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SWR4 Abendgedanken

Nikolaus oder Weihnachtsmann? Ich habe gelernt, dass das nicht dasselbe ist. Oh, beileibe nicht! Heute ist Nikolaustag. 6. Dezember. Gedenktag des Bischofs aus Myra. Der beliebt ist als Freund der Armen und der Kinder. Der Heilige Nikolaus ist nur echt mit Bischofshut und Hirtenstab. Also keiner dieser pelzverbrämten Gesellen mit weißem Bart und roter Kapuze. Nikolaus soll erkennbar sein als Christ, als Mann der Kirche. Sagt die Kirche. Und fordert deshalb eine weihnachtsmannfreie Zone. So lautet jedenfalls eine Aktion, die seit einigen Jahren echte Schokoladennikoläuse verkauft, und es in diesem Jahr sogar ins Internet geschafft hat mit ihrem Titel.

Ich frage mich nur: Ist das nicht ein bisschen hoch gegriffen? Man muss doch aus seiner Überzeugung nicht gleich eine Kampagne machen, so richtig sie auch sei. Etwas rechthaberisch wirkt das auf mich. Und Rechthaber finde ich anstrengend. Sie wollen mich zu einem Teil von ihrer Welt machen, und das, obwohl ich das Ganze viel entspannter sehe.

Wie ist das nun also mit mir und dem Hl. Nikolaus? Heute, an seinem Tag, denke ich an das, was er vor 1600 Jahren getan hat. Legenden berichten darüber. Er hat die Bevölkerung seiner Stadt vor dem Hungertod bewahrt. Drei jungen Frauen hat er geholfen, dass sie heiraten konnten. Und eine andere Frau bekam endlich ein lang ersehntes Kind.

Es lohnt sich, das nicht zu vergessen – das Teilen und die Hilfsbereitschaft. Sie sind nach wie vor christliche Tugenden. Sie helfen, unsere Welt besser zu machen. Dafür steht der heilige Mann: Nikolaus war ein guter Bischof und ein glaubwürdiger Christ war. Weil er geschenkt hat, schenken wir heute den Kindern etwas. Ganz einfach.

Wenn Sie das Ihren Kindern und Enkeln erzählen, hilft das gegen das Vergessen. Dann brauchen auch Sie keine weihnachtsmannfreie Zone.

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Bis zu diesem Tag weiß ich nicht genau, ob nun heute der Nikolausabend ist oder morgen. Als Kind hat das für mich eine enorme Bedeutung gehabt, weil davon ja abhing, wann es die Geschenke gab – schon am Morgen des 6. Dezember oder erst am Abend. Die Stiefel und Strümpfe, die musste ich auf jeden Fall bereits am Vorabend hinaus stellen. Soviel habe ich gewusst. Als ich dann Pfarrer geworden bin, gab es hin und wieder die Diskussion, wann denn nun die Nikolausfeier für die Kinder zeitlich anzusetzen wäre, am 5. oder am 6. abends.

Um es kurz zu machen: Ich habe mich jetzt endgültig entschieden. Heute ist der Nikolausabend, von dem ich als Kind gesungen habe, dass er bald da ist. Heute, also am Vorabend, und ich will Ihnen auch sagen, warum.

In der Bibel ist es oft so, dass die entscheidenden Dinge in der Nacht passieren, sozusagen ein bisschen im verborgenen, oder hinter vorgehaltener Hand. Das Alte Testament erzählt zum Beispiel, wie Mose sein Volk in die Freiheit führt, als er im Dunkel der Nacht mit ihm durchs Rote Meer zieht. Und dass der junge Samuel im Schlaf zum Propheten berufen wird. Im Neuen Testament geht das so weiter. Gleich zu Beginn berichtet der Evangelist Lukas, dass Jesus mitten in der Nacht geboren wird. Nur die Hirten nehmen Notiz davon, weil sie auf ihre Herde aufpassen müssen, und deshalb Wache halten.

Gott liebt offenbar die Schlafenszeit, um uns Menschen zu erreichen. Wahrscheinlich  sind wir da weniger abgelenkt. Tagsüber haben wir dauernd etwas zu tun. Immer spricht einer mit uns, und Gott hat es schwerer, zu uns durchzudringen. Außerdem ist es wohl so, dass Gott im Schlaf auch über unser Unbewusstes verfügen kann.

Nikolaus, der Bischof und Menschenfreund, kommt auch über Nacht zu uns. So berichtet es eine Legende aus seinem Leben:

Ein verarmter Kaufmann konnte seine drei Töchter nicht standesgemäß verheiraten, weil er kein Erbe für sie hatte. Aus der Not heraus wollte er sie zu Prostituierten machen. Nikolaus ho?rte davon. Zufällig hat er gerade ein größeres Vermögen geerbt. An drei Nächten wirft er jeweils eine goldene Kugel durch das Fenster der drei Jungfrauen, um Ihnen so die Mitgift zu sichern.

Vielleicht bringt er Ihnen auch etwas über Nacht. Der Heilige. Ich wünsche Ihnen einen frohen Nikolausabend.

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Im katholischen Gesangbuch steht ein Adventslied, das es mir besonders angetan hat –Es trägt die Überschrift: Komm, du Heiland aller Welt. Am wichtigsten dabei ist mir das Wörtchen: aller! Weihnachten ist keine exklusive Veranstaltung, sondern es hat mit der ganzen Welt zu tun. Mit jedem Land, mit allen Menschen. Auch mit denen, die gar nichts wissen können von dem, was da von der Christenheit gefeiert wird.

Das hört sich ganz schön nach Vereinnahmung an. So als ob die Kirche wieder einmal ihre missionarische Keule auspackt, um Andersgläubige zu überzeugen. All den Atheisten und Skeptikern, den Juden und Muslimen drücken wir  Weihnachten aufs Auge. Mit dem Lied vom Heiland Jesus für alle Welt singen wir: Du gehörst zu uns, ob du willst oder nicht.

Als Ambrosius von Mailand dieses Lied gedichtet hat, ging es ihm aber um etwas ganz anderes. Damals im vierten Jahrhundert war die Kirche vergleichsweise unbedeutend. Sie hat ihren Standpunkt erst noch finden müssen. Und sie war intensiv damit beschäftigt, das zu formulieren, was ihr wichtig war. Die Wahrheit von dem Gott, an den sie glaubte. Und dieser Gott, der als Mensch auf die Erde kommt, der ist eben nicht begrenzt auf eine kleine Gruppe von Interessierten. Nein, was er da tut, das gilt überall und für jeden. Sein Wirkungskreis ist universal, er betrifft im wahrsten Sinne des Wortes das gesamte Universum. Und was tut er? Er bringt Licht noch in den finstersten Winkel der Welt. Er will im Moment der größten Verzweiflung ein Funke der Hoffnung sein. Dafür feiern wir Weihnachten.

 Das Adventslied steht übrigens auch im Evangelischen Gesangbuch und heißt dort: Nun komm, der Heiden Heiland. So hat das vor 500 Jahren Martin Luther übersetzt. Und es kommt auch im neuen GOTTESLOB vor, das am 1. Advent offiziell eingeführt worden ist. Dort steht’s bei der Nummer 227. Falls Sie’s nachlesen oder gar singen wollen: Komm, du Heiland ALLER Welt!

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Manchmal steht in den Nebensätzen das Entscheidende. So wie in dem, den ich neulich in einer Reportage über den Taifun auf den Philippinen gehört habe: „... zehntausende Hilfspakete, die von katholischen Ehrenamtlichen gepackt werden ...“ Plötzlich bin ich ganz hellhörig geworden, weil häufig nur das eine Meldung über die Kirche wert ist, was schlecht und ärgerlich ist. Seit den Wirren um die Amtsführung des derzeit beurlaubten Limburger Bischofs und dem Hickhack ums Geld in der Kirche weiß ich davon erst recht ein Lied zu singen. Und dann kommt da so eine unscheinbare Nebenbemerkung, als wäre das nichts: Katholiken tun etwas für ihre in Not geratenen Landsleute. Eine Schlagzeile ist das nicht wert. Oder doch?

Auf den Philippinen ist die Katholische Kirche stark und lebendig. Über 80% der Bewohner des Landes sind katholisch. Die Gottesdienste sind voll, und die Menschen leben ihren Glauben bewusst und intensiv. Offenbar gehört das Teilen selbstverständlich dazu. Sie tun es, weil sie Christen sind und sich Jesus verpflichtet fühlen. Und der hat immer Ohren, Hände und eine Stimme für die gehabt, die Hilfe brauchen. Nach dem großen Sturm in ihrem Land ist den Christen auf den Philippinen schnell klar gewesen, was zu tun ist. Sie haben sich füreinander verantwortlich gefühlt und angepackt.

Auch das ist Kirche! Und ich behaupte: Das gibt es an viel mehr Orten, als wir denken: Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft, Zuhören. So sind Christen eben auch. Die Frauen und Männer, aus denen die Kirche besteht. Nicht nur die Kindergärten und Krankenhäuser und Schulen und Spendenaktionen, für die so wirksam geworben wird. Nein, das ganz kleine Alltägliche der vielen Einzelnen. Ich glaube, das macht Kirche in Wahrheit aus, macht sie wertvoll und notwendig.

Die vielen, vielen Helfer auf den Philippinen haben es nicht auf die Titelseite geschafft oder in die Überschrift eines Zeitungsartikels. Meines Wissens gab’s auch keinen Radiobeitrag über ihre sprichwörtliche Solidarität. Es ist müßig darüber zu streiten, dass sie es verdient hätten. Aber es lohnt sich, mehr auf das Unscheinbare zu achten. Gerade im Advent.

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Ich bin ein ungeduldiger Mensch. Wo das herkommt, weiß ich auch nicht. Aber manchmal kann es mir einfach nicht schnell genug gehen. Zum Beispiel wenn das Essen nicht kommt. Oder an der Kasse, beim Anstehen. Und auch der Fortschritt unserer Gesellschaft dauert mir in etlichen Bereichen viel zu lange:

Autos, die weniger CO2 ausstoßen. Das wird doch wohl möglich sein in unserem hoch technisierten Land, denke ich mir.

Eine neue Asylpolitik in Europa, die dafür sorgt, dass kein Flüchtling mehr im Mittelmeer ertrinken muss. Warum geht da nichts vorwärts?

Und auch in meiner Kirche: Da macht einer mal einen Vorstoß – wie unlängst das Seelsorgeamt in Freiburg zum Umgang mit den Geschiedenen – und gleich wird er zurück gepfiffen. Das ärgert mich nicht nur, nein, da krieg ich einen richtigen Zorn. Ich will nicht länger warten.

Gestern hat die Adventszeit begonnen. Dreieinhalb Wochen bis Weihnachten. Das sei eine Zeit der Erwartung und des Wartens, heißt es. Geduld (!): bis Jesus geboren wird, bis der Messias kommt, bis die Welt gerettet wird. Damals vor 2000 Jahren in Israel genauso wie heute. Damit kann ich nichts/wenig anfangen. Das hört sich für mich zu sehr an wie: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!“ Das passt nicht zu meinem Charakter, und ich will auch nicht glauben, dass der Advent so gemeint ist.

Im Gegenteil: Ich stelle mir vor, dass die Menschen damals extrem ungeduldig waren, weil sie endlich eine neue Situation in ihrem Land wollten: mehr soziale Gerechtigkeit und Freiheit von der römischen Unterdrückung. Sie haben inständig gehofft, dass Gott etwas für sie tut, dass er sich unübersehbar auf ihre Seite stellt. Da muss doch in Gottes Namen endlich einer kommen und etwas für sie tun!

So ähnlich denke ich heute. Voll Ungeduld hoffe ich auf einige einschneidende Veränderungen. Der Advent scheint mir gerade die richtige Zeit, damit ich mir über meine Hoffnungen Klarheit verschaffe; und um diese Erwartungen in aller Deutlichkeit zu formulieren. Und ich denke mir: Es gibt auch so etwas wie eine heilige Ungeduld.

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