Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

Der älteste Baum auf dieser Erde ist eine Grannenkiefer. Er steht in einem Waldgebiet in Kalifornien und ist 4773 Jahre alt ist. Mich hat überrascht, dass er unter ganz schwierigen äußeren Bedingungen lebt. Er steht auf etwa 3000 Meter Höhe, bekommt kaum Regen, muss jedoch extreme Kälte und starke Winde aushalten. Das ist wohl der Grund, warum dieser Baum über die Jahrtausende hinweg nur ganz, ganz langsam gewachsen ist. Jedes Jahr wurde er nur wenige Zehntel Millimeter dicker und ist heute 18 Meter hoch. Er wächst übrigens immer noch.

Ich lerne an diesem Baum zwei Dinge. Einmal: Wachstum braucht seine Zeit. Und: Die schwierigen äußeren Bedingungen haben den Baum so stark und widerstandfähig gemacht.

Wenn etwas wachsen und stark werden will, dann braucht es Zeit. Ich sehe das auch in der Bibel. Dort wird erzählt, dass Mose das Volk Israel aus Ägypten befreit hat. In Ägypten hatten sie als ausländische Sklaven unter der Peitsche des Pharaos gelebt. Nachdem sie frei waren, zogen sie durch die Wüste in das Land Kanaan, um dort eine neue Heimat zu finden. Eigentlich dauerte die Wegstrecke wenige Wochen. Aber wissen Sie, wie lange das Volk unterwegs war? 40 Jahre! Nein, sie hatten sich nicht verlaufen, sondern sie brauchten diese Zeit, um innerlich zu wachsen und stark zu werden für die Herausforderungen der Zukunft.

Mir gibt das zu denken, denn solche Langsamkeit passt überhaupt nicht in unsere Zeit. Heute muss alles schnell gehen. Wenn ich eine Ware im Internet bestelle, soll möglichst morgen schon das Paket bei mir ankommen. Wenn ich einen Brief als Email verschicke, ist er Sekunden später beim Empfänger und der soll nach Möglichkeit rasch antworten. ICEs sparen Jahr für Jahr auf ihren Strecken nochmal ein paar Minuten ein und Fast Food Restaurants versprechen, dass ich gleich nach meiner Bestellung das Essen auf dem Teller oder besser: auf dem Tablett habe.

Aus der Bibel lerne ich, dass ich mir selbst Zeit lassen darf. Wie dieser uralte Baum in Kalifornien. Ich brauche also nicht heute schon perfekt zu sein und muss nicht alle Ziele in meinem Leben möglichst schnell erreichen. Gott lässt mir die Zeit, die ich brauche, um ein reifer, starker Mensch zu werden.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25467

"Gott kommt immer pünktlich“. Eine gute Freundin sagt mir das öfter, wenn ich irgendein Problem habe und darauf warte, dass Gott mir endlich hilft. Sie hat das auch gesagt, als wir für meinen Sohn eine Wohnung gesucht haben, weil er mit seiner Ausbildung beginnen wollte. Es war schwierig, ordentlichen und bezahlbaren Wohnraum zu finden. Wochenlang haben wir im Internet nach Wohnungen gesucht, Anfragen gestellt, Besichtigungstermine vereinbart, Formulare ausgefüllt und Absagen bekommen. Die richtige Wohnung war nicht dabei. Wir haben warten müssen und dabei gehofft, dass meine Freundin Recht hat mit ihrem Satz: „Gott kommt immer pünktlich“.

Gott kommt pünktlich. Er kommt also mit seiner Hilfe nicht zu spät. Aber es bedeutet genauso: Gott kommt auch nicht zu früh. Er hilft genau dann, wenn die Hilfe gebraucht wird und der richtige Moment dafür gekommen ist. Ich hätte Gottes Hilfe gerne manchmal etwas früher, am besten sofort, wenn ich darum bete. Ich finde es schwer, darauf warten zu müssen.

Die Bibel erzählt die Geschichte von Zacharias dem Vater von Johannes dem Täufer. Auch er hat erlebt, dass Gott pünktlich kommt. Nicht zu spät, aber auch nicht so früh, wie erhofft. Zacharias und seine Frau Elisabeth hatten sich immer ein Kind gewünscht. Aber sie konnten keine Kinder bekommen. Irgendwann waren die beiden dann alt geworden, zu alt, als dass sie noch auf Kinder hätten hoffen können. Sie hatten ihre Träume beerdigt, ihre Hoffnungen begraben und damit leben gelernt, dass sich manche Wünsche nicht erfüllen. Das war schmerzvoll für sie. Aber dann hat ihnen Gott doch noch ein Kind geschenkt. Johannes.

Zacharias und Elisabeth konnten das erst gar nicht glauben. Gott hatte seinen eigenen Zeitplan, und der war anders, als das alte Ehepaar sich das gedacht hatte. Gott hat gehandelt, als die Zeit dafür reif war.

 „Gott kommt immer pünktlich“ Nicht zu spät. Aber eben auch nicht so früh, wie ich mir das manchmal wünsche. Gott handelt dann, wenn die richtige Zeit gekommen ist. – Und ich habe mich sehr gefreut, dass wir doch noch eine Wohnung gefunden haben für meinen Sohn. Gerade noch rechtzeitig und genau in dem Ort, wo die Ausbildung beginnen sollte. Gott war pünktlich, ich hatte es fast nicht mehr geglaubt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25466

Als Kind bin ich vor Aufregung fast gestorben, wenn der Nikolaus kam. Als ich älter wurde kam der Nikolaus dann nicht mehr persönlich bei mir vorbei. Dafür füllte er mir meine Stiefel, die ich abends vor meine Zimmertür gestellt hatte. Doch ganz egal, auf welche Weise mich der Nikolaus besuchte, das Wichtigste waren für mich natürlich immer die Geschenke, die er mitbrachte. Das war jedes Mal schon ein kleiner Vorgeschmack auf Weihnachten.

Geschenke sind wichtig. Nicht nur für Kinder. Ich bekomme auch als Erwachsener gerne mal was geschenkt und ich finde es toll, wenn sich jemand über ein Geschenk freut, das ich für ihn ausgesucht habe. Ich habe gelernt, dass Geschenke eine „Sprache der Liebe“ sind. Sie sind eine Art, jemandem zu zeigen, dass man ihn mag. Jedenfalls dann, wenn sie von Herzen kommen.

Nicht nur von anderen Menschen bekomme ich Geschenke. Auch von Gott werde ich beschenkt. In der Bibel lese ich im Jakobusbrief: „Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt vom oben, vom Vater im Himmel“ (Jak. 1,17)

Wenn ich darüber nachdenke, dann fällt mir tatsächlich einiges ein, womit ich von Gott beschenkt bin: Jeden Morgen bekomme ich einen neuen Tag geschenkt und die nötige Kraft, ihn zu bestehen. Ich habe eine Familie und Freunde. Ich habe ein Dach überm Kopf und mehr als genug zum Leben. Ich freue mich über schöne Musik, gute Bücher, leckerem Essen und an der Natur. Und manchmal erlebe ich, wie ich in einer Situation bewahrt werde. Oder wie sich bei einem Problem auf einmal eine Lösung finden lässt. Das ist alles gar nicht selbstverständlich, sondern ein Geschenk.

Nur, dass ich das manchmal nicht sehen kann, weil ich viel zu oft auf das schaue, was ich nicht habe. Ich vergleiche mich dann mit anderen und denke dabei: Denen geht es viel besser als mir. Oder ich blicke auf meine Sorgen und male mir vor Augen, was noch alles Schlimmes in meinem Leben passieren könnte. Das verstellt mir dann den Blick für das Gute, das ich geschenkt bekommen habe.

Heute am Nikolaustag will ich nicht auf das sehen, was mir fehlt oder mir Sorgen macht. Ich will mich an den Geschenken freuen, die ich von Menschen bekomme und die Gott mir jeden Tag macht. Für mich sind das Zeichen von Liebe.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25465

Warten-müssen macht mich ganz verrückt. Vor ein paar Tagen zum Beispiel an der Kasse im Supermarkt. Ich hatte nur ein paar wenige Einkäufe in der Hand, zwei Jogurt, ein Salat, eine Tafel Schokolade. Aber schon von weitem habe ich gesehen, dass sich an den zwei offenen Kassen lange Schlangen gebildet hatten. Innerlich hab ich aufgestöhnt und abgeschätzt: An welcher Kasse geht es am Schnellsten voran? Da hab ich mich dann angestellt. Bis die Kassiererin plötzlich aufgestanden ist um irgendetwas mit dem Marktleiter zu klären. Ich wurde nervös und hab die Kasse gewechselt, was es auch nicht schneller machte.

Was ist da los mit mir? Warum fällt mir das geduldige Warten so schwer? Ich glaube, das hat bei mir etwas mit Hilflosigkeit zu tun. In einer Kassenschlange fühle ich mich hilflos, weil ich gar nichts dafür tun kann, dass es schneller vorangeht. Ich kann noch so nervös von einem Fuß auf den anderen treten oder meine Einkäufe möglichst schnell auf das Kassenband legen – es hilft nichts, ich muss warten, bis die anderen vor mir bezahlt haben und ich an der Reihe bin. Ich hasse es, so ausgeliefert zu sein.

Für Menschen wie mich hat Jesus wohl einmal die Geschichte von der wachsenden Saat erzählt. Jesus erzählt, dass ein Bauer auf sein Feld geht, den Boden umpflügt, die Weizenkörner ausstreut und dann – nichts tut. Tagelang tut der Bauer nichts. Er kann auch gar nichts tun, außer warten, denn aus den Samenkörnern wächst von ganz allein die Pflanze hervor, und die braucht für das Wachstum ihre Zeit. Der Bauer muss abwarten, bis es soweit ist. Erst nach langem Warten freut er sich über die Ernte. (Mk 4,26-29)

Die Geschichte von Jesus macht mir auch deutlich: Warten gehört einfach zum Leben dazu. Auf manche Dinge habe ich keinen Einfluss. Das will ich akzeptieren und ein wenig mehr Geduld lernen. Nicht nur an der Kasse im Supermarkt, sondern auch bei anderen Dingen in meinem Leben. Dass meine Kinder erwachsen und selbstständig werden. Dass sie einmal einen liebevollen Partner finden und einen Beruf, der ihnen Freude macht. Dass ich selbst gesund bleibe. Es gibt so vieles, was ich nur wenig beeinflussen kann. Doch wenn ich vertraue, dass diese Dinge in Gottes Hand liegen, dann kann ich gelassener damit umgehen und das Warten fällt mir leichter. Er wird es gut machen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25464

Seit letzter Woche habe ich wieder ein Schokoladenadventskalender. Ohne ihn kann ich mir die Adventszeit nicht vorstellen. Schon als Kind habe ich gewusst: Wenn fast alle Türchen offen stehen, dann dauert es nicht mehr lange, bis endlich der Heilige Abend da ist.

Einen Adventskalender habe ich heute noch, aber so sehnsüchtig wie früher warte ich nicht mehr. Auch nicht auf Weihnachten. Ich bin älter geworden und so manches in meinem Leben hat längst seine Faszination verloren. Schade. Ich frage mich, worauf ich heute eigentlich noch warte. Ich habe ja längst gelernt, dass sich nicht alle Träume und Wünsche im Leben erfüllen. Ich wollte mal Lokomotivführer werden, Fußballspieler, Missionar in Afrika. Hat sich alles nicht ergeben. Manche Träume sind geplatzt, manche Hoffnungen habe ich beerdigt, manche Chancen verpasst. Es gibt Tage, da bin ich schon froh, wenn alles bleibt, wie es ist, und wenn schon meine Träume sich nicht erfüllen, dann wenigstens auch nicht meine Befürchtungen.

Im Nachdenken darüber habe ich mich an ein Bibelwort aus den Psalmen erinnert. Da betet jemand im Psalm 130: „Voller Sehnsucht warte ich auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen“ Ich weiß nicht, wer so gebetet hat, aber ich verstehe: da hat jemand ungeduldig auf Gott gewartet. Offenbar hatte dieser Mensch das Gefühl, dass es in seinem Leben gerade ziemlich dunkel ist. Er kann nicht erkennen, wie es weitergehen soll. Vielleicht leidet er unter einer Krankheit. Vielleicht hat er Angst um sich oder andere Menschen. Und jetzt sagt er: So wie ein Nachtwächter den Anbruch des neuen Tages herbeisehnt, so warte ich auf Gott.

Mir gefällt das. Auch als Erwachsener will ich auf Gott warten. An Tagen, an denen es mir gut geht genauso wie an Tagen voller Sorgen. Sicher: Von Weihnachten erwarte ich nicht mehr so viel wie früher. Aber dass Gott mit mir und meinem Leben noch was vorhat, dass er mir in schweren Zeiten hilft und für mich noch manches Schöne bereithält, das will ich doch erwarten. Wer weiß, wohin Gott mich noch führt? Wer weiß, welche Menschen ich noch kennen lernen werde und welche neuen Erfahrungen ich noch mache? Ich bin gespannt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25463