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SWR4 Abendgedanken

Von vier Regeln fürs Älterwerden habe ich gelesen. Ich finde diese Regeln bedenkenswert. Deshalb möchte ich sie Ihnen weitergeben.
Die erste Regel: „Bleibe stets in der Nähe zur Natur. Sie ist Beispiel für das Leben.“ Tatsächlich tut es mir gut, mich in der Natur aufzuhalten. Nicht nur meinem Körper, auch der Seele. Wenn ich regelmäßig unterwegs bin, kann ich verfolgen, wie die Natur sich verwandelt: die kleinen Triebe wachsen und reifen, blühen und tragen Frucht. Ich erkenne darin etwas von meinem eigenen Leben wieder, das sich in solch einem Naturbeispiel spiegelt. Auch in meinem Leben wächst und reift es. Da hat doch dann auch das Älterwerden seinen Platz und sein Recht, meine ich.
Die zweite Regel: „Bleibe auf einem Lieblingsgebiet kenntnisreich und lasse andere daran teilhaben.“ Da kennt sich zum Beispiel einer in der lokalen Heimatgeschichte gut aus und teilt sein Wissen mit anderen, in dem er Führungen anbietet. Oder ich denke an die ältere Frau mit der Gabe zur Malerei. Sie unterrichtet andere Senioren ehrenamtlich darin. In der Bibel steht der Satz: „Ein jeder diene seinen Mitmenschen mit der Gabe, die er von Gott empfangen hat.“  Ich finde, das macht Freude und hält geistig jung und beweglich.
Die dritte Regel: „Gib den Erinnerungen Raum in deinem Leben.“ Manchmal gibt es Tage, die nichts Erfreuliches haben. Dann tut es gut, sich an dem zu erfreuen, was man einmal Schönes erlebt hat, worüber man sich gefreut hat und an das man gerne zurückdenkt. Erinnerungen an schöne Erlebnisse machen den Alltag irgendwie heller, finde ich. Und das tut gut.
Und die vierte Regel: „Bleibe stets in Gottes Nähe. Er führt dich und deine Sache zum Ziel.“ Das Älterwerden bringt auch manches Leiden mit sich. „Bleibe stets in Gottes Nähe“ kann dann heißen: beten und das, was einem Sorgen macht, Gott anvertrauen. Gott hat mich gestern geleitet und heute geführt. Er wird mich auch morgen an die Hand nehmen, wenn ich allein nicht mehr weiter kann. Auf ihn ist Verlass. Darauf will ich vertrauen. Darum: „Bleibe stets in Gottes Nähe. Er führt dich und deine Sache zum Ziel.“
Vier Regeln fürs Älterwerden. Ich glaube, sie können helfen. Das wünsche ich besonders denen, die sich mit dem Älterwerden schwer tun.

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Krieg und Vertreibung kenne ich nur aus den Erzählungen anderer. Meine Eltern haben mir von meinem Großvater erzählt. Er war ein gebürtiger Ostpreuße aus Allenstein. 1945, als die Rote Armee auf Ostpreußen vorrückte, hat er sich mit seiner Frau und den 10 Kindern auf die Flucht Richtung Westen begeben. Viel Schlimmes haben sie unterwegs erlebt. Am Ende haben sie alle überlebt, bis auf den Vater. Der hatte sich auf der Suche nach einer sicheren Bleibe für seine Familie von ihr für einige Tage getrennt. Seine Spuren verlieren sich in einem russischen Gefangenenlager. Dort ist er verschollen. Niemand kennt sein Grab. Keiner weiß, was er in seiner letzten Stunde gedacht, gefühlt und gesagt hat. Eines aber ist sicher: er hat seine Familie bis zum Schluss geliebt. Ich kenne seinen Namen. Hinter seinem Namen verbirgt sich eine einzigartige Lebensgeschichte mit Ängsten und Sorgen, Hoffnungen und Wünschen.      
Auch hinter den Namen, die wir heutzutage hören: Jussuf und Rasin, Alima und Saida. Das sind Namen von Männern und Frauen aus Syrien und dem Irak. Auch sie haben einen langen Weg mit schrecklichen Erlebnissen hinter sich. Sie suchen Hilfe bei uns und eine Zukunft für ihre Kinder. Ich bin Enkel eines Flüchtlings. Meiner Familie wurde damals nach dem Krieg geholfen. Für mich ist es nicht nur Christenpflicht, sondern meinem Großvater gegenüber eine innere Verpflichtung, mich für diese Flüchtlinge einzusetzen. Das ist mein Erbe.
So widerspreche ich Menschen, wenn sie unfreundlich, ja verachtend über Flüchtlinge reden. Mein Großvater war vorausgegangen, um ein Quartier für seine Familie zu finden. So wie viele der jungen Männer, die in unser Land kommen. Sie sind bestimmt froh, wenn ihnen jemand hilft.
In der Bibel heißt es: „Bringt den Durstigen Wasser…bietet Brot den Flüchtlingen (Jesaja 21, 14). Die Menschen in der Bibel haben selber erlebt, was es heißt, Flüchtlinge in einem fremden Land zu sein. Darum haben sie sich immer neu verpflichtet, für die Flüchtlinge zu sorgen, die in ihr Land gekommen sind. Das will ich auch tun. Ich bin sicher: Mein Großvater hätte es genauso getan.

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Heute ist Epiphanias. Auf Deutsch: „Das Fest der Erscheinung des Herrn“. Besser bekannt als der „Tag der heiligen drei Könige“. Als solche Könige verkleidet ziehen die Sternsinger umher, und man kennt sogar die Namen dieser drei Könige: Casper, Melchior und Balthasar. Die Sternsinger hinterlassen eine Kreideschrift über den Türen: C+M+B. Das ist eigentlich die Abkürzung für „Christus mansionem benedicat“, Christus segne das Haus. Aber viele lesen die Namen der drei Könige heraus: Kaspar, Melchior und Balthasar.
Die Bibel weiß von diesen Namen nichts, auch nichts davon, dass es Könige und dass es drei waren. Nur, dass da fremde Gelehrte, reiche und mächtige Leute anscheinend, zum Kind in der Krippe kommen, das wird erzählt. Ihre Wissenschaft und Sternkunde hatten sie einst aufmerksam gemacht auf den leuchtenden Stern am Himmel. Ihre Sehnsucht nach Erlösung ließ sie aufbrechen auf einen langen Weg. Sie wollten sehen, was es da Neues zu entdecken gab.
Jene „heiligen drei Könige“ oder wie sie in der Bibel genannt werden: die „Weisen aus dem Morgenland“- sie sind die ersten, die aus der großen Völkerwelt nach Bethlehem gekommen sind. So erzählt es die Bibel. Sie haben erkannt: Hier ist Gott selber zur Welt gekommen. Hier zeigt er sich, wenn auch ganz anders als wir es erwartet haben. Hier ist Gott „erschienen“. Deshalb „Erscheinungsfest“. Mit den Weisen aus dem Morgenland ist - symbolisch gesehen - die ganze Menschheit gekommen und hat dem Gotteskind ihre Gaben gebracht: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Man kann auch sagen: Die Weisen aus dem Morgenland haben ihm alles zu Füßen gelegt, was Menschen groß macht: Wissenschaft, Erkenntnis, Macht. Das sind wirklich Schätze, und sie sind nicht zu verachten. Aber Frieden auf Erden, Erlösung von Angst und Sorgen, Hoffnung über den Tod hinaus - das kann man so nicht erreichen. Ich glaube: Das haben jene Weisen als Erste erkannt. Deshalb haben sie alle Macht und Ansprüche aufgegeben als sie in Christus Gott erkannt haben, der ganz unten anfängt mit den Menschen. Ganz unscheinbar. Mit einem Kind, dass die Herzen erweicht. Da haben sie erkannt: Gott meint es gut mit den Menschen.

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Mich hat eine junge Frau beeindruckt. Ich habe von ihr gelesen. Sie ist um die 30 und unheilbar an Krebs erkrankt. Sie wird von einem Palliativteam zu Hause gepflegt. Diese Unterstützung hilft ihr, möglichst eigenständig und schmerzfrei zu leben. Das ist ihr wichtig. So ist sie trotz allem zufrieden, ja mehr noch: durchaus fröhlich, stand in dem Bericht. Das hängt anscheinend auch mit ihrer Sicht auf die Krankheit zusammen. „Die Krankheit gehört doch zu mir und zu meiner Geschichte“, sagt sie. Die junge Frau scheint versöhnt zu sein mit ihrer Krankheit, so habe ich den Bericht verstanden. Und das hat mich beeindruckt.
Wie ist das möglich? Vielleicht versteht sie unter heil und gesund etwas anderes als wir es normalerweise tun. Heilung heißt ja für die meistens: Geheilt ist der, der keine Beschwerden mehr hat, bei dem eine Krankheit ein für alle Mal überwunden ist. Heilung heißt: Es ist alles wieder wie vorher.
Viele Menschen erwarten von Gott dasselbe: Wenn er heilt und hilft, dann sind alle Probleme vom Tisch. Alles ist wieder gut. Aber ich meine, das ist ein zu einfaches Verständnis von dem, was Heilung bedeuten könnte.
In der Bibel steht eines der kürzesten Gebete, die ich kenne: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil. Hilf du mir, so ist mir geholfen.“ (Jeremia 17,14). Vielleicht, denke ich mir jetzt, hat die junge, kranke Frau das genau richtig verstanden.
Für sie gehört zum „heil sein“, dass sie versöhnt mit ihrer Krankheit leben kann. Dass ein Mensch das kann, kann er nicht selber machen, glaube ich, sondern das ist ein Geschenk. Als Christ sage ich: ein Geschenk Gottes.
Man kann Gott um dieses Geschenk bitten. Vielleicht mit den Worten des Gebets aus der Bibel: „Heile du mich, Herr, so werde ich heil. Hilf du mir, so ist mir geholfen.“ Wenn einer krank ist und es wenig Hoffnung auf Besserung gibt, kann vielleicht dieses kurze Gebet helfen. Ich kann mit diesen Worten Gott um sein Eingreifen bitten. Und manche haben es erfahren, dass so tatsächlich auch etwas wieder heil wird – vielleicht nicht unbedingt im medizinischen Sinn, aber doch in diesem umfassenderen Sinn: „Ich kann meine Krankheit annehmen, sie gehört zu mir. Und ich gehöre zu Gott. Er wird mir helfen und mich stützen. Was auch geschieht.“

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„Ich habe gemerkt, dass ich vor die Hunde gehe, wenn ich in dieser Ehe bleibe“, hat mir ein Mann erzählt. „Aber wegen der Kinder habe ich es lange ausgehalten und vieles versucht. Alles umsonst! Schweren Herzens habe ich mich zur Scheidung entschlossen. Was Gott wohl dazu sagt? Ob er mich verurteilt? Jesus hat doch gesagt, man soll sich nicht scheiden lassen.“ 
„Darf man das - seine Frau fortschicken?“ Männer, die sich streng an die Bibel hielten, haben diese Frage tatsächlich einmal an Jesus gestellt. „Was steht in der Bibel?“, hat Jesus geantwortet. „Im 5. Buch Mose steht, dass es dem Mann erlaubt ist, sich mit einem Scheidebrief von seiner Frau zu trennen“, haben die Schriftgelehrten erwidert.  
Das mit dem Scheidebrief ging damals ganz einfach. Männer entließen ihre Frauen oft wegen Nichtigkeiten aus der Ehe, zum Beispiel, wenn sie ihre Haushaltpflichten vernachlässigte oder ihrem Mann nicht mehr jung und schön genug war. Für die Frauen war das schlimm, denn sie waren auf die Versorgung durch den Mann angewiesen.
„Aber Gott will, dass Mann und Frau in der Ehe mit Leib und Seele füreinander da sind, so dass sie untrennbar eins werden“, hat Jesus den Schriftgelehrten erklärt, „der Scheidebrief ist euch nur wegen eurer menschlichen Schwachheit erlaubt.“
Das, was Jesus da gesagt hat, empfinden heutzutage viele Menschen als weltfremd. Sie sagen: „Manchmal ist die Trennung die bessere Lösung als ein Schrecken ohne Ende.“
„Wird Gott mich verurteilen?“, hatte der geschiedene Familienvater gefragt. „Wird er mich verurteilen, weil ich gescheitert bin?“
„Ich bin sicher, dass Gottes Liebe auch den Gescheiterten gilt“, habe ich geantwortet. „Das zeigen mir die Geschichten von Jesus in der Bibel. Er hat sich den Gescheiterten freundlich zugewandt und damit deutlich gemacht: Kein Mensch ist von Gottes Liebe ausgeschlossen.“
Ich glaube: Wer sich mit seinem Scheitern an Gott wendet, kann auf seine Liebe hoffen. Gott ermutigt die Menschen, aus Versäumnissen zu lernen und neu anzufangen. Trotz schlimmer Erfahrungen soll niemand allein bleiben. Auch Geschiedene dürfen offen sein für eine neue Partnerschaft.

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