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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Die Rettung begann an einem Sonntag“ – so titelte vor einigen Wochen eine große Zeitung. Ein Artikel über die aktuelle Weltwirtschaftskrise. Überschrift: „Die Rettung begann an einem Sonntag!“

In diesem Artikel ging es um den rasanten Absturz der Aktienkurse, kurz nachdem die Finanz-blase geplatzt war. Dieser Absturz wurde von Tag zu Tag schlimmer. Warum? Immer mehr Anleger und Institute warfen ihre Aktien auf den Markt und hofften, sie mit möglichst geringen Verlusten noch zu verkaufen. Immer mehr Aktien wurden angeboten und immer weniger woll-ten Aktien kaufen. Und so fiel der Kurs und fiel und fiel. Und er wäre vielleicht ins Bodenlose gefallen – wenn, ja wenn den Händlern nicht auf einmal ein Sonntag verordnet worden wäre.

Denn am Sonntag passiert ja das, was in der Finanzwelt ganz unüblich ist: es passiert nämlich nichts - einfach nichts. Die Börsen haben geschlossen, niemand kann mit Aktien handeln. Und so hatten an jenem Sonntag alle Zeit, nachzudenken, zu überlegen, wie es jetzt weiter gehen sollte.

Als am Montag die Börsen wieder öffneten, war zwar die Weltwirtschaftskrise noch lange nicht vorbei, aber der Absturz der Aktienkurse ging nicht weiter. Die Zäsur war gesetzt. „die Rettung begann an einem Sonntag“.

Manchmal beginnt am Sonntag auch eine andere Art von Rettung. Bei mir zum Beispiel: Wenn mir die Arbeitswoche so viele Probleme macht, dass ich kaum noch weiß, wie ich die bewälti-gen kann. Meistens versuche ich mein Arbeitstempo zu erhöhen. Aber das hilft oft nicht – im Gegenteil.

Oft ist am Abend der Schreibtisch nur noch voller und die Probleme sind auch nicht weniger geworden. Und das würde wohl so weitergehen, käme da nicht diese verordnete Zäsur, der Sonntag. Käme da nicht Gott, der mir sagt: sechs Tage sollst Du arbeiten, am siebten aber sollst Du ausruhen.

Manchmal kommt die Rettung auch bei mir an einem Sonntag. Wenn mal nichts passiert. Und ich in Ruhe meine Gedanken sortieren kann. Dann entstehen im Gespräch mit andren und mit Gott wie aus dem Nichts ganz neue Perspektiven.
Nicht nur für die Börse, auch für mich selbst stimmt der Satz: „die Rettung begann an einem Sonntag“. Ach ja, Gott sei dank – morgen ist wieder Sonntag.
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„Mein Küster trinkt wieder“, mein Kollege ist ziemlich aufgebracht und meint: „Ich glaube, es war ein Fehler, dass ich mich auf das mit ihm eingelassen habe“.

Ich erinnere mich: Vor gut zwei Jahren war ein Mitarbeiter des dortigen Arbeitsamtes auf ihn zu gekommen. „Sie suchen doch einen neuen Küster, ich hätte da jemanden für sie. Er hat schon als Küster gearbeitet, bekam dann jedoch ein Alkoholproblem. Aber jetzt hat er sich wieder gefangen, trinkt seit Monaten nicht mehr. Können sie ihm nicht eine Chance geben?“

Mein Kollege ließ sich von dem Angestellten überzeugen und stellte den Mann ein. Am Anfang lief auch alles ganz prima. Aber dann kam ein Rückfall. Und jetzt ist er tief enttäuscht. Denn er hat ihm eine Chance gegeben. Und er hat die Chance vermasselt.

Ich könnte gut verstehen, wenn er ihm jetzt kündigte. Welcher Arbeitgeber kann es sich leis-ten, Leute mitzuschleppen, die immer wieder zur Last fallen.

Und doch. Wie hat Jesus sich in solchen Fällen verhalten? Was hat er gemacht, wenn ihn je-mand enttäuscht hat? Da ist zum Beispiel Petrus. Was für eine Chance hat ihm Jesus damals gegeben. Er war ja nur ein einfacher Fischer! Und Jesus hat ihn zu seinem Jünger berufen. Er hat es ihm zu getraut: „Du wirst ein Menschenfischer werden“. Aber Petrus hat ihn immer wie-der enttäuscht. Oft hat er den Mund zu voll genommen, hat Dinge versprochen, die er nicht halten konnte. Besonders damals, als Jesus verhaftet wurde. Da hat er doch schlicht geleug-net, je etwas mit Jesus zu tun gehabt zu haben. Was für eine Enttäuschung! Und wie geht Je-sus damit um?

Wir erfahren es in der Bibel. Sie erzählt, wie Jesus nach seiner Auferstehung noch einmal dem Petrus begegnet. Jesus erinnert den Petrus an seinen Verrat, aber auch an seine Berufung da-mals, ganz am Anfang. Und dann bittet er Petrus, weiterzumachen, er gibt ihm trotz allem noch einmal eine Chance. Er soll sogar eine führende Rolle einnehmen.

Wir haben lange miteinander gesprochen – mein Kollege und ich. Und wir haben uns gefragt: Wenn Jesus dem Petrus immer wieder eine Chance gegeben hat, sollten wir da nicht etwas mehr riskieren? Auch wenn es schief gehen könnte? Sollten wir da nicht etwas mutiger sein?
Kurz und gut: Mein Kollege will es jetzt noch mal mit seinem Küster versuchen. Denn der ist doch eigentlich ein klasse Kerl. Würde Jesus jedenfalls so sagen.
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„Ich führe ein Doppelleben“, schreibt der Angestellte einer großen Firma. „Bei der Arbeit habe ich viel mit Kunden zu tun, da trage ich Schlips und Anzug. Am Wochenende aber ziehe ich Lederweste und mein schwarzes Harley-Davidson-T-Shirt an.“ Und eine Hausfrau aus Berlin-Kreuzberg meint „Wäsche waschen und die Wohnung putzen – das mache ich am Samstag, denn am Sonntag soll alles schön aussehen. Wir gehen in die Kirche. ... Ich ziehe ein schönes Kleid an oder eine weiße Bluse, mein Mann und meine Söhne tragen Hemd und Anzug. So füh-len wir uns feierlich.“

Sich feierlich fühlen- das geht mit Harley-Davidson-T-Shirt oder weißer Bluse. Bei beiden schwingt der Wunsch und die Sehnsucht nach „mehr“ mit: Ich bin mehr als der Angestellte mit dem perfekten Anzug. Ich bin mehr als die Mutter, die Wäsche wäscht und die Wohnung putzt.

Ich bin mehr als das, was ich jeden Tag arbeite, mehr als das, wofür ich gut und nützlich bin.
Die Bibel sagt: Ja, wir sind alle mehr. Wir sind Geschöpfe Gottes, sein Ebenbild. Und deshalb haben wir diese Sehnsucht nach mehr, nach einem Leben in Fülle und Freiheit.

Und daran erinnert uns immer wieder neu der Sonntag. Denn als Gott die Welt erschuf, erzählt die Bibel, hat sogar er nur sechs Tage gearbeitet und am siebten geruht.

Und so gilt das auch für uns: sind wir doch Gottes Ebenbild. Aus seiner Fülle und Freiheit dür-fen wir leben, brauchen uns nicht mit dem zufrieden geben, was unter der Woche im Alltag so läuft. Sind wir doch mehr als die Summe dessen, was wir täglich schaffen und zustande krie-gen.

Sich daran zu erinnern, dabei hilft schon auch mal so ein Harley-Davidson-T-Shirt oder die weiße Bluse, die man sonst nicht im Alltag trägt.

Für mich ist es eine besondere Krawatte, die ich mir extra für den Sonntag gekauft habe. Sie ist knallrot. Jeden Morgen in der Woche, wenn ich mich anziehe und die Tür vom Kleider-schrank öffne, fällt mein Blick auf diese Krawatte.

Dann freue ich mich, dass bald wieder Sonntag ist. Und dass ich mehr bin als die Summe mei-ner Taten, Nämlich Gottes Kind und sein Ebenbild. Aus seiner Fülle darf ich leben – auch heute an einem ganz normalen Donnerstag.

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„Nicht mit Gewalt, sondern mit dem Wort.“ So lautete das Lebensmotto Martin Luthers. Kein Wunder also, dass er im Laufe seines Lebens unglaublich viel geschrieben hat. Wenn man auf das Wort setzt, dann können schon einige Wörter zusammen kommen. Predigten, Briefe, Abhandlungen, Gutachten und vieles mehr. Heute sind Luthers Werke in unzähligen dicken Büchern gesammelt und füllen viele Regale.

Sein letztes Werk schreibt er zwei Tage vor seinem Tod. Es fällt allerdings aus der Reihe seiner anderen Schriften heraus. Denn es ist nichts weiter als ein kleiner Zettel.
Luther schreibt da:

Wer Vergil verstehen will – der über Landwirtschaft geschrieben hat – der muss mindestens fünf Jahre Bauer gewesen sein.
Wer Cicero verstehen will – der über Politik geschrieben hat – der muss mindestens zwanzig Jahre Politiker gewesen sein.
Und wer die Bibel verstehen will – der muss mindestens hundert Jahre Christ gewesen sein.

Hundert Jahre – das ist damals wie heute eigentlich nicht zu schaffen. Hundert Jahre heißt: mit der Bibel und dem Glauben bist Du nie fertig, solange du lebst. Den Glauben bekommst du in einem Menschenleben komplett gar nicht unter. Bild’ Dir nur nicht ein, dass Du die Weisheit mit Löffeln gegessen hättest und irgendwann alles wissen und verstehen würdest. Du tust und machst – und wirst am Ende ganz leise und bescheiden. Und so schreibt Luther ganz unten auf seinen Zettel noch dazu: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“

Bettler - das schreibt derselbe Martin Luther, der die Welt verändert hat. Derselbe Mensch, der immer wieder Grenzen überwunden und Tore zu neuen Möglichkeiten aufgestoßen hat. Auf seine alten Tage aber spürt er: ich stoße an Grenzen, die ich akzeptieren muss. Mein Leben ist Stückwerk. Vor Gott stehe ich mit leeren Händen da. Am Ende kann ich nur hoffen, dass Gott mir Bettler die Hände füllt.

Heute ist Luthers Todestag. Mit seinem letzten Zettel ist er gestorben. Seine Botschaft lautet: Mensch, nimm dich selbst nicht so wichtig. Solange du lebst, bist du erst auf dem Weg.
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Ein guter Chef weiß, was seine Mitarbeiter brauchen. Und er ist immer für eine Überraschung gut.

Das gilt gerade für Tage, an denen die Mitarbeiter schon morgens ahnen: Das kann heute nichts werden. Viel zu viel zu tun. Eigentlich bräuchte man mal wieder Zeit zum Ausspannen, aber das geht an solchen Tagen einfach nicht. Nichts drin mit „work-life-balance“, dieser viel beschworenen Ausgewogenheit zwischen Leben und Arbeit. Die Arbeit fordert so viel, dass das Leben auf ein bloßes Existieren zusammenschnurrt.

So einen Tag hat Jesus vor Augen, als er seinen Jüngern ein Gleichnis erzählt.

Ein reicher Mann, so erzählt er, ist außer Haus. Er hat eine Einladung zu einer Hochzeit. Schön für ihn; für seine Diener bedeutet das: Extraschicht nach der Tagesarbeit – wach bleiben, die Stellung halten, wenn es sein muss die ganze Nacht, bis der Chef wieder zurück ist.

Mitternacht ist schon lange vorüber. Da klopft es an der Tür. Nach einem langen Tag ist der Chef wieder da. Die Diener sind erleichtert. Endlich ist bald Feierabend. Der Chef blickt in die Runde. All seine Diener sind noch auf dem Posten, aber bedient sind sie schon. Was einem bei der Arbeit so alles aufgetischt wird! Da zieht der Chef über seine feinen Kleider eine Schürze. Er deckt den Tisch und bereitet für alle spontan einen nächtlichen Imbiss vor. Und zum ersten Mal an diesem langen Tag werden die Diener wirklich bedient. Im besten Sinn des Wortes!

Ein guter Chef weiß, was seine Mitarbeiter brauchen. Und er ist immer für eine Überraschung gut. Jesus ist davon überzeugt: Gott ist für uns ein sehr guter Chef. Gnädig und barmherzig, geduldig und von großer Güte, heißt es in der Bibel. Und er ist immer wieder bereit, uns mit allerlei Überraschungen aufzuwarten. Er gewährt eine Auszeit, wenn wir sie brauchen. Und er macht aus gestressten Menschen bediente Diener.

Jesu Geschichte vom göttlichen Chef mit der Schürze findet bis heute Nachahmer. Ein Mann hat mir erzählt, dass sein Chef mit der ganzen Abteilung zusammen Kochen gegangen ist. Miteinander haben Sie ein Fünf-Gänge-Menü gezaubert und mancher hat dabei die Begeisterung für’s Kochen entdeckt. Ein guter Chef weiß eben, was seine Mitarbeiter brauchen. Und er ist immer für eine Überraschung gut.
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„Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Dieser Satz ist wahrscheinlich der beliebteste Bibelvers. Als Taufspruch steht er ganz oben auf der Beliebtheitsskala. Sehr oft, wenn Eltern für ihr Kind einen Satz aus der Bibel als Taufspruch aussuchen, sagen sie mir: Bitte diesen Spruch aus dem Psalm 91:
„Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“

Seine Bekanntheit verdankt der Bibelvers Felix Mendelssohn Bartholdy, dessen 200. Geburtstag wir diese Tage feiern. Er hat die Worte, die selbst schon reine Poesie sind, vertont. Und zwar so, dass man glaubt, die Engel singen zu hören. Bei der Uraufführung im Jahr 1846 musste das Stück wiederholt werden, so angerührt war das Publikum. Schnell wurden die Musik und ihr Text aus der Bibel zum Hit, der landauf, landab gesungen wurde.

Mendelssohn wollte mit seiner Musik deutlich machen, dass Gottes Schutz immer etwas Einmaliges, Besonderes ist. Er wählte deshalb für den Gesang keinen großen Chor aus, sondern acht Solisten. Die repräsentieren acht Engel. Um die Menschen streiten also keine Massen von himmlischen Heerscharen. Sondern für jeden Menschen sind von Gott ausgesuchte und beauftragte Engel da. Das wollte Mendelssohn Bartholdy uns durch seine Musik vermitteln. So hat er Gottes Botschaft an uns verstanden:

Glaube nicht, dass dein Leben nur aus einem einzigen geraden Weg besteht. Im Laufe deines Lebens wirst du viele verschiedene Wege gehen. Aber auf keinem dieser Wege wirst du ohne Gott sein. Deshalb schickt Gott dir Engel. Und die sind mehr als nur Leibwächter. Denn ein Bodyguard schützt deinen Körper, aber du bist viel mehr als Haut und Knochen. Du bekommst von Gott für die Wege deines Lebens himmlische Begleiter. Diese Begleiter passen auf dich auf, damit du keinen Schaden nimmst. Denn du bist nicht unverwundbar, aber du sollst im Leid auch nicht zerbrechen.

Felix Mendelssohn Bartholdy war ein religiöser Mensch. Die Vertonung von Psalm 91 war für ihn Ausdruck seiner Frömmigkeit: Wir sind verwundbar. Und gerade deshalb passt Gott auf uns https://www.kirche-im-swr.de/?m=5433