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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Was mir heilig ist…!“ – unter diesem Thema kommen an diesem Wochenende viele Menschen im Westerwald zusammen – auf einer Tagung der Alt-Katholischen Kirche. Jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer ist gebeten, einen Gegenstand mitzubringen, der ihm oder ihr sozusagen „heilig“ ist. Was da wohl alles zusammenkommen wird? Einer bringt vielleicht ein Buch mit, ein anderer möglicherweise eine Muschel, vielleicht ein Bild, mag sein, dass auch ein Schal von Mainz 05 dabei ist oder eine Kerze, womöglich auch das ein oder andere Foto, eine Zigarre, was auch immer…? In manchen dieser Gegenstände spiegelt sich ein Stück Leben, etwas ganz Besonderes – Wesentliches soll zum Ausdruck kommen, denn: Es ist ja „heilig“ – sozusagen.
Mir fällt es nicht leicht, so auf Anhieb zu sagen, „was mir heilig ist!“ – Ich muss darüber nachdenken, und ich tue es gerne. Da gibt es einiges, das mir wichtig geworden ist im Lauf der zurückliegenden Jahre: Da fällt mir ein Buch ein von Dostojewskij, Schuld und Sühne – Raskolnikov, eine CD mit dem Canon von Pachelbel, auch die Klaviernoten dazu, mein Ehering, ein Bild, eine Ikone mit Christus und Menas und manches andere mehr. Alles Dinge, die mir so etwas wie „heilig“ geworden sind. Wichtige Momente meines Lebens sind darin enthalten, Erinnerungen, die etwas wach halten, die mir zuflüstern möchten: „Du, weißt Du noch – damals? Bis jetzt ist das damals Erfahrene lebendig…“
Mir wird es klarer denn je: Es gibt Gegenstände, Dinge, die mehr sind als nur Irgendetwas, als nur die Trägerinnen einer Materie, mehr als nur eine „Sache“.
Die Frage, „was mir heilig ist“, begleitet mich mit jedem Schritt - und sie fasziniert mich. Aus scheinbar toten Gegenständen werden Zeugen eines ganzen Lebens, Mit-träger von Geschichte, von lebendiger Geschichte.
„Was mir heilig ist…!“
Ich bin gespannt, was an diesem Wochenende alles zusammenkommt an „Heiligem“ – und was ist Ihnen „heilig“? Gehen Sie doch einfach mal auf die Suche danach!
Ich wünsche Ihnen, ach, eigentlich bin ich fast sicher: Sie werden das ein oder andere entdecken auf Ihrem Weg! Was also ist Ihnen „heilig“?




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Immer mal wieder begegne ich Menschen, die halten nichts vom Glauben. Kirche ist für sie etwas von gestern oder vorgestern, in Gedanken von Staub bedeckt, allenfalls geeignet für den Zeitvertreib, nicht aber für ein gelingendes Leben. „Ich brauche keinen Glauben! In der Kirche wird mir der Spaß am Leben verdorben. Ich will das Leben genießen in vollen Zügen – dabei hilft mir der Glaube nichts!“ – so die Äußerung eines Mitvierzigers vor einigen Wochen.
Mich erschreckt es immer wieder, wie verkrustet sich solche Kirchenmeinungen in den Köpfen mancher Zeitgenossen halten können.
Es mag vorkommen, dass bei uns Menschen, die wir Kirche verkörpern, manchmal mehr Starre und Leblosigkeit als Dynamik und Lebenslust zu sehen sind. Aber dies ist doch nicht alles! Im Gegenteil – gerade in unseren Kirchen, bei dem, was wir glauben, gerade da geht es doch um Leben, um Lebensfreude, um Begeisterung – nicht erst irgendwann im Jenseits, sondern bereits hier und heute!
Ich selbst erfahre Gott als einen, der das Leben liebt und sich „freut an seinen Geschöpfen“. Da passt es nicht, größtenteils griesgrämig, mit leichenblasser Miene, immer nur ernsthaft bemüht, meine Ordnung zu wahren, den Alltag zu gestalten. Als Christen müssen wir zum Lachen doch nicht in den Keller gehen, so dass es andere nicht sehen – nein, wir dürfen leben, wir dürfen und können genießen (auch das gehört zum Leben!) – und diese Lust am Leben dürfen wir auch zeigen!
„Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt“ – in diesem Satz von Alfred Delp, einem aus Mannheim stammenden Jesuitenpater, der im Dritten Reich hingerichtet wurde, in diesem Satz wird deutlich, worum es in unserem Glauben geht: Du darfst dem Leben trauen, Du bist nicht allein, andere Menschen begleiten Dich, und Gott auch.
Gerade auch, weil ich das Leben liebe, gerade, weil Leben auch „genießen“ heißt, auch deshalb glaube ich an Gott.
Schon lange, seit über 25 Jahren in meinem Dienst als Priester, begleitet mich dieser Satz – und deshalb sage ich ihn noch einmal – vielleicht kann er auch sie begleiten: „Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt“.


https://www.kirche-im-swr.de/?m=6170
„Jetzt beginnt der Rest meines Lebens“ – heute habe ich die ein oder andere Gelegenheit, mir darüber klar zu werden: „Leben will ich“ – auch heute! Ich beobachte immer wieder, wie wir darüber klagen, dass andere (Menschen oder Anlässe) darüber mit bestimmen, was wir heute zu tun haben und was nicht. Für die einen ist es jemand aus der Chefetage oder aus dem Mitarbeiterkreis, für die anderen ist es die Ärztin, der Polizist, der Kunde, vielleicht auch einfach der Lebenspartner oder die Partnerin…
Andere entscheiden mit, was mit meinem Tag heute geschieht.
Sind es „nur“ die anderen? Wo liegen meine Anteile an der Gestaltung meines Tages heute?
Wenn mir etwas gut gelingt oder mir irgendetwas Schönes widerfährt…; ist es das, was ich unter gelingendem Leben verstehe? Kann Leben nur dann gelingen, wenn ich alles selbst in der Hand habe? Ist Leben nur dann gut, wenn eben alles „nach Plan“ geht oder steckt nicht mehr dahinter?
Mir fällt da die Geschichte von einem Mann ein, der einen Schatz entdeckt hatte. Dieser Schatz war vergraben in einem Acker. Der Mann erzählte nicht gleich, was passiert war, nein, er vergrub diesen Schatz wieder; dann „verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker“ (Mt 13,44). Ich erzähle diese Geschichte aus der Bibel nicht deshalb, um uns das Umstechen von Ackerböden schmackhaft zu machen – zumindest nicht im engeren Sinn, nicht im wahrsten Sinn des Wortes. Ich erzähle von diesem Schatz im Acker, damit wir auf die Suche gehen nach dem, was uns im Leben wichtig ist. Ich halte es für möglich, so manch Wert volles zu entdecken mitten im Alltag, in aller Betriebsamkeit – nicht nur in dem, was auf dem Plan steht. Vielleicht ist es ein Stück mehr Gelassenheit, die mir gut zu Gesicht steht, und die mich selbst und andere anstecken kann, oder innere Dankbarkeit für dies oder das, für diesen oder jenen Menschen, vielleicht ist es auch etwas völlig anderes, das mich spüren lässt: „Ich kann leben!“ – „Ich lebe!“
Wenn mir dies klar wird, dann weiß ich zugleich: Es sind nicht in erster Linie die anderen, die über mein Leben bestimmen; ich selbst kann beeinflussen, was ab jetzt – für den Rest meines Lebens – draus wird!


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17. Juni – Moment, da war doch was!
Ja genau, da war was.
Bis zur Wiedervereinigung war der 17. Juni als „Tag der deutschen Einheit“ in Westdeutschland ein Feiertag, doch trotz aller politischen Veranstaltungen und Reden dürfte das bei vielen in Vergessenheit geraten sein. Mit diesem Feiertag gedachte die Bundesrepublik Deutschland des Volksaufstandes in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik, der am 17. Juni 1953 von Truppen der Nationalen Volkspolizei und der sowjetischen Armee blutig niedergeschlagen worden war. Die Arbeitsnormen für Ostberliner Bauarbeiter waren erhöht worden, die darauf in Streik traten. Das war der Zündfunke für einen landesweiten Aufstand der Arbeiter gegen das SED-Regime. Endpunkt einer langanhaltenden Unzufriedenheit der Bevölkerung, die sich v.a. in der Flucht vieler Menschen in die Bundesrepublik dokumentierte. Deswegen hatte die DDR die Zonengrenze schon 1952 durch eine 5 –km- Sperrzone abgeriegelt und 1961 die Berliner Sektorengrenze durch eine Mauer.
Unter all diesen Umständen war der „Tag der deutschen Einheit“ eher ein frommer Wunsch als eine realistische Erwartung.
Wir wissen, dass alles anders kam. Wir haben die Bilder des Mauerfalls noch vor Augen. Und wir merken, dass der Begriff der deutschen Einheit eine neue und auch nicht unproblematische Dimension bekommen hat. Es gibt noch so vieles zwischen den alten und neuen Bundesländern, was nicht vereint ist. Ob Löhne und Gehälter, die Zahl der Arbeitslosen, die Parteienlandschaft oder das Problem der Rechtsradikalen. Vieles wäre zu nennen, was sehr unterschiedlich geblieben ist.
Das gilt auch für die kirchliche Entwicklung.
Beispielhaft dafür ist für mich der kürzlich gescheiterte Volksentscheid der Initiative pro Reli, die sich für einen gleichberechtigten Religionsunterricht in den Berliner Schulen neben dem Fach Ethik eingesetzt hatten. Während sich im Westen der Stadt im Schnitt 2/3 der Menschen für die Gleichberechtigung von Ethik und Religion aussprachen, waren es im Ostteil nur rund 1/3. Ohne Wertung muss zur Kenntnis genommen werden, dass hier viele Wähler mit Religion nichts zu tun haben und die Vermutung liegt nahe, auch darum, weil sie mit Religion und Gott nie was zu tun bekommen hatten. Hier sind die Kirchen eindeutig herausgefordert. Nicht nur zu informieren, sondern zu missionieren. Zu überlegen, welchen konstruktiven Beitrag sie zum Leben in den neuen Bundesländern leisten wollen und können.
Interessanterweise war ein Slogan der Ethikbefürworter: Gemeinsam, nicht getrennt.
Genau das sollten sich auch die Kirchen auf ihre Fahnen schreiben.

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Von der Not und der Hoffnung in einer afrikanischen Missionsstation

Es fehlt eigentlich an allem.
Strom gibt’s maximal zwei Stunden am Tag und das von einem Generator, der mehr kaputt ist als ganz und irrsinnig viel teures Dieselöl verbraucht.
Der Erwerb von Saatgut und Dünger ist schwierig, da teuer.
Die Vermarktung der geernteten Produkte unsicher, da die Infrastruktur miserabel ist und die 40 Kilometer entfernte Stadt Kitwe nur in den Zeiten zu erreichen ist, wo keine Regenzeit herrscht.
Die Rede ist von 9000 Leuten, die von der St. Marrys’s Mission betreut werden, einer ländlichen Mission in Sambia, die vor Zeiten von Franziskanermönchen und spanischen Missionaren gegründet wurde.
9000 Menschen, die in 16 Dörfern verteilt von dem Lebensmittelladen dieser Station profitieren, dem Krankenhaus mit 68 Betten, der Schule für immerhin 100 Kinder.
Wie gesagt: Es fehlt an allem – Medikamente, Schulbücher, frischem Gemüse und Obst.
Unsere Kirchengemeinde in Rothenbach hat sich seit Jahren zur Aufgabe gemacht, diese Menschen zu unterstützen. Anfangs war das schwierig!
„Soll doch das Geld in unserer Gemeinde bleiben, die hat’s auch nötig“ und anderes war zu Beginn vielfach zu hören. Das Bewusstsein hat sich allmählich gewandelt. Beeindruckt von den Leuten, die die St. Mary’s Mission besuchten und über die dortigen Zustände berichteten, sind mehr und mehr Leute bereit, ihre Spende zu geben. Unseren Gläubigen ist klargeworden, dass die Zustände in Sambia und vielerorts in der sogenannten 3. Welt nicht hausgemacht sind, sondern Teil einer weltweiten Katastrophe.
Wir wissen mittlerweile, dass die Weltwirtschaftsprobleme vor allem die ärmsten Länder treffen – die noch nicht einmal etwas dafür können. Die Globalisierung macht’ s möglich!
Die Aussichten der Gegend um die St. Mary’s Mission sind dementsprechend düster.
Und trotzdem!
Die Hoffnung bleibt!
Mehr als die Hälfte der Einwohner sind Christen.
Und mich fasziniert ihr unerschütterlicher Glaube.
Und mich beschämt ihre ungebrochene Lebensfreude.
Und mich berührt ihre Gedanken an andere.
Z.B. an die Christen in Rothenbach.
Über Sprachbarrieren, Mentalitätsunterschiede und Grenzen hinweg treten sie und auch wir füreinander ein.
Wir schreiben uns, denken aneinander, beten füreinander.
Globalisierung ist das eine, Solidarität das andere.
Die Globalisierung wird sich nicht aufhalten lassen, die Solidarität muss wachsen, soll die eine Welt eine Welt bleiben.


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Bei uns im Westerwald wird die Kirmes noch gefeiert. Was nicht jeder mehr weiß: Kirmes hat etwas mit Kirche zu tun, genauer gesagt, es ist das Fest zum Weihetag der jeweiligen Kirche im Ort. Deswegen liegen der Kirmestermin und der ihrer Einweihung oft eng beieinander.
Längst vorbei sind allerdings die Zeiten, wo mit der Kirchweih große Jahrmärkte einhergingen, die – angelehnt an den Gottesdienst – „Messe“ genannt wurden, weshalb wir heute noch von „Buchmessen“, „Automobilmessen“ oder „Handwerksmessen“ reden.
Trotzdem das alles in Vergessenheit geraten ist, ist die Kirmes in unseren Breiten, also dem Westerwald, immer noch ein Top Event. Die Jugend stellt den Kirmesbaum, es gibt Tanz und Musik, Fahnen werden gehisst, Girlanden geflochten – im besten Sinne des Wortes herrscht Jubel, Trubel, Heiterkeit.
Es gibt sie noch, die älteren Leute im Dorf, die davon erzählen, dass die Kirmes früher das einzige öffentliche Fest war, auf das man sich monatelang freute, darauf vorbereitete und dafür sparte. Auch wenn Freizeitveranstaltungen sich heute inflationär anhäufen, hat die Kirmes im Vergleich zu manch anderer Gaudi ihren Sinn.
Ähnlich wie andernorts die Stadtteil- oder gar Straßenfeste vermittelt sie dörfliche Identität. Das Zusammengehörigkeitsgefühl wird gestärkt, genauso wie das Bewusstsein, aufeinander angewiesen zu sein. Das ist überlebenswichtig für eine Gemeinschaft, in der die Jungen mesit die Woche über weitab in der Stadt leben und arbeiten. Seit Jahren bewerben wir als Kirchenvertreter zudem alle Ortsleut’, besonders die in den Vereinen organisierten, die weltliche Feier wieder mit der kirchlichen zu verbinden. Und das gelingt! Die kommen dann auch, in ihren Vereinstrachten, mit Fahnen und sonstigen Ehrenzeichen und bereichern dieses schöne Fest.
Ich bin sicher dass in unseren Dörfern die Kirmes überleben wird und auch in einer multikulturellen Gesellschaft ihren respektierten Platz hat, wenn Kirche und Wirtshaus, Gebet und Lebensfreude nicht auseinandergerissen werden, sondern eine fröhliches Ganzes bilden, das Leib und Seele zusammenhält.

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