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SWR4 Abendgedanken

„Wir haben den schönsten Himmel der Welt“ – das behaupten die Einwohner des 380- Seelen Ortes Lake Tekapo im Süden von Neuseeland. Und sie meinen damit den grandiosen Sternenhimmel der Südhalbkugel, den man von ihrem Ort aus bewundern kann. Da sind so viele Sterne zu sehen, wie sonst kaum auf der Erde. Andernorts ist die sogenannte „Lichtverschmutzung“, die Aufhellung des Nachthimmels durch künstliche Lichtquellen, so groß, dass viele Sterne nicht mehr sichtbar sind.
Die Einwohner von Tekapo sind mit Recht stolz auf ihren „schönsten Himmel der Welt“. Sie tun selbst auch was für diesen ungehinderten Blick auf die Sterne: Sie haben spezielle Straßenleuchten entwickeln lassen, die gedämpft orangefarbenes Licht nur nach unten abgeben.

Am Stadtrand von Stuttgart, wo ich wohne, haben wir im Vergleich zum „schönsten Himmel der Welt“  (sicher) nur einen eher bescheidenen.
Trotzdem bin ich immer wieder fasziniert, wenn in einer klaren Nacht die für uns sichtbaren Sterne am Himmel blinken.

Im christlichen Glauben ist der Himmel Ort und Zustand für vollkommenes Glück, das nicht endet. Gott selbst wird dort vermutet.
Hier auf Erden fühlen wir uns manchmal „wie im Himmel“, wenn es uns besonders gut geht. Und als Sterne am Himmelszelt bezeichnen wir schon gern mal die Dinge und Ereignisse, die uns besonders glücklich machen. Menschen können für uns wie leuchtende Sterne sein. „Du bist mein Stern“ – gestehen Verliebte einander. Für sie hängt der Himmel voller Sterne. In vielen Liebesliedern und -gedichten ist die Rede davon. Und am Ende steht oft der Wunsch, es möge immer so schön bleiben.
Doch das Leben bringt nun mal auch Zeiten, in denen wir nicht so glücklich sind. Es gibt Veränderungen und damit immer wieder Höhen und Tiefen. Dann kann mir hin und wieder die Freude an bestimmten Dingen und Erlebnissen verloren gehen.
Und leider können auch Menschen für mich an Glanz verlieren, ich sehe sie nicht mehr wie am Anfang. Weil Menschen sich verändern können. Auch ich selbst verändere mich.
Doch manchmal bin ich auch nur zu beschäftigt und abgelenkt, um zu sehen, was mich alles glücklich machen kann. Dann sehe ich sie nicht, die Sterne. Wie viel mir ein Mensch nach so vielen Jahren immer noch bedeutet, wie viel Gemeinsames es noch gibt, wie viel Liebe. Um all das zu sehen muss ich hin und wieder auch was für mein Glück tun, mir Zeit nehmen, neue Ideen entwickeln: Vielleicht mal wieder gemeinsam eine Reise planen, oder was schönes fürs  Wochenende.
Ich muss aufmerksam sein, dann finde ich vielleicht nicht den „schönsten Himmel der Welt“, aber meinen schönsten.

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Unser ganzes Leben sei ein einziges Theaterstück, und wir alle würden mitspielen auf der großen Bühne des Lebens. Ganz oben, sitzt unser großer Regisseur – Gott.
So in etwa hat der kürzlich verstorbene Schauspieler Maximilian Schell, mal in einem Interview seine Ansicht über das Leben erklärt. Mich hat das irgendwie beeindruckt. Interessant, so also kann man das Leben auch sehen.
Maximilian Schell hat dann in dem Interview noch recht anschaulich demonstriert, wie Gott die Rollen verteilt: „Nun, du wirst eine tragende Rolle spielen und du nur eine Nebenrolle. Deine Rolle ist zwar kurz, aber ich komme später noch mal auf dich zurück…“
Herrlich, wie er das so sagte. Mich hats beschäftigt. Mir sind gleich verschiedene Menschen eingefallen und die Rolle, die sie in ihrem Leben eingenommen haben: Staatsmänner, Wissenschaftler und natürlich viele Menschen, die nicht ganz vorn im Rampenlicht stehen, die ihre Rolle aber voll und ganz ausfüllen, lernen, arbeiten, für die Familie sorgen, Kinder großziehen oder Alte und Kranke betreuen…
So mancher hat sich seine Rolle sicher nicht ausgesucht.

Maximilian Schell meint wohl auch, dass schon feststeht, wie sich meine Rolle im Laufe der Handlung entwickeln wird. Alles ist im Drehbuch vermerkt: In welcher Szene, in welchem Akt ich auftrete und wie lange ich auf der Bühne bleibe…
Noch bevor ich die ersten Schritte auf der Bühne gemacht habe! Und diese Vorstellung ist mir dann doch ein bisschen fremd. Daran kann ich nicht glauben, es würde mich erschrecken. Besonders wenn ich an Menschen denke, die es schwer im Leben haben. Und an Kinder, deren Leben zu Ende ist, ehe es richtig begonnen hat, an Naturkatastrophen, Kriege…
Wie unser Leben verläuft, hängt von so vielen Faktoren ab: In welche  Familie ich hineingeboren werde, in welche gesellschaftlichen Verhältnisse, in welche Gegend unserer Erde. Wir spielen das Spiel des Lebens mit all den Menschen, die uns im Lauf des Lebens begegnen.
Ich glaube nicht, dass Gott jede Kleinigkeit meines Lebens vorher bedacht hat.

Ich denke eher, dass Gott mich und alle Mitspieler in meinem Leben, wie der „große  Regisseur“, von dem Maximilian Schell spricht, sehr wohl kennt und begleitet. Er gibt uns die Freiheit, unsere Rolle zu gestalten und zu verändern. Damit gibt er uns auch Verantwortung - für uns selbst, aber auch für die Menschen, mit denen wir leben.
Da kann der Gedanke schon gut tun, dass jemand das „große Theaterstück Leben“ von „oben“ überschaut und doch hin und wieder in das Spiel eingreift, eine Regieanweisung gibt. Besonders, wenn ich nicht weiter weiß.

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Die folgende Nachricht auf meinem Anrufbeantworter hat mich ziemlich irritiert: Eine Bekannte teilt mir darin mit, dass die beste Freundin meiner Mutter gestorben ist.
Seit dem Tod meiner Mutter vor 15 Jahren hatten wir keinen Kontakt mehr. Es ist deshalb nicht die Nachricht von ihrem Tod, die mich so irritiert hat, sondern, weil mir bewusst geworden ist, dass ich in den vergangenen Jahren kaum mehr an sie gedacht habe. Dabei hatten wir viele Jahre so einiges miteinander zu tun.  Wir haben uns immer gut verstanden. Schöne Erinnerungen verbinden mich mit ihr. Verschiedene Begegnungen sind mir noch sehr gegenwärtig. Auch sie selbst, ihr Gesicht, ihre Gestalt, ihr Lachen und ihre Art zu sprechen.

Wir sind dann in eine andere Stadt gezogen, viel zu weit weg um sich mal eben schnell zu besuchen. Und als meine Mutter dann nicht mehr lebte – haben wir uns aus den Augen verloren.
Wie konnte das passieren, frage ich mich. Offenbar geht es schneller als man denkt, dass man irgendwann nichts mehr von einander hört.
Das ist mir auch mit anderen Menschen so gegangen. Es ist nun mal so, auch wenn ich es eigentlich gar nicht will, viele Beziehungen sind begrenzt auf eine bestimmte Lebensphase und einigen entwächst man einfach. Oft ungewollt und ohne einem Menschen weh tun zu wollen. Hin und wieder kommt die flüchtige Erinnerung, aber dann wird man gleich wieder eingeholt von den aktuellen Dingen des Lebens, von den Menschen, die einem jetzt nahe stehen.
Manchmal bin ich traurig darüber. Und manchmal versuche ich auch wieder Kontakt zu bekommen. Hin und wieder gelingt es. Aber viele Menschen erreiche ich nicht mehr.
Ich schaffe es einfach nicht, alle Kontakte zu pflegen.

Ich glaube, manchmal muss ich mich dann damit abfinden, dass mir von vielen Menschen eigentlich nur die Erinnerung an eine gemeinsam verbrachte Zeit bleibt. So wie ich mich damit abfinden muss, dass mein Leben begrenzt ist, so kann ich auch mit vielen Menschen nur eine begrenzte Zeit meines Lebens verbringen. Und ich will dankbar sein diesen oder jenen Menschen getroffen zu haben.

Für die verstorbene Freundin meiner Mutter habe ich in der Kirche eine Kerze angezündet. Ich habe mich so von ihr in Gedanken ein letztes Mal verabschiedet.
Im Buch Kohelet im Alten Testament steht dazu ein tröstlicher und weiser Satz:
„Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit, …eine Zeit zum Pflanzen, eine Zeit zum Ernten, eine Zeit zum Suchen, …eine Zeit zum Verlieren,… eine Zeit zum Umarmen, eine Zeit, die Umarmung zu lösen.“

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Giuseppe Verdi, der berühmte italienische Opernkomponist, soll mal auf einer Abendgesellschaft nach seiner Ansicht über Beethovens Neunte Sinfonie gefragt worden sein. Es heißt, dass  er mit blitzenden Augen und leidenschaftlich geantwortet hätte, dass er sich nicht wie so viele von dieser Musik habe einwickeln lassen. Die ersten drei Sätze wären gut - aber der letzte Teil (wenn der Chor mit „Freude schöner Götterfunken“ einsetzt) – das wäre fast nicht auszuhalten, „ein ödes, empfindungsloses Durcheinanderschreien“.
Eine halbe Stunde später jedoch, im Gespräch ist es längst um andere Dinge gegangen, hätte der Maestro plötzlich unterbrochen: „Mir scheint, da vorhin habe ich einen ausgewachsenen Unsinn über Beethoven von mir gegeben! Wenn man sich doch nur das Urteilen abgewöhnen könnte! Dieses Verfälschen der Dinge! Wir wollen immer verstanden werden und selber sind wir unerbittlich verständnislos.“
Besonders dieser letzte Satz hat mich beschäftigt. Wie recht Verdi damit hat. Auch ich wünsche mir, manchmal nicht so schnell über einen Menschen oder eine Sache zu urteilen. Wie schnell kann ich dabei jemandem Unrecht tun.
Es ist viel besser, mich erstmal in den anderen hineinzuversetzen, bevor ich etwas sage. Ist meine Meinung für ihn von Bedeutung? Was hat er oder sie sich wohl dabei gedacht, dies oder jenes zu tun.
Wie oft sage ich eigentlich ungefragt meine Meinung. Wie leicht kann ich jemanden damit verletzen! Zum Beispiel mit so einer Bemerkung wie „was hörst du denn da für schreckliche Musik?“ Selbst wenn sie mir nicht gefällt, wäre es nicht besser, mir die Bemerkung zu  verkneifen? Wir Menschen sind nun mal sehr verschieden und haben manchmal ganz unterschiedliche Wahrnehmungen und Ansichten.
Um gut und friedlich miteinander leben zu können, müssen wir anderen Menschen in vielen Dingen verständnisvoll begegnen. Besonders, wenn es darum geht, wie jemand lebt, woran er glaubt oder welche Kunst ihm gefällt.
Es ist gut, mich immer mal wieder zu fragen: Was erwarte ich denn von anderen, wie sollen sie mir begegnen?
Es gibt eine sogenannte „Goldene Regel“ in der Bibel. Jesus wird dieser Satz im Matthäusevangelium zugeschrieben. „Alles, was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ Für mich hat das ganz viel mit Verständnis zu tun. Wenn ich das beherzige, kann ich mich für eine Bemerkung entschuldigen, die wenig verständnisvoll war. Und auch für eine vorschnelle, ungerechte Beurteilung.

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Alle reden übers Wetter, es hat schon großen Einfluss auf unser Wohlbefinden, wenn auch aus recht unterschiedlichen Beweggründen.
Wer in der Landwirtschaft arbeitet, schaut besonders aufs  Wetter. In alter Zeit sind so die Bauernregeln entstanden. „Bleibt der Winter fern, nachwintert es gern“, sagt eine. Dass die Bauernregeln heute noch zutreffen ist eher ungewiss, denn Wissenschaftler sprechen von einem weltweiten Klimawandel, einer Erwärmung, die auch unser Wetter beeinflusst. Das sehen viele Menschen mit Sorge.
Früher galt ein besorgter Blick zum Himmel auch Gott, weil die meisten Menschen geglaubt haben, Gott würde das Wetter machen. Und je nach dem, wie das Wetter ausgefallen ist, haben sie sich von Gott gut behandelt oder bestraft gefühlt. Deshalb haben sie auch für gutes Wetter gebetet. Den Menschen hat es sicher gut getan zu beten, ihre Sorgen bei Gott abzuladen. (Sie wussten einfach zu wenig über die Entstehung des Wetters.)

Zu  biblischen Zeiten haben extreme Wetterlagen oft die Existenz ganzer Völker bedroht. Von einer Sintflut ist da die Rede, von Dürreperioden, Plagen aller Art oder gewaltigen Stürmen.
Es gibt eine ganze Menge an Episoden in der Bibel, in der vom Wetter die Rede ist.
Doch biblische Wetterbeschreibungen sind oft sinnbildlich zu verstehen. Damit sollen dramatische Ereignisse anschaulicher werden oder Stimmungen unter den Menschen.
Ein besonders beeindruckendes Beispiel ist, wenn sich der Himmel verdunkelt, als Jesus am Kreuz stirbt…
Auch die Gemütslage Gottes beschreiben die Autoren der Bibel gern mit Wettererscheinungen wie Blitz, Donner oder Sturm.

Ob Wetterextreme, wie in der Bibel beschrieben, tatsächlich zu dieser Zeit vorgekommen sein können, damit beschäftigen sich Wissenschaftler auf der ganzen Welt. Sie vermuten zum Beispiel, dass die Teilung des Roten Meeres beim Auszug der Israeliten aus Ägypten durchaus eine Art Tsunami gewesen sein könnte. Vielleicht die Sintflut auch?

Aber weltweit sehen Wissenschaftler auch besorgt, dass Hitzewellen, Wirbelstürme und Überschwemmungen in unseren Tagen zunehmen. Sie befürchten, dass wettermäßig so einiges auf uns zu kommen kann, das an biblische Katastrophen erinnert. Als Folge der hohen Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre. Und die wird zweifelsfrei auch von uns Menschen verursacht. Der Taifun, der Ende letzten Jahres über den Philippinen getobt hat, gehört schon dazu.
Es ist höchste Zeit, weltweit alles zu tun, was Menschen in der Hand haben, um solche Katastrophen zu verhindern.
Denn wir sind auch verantwortlich dafür, was nach uns passiert. “Nach uns die Sintflut“ - wohin es führt, nach diesem Motto zu leben, das wissen wir ja bereits.

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