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SWR4 Abendgedanken

Manchmal wenn ich nach dem Abendbrot still bei einer Kerze verweile, dann fange ich an über den Tag nachzudenken und ihn so für mich zu verdauen. Das ist für mich ein Ritual, das mir gut tut. So kann ich den Tag bewusst abschließen und meine Sorgen wie meine Kleider abstreifen und auf die Seite legen. Beim Gedanken-Sortieren ist mir ein Gebet eingefallen, das ich gerne in eigenen Worten formuliere. Ich lade Sie ein, es in Gedanken mitzubeten.  

„Guter Gott, ich danke dir für diesen Tag. Ich danke dir für das tägliche Brot, das mich satt macht. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich mich nicht zu sorgen brauche, um das, was mich nährt. Ich danke dir für alles, was mein Leben erhält, was mich leben lässt.
Ein Tag meines Lebens ist wieder vorüber. Er war gut so, wie er war. Alles was mich sorgenvoll drückt oder ängstigt, lege ich in deine Hände. Bei dir ist alles gut aufgehoben. Du hältst mich fest in deiner Hand.
Ich bitte dich um Verzeihung für das, was ich aus Nachlässigkeit versäumt habe. Wenn ich an Menschen vorüber gegangen bin, die auf mich gewartet haben. Wenn ich gehetzt habe oder anderen zu wenig Vertrauen in andere gesetzt habe. Vollende du es. Für das, was heute gut war, danke ich dir. Ich danke dir für die Menschen, die für mich da sind und die mir Gutes tun.
Ich danke ir für das, was gelungen ist und für das, wodurch ich andere froh gemacht habe. Sei es ein aufmunterndes Wort, ein strahlendes Lächeln oder ein Dankeschön. All das hat mir auch Kraft gegeben.
Ich bitte dich für alle Menschen, mit denen ich arbeite und lebe. Aber auch für alle anderen, die meine Fürbitte brauchen. Lass uns lernen, noch mehr füreinander da zu sein und gut miteinander umzugehen. Schenke uns deinen Frieden.
Guter Gott, segne mich und segne meinen Schlaf. Schenke mir eine gute Nacht, so dass ich morgen erholt und mit neuer Lebensfreude gestärkt aufwache. Und wenn ich mich morgens dem Leben entgegenstrecke, schaue ich dankbar auf den neuen Tag, den du mir schenkst.“

 

 

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Zu Beginn des neuen Jahres haben mir Freundinnen und Freunde ein glückliches und erfolgreiches Jahr gewünscht. Bleib gesund und fit. Lass es krachen. Ob das schon alles ist, was ein neues Jahr zu einem guten Jahr werden lässt, frage ich mich. Was bleibt am Ende des Jahres übrig? Was zählt? Sind es für mich nur die messbaren Erfolge, die weitesten Reisen, oder die abenteuerlichsten Erlebnisse, die mein Leben glücklich machen?

Das Buch „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen“ von Bronnie Ware hat mich nachdenklich gemacht. In diesem Buch schauen Menschen am Lebensende noch einmal auf ihr Leben zurück und erzählen, was ihnen wichtig war. Die Autorin des Buches hat bei ihnen nachgefragt: „Was bleibt und was würden Sie heute anders machen?“

Sterbende, so Bronnie Ware, haben da klare Antworten und wissen, worauf es ankommt. Die Autorin fasst die Ergebnisse de Umfrage in ihrem Buch in fünf Punkten zusammen.

Erstens: Habe Mut den eigenen Weg zu gehen. Bleib dir und deinem Lebensplan treu. Höre auf deine innere Stimme. Mach nicht immer nur das, was andere von dir erwarten. Zweitens: Arbeite nicht zu viel. Drittens: Steh zu deinen Gefühlen. Viertens: Pflege deine Freundschaften.

Und fünftens: Gönne dir und anderen ab und zu eine kleine Freude, die dich und andere glücklich macht.

Mit diesen Lebens-Tipps an der Hand denke ich - kann gar nicht mehr viel schief gehen im Neuen Jahr. Die Zusammenfassung lautet für mich: Lebe gut! Und dann kommt da für mich noch eine Portion Gottvertrauen dazu. Was ich selbst nicht leisten kann, das lege ich in Gottes Hände und vertraue darauf, dass ich gut begleitet bin. Egal, was im Neuen Jahr auf mich zukommt, ich werde es anpacken und es an Gottes Herz legen – etwa mit diesen Worten:

 

Gott des Anfangs und des Endes
Gott, des Neubeginns und des Aufbruchs.
Geh mit mir durch dieses Jahr
mit deiner Liebe, die mich stärkt
mit deiner Hoffnung, die mich trägt.

Schenke mir Menschen, die mich begleiten, dann bin ich getröstet.
Schütze mich mit deinem Segen
Geh mit mir durch alle Dunkelheiten
Bleib bei mir auf meinem Weg durch das Jahr – ich vertraue dir: Du bist da.

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Kurz vor der Abreise in den Urlaub gehe ich noch bei meiner Nachbarin vorbei. Ich will sie um einen Gefallen bitten. Ob sie für mich Briefe zur Post bringen kann. Ich klingle. Sie öffnet. Ich bleibe an der Tür stehen und lege los.
Sie schaut mich ruhig und freundlich an und sagt, „kommen Sie doch erst einmal herein“, sie öffnet weit die Türe. „Setzen Sie sich doch ein paar Minuten zu mir.
Kurz überlege ich, ob es nicht doch besser wäre, weiter zu eilen und noch schnell etwas anderes zu erledigen. Doch dann entspanne ich mich und denke: Eine kleine Verschnaufpause – das wäe genau das Richtige für mich. Also nehme ich die Einladung an. Und schon sitze ich im gemütlichen Wohnzimmer und wir reden miteinander, was wir viel zu selten tun.
Geschenkte Zeit. Zeit zum Plaudern, Zeit, um aus dem eigenen Leben zu erzählen. Zeit zum Zuhören. Wir haben miteinander geredet und geredet und ich habe gemerkt, wie gut uns beiden das getan hat. Meine Hektik hat sich in Luft aufgelöst. Und ich glaube, meiner Nachbarin hat es auch gut getan, dass ich da war und zugehört habe.

In der Hektik des Alltags geht so etwas gerne unter. Sich Zeit nehmen für ein Gespräch, einfach so, wie oft wünsche ich mir das. Aber meistens habe ich meine To-Do-Liste im Kopf. Wie gerne teile ich meine Zeit im Minutentakt ein. Das muss ich noch erledigen und das und das. Die Liste für Besorgungen und Erledigungen ist oft unendlich lang.
Überraschende Unterbrechungen nehme ich selten an. Keine Zeit! Wie oft denke ich das. Ab jetzt will ich besser darauf achten, wo ich solche Haltestellen im Alltag einbauen kann, weil sie mir gut tun. Nach dem wohltuenden Gespräch mit meiner Nachbarin habe ich mir überlegt, wie ich ihr ab und zu auch eine Freude machen könnte. Ich könnte Sie zum Tee einladen, kommenden Sonntag. Oder ich frage sie, ob ich etwas für sie erledigen kann? Ach, ich frage sie einfach, ob wir mal gemeinsam etwas unternehmen. Ich will ihr Zeit schenken. Meine Zeit.

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Amalia ist zweieinhalb Jahre alt und mein Patenkind. Für ihr Alter ist sie manchmal schon sehr keck und ziemlich schlau. Und sie trifft manches auf den Punkt, wie ich finde. So war es auch, als sie mich das letzte Mal besucht hat. Wir saßen gemeinsam am Mittagstisch, es gab Würstchen mit Kartoffeln und wir haben es uns schmecken lassen. Irgendwann habe ich in die Runde gefragt: „Und, was ist euer Lieblingsessen?“
Die ältere Schwester von Amalia zählt auf, Spaghetti, Schnitzel und Linsen mit Spätzle. „Und deines Amalia?“, frage ich.
Sie antwortet blitzschnell und strahlend und für ihr Alter ungewöhnlich redegewandt: „Mein Lieblingsessen ist das, was vor mir auf dem Teller liegt. Würstchen mit Kartoffeln.“ Ich war wirklich platt. So einen wohltuenden Satz aus dem Mund einer Zweieinhalbjährigen habe ich nicht erwartet. Das war Lob für das Essen und unser Zusammensein in einem.
Für Amalia ist es schön, wenn wir alle gemeinsam um den Tisch sitzen, miteinander essen und reden. Das ist ein schönes Ritual, das sie auch von ihrer Familie zu Hause kennt. So was schmeckt ihr einfach.
Hinter so einer Aussage steckt aber darüber hinaus viel Dankbarkeit. Hier und jetzt geht es mir gut und dafür bin ich dankbar. Einen vollen Teller auf dem Tisch vor sich zu haben, ist nicht selbstverständlich. Das weiß Amalia.
Und noch etwas kommt hinzu. Kinder leben im Hier und Jetzt. Mehr als Erwachsene,wie ich finde. Meistens bin ich mit meinen Gedanken schon ein paar Kilometer weiter. Ich überlege was ich als Nächstes machen und noch schnell erledigen will. Manchmal beobachte ich mich dabei, wie ich vom Tisch mehrmals aufstehe und noch dies und jenes hole. Und dann überlege ich, ob ich doch lieber etwas anderes gekocht hätte für den Besuch.
Amalia zeigt mir, wie es geht: Der Moment zählt. Was jetzt ist und selbst wenn etwas fehlt, wir machen das Beste daraus.
Als Amalia nach dem Essen durch die Wohnung spaziert, schenkt sie mir noch eine Lektion: Alles, was sie entdeckt, gefällt ihr außerordentlich. „Oh, ist das Buch schön. Oh sind die Blumen schön.“
Dieser Blick für das Schöne und Gute, wie sie Dinge und Menschen liebevoll ansieht, das gefällt mir an Amalia. Ich lerne daraus für mich, dass es wichtig ist, diesen wertschätzenden Blick im Alltag für mich und andere zu entdecken und zu pflegen. Auch wenn es nur ab und zu ein einfaches Danke ist. Es steckt ein großer Gedanke dahinter. Danke Amalia.

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Heute Abend erzähle ich Ihnen von einer verpassten Gelegenheit, die mich lange beschäftigt hat.
Ich sitze in der U-Bahn und schaue mir die Fahrgäste an, die einsteigen. Zwei Frauen setzen sich mir gegenüber. Und mir fährt der Gedanke durch den Kopf: Die eine von den beiden – die kennst du doch. Ich schüttle den Kopf, nein, unmöglich. Aber ihre Stimme kommt mir bekannt vor, dann fasse ich einen Plan: Wenn sie mich noch einmal anschaut, dann spreche ich sie an.

In dem Augenblick, in dem ich das beschließe, stehen die beiden Frauen auf und steigen aus. Ich höre gerade noch, wie die eine zu der anderen draußen vor der Tür sagt: „Du, das war eine ehemalige Mitschülerin von mir“. Ich renne los, will auf den Türknopf drücken, zu spät, die U-Bahntüren schließen, der Zug rollt ab.

Was für eine verpasste Gelegenheit! Nach fast 20 Jahren hätten wir uns wieder getroffen. Auf diese Begegnung hätte ich mich gefreut, bestimmt hätten wir uns viel zu erzählen gehabt. 

Plötzlich kommen mir noch andere verpasste Gelegenheiten in meinem Leben in den Sinn. Ich denke an Menschen, die ich schon lange Zeit nicht mehr gesehen habe, von denen ich aktuell nicht weiß, wo sie leben.
Und ich denke an Freunde und Freundinnen, die schon gestorben sind, die ich gerne noch einmal umarmt und ihnen Danke gesagt hätte. Danke für alles, wodurch sie mein Leben reich gemacht haben.

Für mich sind das zwar verpasste Gelegenheiten, aber gleichzeitig denke ich auch an die geschenkte Zeit, die wir gemeinsam erlebt haben. Ich vertraue darauf, dass die Liebe zwischen uns bleibt und weiter wirkt. So erinnere ich mich auch an viele Gelegenheiten, die mein Leben bereichert haben. Menschen, die mir nahe stehen und für mich da sind. Menschen, die ich per Zufall irgendwo kennen gelernt habe. Menschen, die mich seitdem begleiten. Das sind geschenkte Begegnungen, für die ich dankbar bin.

Die verpassten Gelegenheiten sind für mich Möglichkeiten, daraus zu lernen oder es das nächste Mal anders oder besser zu machen.

Ich vertraue darauf, dass Gott dabei mit im Spiel ist, dass Gott mich bei allem an der Hand nimmt und begleitet.
Wie die Geschichte mit der verpassten Begegnung in der U-Bahn ausgeht, weiß ich nicht. Zu Hause angekommen habe ich meiner ehemaligen Mitschülerin sofort über Facebook eine Freundschaftsanfrage verschickt. Nun warte ich darauf, dass sie diese bestätigt.

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