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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Auf den Tag genau 30 Jahre ist es heute her. Da wurden in Stuttgart-Stammheim die Urteile gegen die Mitglieder der „Rote-Armee-Fraktion“ RAF gesprochen. Den Staat wollten sie mit ihren Bombenanschlägen treffen, hatten dabei unschuldige Menschen getötet und verletzt. Lebenslänglich, lautete der Richterspruch.
Aber mit Ruhm bekleckert hatte sich die deutsche Justiz nicht. In einer Fernsehdiskussion unmittelbar danach sagte ein Fachjournalist:
"Es war eher ein 'Ach und Krach-Prozess'. Man kann sagen, der Rechtsstaat ist gerade noch einmal davon gekommen. Es waren so viele Häufungen an Fehlern und an Rechtsmängeln, dass man ihn bei Gott keinen Musterprozess nennen kann." Der Staat war in die Ecke gedrängt worden, hatte sich mit zum Teil unlauteren Mitteln gewehrt.
Was dann geschah, bleibt mir als Gewalt- und Terrororgie in Erinnerung. Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer, Entführung einer Lufthansamaschine nach Mogadischu, Ermordung des Piloten, Befreiung der Geiseln und die Selbstmorde der RAF-Häftlinge Baader, Ensslin und Raspe im Gefängnis. Ein Trauma für Deutschland.
Ich war damals zwanzig Jahre alt und aktiv in unserer Pfarrgemeinde. Ich sang im Jugendchor und erinnere mich an eines unserer Lieder, die wir sangen. Da kam folgende Textzeile vor:
„Nicht mit Gewalt, nicht mit Terror und mit Revolution, wird man es schaffen, das ist eine Illusion. Nur die Liebe allein, auf die jeder bauen kann, wird unsere Welt verändern, dass jeder glücklich leben kann.“
Naiv, könnte man sagen und ich erinnere mich an manche Diskussion, als ich das Lied mit an die Uni brachte, weil ich es mit dem Chor dort auch singen wollte. Gewalt als Mittel, vielleicht als letztes Mittel zur Durchsetzung von politischen Zielen, das wurde intensiv diskutiert. „Nur die Liebe allein….“, das war und ist es ja auch heute noch, ein hehres Ziel, ein anstrebenswerter und unerreichbarer Zustand.
Wobei, genauer betrachtet, die Begnadigung der RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt vor einigen Wochen etwas mit dieser Liebe zu tun hat. Auch sie ist vorbehaltlos, geschenkt, nicht verdient. Sie ist ein einseitiger Schritt auf einen Menschen zu, ganz ohne Vorbedingung. So wie die Liebe hofft die Gnade auf eine positive Reaktion des Gegenübers. Aber sie kann sie nicht verlangen. Ob die Gnade Menschen verändern kann, mehr als „lebenslänglich“ Gefängnis? Ich hoffe es, heute, dreißig Jahre nach dem Stammheimer Urteil.
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Es gibt Entscheidungen im Leben, die sind alles andere als einfach. Zum Beispiel: Welchen Beruf wähle ich? Was kommt da für mich überhaupt in Frage? Wer kann mir Auskunft geben? Wie bewerbe ich mich? Viele Jugendlichen haben Angst vor dieser Phase, denn sie sind mit dem, was da auf sie zukommt, überfordert. Wenn sie dann allein da stehen, wenn Eltern und Freunde nicht helfen oder nicht helfen können, dann ist das schon ein Schritt in die drohende Arbeitslosigkeit. Christen aus der Eifel, genauer aus dem Dekanat Martental möchten genau an dieser Stelle helfen. Sie wollen ein Patenschaftsmodell entwickeln. Jugendliche an der Schnittstelle zwischen Schule und Beruf bekommen einen Paten oder eine Patin vermittelt. Der begleitet sie z.B. zu einer Praktikumsstelle oder hilft bei der Bewerbung. Diese Idee ist Teil einer groß angelegten Kampagne der Aktion Arbeit im katholischen Bistum Trier. Seit 25 Jahren hilft diese Initiative mit Spendengeldern dabei, arbeitslosen Menschen eine sinnvolle Arbeit zu ermöglichen und Perspektiven zu eröffnen. Seit dem vergangenen Sonntag ist die Aktion Arbeit um eine Facette reicher geworden. Da hat Bischof Reinhard Marx offiziell die neue Kampagne eröffnet. Das Motto: „Wir schaffen Arbeit. Wir finanzieren Zukunft. Wir fördern Begegnung.“
Eine Idee dabei ist, Menschen zusammen zu bringen. Pfarrgemeinden, Jugendverbände, Gruppen und Gremien sollen erfahren, wie es um die Arbeitslosenmaßnahmen und Qualifizierungsprojekte in ihrer Nachbarschaft steht. Menschen mit und ohne Arbeit sollen in Kontakt miteinander kommen und mehr voneinander erfahren. Und sie sollen auch ihre eigenen Ideen und Projekte einbringen. Eines davon ist das Patenschaftsmodell. Für die Kampagne ist in dieser Woche kräftig geworben worden. In Trier ist noch bis zum Sonntag der große Stand der Aktion Arbeit im Rahmen des Bistumsfestes, der so genannten „Heilig-Rock-Tage“ geöffnet. Die wichtigsten Mitspieler sind allerdings überall verteilt, nämlich Sie und Ich. Vielleicht sind Sie ja Mitglied in einem Verein, einem Verband oder engagieren sich in ihrer Pfarrgemeinde. Wissen sie, wo sich in ihrer Nähe das nächste Arbeitslosenprojekt befindet? Man könnte ja einmal einen Besuchstermin vereinbaren. Denn als Bürger und erst recht als Christen kann uns die Tatsache, dass Millionen Menschen keine Arbeit haben, nicht egal sein.
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Guernica – das ist eines der berühmtesten Gemälde der Welt und stammt von Pablo Picasso.
Man erzählt, dass einmal ein deutscher SS Offizier auf das Bild gezeigt hat und Picasso fragte: "Haben Sie das gemacht?" Und Picasso antwortete: "Nein, Sie!"
Es gibt Menschen, die sagen, dass sie sich so den Weltuntergang vorstellen könnten: Schreiende Frauen und Kinder, ein Stier, ein Pferd, ein Bild des Schocks und des Traumas, das unser ganzes Grausen am Rande des Abgrunds enthält.
„Guernica“ - das Gemälde ist heute bekannter als die Stadt, die ihm den Namen gab. Heute vor 70 Jahren, am 26. April 1937 ist die kleine Stadt in Nordspanien von deutschen Flugzeugen der „Legion Condor“ zerstört worden. Hitlerdeutschland unterstützte damals im spanischen Bürgerkrieg die Partei um General Franco mit Soldaten und Waffen. Wie Coventry, Dresden und Hiroshima ist auch "Guernica" ein Symbol für militärische Zerstörung und militaristisches Verbrechen. Bis heute weiß niemand genau, welchen Zweck die Zerstörung Guernicas und der Tod von ungefähr 300 Menschen haben sollte. Das berühmteste Anti-Kriegsgemälde der Welt hält die Erinnerung an das Leiden und Sterben der Opfer heute vor 70 Jahren wach.
Und es erfüllt seinen Zweck. Dies zeigte sich zuletzt im Jahr 2003 im UN-Sicherheitsrat in New York. Dort hängt eine Kopie von Picassos Bild. Bevor US-Außenminister Colin Powell seine offensichtlichen Falschmeldungen über das irakische Atompotential in die ganze Welt verkündete, ließ man "Guernica" zuhängen. Wollte da jemand sein Gewissen beruhigen? Es hat nichts genützt.
„Frevel geht nicht aus der Erde hervor, und Unheil wächst nicht aus dem Acker; sondern der Mensch erzeugt sich selbst das Unheil, wie Funken hoch empor fliegen“, heißt es in der Bibel im Buch Ijob. (Ijob5, 6f)
Diese alte biblische Einsicht ist gültig bis heute. Der Mensch ist verantwortlich. Und es nützt aber auch gar nichts, davor die Augen zu verschließen oder ein großes Tuch darüber zu hängen. Vor zehn Jahren hat Bundespräsident Roman Herzog die Bewohner der Stadt Guernica um Verzeihung gebeten für das, was deutsche Soldaten ihnen angetan haben. Das ist das Eine. Das Andere liegt an jedem von uns: an Tagen wie heute dafür zu sorgen, dass geschehenes Unrecht und Leid nicht zugehängt wird. Und im eigenen Leben zu zeigen, dass auch das Gegenteil, nämlich Glück und Segen durch unser Tun möglich ist.
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Man schreibt das Jahr 70 n. Chr. Die Römer haben gerade Jerusalem und seinen Tempel zerstört. Die meisten Apostel sind tot; Petrus und Paulus vor einigen Jahren als Märtyrer in Rom gestorben. Die erhoffte rasche Wiederkehr des auferstandenen Christus ist bisher ausgeblieben. Unsicherheit breitet sich aus in den jungen christlichen Gemeinden.
Da tritt ein Schriftsteller auf den Plan. Kein genialer Wortakrobat, aber ein guter Erzähler. Er wagt etwas völlig Neues: eine Geschichte über das Leben und Wirken des Jesus von Nazareth. Dieser Pionier ist der Evangelist Markus. Er verwertet verschiedene schriftliche Zeugnisse, die ihm vorliegen und macht daraus eine geschickt aufgebaute Erzählung. Von der Taufe Jesu im Jordan bis zu Tod und Auferstehung in Jerusalem.
Seine Arbeit nennt er „Gute Nachricht“, „Frohe Botschaft“. Mit diesem in Griechisch abgefassten „Evangelium“ begründet Markus eine neue Form der Literatur. Sie wird Schule machen. Lukas, Matthäus und Johannes folgen Jahre später seinem Beispiel.
Ob Markus wirklich der Begleiter des Paulus und Dolmetscher des Petrus war, wie die christliche Tradition meint, darüber streiten die Gelehrten. Es ist auch nicht klar, ob er das Evangelium für eine christliche Gemeinde in Syrien oder in der Hauptstadt Rom schrieb. Heute jedenfalls feiert die Kirche seinen Namenstag.
Wer sich mit der Gestalt Jesu beschäftigen möchte, der sollte auf das Markus-Evangelium zurückgreifen. Nicht nur, weil es das älteste und kürzeste ist! Markus bevorzugt die Taten Jesu. Seine Sprache ist mitreißend und temperamentvoll, die Personen emotional bewegt. Die Spannung wächst von Seite zu Seite: Wer ist dieser Jesus eigentlich?
Der erste Mensch, der Jesus als „Sohn Gottes“ bekennt, ist nach Markus ausgerechnet der römische Hauptmann, der die Hinrichtung auf Golgatha überwacht. Ein Heide also! Auch das ein Hinweis darauf, dass der erste Evangelist für eine christliche Gemeinde schreibt, in der die meisten Gläubigen nicht mehr aus dem Judentum kommen. Es lohnt sich, das Evangelium einmal (wieder) fortlaufend zu lesen und nicht nur in Ausschnitten. Wer dabei ganz unmittelbar dem Glauben der ersten Christen begegnen möchte, der kommt an Markus nicht vorbei.
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Kennen Sie den? „Zwei Planeten, die sich nur alle 200 Millionen Jahre begegnen, treffen einander. Da fragt der eine: „Wie geht es Dir ? Du siehst ziemlich mitgenommen aus !“ „Ja“, sagt der andere. „Es geht mir auch sehr schlecht. Stell´ Dir vor: ich hab´ den Homo sapiens!“ „Oh Gott! Du Armer! Das kenne ich. Aber tröste Dich ! Das geht bald vorbei!“
Schwarzer Humor, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Die Erde steht auf der Kippe. Vor allem weil sie der Mensch rücksichtslos ausplündert. Diese Erkenntnis ist nicht ganz neu. Aber im Gegensatz zu früher dringt sie stärker in unser Bewusstsein. Die Einschläge kommen näher. Den Klimawandel und seine Folgen spüren wir schon sehr deutlich. „Aussitzen“ geht nicht.
In der Wirtschaft lernen wir schon das Einmaleins der Globalisierung. Jetzt gilt es, auch beim Projekt „Rettung des Planeten“ in weltweitem Maßstab zu denken und zu handeln. Wenn in den Tropen der Regenwald abgeholzt wird, dann trifft das auch uns. Umgekehrt: Wenn wir in den Industrienationen den CO2-Ausstoß nicht bremsen, schmelzen die Polkappen und tiefergelegene Landstriche versinken in den steigenden Meeresfluten.
Die Zusammenhänge werden greifbar. Ein Bewusstseinswandel tut not. Christen in allen Kirchen unterstützen ihn, indem sie sich in den unterschiedlichsten Aktionsgruppen für die „Bewahrung der Schöpfung“ einsetzen. Und selbst hartgesottenen Politikern dämmert es, dass die Menschheitsprobleme an keinen nationalen, weltanschaulichen oder kulturellen Grenzen Halt machen. Eine Art „Weltinnenpolitik“ ist gefordert.
Als vor über 20 Jahren der saudische Sultan Salman von einem Raumflug mit dem Spaceshuttle zurückkam, erzählte er: „Am ersten Tag deutete jeder Astronaut an Bord auf sein eigenes Land. Am dritten oder vierten Tag zeigte jeder auf seinen Kontinent. Ab dem fünften Tag gab es für uns alle nur noch e i n e Erde.“

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„Mein Sohn, lass dich warnen ! Es nimmt kein Ende mit dem vielen Bücherschreiben,
und viel Studium ermüdet den Leib.“ (Koh 12,12)
Diese Mahnung ist über 2.000 Jahre alt und findet sich in der Bibel, im alttestamentlichen Buch Kohelet. Einerseits wirkt sie ganz aktuell. Das Bücherschreiben nimmt in der Tat kein Ende. Jahr für Jahr neue Rekorde auf der Buchmesse. Die Flut der Neuerscheinungen ist kaum mehr zu überblicken. Aber ist das Volk der Dichter und Denker deshalb auch ein Volk der Leser? Wohl kaum! Glaubt man der Statistik, dann hat fast die Hälfte der Bundesbürger im vergangenen Jahr kein einziges Buch gekauft, jeder zehnte Deutsche keines gelesen. Und wo müsste heute ein Vater seinen Sohn vor zuviel Lesen warnen? Die PISA-Studie zeigt: mit der Lesekompetenz der Kinder und Jugendlichen hapert es gewaltig. Schmökern scheint „out“. Wenn gelesen wird, dann eher flüchtig am PC. Internet statt Buch. Es hat also schon seine Berechtigung, wenn der heutige „Welttag des Buches“ zur Wiederentdeckung des ältesten Mediums anregen soll.
Für den Glauben ist das Lesen von zentraler Bedeutung. Ohne ihre Heiligen Schriften wären die monotheistischen Religionen, also die Religionen, die an einen Gott glauben, nicht vorstellbar. Das Judentum verdankt sich der Thora, der Islam fußt auf dem Koran. Und auch wenn Gott nach christlicher Überzeugung in Jesus von Nazareth ein Mensch wurde und nicht etwa ein Buch (!), so hätte das Christentum ohne die Zeugnisse des Neuen Testaments keine Zukunft gehabt. In ihnen wird die Botschaft Jesu und der Glaube der ersten Christen lebendig. In der Bibel haben Menschen ihre Erlebnisse mit Gott und der Welt festgehalten. Ungezählten Lesern hat dieser Erfahrungsschatz geholfen, ihr eigenes Leben sinnvoll zu gestalten. Deshalb lebt der Glaube nicht nur vom Hörensagen, das Lesen bleibt wichtig.
Der Dichter Jean Paul hat vor 200 Jahren eine Definition geprägt, die in besonderer Weise auch für die biblischen Texte gilt: „Bücher sind nichts anderes als dickere Briefe an Freunde.“
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