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SWR4 Abendgedanken

Gott tut zwar Wunder, aber ich kann etwas dazu beitragen, dass sie auch wirklich geschehen. Das ist die Lehre, die ich aus der biblischen Geschichte von Sara gezogen habe.

Sara ist die Frau von Abraham, dem Urvater des Volkes Israel, dem Urvater des Glaubens. Manchmal wird sie neben ihm ganz vergessen. Dabei ist Sara die Urmutter des Volkes Israel und die Urmutter des Zweifels. Und der ist mir mindestens so vertraut wie der Glaube.

Eines Tages kündigt ein Engel an, dass Abraham und seine Frau Sara trotz des hohen Alters, das sie bereits erreicht haben, doch noch ihr erstes Kind bekommen werden. Abraham nimmt es staunend zur Kenntnis, aber Sara fängt an zu lachen.

Sie ist einfach die Realistischere. Sie hat sofort vor Augen, wie die Nächte des altgedienten Ehepaars sich gestalten und dass es schön ist, Hand in Hand einzuschlafen – aber viel mehr geht da nicht mehr. Sie weiß, dass man sich aneinander gewöhnt hat und sie hat berechtigte Zweifel daran, dass in ihrem Alter eine Schwangerschaft noch gelingen kann.

Sie lacht! Und der Engel fragt: Warum lachst du?

Sara reagiert wie wohl alle reagieren würden, wenn ein Engel sie direkt anspricht: Sie erschrickt und natürlich behauptet sie, nicht gelacht zu haben und wischt sich die letzten Lachtränen verschämt aus dem Gesicht.

Ein Wunder hat sie angekündigt bekommen. Und sie zweifelt. Nein, man muss es anders sagen: Sie hat berechtigte Zweifel! Und doch hat sie ein Jahr später ein Kind entbunden.

Was ist seither zwischen ihr und Abraham passiert? Was hat sich verändert? Bei allem Zweifel hat sie sich jedenfalls darauf eingelassen. Sie und ihr Mann haben Gott eine Chance gegeben, seine Ankündigung, sein Wunder wahr zu machen.

Für mich ist diese Frau ein Vorbild. Gar nichts wäre passiert, hätte sie einfach nur ihren Zweifel gehabt. So ist alles passiert, was sie sich sehnlichst gewünscht hatte. Warum? Weil sie bereit war, auch an ihrem Zweifel zu zweifeln und getan hat, was nötig war, damit das Wunder geschehen konnte. Gott tut zwar Wunder, aber ich kann etwas dazu beitragen, dass sie geschehen.

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Daniel hat eine ganze Nacht allein in einer Höhle voller hungriger Löwen verbracht. Das erzählt die Bibel. Ich weiß nicht, warum diese Geschichte Kindern erzählt wird. Ich finde: Sie ist eine Geschichte für Erwachsene, für Angestellte und ihre Chefs. Und so geht sie:

Daniel hat es am Hof des Königs schnell zu einer beachtlichen Position gebracht.
Natürlich sind andere neidisch auf ihn. Erst piesacken sie ihn nur, dann stellen sie ihm eine Falle. Klassisches Mobbing.
Das neidische Pack geht zum Chef, in diesem Fall ist das der König. Er soll eine neue Regel aufstellen. Die Regel ist so gemacht, dass Daniel der einzige ist, der sie nicht einhalten kann. Er müsste etwas gegen seine religiöse Überzeugung tun. Aber das kann er nicht.

Es ist wie heute auch. Der Chef erkennt die Tragweite seiner Entscheidung nicht. Er ahnt nicht, was die Strippenzieher eigentlich erreichen wollen. So bringt er sich selbst in eine Situation, in der er schließlich Daniel bestrafen muss. Die Falle schnappt zu. Daniel hat keine Chance.

Damals werden keine Abmahnungen geschrieben, damals hat man die sogenannten Übeltäter in eine Löwengrube geworfen. Der König, Daniels Chef bemerkt seinen Fehler zu spät. Aber Gott sei Dank: Daniel überlebt. Eine lange Nacht ist er eingesperrt bei den wilden Tieren. Am Morgen sagt er: „Gott hat den Löwen das Maul zugehalten.“

Diese Geschichte wurde erzählt lange bevor jemand wusste, was Mobbing ist. Trotzdem enthält sie einen extrem wichtigen Hinweis für Chefs, die erkennen, dass sie einen Fehler gemacht haben. Auch wenn es vielleicht schon (fast) zu spät ist.

Der Chef dreht am Ende nämlich den Spieß um. Die Vielen, die gegen den einen gearbeitet haben, die kommen nun ihrerseits zu den Löwen. Gott ist ganz sicher auf der Seite derer, die gemobbt werden. Das wird deutlich.

Doch wie gesagt, es ist eine Geschichte für Erwachsene. Und sie hat einen Tipp für Chefs: Denen, die Intrigen spinnen, muss Einhalt geboten werden. Auch wenn dadurch vielleicht ein paar ansonsten gute Arbeitskräfte verloren gehen. Das Mobbing zu stoppen, sobald man es erkannt hat, das ist Chefsache.

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Ich helfe gern, Probleme zu lösen. Und ich mag es auch, wenn mir jemand hilft. Aber ich kann es gar nicht leiden, wenn ich die Helfer nicht mehr loswerde.

Wahrscheinlich fasziniert mich deshalb die Geschichte von Philippus und dem Finanzminister so, die in der Bibel steht. Philippus wird von Gott, so heißt es, ohne weiteren Grund auf eine staubige Landstraße in Palästina geschickt. Und als er dort ist, kommt er in die Reisegruppe eines Ministers, der aus Afrika nach Jerusalem gereist war und nun mit seinen Pferdewagen und der Schutztruppe wieder auf dem Weg in die Heimat ist.

Philippus bekommt mit, dass der Reisende in einem Buch der Bibel liest. Und er erkennt sofort: Der Mann versteht nicht, was er liest. Also fragt er nach. Und tatsächlich: Der Herr Minister versteht kein Wort! Da kann Philippus helfen und das tut er auch. Am Ende will der Staatsmann Christ zu werden. Er lässt sich taufen.

So weit, so gut. Ich finde das an sich ja schon klasse, dass jemand den christlichen Glauben so erklären kann, dass ein anderer beginnt, Gott zu vertrauen.

Doch richtig gut finde ich, dass Philippus nach diesem Erfolg einfach verschwindet. Der Herr Minister „zieht seine Straße fröhlich“ so heißt es in der Bibel. Und Philippus? Der macht jetzt was Anderes.

Wenn ich jemandem helfe, dann würde ich ja schon gern sehen, wie es weitergeht – und dann bleibe ich manchmal zu lange. Dabei weiß ich doch: Menschen, die mir geholfen haben und dann meinen, sie müssten bei allem anderen auch noch helfen, die gehen mir ganz schön auf die Nerven. Schließlich habe ich nicht überall ein Problem und brauche auch nicht überall Hilfe!

Wenn jemand auf die Kinder aufpasst, weil deren Mutter im Geschäft einspringen muss, dann muss er nicht auch noch die ganze Wohnung aufräumen. Das war ja nicht das Problem. Und wenn jemand beim Bau einer Mauer geholfen hat, dann muss er nicht bis zum Tapezieren und Streichen dabeibleiben und für alles eine Meinung haben.

Es ist gut, sagt mir diese Bibel-Geschichte, dabei zu helfen, ein Problem zu lösen. Dann ist es gut und man kann wieder gehen. Sonst wird man womöglich selbst zum Problem J.

Ich helfe gern, Probleme zu lösen. Ich bitte Gott, dass er mir zeigt, wenn der andere seine Straße wieder fröhlich ziehen kann. Und ich kann verschwinden.

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Ich heiße David. Vielleicht hat deshalb die Geschichte von David und Goliath so einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Wahrscheinlich lag es aber auch daran, dass ich schon als Kind nicht gerade eine furchteinflößende Statur hatte.
Und dann habe ich diese Geschichte aus der Bibel gehört. Ein unscheinbarer Hirtenjunge besiegt einen Riesen!

Der Hirtenjunge kommt in ein Soldatenlager der Israeliten. Weil David klein und unmündig ist, bringt er seinen großen Brüdern nur das Essen. Kämpfen darf er nicht.
Doch es kämpft auch sonst niemand. Denn die Feinde auf der anderen Seite, die haben einen gigantischen Kämpfer vorgeschickt. Goliath heißt der.

Man könne sich das Blutvergießen sparen, sagt der, es müsse nur jemand gegen ihn kämpfen, Mann gegen Mann. Dann werde man ja sehen. Tag für Tag geht das so. Niemand traut sich, gegen den Riesen anzutreten.
Bis es David zu viel wird. Er wird kämpfen! Und wenn der Riese noch so übermächtig scheint. Alle sagen: Der hat ´nen Schuss!
Irgendwann ist es aber soweit: Da steht der kleine David schließlich dem Riesen Goliath gegenüber.

Dem Schwert und dem Spieß des Riesen hat er nur seine Steinschleuder entgegenzusetzen. Doch mehr braucht er nicht. Der hat ´nen Schuss! Der erste Stein streckt den langen Kerl nieder. Der Kampf und der Krieg sind entschieden.

Bereits als Kind hat mich das begeistert: Der Kleine kann den Großen besiegen. Und das macht mir bis heute Mut. Manchmal scheint es so, als wäre ich allem ausgeliefert. Das stimmt fast nie. Der Kleine kann den Großen besiegen.

Mit der Zeit habe ich dann noch etwas Zweites für mich entdeckt: Goliath, der Typ, der laut und unfair ist, wird nicht mit den Waffen geschlagen, die er selbst gewählt hat.

Wie oft hatte ich in Auseinandersetzungen schon den Eindruck, ich wäre unterlegen, weil der andere so laut und unfair ist. Unbezwingbar wie der Riese Goliath. Wie soll ich dagegen angehen, wenn ich nicht auch unfair und laut bin?

Aber der kleine David schlägt nicht mit den gleichen Mitteln zurück. Leise und direkt und mit seinen Mitteln antwortet er auf das Laute und Unfaire. Und er gewinnt trotzdem.

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„Gott weiß ganz genau, was ich brauche.“ Als ich die biblische Geschichte von Elia und den Raben als Kind das erste Mal gehört habe, da hat sie mich gepackt.

Die Geschichte geht so:
Weil eine große Trockenheit das Land betroffen hat und der Prophet Elia sich außerdem noch vor dem König verstecken muss, deshalb zieht er sich in ein unwegsames Tal zurück. Dort ist es genauso trocken wie überall und Elia müsste verhungern und verdursten, würde nicht tatsächlich von einigen Raben sein Essen eingeflogen. Gott schickt sie. Einmal morgens und einmal abends fliegen sie ein und bringen, was er braucht.
Besonders abwechslungsreich ist das Essen nicht: Es gibt Fleisch und Wasser, das Fast Food der damaligen Zeit. Aber es reicht zum Überleben.

„Gott weiß ganz genau, was ich brauche!“ Das hat mich schon als Kind fasziniert. Das ist eine phantastische Geschichte, sie ist wundersam wie ein Märchen, sie ist dramatisch wie eine Abenteuergeschichte. Als Kind hat sie mich getröstet, weil ich mir manchmal auch recht einsam vorgekommen bin. „Gott weiß genau, was ich brauche.“ Das hat mich beruhigt. Elia, alleine in seinem Tal, versteckt und verborgen, hat er schließlich auch nicht allein gelassen..

Mit den Jahren ist mir die Geschichte noch lieber geworden. Aber nicht wegen Elia. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass es da noch eine Möglichkeit gibt, sich wiederzufinden.
Heute wäre ich gern so ein Rabe. Jemand, der von Gott geschickt wird - zu einem anderen, der einsam und versteckt ist und hungrig und durstig.
Wenn es geht, fliege ich bei ihm ein. Ein kurzer Besuch. Ein Treffen, zu dem ich gehe. Ein Stammtisch, bei dem ich aufkreuze. Ich helfe beim Renovieren oder bei einem Umzug. Ich werfe 2 Euro in den Pappbecher des Bettlers.

Ich gebe etwas, das dem anderen das Leben möglich macht. Und dann – dann mache mich wieder davon. Ich will nicht sein Leben leben. Ich teile es vielleicht nicht einmal. Ich bringe nur was vorbei, weil es hilft. Und dann gehe ich wieder.
Wenn ich noch etwas abzugeben habe, komme ich wieder. Fast Food, vielleicht. Das hält nicht lange vor. Aber es hilft für den Moment.
Und vielleicht erkennt der andere: „Gott weiß ganz genau, was ich brauche.“ Was für eine Geschichte!

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