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SWR4 Abendgedanken

Bei einer Hotline ruft man nur an, wenn es gar nicht mehr anders geht. Neulich war es bei mir so weit: Nach einigen Minuten Musikgedudel verkündete eine Stimme: „Es tut uns leid. Im Moment sind alle Servicemitarbeiter im Gespräch. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt wieder.“ Und damit war das Telefonat zu Ende. Ich war richtig platt. Die Servicehotline hatte einfach aufgelegt! Wie habe ich mich da geärgert!
Nach ein paar Tagen ist mir dann eingefallen: Vielen Menschen geht es anscheinend genauso beim Beten. Da hat man ein Problem, fängt an zu beten und nichts passiert! Ob Gott auch überlastet ist, oder er gerade im Gespräch mit anderen ist? Lässt er mich auch warten, bis ich durchgestellt werde? Hat er einfach aufgelegt?
Als Kind habe ich die Telefonnummer Gottes auswendig gelernt: 50 15. So sollten wir Kinder uns  einen Bibelvers merken: Psalm 50,  Vers 15: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mit preisen“. So wie bei einer Servicehotline soll ich Gott anrufen, wenn ich nicht mehr weiter komme. Dann wird er helfen. Aber geht das? Erwartet Gott nicht zuerst, dass wir regelmäßig zu ihm beten und natürlich auch fleißig in die Kirche gehen
Der Psalmbeter hat anscheinend andere Erfahrungen gemacht: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten“. So hat er das erlebt. Offensichtlich scheint Gott kein Problem damit zu haben, wenn ich ihn erst in der Not anrufe – auch wenn ich vorher nicht viel mit ihm zu tun hatte.
Bei der Telefon-Hotline musste ich noch zwei Mal anrufen, bis ich endlich durchkam. Als ich endlich durchkam, wollte ich mich über die Behandlung beschweren. Aber die Dame am anderen Ende war nicht nur nett, sie konnte mir auch kompetent und schnell helfen. „Trotz des Wartens“, habe ich ihr dann gesagt, „bedanke ich mich für die gute Hilfe“.
Auch bei Gott muss ich manchmal warten und manches wird dann anderes als erwartet. Aber wie jener Psalmbeter habe auch ich erlebt, dass Gott es gut mit mir meint – und dafür konnte ich ihm dann auch danken.

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„Wie im siebten Himmel“ eine frisch verliebte junge Frau hat mich gefragt, warum man das so sagt?
Das ist eine sehr alte Vorstellung, schon die alten Griechen stellten sich vor, der Himmel bestehe wie eine Zwiebel aus Schalen und in jeder hänge ein Planet. Aber im siebten Himmel, da wohnt Gott und auch die Liebe.
Ich finde es schön, dass Gott und die Liebe zusammen wohnen. Da wundert es mich auch nicht, dass viele Kirchenlieder davon sprechen, dass Gott die Liebe ist.
Überhaupt ist unser ganzes Leben durchzogen von Liebe. Ein kleines Baby kann gar nicht leben ohne Liebe. Wenn wir älter werden, dann kommt irgendwann die Zeit der „Schmetterlinge im Bauch“, in der es nur noch den einen geliebten Menschen gibt.
Und wenn wir noch älter werden? Auch dann bleibt die Liebe ein ganz wichtiger Teil unseres Lebens. Sicher, sie verändert sich, aber Liebe brauchen wir in jedem Alter.
Ich muss an die alte Frau denken, der nicht viel geblieben ist, die aber ihren kleinen Hund Max über alles liebt. Oder an das alte Ehepaar, dass Hand in Hand auf der Parkbank sitzt.
Die Liebe ist viel mehr als ein Sahnehäubchen auf unserem Leben, sie macht unser Leben erst lebenswert. Und wer ein Leben ohne Liebe führen muss, der nimmt Schaden an seiner Seele.
„Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden nimmt an seiner Seele?“, fragt Jesus einmal. Was nützt es uns Menschen, wenn wir alles kaufen können, aber keine Liebe in unserem Leben haben?
Dabei ist Liebe die einzige Sache, die mehr wird, wenn ich sie verschenke. Wenn mir also Liebe fehlt, dann sollte ich anzufangen, Liebe zu verschenken.
Und wenn ich Liebe verschenke, dann kann es mir passieren - und das hat nichts mit dem Alter zu tun – dass ich geradezu im siebten Himmel schwebe.

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Haben Sie gewusst, dass Verheiratete länger leben? Das ist kein Witz! Menschen die sich lieben und verheiratet sind, leben länger. Das ist wurde jetzt wissenschaftlich festgestellt: Die Liebe beschleunigt die Heilung von Wunden und verhindert Herzinfarkte. Und am längsten leben Menschen, die sich für andere einsetzen.
Es ist eben wie beim Kitzeln: Probieren Sie mal, sich selbst unter den Achseln zu kitzeln – das funktioniert nicht. Noch bevor meine Hand unter den Achseln angekommen ist, weiß mein Kopf, was ich vorhabe. Ich kann mich nicht selber kitzeln.
Aber als ich den vierjährigen Sohn einer Bekannten beim Spielen durchgekitzelt habe, musste ich selber ganz viel lachen. Ist das nicht komisch? Ich habe den kleinen Jungen gekitzelt, er hat schallend gelacht und mich damit angesteckt. Sich selber kitzeln funktioniert nicht, aber wenn ich jemand anderes kitzle, dann tut mir das gut.
„Alles was ihr einem meiner geringsten Brüder oder Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“, sagt Jesus einmal. Ich habe mich immer gefragt, was Jesus damit meint, wenn er sagt: „das habt ihr mir getan“? Wollte er damit ausdrücken: „das habt ihr in meinem Sinne getan“?
Ich denke: Ja. Jesus will, dass wir für andere Menschen da sind, ihnen helfen, ihnen Gutes tun. Aber nicht, um im Himmel Pluspunkte zu sammeln, sondern weil wir damit unser Leben verändern.
Vor ein paar Jahren habe ich meine Mutter besucht. In Ihrer Küche saßen zwei Kinder, die ich nicht kannte und machten Hausaufgaben. Stolz erzählte mir meine Mutter, dass die beiden unten im Haus wohnen und sie mit ihnen Deutsch lerne, weil sie zuhause nur Türkisch sprechen. Jeden Nachmittag kamen die beiden für eine Stunde zum Hausaufgabenmachen zu ihrer deutschen Leihoma.         Ich war erstaunt, denn meine Mutter war schon über 70 – aber sie strahlte und war richtig glücklich.
Was wir für andere tun, dass tun wir im Sinne Gottes – und das kann uns richtig glücklich machen.

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Vor kurzen hat meine Tochter angekündigt, sie ginge jetzt mit zwei Freundinnen nach Stuttgart auf die Königsstraße um dort „Free Hugs“ anzubieten. “Free Hugs“ heißt: „Kostenlose Umarmungen“, so weit reicht mein Englisch. „Free Hugs, ist das ein Aprilscherz?“, wollte ich deshalb wissen. „Nein, das sind kostenlose Umarmungen, einfach nur so. Wir nehmen Leute in den Arm und drücken sie, ohne Hintergedanken und ohne Geld dafür zu nehmen.“
„Und warum machst du dass“, wollte ich wissen? „Weil es mir Spaß macht und den Menschen gut tut. Du solltest mal sehen, wie verändert die Menschen danach weitergehen.“
Ich wäre zu gerne als Mäuschen mit dabei gewesen. Dafür konnte ich schon wenig später das selber erleben. Da bin ich nämlich auch so ein paar jungen Leuten in der Fußgängerzone begegnet. Sie hatten Schilder dabei, auf denen haben sie „Free Hugs“ angeboten, kostenlose Umarmungen. Zunächst bin ich im weiten Bogen drum herum gegangen. Aber auch dem Rückweg waren sie noch immer da – und ich habe mich in den Arm nehmen lassen.
Das ist ein komisches Gefühl und tut gleichzeitig richtig gut. Anscheinend fehlt uns Menschen heute so etwas Einfaches wie einmal in den Arm genommen zu werden. Jetzt habe ich gelesen, dass es sogar wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass so ein einfacher Körperkontakt gerade bei Stress sehr gut tut.
Ich erkläre mir das so: Gott hat uns als Menschen geschaffen, die einander brauchen. Wir brauchen jemanden, der uns auch einmal in den Arm nimmt und wir brauchen es auch, jemanden anderes einfach mal so in den Arm zu nehmen. Es ist etwas anderes, ob ich mit jemanden rede, oder ob mich jemand einmal in den Arm nimmt.
Man kann damit etwas von sich selber an andere weitergeben: Lebensfreude vielleicht, vielleicht auch das Gefühl: Einander nahe sein macht stark. Einfach einen anderen Menschen in den Arm nehmen und drücken, wenn ich spüre, dass es diesem Menschen gut tun könnte – das will ich in Zukunft öfters machen. Es muss ja nicht mitten in der Fußgängerzone sein, das geht auch bei mir zuhause.

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Ein einziger Sonnentag jetzt im Frühjahr ist die reinste Verschwendung an Licht, Energie, Wärme und frischer Luft. Jedesmal muss ich denken: Wie faszinierend Gott diese Welt geschaffen! Gott ist großzügig. Gott segnet.
Wenn ich in einen Apfel beiße, dann finde ich es unglaublich, dass so etwas einfach so an einem Baum gewachsen ist. Oder das neugeborene Baby, das ich letztens im Arm hatte – da kann ich mir einen Gott vorstellen, der all das gut geschaffen hat, was uns hier auf der Erde umgibt. Einen Gott, der es gut mit uns meint.
Leider bin ich meist nicht so dankbar und sehe eher auf all das, was heute wieder schief gelaufen ist und was mir noch immer fehlt. Und das zieht mich dann runter und macht mich unglücklich. Warum sehe ich viel eher das Ärgerliche, Schwierige das Nicht-so-Gute in meinem Leben?
Samuel Koch, der ehemalige „Wetten, dass“-Kandidat aus Südbaden, der seit seinem tragischen Unfall in der ZDF-Show im Rollstuhl sitzt, hat vor kurzem gesagt, dass ihn vor allem seine gläubige Mutter geholfen habe, mit seinem Schicksal umzugehen. Von ihr habe er ein gesundes Selbstbewusstsein und die Grunddisziplin gelernt, sich nicht hängen zu lassen. Und vor allem das Wichtigste: in allen Dingen Gott dankbar zu sein.
Gott dankbar sein – für solch ein Schicksal? Wenn Samuel Koch auf seinen Rollstuhl sieht, dann könnte er wahrscheinlich den ganzen Tag losheulen. Aber wenn er auf seine Freunde sieht, auf das, was er in seinem Leben wieder machen kann, dann wird er dankbar. Gott dankbar. Dabei lächelt er und erklärt, dass es nicht leicht ist und er immer wieder hart daran arbeiten muss. Aber Gott zu danken ist für ihn eine Hilfe, um überhaupt wieder froh zu werden in seinem Leben. Oder vielleicht sollte ich sagen: Gott zu danken, hilft ihm, um überhaupt zu leben? Ich finde das beispielhaft – nicht bloß jetzt im Frühling.

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