und vielleicht komme ich ihm damit sogar näher, als ich ahne.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8907

Die Lebensmittel sind knapp geworden. Es droht das Chaos. Viel zu viele wollen etwas zu essen. Die wenigen Brote und die zwei Fische, die die Jünger Jesu dabei haben, reichen nie.  Sie sind verzweifelt. Doch Jesus bleibt ruhig, lässt alle Platz nehmen. Das wenige wird verteilt und siehe da: es reicht für alle und es bleibt mehr übrig als ausgeteilt wurde. Die Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung. Ist ja auch wirklich ein Wunder. Denn viel wahrscheinlicher wäre gewesen, dass die fünf Brote und zwei Fische für ein Vielfaches des Kaufpreises an die verkauft worden wären, die es sich leisten konnten. Der Rest hätte gehungert. Da passt die aktuelle Zeitungsmeldung, dass die Preise für Nahrungsmittelrohstoffe wie Weizen, Mais oder Kakao kräftig gestiegen sind.  Das ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass  Banken, Spekulanten und Hedgefonds hier die großen Gewinne wittern. Dass anderswo Menschen satt werden wollen, spielt in deren Überlegungen keine Rolle. Die Großbank J.P. Morgan hat sich vor kurzem für 1,7 Mrd. Dollar große Teile eines Rohstoffhändlers gekauft, und das sicher nicht, um preiswert Korn oder Kartoffeln unter die Leute zu bekommen. Die Welternährungsorganisation FAO untersucht die Preisentwicklung wichtiger Agrargüter. Deren Nahrungsmittelindex war bis Ende Juni so hoch gestiegen, wie schon lange nicht mehr. 2008 gab es bei diesen Zahlen  in einigen Ländern des armen Südens Hungeraufstände.  Nun wird schon lange auf dem Nahrungsmittelmarkt genauso spekuliert wie auf anderen Märkten, nur eben nicht mit dieser Intensität. Deshalb sollten die Politiker hier die notwendigen Schranken aufbauen, damit Lebensmittel bezahlbar bleiben. Damit nicht nur  theoretisch alle Menschen auf unserem Planeten satt werden können, kann ich aber auch selbst etwas tun.  Nämlich nur den Banken mein Geld anvertrauen, von denen ich weiß, was sie damit tun. Fragen Sie einfach ihren Kundenberater bei der Bank, in welche Unternehmen und Aktienfonds denn ihr Geld gesteckt wird, damit es Zinsen bringt. Wenn das jeder machen würde, dann zeigt das auch bei kleinen Beträgen irgendwann Wirkung. Und noch etwas: Beten Sie  öfter mal das  Vater-Unser. Denn da gibt es eine Bitte, die sensibel machen kann: Unser tägliches Brot gib uns heute.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8906

„Was Mutter will, das bekommt sie." Eine stehende Redewendung in ihrem Umfeld. Heute hat Mutter Teresa Geburtstag. Vor hundert Jahren wurde die „Mutter der Armen" wie sie genannt wurde, in Albanien geboren. 1997 ist sie in Kalkutta in Indien, wo sie hauptsächlich lebte und arbeitete, gestorben. „Was Mutter will, das bekommt sie." Man erzählt, dass zur Zeit einer großen Hungerkrise in Äthiopien ein kirchlicher Hilfsdienst eine große Menge an Getreide und Nahrungsmitteln besorgt hatte, sie aber nicht verteilen konnte. Da rief Mutter Teresa von einer Telefonzelle aus das Weiße Haus in Washington an. Innerhalb von Minuten kam der Rückruf. Sie bat den Präsidenten um Hilfe für den Transport. Und der damalige Präsident Reagan schickte dann auch zum Verteilen ein paar Hubschrauber von einer im Mittelmeer stationierten Einheit. So einfach wie hier erzählt, kann ich mir das wirklich nicht vorstellen. Aber die Geschichte beweist ihre Hartnäckigkeit, ihren Willen und natürlich ihre Berühmtheit. Einer Mutter Teresa schlägt selbst der amerikanische Präsident keine Bitte ab.   Für sie galt das bekannte Jesuswort der Bibel: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Den Satz hat sie wörtlich genommen, ohne Kompromisse. Deshalb hat sie ihre Kinderheime und Sterbehäuser gegründet, ihren Orden der „Missionarinnen der Nächstenliebe"  ins Leben gerufen. Sie hielt jungen Menschen keine klugen Vorträge über Gott. Sie nahm sie an der Hand und führte sie in die Kapelle, oder ging mit neuen Ehrenamtlichen durch die Reihen der Sterbenden, um die Hand des Besuchers auf die Stirn eines Menschen zu legen. „Rasier ihn, gib ihm zu essen, oder setze dich neben ihn", sagte sie. Sie wollte Menschen körperlich in Kontakt bringen mit Christus. Denn genau der lag in diesem Augenblick vor ihr, als AIDS- Kranker, als Waisenkind oder was auch immer. Den Rest musste Gott machen. Von dem sagte sie:
"Gott wohnt in uns. Das lässt ihn zu einer wunderbaren Kraft für uns werden. Du wirst sehen: Alles ist eine Sache zwischen Gott und dir."
Mutter Teresa ist zum Sprichwort geworden. Wenn jemand einen anderen um einen Gefallen bittet kann es sein, das der sagt: „ich bin doch nicht Mutter Teresa." Schade eigentlich, ein bisschen von ihrer power und ihrem Gottvertrauen in  jedem von uns, das wäre ihr schönstes Geburtstaggeschenk zum hundertsten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8905

Kinder sind oft die besten Theologen. Unbefangen und ganz direkt geben sie verblüffende Antworten auf schwierige Fragen, z.B. auf die nach dem lieben Gott.
„Wer oder was ist Gott eigentlich?" Der achtjährige Markus meldet sich im Religionsunterricht. „Also, Gott ist wie ein Puzzle, das nie fertig wird." Was für ein tolles Bild! Gott gibt es nur in Bruchstücken, in unzähligen Facetten. Wir Menschen können diese Teile nicht zu einem einzigen Bild zusammenfügen. Eben wie ein Puzzle, das nie fertig wird. Markus hat etwas verstanden, was leider viele Prediger nicht begreifen können oder wollen. Die wissen nämlich immer ganz genau, wer Gott ist und was er vom Menschen erwartet. Sie nehmen ein Puzzlestück heraus und sehen darin schon das ganze Bild. So verkünden die einen Gott als strengen Richter, der peinlich genau die Einhaltung der Gebote überwacht. Andere präsentieren ihn als den stets „lieben", alles verzeihenden Softie, der keine Ansprüche an den Menschen stellt. Schon die Autoren des Alten Testaments wussten um die Gefahren solcher Einseitigkeiten. Deshalb heißt es unmissverständlich in den Zehn Geboten: „Du sollst dir von Gott kein Bild machen!" Ganz gleich, welche Vorstellungen du hast - Gott ist immer auch ganz anders. Das hindert die Bibel nicht daran, in vielen Bildern von Gott zu sprechen. Gott als Hirte, als Vater, als König usw. Wie sollten Menschen sonst von ihm erzählen ? Aber immer in dem Bewusstsein, dass wir den Schöpfer des Himmels und der Erde nicht in unsere engen Schablonen pressen können. Oder wie es der achtjährige Markus so treffend gesagt hat: „Gott ist wie ein Puzzle, das nie fertig wird."

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8904

"Was ist der Mensch eigentlich wert?" Der Journalist Jörn Klare wollte das ganz genau wissen. Exakt ausgerechnet in Euro und Cent. Also begann er zu recherchieren. Er fragte nach bei der Bundesanstalt für Straßenwesen. Für die ist der Fall klar: Nach der „volkswirtschaftlichen Unfallkostenrechnung" wird das Leben eines Unfallopfers mit 1,2 Millionen € veranschlagt. Anders sieht es aus, wenn man die durchschnittliche Summe der Risikolebensversicherungen zugrunde legt: Da sind es 69.000,- €. Entschädigt der Staat einen unschuldig Verurteilten, so erhält der für jeden Tag im Gefängnis 25,- €. Auf ein ganzes Leben gerechnet, wäre der Mensch dann rund 700.000,- € wert. Die frühere DDR verkaufte ihre politischen Häftlinge für umgerechnet 52.000,- € im Schnitt an die Bundesrepublik. Akademiker kosteten das Doppelte. Spottbillig sind dagegen aktuell albanische Mädchen, die von Menschenhändlern für 800,- € nach Italien verscherbelt werden. Machen wir uns nichts vor: In einer Welt, die von allem nur den Preis und von nichts den Wert kennt, sind solche Rechnungen ganz normal. Der Mensch wird zu einer betriebswirtschaftlichen Größe. Eben zum „Humankapital". Diesem Konzept stellt der jüdisch-christliche Glaube sein Menschenbild entgegen. Hier ist jeder Mensch ein Abbild Gottes. Darin gründet seine Würde. Für Gott, den Schöpfer, sind alle Menschen einzigartig und unendlich kostbar. Natürlich gibt es in einer modernen Gesellschaft nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnungen: im Gesundheitswesen, in den Sozialversicherungen, im Bildungsbereich. Die muss es auch wohl geben. Und trotzdem darf nicht vergessen werden, dass „die Würde des Menschen unantastbar" ist, wie es in Artikel 1 unseres Grundgesetzes heißt. Und den haben Frauen und Männer vor gut 60 Jahren formuliert, die ganz überwiegend das biblische Menschenbild vor Augen hatten."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8903

"Herr, mein Gott! (...) Ich rufe - und da ist niemand, der mir antwortet. die Dunkelheit ist so dunkel - und ich bin allein. Wo ist mein Glaube? Selbst tief drinnen in meinem Innersten ist nichts als Leere und Dunkelheit. Ich habe keinen Glauben."
Das sind dramatische Sätze. Sie stehen in einem Tagebuch. Geschrieben von Mutter Teresa. Ja, tatsächlich: Mutter Teresa, der „Engel der Armen von Kalkutta". Eine Ikone der Nächstenliebe. Seliggesprochen als Vorbild im Glauben. Als das Tagebuch nach ihrem Tod veröffentlicht wurde, waren viele Menschen schockiert.
Das hätte niemand erwartet. Diese so tieffromme Frau: ausgebrannt und innerlich zerrissen. Sie ruft nach Gott und zweifelt gleichzeitig an ihm: „Ich habe keinen Glauben." Aber gerade diese Zweifel machen Mutter Teresa so menschlich. Denn: Wer zweifelt nicht auch immer wieder an Gott angesichts von so viel Leid und Elend in der Welt. Macht das Leben wirklich Sinn, wenn so viel Sinnloses geschieht? Wer diese bohrenden Fragen stellt, der ist mit Mutter Teresa in guter Gesellschaft. Und mit dem ungläubigen Thomas der Bibel und all den anderen, „die Zweifel hatten" (Mt 28,17). Glauben bedeutet ja kein kritikloses Übernehmen vorgegebener Wahrheiten. Wer Gott wirklich begegnen will, der muss vielleicht ein ganzes Leben mit ihm ringen - wie der Erzvater Jakob im Alten Testament. Mit Gott wird man nie fertig. Deshalb ist der Glaube eine dynamische Angelegenheit - mit Höhen, aber auch Tiefen. Der Dichter Hermann Hesse hat das so ausgedrückt: „Wo nie gezweifelt wird, da wird auch nicht richtig geglaubt."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8902

„Mir bleibt die Stimme im Halse stecken und während ich dies diktiere, bin ich von Schmerz geschüttelt. Erobert wird die Stadt, die den ganzen Erdkreis beherrschte." So klagt der Kirchenvater Hieronymus, als er von der Plünderung Roms erfährt. Ende August 410 n. Chr., vor genau 1.600 Jahren, nahm das Drama seinen Lauf. Im Zuge der Völkerwanderung eroberten die Truppen des Westgotenkönigs Alarich die Hauptstadt des Imperiums. Tagelang wüteten sie in der Stadt. Mord, Raub, Vergewaltigung: ein einziger Horror. Das Unvorstellbare war eingetreten: das „ewige" Rom von germanischen Barbaren verwüstet. Gerade die Christen waren fassungslos. Das Römische Reich war doch ein christliches geworden! Wie konnte Gott dann so etwas zulassen? Nichts, was Menschen schaffen, ist wirklich „ewig". Und sei es noch so erhaben und eindrucksvoll. Das mussten nun auch die Christen erkennen. Die großen Theologen versuchten die Katastrophe des Jahres 410 zu verarbeiten. Sie erkannten dabei: Gott will das Heil des Menschen. Aber dieses Heil ist nicht gebunden an bestimmte Institutionen der Welt. Deshalb kann der Mensch auch unter ganz verschiedenen Bedingungen seinen Glauben leben. Für mich heute heißt das: auch unter ganz neuen Rahmenbedingungen ist der Glaube an Jesus Christus lebbar. Den Kirchen wird zunehmend bewusst, dass eine Zeit des Umbruchs gekommen ist. Die Volkskirche ist passé. Man wird nicht mehr automatisch in ein Bekenntnis hineingeboren, man muss sich persönlich dafür entscheiden.
Aufgabe der Kirchen bleibt, das Evangelium zu verkünden und es umzusetzen. Das wird vermutlich schwieriger als in einer traditionell christlich geprägten Umwelt. Aber vielleicht auch viel interessanter und kreativer.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8901