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SWR4 Abendgedanken

Essen kann tröstlich sein und heilsam.„Hinterher gehen wir Eis-Essen,“ hat die junge Mutter ihrem Töchterchen versprochen. Es ist ein heißer Tag, und ich war mit ihr und ihrer sechsjährigen Tochter in der Kirche verabredet. Mathilda sollte getauft werden, und ich wollte ihr zeigen, wie das sein wird. So recht hat die Kleine es wohl nicht eingesehen, warum sie mit der Mama bis zur Kirche laufen sollte. Aber anschließend würde es in der Eisdiele eine Belohnung geben. Das hat ihr den Termin mit der Pfarrerin schmackhaft gemacht.

Ich denke an solche Belohnungsessen aus meiner Kindheit. Grillhähnchen waren für uns so etwas Besonderes. Dazu musste meine große Schwester extra mit dem Auto in die Stadt fahren, um sie zu holen. Bis heute verbinde ich mit dem Geschmack von Grillhähnchen diese Stimmung des ganz Besonderen und Außergewöhnlichen. Oder der Kakao, den es nur am Samstagabend gab nach dem Baden. Wenn ich, eingehüllt in den Frotteemantel, mit der Familie am Abendbrottisch saß, war der Kakao für mich die absolute Krönung der Woche. Und als ich mir einmal den Arm gebrochen hatte, war ich froh, als eine Freundin mir ein Mittagessen für die ganze Familie vorbeigebracht hat. Das war nicht nur Stärkung für den Magen sondern auch für die Seele.

Früher war es üblich, dass die Nachbarn Menschen, die in Trauer sind, ein Essen vorbeigebracht haben; oder wenn ein Kind geboren wurde, gab es von den Nachbarn Hühnersuppe für die Wöchnerin.  Die Bibel erzählt, wie der Prophet Elia sehr erschöpft war und wie ihm ein Engel Wasser und geröstetes Brot gebracht hat. Ich denke mir, dass ihm nicht nur das Brot Kraft gegeben hat. Genauso wichtig war wahrscheinlich die Fürsorge, dass da einer war, der ihm zu essen gebracht hat, als er keine Kraft mehr hatte, selber für sich zu sorgen.

Ein Eis für das Töchterchen als Belohnung, eine Suppe für die trauernde Nachbarin, ein Brot für den erschöpften Freund, einen Kakao für die Familie am Samstagabend -- es gibt viele gute Gelegenheiten, wie ich einem anderen Menschen das Leben schmackhaft machen kann. Das ist tröstlich oder heilsam, und es tut einfach gut.

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„Dich schickt der Himmel“, So hat sich meine Freundin Gertrud neulich gefreut, als ich vor der Tür stand. Ich hatte in der Nachbarschaft zu tun. Und wollte nur kurz Hallo sagen. Aber Gertrud hatte eben an einem Problem herumgegrübelt, mit dem sie alleine nicht weiterkam. Nun stand ich plötzlich vor der Tür, und sie war froh: „Dich schickt der Himmel!“

Für mich war das auch schön. Es fühlt sich gut an, wenn man das gesagt bekommt. Du kommst genau richtig. Es tut mir gut, dass du jetzt kommst. Dich schickt der Himmel.

Die Bibel erzählt, wie ein Mann namens Philippus einmal diese Erfahrung gemacht hat. Philippus war ein Diakon aus der frühen christlichen Gemeinde. Eines Tages begegnete er einem Fremden: ein hoher Beamter der Königin von Äthiopien. Philippus hat mitbekommen, wie der Fremde in einer Schriftrolle gelesen hat. Früher war es üblich, laut zu lesen. Philippus hat gehört: Der Mann aus Äthiopien hat eine Schriftrolle mit einem Prophetentext vor sich. „Verstehst du, was du da liest“, hat Philippus ihn gefragt. Und als der Fremde antwortet: „Wie soll ich, ich habe keinen, der es mir erklärt“, da sind die beiden sind ins Gespräch gekommen. Philippus hat erzählt, was er mit Jesus erlebt hat. Das hat der Fremde verstanden, und es hat ihn überzeugt. Deshalb hat auch er sich für den Glauben an Jesus Christus entschieden. Auf der Stelle hat er sich von Philippus taufen lassen.

Am Ende der Geschichte heißt es, dass der Beamte aus Äthiopien fröhlich weitergereist ist. Philippus ist genau dann zur Stelle gewesen, als der Fremde sich mit dem Glauben befasst hat. Da hat der Äthiopier jemanden gebraucht, der sich mit ihm darüber unterhält. Und Philippus war da - Wie vom Himmel geschickt. Philippus hat das wahrscheinlich auch so empfunden: Dass er genau jetzt und hierhin geschickt worden war, weil er gebraucht wurde.

Bei meinem Besuch bei Gertrud ging es ebenfalls um ein Problem, bei dem ich ihr helfen konnte. Ob es tatsächlich der Himmel war, der mich geschickt hat? Das ist vermutlich Ansichtssache. Aber ich lasse mich gerne vom Himmel schicken.

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Manche Fehler lassen sich nicht wieder gutmachen. Man muss sie buchstäblich begraben. Das zumindest lehrt ein alter Brauch der Steinmetze. Die Steinmetzin, die an unserer Kirche arbeitet, hat mir davon erzählt. Sie sprechen von einem „Bernhard“, wenn ein Stein beim Bearbeiten kaputtgeht und nicht weiter verwendet werden kann. Dass der Stein Bernhard genannt wird, geht auf ein Ereignis im 12. Jahrhundert zurück, wo Steinmetze an der Skulptur des heiligen Bernhard gearbeitet haben. Der Stein wurde falsch bearbeitet und war nicht mehr zu retten. Daraufhin haben die Steinmetze ihn beerdigt – wie beim Begräbnis eines Menschen. 

Später hat sich ein festes Ritual um diesen Brauch herum entwickelt: Der für den Fehler Verantwortliche musste sich von seinen Kollegen beschimpfen lassen; und er musste ihnen einen Leichentrunk spendieren. Und dann wurde der verdorbene Stein begraben, und damit war auch das Thema beerdigt.

Die Steinmetzin, die mir davon erzählt hat, kennt diesen alten Brauch vom Hörensagen. „Aber,“ hat sie mir erklärt, „heutzutage ist es selten geworden, dass man einen Stein nach mühevoller Handarbeit versehentlich kaputtmacht. Große Steine werden oft mit Maschinen bearbeitet. Entsprechend selten ist auch das Ritual geworden.“

Ich finde, dass sehr viel Weisheit in diesem Brauch steckt: „Bernhards“ gibt es ja nicht nur bei der Steinmetzarbeit. Wer arbeitet, macht auch Fehler. Und es ist gut, wenn es dann einen Weg gibt, wie man damit umgehen kann. Einen Weg, der mir erlaubt: Ich darf zu meinem Fehler stehen. Ich kann sagen, was passiert ist. Und die anderen dürfen sich ärgern und schimpfen. Aber dann wird der Fehler beerdigt. Die Sache ist erledigt. Ausgestanden.

Ich denke mir, wo es nicht so einfach ist, einen Fehler wiedergutzumachen, könnte ein solches Ritual nützlich sein. Es hilft, dass ich Schuld nicht abstreiten muss oder verharmlosen. Und die anderen nehmen meinen Fehler hin. Sie wissen, dass ihnen so etwas auch passieren kann. Ich muss nicht schönreden, was passiert ist. Aber es muss auch nicht  ewig Thema sein.

Einen Bernhard-Stein beerdigen, das machen heute selbst die Steinmetze kaum noch. Aber einen Fehler eingestehen, darüber reden und dann gemeinsam das Gewesene zu begraben – das halte ich für wichtig.

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Wo warst du am 11. September? Viele Menschen wissen heute noch genau, wie sie damals von dem Terroranschlag in New York erfahren haben.

Sich an ein Ereignis erinnern, das funktioniert am besten, wenn ich irgendwie selbst darin vorkomme, wenn ein Moment oder ein Ort meines eigenen Lebens verknüpft ist mit dem Ereignis damals. Ich erinnere mich, dass ich am 11. September 2001 nachmittags auf dem Weg zu einem Arzttermin gewesen bin, als mich auf dem Parkplatz ein Bekannter angesprochen hat: „Hast du schon gehört?“ Mein Bekannter war sehr aufgeregt, während ich eine Zeitlang gebraucht habe, um zu verstehen, worum es ging.

Ich erinnere mich an diese Szene bis heute. Obwohl es kein besonderes Ereignis in meinem Leben gewesen ist, -- ein Arztbesuch eben. Aber offenbar geht es vielen Menschen so, dass sie sich erinnern, wo sie gewesen sind, als sie von dem Terroranschlag erfahren haben.

Wo warst du am 11. September? Diese Frage hält die Erinnerung wach an einen Tag, der seitdem mit dem Thema Terrorismus in Verbindung gebracht wird. Ich bin damals weit weg gewesen und doch gibt es bis heute in meinem Gedächtnis eine Verbindung.

Manche Erinnerungen knüpfen sich an Orte oder Symbole. Die Bibel erzählt von Jakob, der einen Traum hat, in dem er Gott erlebt. Als Jakob danach wieder aufwacht, markiert er den Stein, auf dem er gelegen hat, als den Ort, an dem er von Gott geträumt hat. Ein Ort der Erinnerung an eine wichtige Erfahrung. Für Jakob war es wichtig, dass er diesen Traum nicht vergisst. Er hat ganz bewusst den Ort markiert, an dem er diesen Traum hatte.

An dem Ort, an dem in New York die beiden Türme eingestürzt sind, ist heute eine Gedenkstätte entstanden. Die Namen der fast 3000 Toten vom 11. September 2001 sind dort zu lesen. Auch das ist ein Ort, an dem viele Menschen sich bewusst erinnern.

Die Frage Wo warst du am 11. September? ist eine weiteres Erinnerungsmal. Es hält für mich und für viele Menschen die Erinnerung wach an das Ereignis im fernen New York. Ich bin damals weit weg gewesen, und doch gibt es bis heute in meinem Gedächtnis eine Verbindung zu den Menschen dort.

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Heute ist der Welttag der Suizidprävention. Die internationale Gesellschaft für Suizidprävention macht an diesem Tag darauf aufmerksam, dass den Menschen geholfen werden kann, die in der Gefahr sind, sich das Leben zu nehmen. Und sie erinnert an die vielen Menschen, die von Suizid betroffen sind, weil sie einen Freund oder einen Verwandten durch Suizid verloren haben. „Zünde eine Kerze an“ ist eine Einladung, heute Abend um 20 Uhr eine Kerze in ein Fenster zu stellen. Das ist ein Zeichen der Unterstützung der Suizidprävention. Die Kerze im Fenster zeigt: Ich denke an einen geliebten Menschen.

Für Menschen, in deren Sicht alles düster ist, kann das ein Hinweis sein, der ihnen gut tut. Ein weltweites Zeichen gegen die Dunkelheit. Und ein Zeichen der Solidarität. Solche Solidarität fehlt oft den Menschen, die Depressionen haben. Manchmal bekommen sie von anderen zu hören: „Stell dich nicht so an!“ oder: „Reiß dich zusammen!“

Solche Appelle helfen ja nicht. Eine depressive Erkrankung ist schlimm: Die Betroffenen denken, es gäbe für sie keinen Ausweg und keine Hilfe. Was für einen gesunden Menschen ganz leicht ist, fühlt sich für einen Kranken dann an wie eine unlösbare Aufgabe. Alles wird dadurch noch schlimmer. Und die innere Suche nach einer Lösung, wie man die düsteren Gedanken abstellen kann, bringt depressive Menschen in Lebensgefahr.

Ich habe einen Freund, der war an Depressionen erkrankt. Das war so schlimm, dass er damals selber nicht mal mehr die Kraft gehabt hat, sich Hilfe zu holen. Zum Glück haben Freunde dafür gesorgt, dass er medizinische Hilfe bekommt. Heute sprechen wir manchmal darüber. Mein Freund sagt: Es hat mir geholfen, dass Menschen sich um ihn gekümmert und meine Erkrankung ernstgenommen haben.

Auf der ganzen Welt kämpfen Menschen gegen Suizidalität an und wollen dagegen vorbeugen. Mit Gebeten, in der Forschung und indem darüber offen gesprochen wird. „Hand in Hand für Suizidprävention“  heißt das Thema, dem dieser Tag heute gewidmet ist. Ich will eine Kerze anzünden, will an Menschen denken, die mir wichtig sind und will für sie beten.

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