Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

Jeder hat etwas anderes auf dem Teller. Thomas hatte zwei Kilo Schnitzel inklusive Pommes auf seinem. Er hat diese große Menge nicht geschafft. Dabei war er so nah dran. Richtig bemüht hat er sich, gekämpft. Aber nichts ging mehr - rein. Hätte er den Teller leer gegessen, hätte er für diese Megaportion keinen Cent bezahlen müssen. So hat er den Wettstreit verloren. Teller nicht leer, also muss er für das Essen bezahlen. Vierzig Euro für einen unnötigen Wettstreit. Bauchweh und Erbrechen gab es gratis dazu.
Für mich zeigt Thomas: Weniger ist mehr! Wenn er weniger gegessen hätte, hätte er mehr Genuss gehabt.
Für viele Menschen gilt das allerdings nicht: Weniger ist mehr. Sondern: Weniger ist leer. Denn diese Menschen haben gerade mal eine Handvoll Reis am Tag auf ihrem Teller. Zwei Kilo Schnitzel mit Pommes wären ein Festmahl für die ganze Familie. Darauf weist „Brot für die Welt" hin. Weniger ist leer. Denn noch weniger geht gar nicht.
Während manche Menschen so viel Essen haben, dass sie damit Wettbewerbe veranstalten, haben andere nicht genug zum Leben.
Wie es anders gehen kann, hat Jesus gezeigt. Mit fünf Broten und zwei Fischen hat er fünftausend Menschen satt gemacht. Und es hätte für noch mehr gereicht. Denn es blieben ja zwölf Körbe an Brot und Fisch übrig. Wie er das gemacht hat? Ich weiß es nicht!
Aber ich habe eine Idee. Ich vermute, dass Jesus keinen Zaubertrick angewandt hat. Es gab wahrscheinlich nicht nur Brot und Fisch, sondern jeder der da war, hat das aus seinen Taschen geholt, was er an Verpflegung dabei hatte. Ein bisschen Käse, ein paar Oliven, Tomaten, getrocknetes Fleisch und was halt so in der Tasche war. Jeder hat rausgeholt, was er hatte und es mit den anderen geteilt. Es gab keinen Wettstreit. Niemand hatte Angst zu kurz zu kommen.
So kann es sein. So sollte es sein.
Thomas muss nicht auf sein Schnitzel mit Pommes verzichten. Aber es muss ja nicht die Zwei-Kilo-Variante sein. Vielleicht reicht auch eine normale Portion. Mit dem Geld, dass er so spart, kann er dann zum Beispiel „Brot für die Welt" unterstützen. Damit alle satt werden. Mit Reis, mit Pommes, mit Schnitzel oder wie auch immer.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12543

Hab doch einfach Geduld! Wie oft habe ich das schon gehört. Sei nicht so ungeduldig, warte ab.
Hab Geduld! Dieser Satz kommt schnell mal über die Lippen, wenn man jemanden trösten will, wenn man klar machen will: Es wird sich schon noch ändern. Das braucht halt seine Zeit. Aber irgendwie klingt das dann doch oft wie billiger Trost. Wie eine Vertröstung auf den Sankt Nimmerleinstag. So, als würde einem nichts Besseres einfallen außer: Hab Geduld.
Das sagt sich leicht, aber einfach ist das nicht. Das hat auch Lena Paahlsson aus Schweden erfahren. Ihre Geschichte stand in meiner Sonntagszeitung. Und sie hat mir deutlich gemacht, wie das sein kann mit der Geduld.
Lena Paahlsson hatte ihren Ehering verloren. Und sie hat ihn schmerzlich vermisst. Klar, das Leben ging weiter, ihr Ehemann liebte sie auch weiterhin und sie ihn - auch ohne Ring. Aber so manches Mal, wenn ihr Blick auf ihre Hand fiel, hat sie gemerkt, dass da etwas fehlte, dass ihr etwas fehlte. Manches Mal war das schmerzlich und manches Mal konnte sie gut damit umgehen.
Sie hat gelernt mit dem Verlust zu leben. Narben sind zurückgeblieben. Die Trauer über das Verlorene. Aber das hat sie mit Geduld ertragen. Geduld kommt ja von dulden, ertragen. Sie hat es ertragen, dass ihr was fehlt. Und so gab es auch Tage, da war sie deswegen gar nicht unglücklich. Die Geduld hat ihr geholfen, mit dem Verlust zu leben. Ich glaube, das gilt auch, wenn es um mehr geht als um einen verlorenen Ehering.
Lena Paahlson wurde übrigens eines Tages für ihre Geduld belohnt. Zu einem Zeitpunkt als sie schon längst nicht mehr damit gerechnet hat, ihren verlorenen Ring wieder zu finden. Da war er wieder da. Im Garten. Bei der Ernte. Mit einer Karotte hat sie ihren Ehering aus der Erde gezogen. Nach langen sechzehn Jahren kam der Ring wieder zum Vorschein. Beim Backen verschwunden, mit dem Biomüll rausgetragen auf den Kompost und so ins Gemüsebeet.
Sechzehn Jahre lang hatte Lena Paahlsson Geduld. Mit sich, mit dem, was sie selbst nicht ändern konnte. Und sie hat gelernt, geduldig mit dem Verlust zu leben. Mal fiel es ihr schwer, mal leicht. Aber eines brauchte sie immer: Geduld.
Sie hat mit einem Verlust gelebt. Und weil sie Geduld hatte, hat sie gut damit gelebt.
Ich finde, das zeigt, wie recht die Bibel hat. Da heißt es nämlich: Geduld aber habt ihr nötig (Hebr. 10, 36). Das ist kein billiger Trost - sondern ein ganz wichtiger Rat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12542

Ein falscher Ton - und die Stimmung ist kaputt. Vielleicht kennen Sie das vom Konzert oder vom Kino. Darüber könnte ich mich immer richtig aufregen: Ich freue mich endlich mal wieder im Kino zu sein, den Film genießen zu können und mitten in den Film hinein klingelt ein Handy. Zwar nur kurz, aber trotzdem. Die Stimmung ist kaputt. Ich fühle mich gestört. Alles, was war, ist nicht mehr: Die Freude am Film, die Atmosphäre im Kino. Nur weil da ein falscher Ton den Moment gestört.
Eigentlich ist das ja wie im Leben sonst auch! Auch da kann ein falscher Ton die Stimmung stören, zerstören sogar. Und das passiert manchmal schneller als man denkt: Wieder einmal musste ich das letzte Wort haben. Und habe deswegen noch einmal gesagt, was mir an der Arbeit meines Gegenübers nicht gefiel.
Besser wäre es gewesen, ich hätte auf dieses letzte Wort verzichtet. Aber nein, ich musste ja noch einen drauf setzen mit meiner spitzen Bemerkung. Und jetzt ist die Stimmung ganz am Boden.
„Gib mir die richtigen Worte, gib mir den richtigen Ton" - so singen Christen im Gottesdienst. Und das wünsche ich mir so manches Mal für mein Leben. Dass ich eben darauf verzichte, unbedingt das letzte Wort haben zu müssen, dass ich eine spitze Bemerkung einfach runterschlucke und sie nicht zum Besten gebe.
Gib mir die richtigen Worte, den richtigen Ton. Denn es tut doch so gut, das richtige Wort mit dem richtigen Tonfall zu hören. Wie neulich als ich innerlich bis drei gezählt habe und dann erst geredet habe. „Okay, das ist jetzt richtig schief gegangen", habe ich gesagt, „das ist nicht optimal. Aber weißt du was, zusammen kriegen wir das wieder hin. Ich erklär dir das Ganze noch mal und dann probierst du es noch mal aus!" Erstaunt hat mich da mein Schüler angeguckt, einmal geschluckt und ist dann freudestrahlend auf seinen Platz zurückgegangen.
Gib mir die richtigen Worte, gib mir den richtigen Ton - bevor ich mir das von anderen wünsche, versuche ich selbst das in meinem Leben umzusetzen. Leicht ist das nicht immer. Das hat ja auch niemand gesagt. Aber schön ist es, wenn ich spüre, wie der richtige Ton, das richtige Wort Menschen glücklich machen.
Deswegen bitte ich Gott nun einfach regelmäßig: Gib mir die richtigen Worte, gib mir den richtigen Ton. Danke.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12541

Rache ist süß, sagt man. Das stimmt vielleicht für die, die sich rächen wollen. Jedenfalls im ersten Moment. Für die Betroffenen ist sie bitter, die Rache. Oder salzig. So wie in der Geschichte, die ich in der Zeitung gelesen habe und die dem Bäcker Nico Boelens in Brügge passiert ist.
Über Nacht hatte er anscheinend sein Handwerk verlernt. Die ganze Zeit über waren alle mit seinen Kuchen und Torten zufrieden. Und jetzt: nur noch Beschwerden. Seine Kuchen wären salzig, seine Torten hätten einen seltsamen Nachgeschmack. Irgendwer wollte dem Bäcker anscheinend Böses. Aber warum?
Nico Boelens hat es herausgefunden. Als die Kundschaft immer mehr ausblieb, da musste er eine Antwort finden. Er installierte eine Kamera in seiner Backstube. Und endlich wusste er, woher das Salz kam. Die Witwe seines Vorgängers missgönnte ihm seinen Erfolg und hatte heimlich Salz ins Mehl gemischt.
Mich hat die Geschichte des Konditors aus Brügge an eine andere Geschichte erinnert, die ich aus der Bibel kenne. Da war es Josef, an dem sich seine Brüder rächen wollten. Dieser Josef war nämlich Papas Liebling, er bekam alles: schöne Kleider, Aufmerksamkeit, Liebe - mehr als seine Brüder. Und er träumte, dass er besser sei als seine Brüder, sie sich vor ihm verneigen müssten. Deshalb haben seine Brüder ihn verkauft. Als Sklaven nach Ägypten. Hauptsache weit weg von Papa.
Manchmal gibt es Menschen, die anderen nichts Gutes gönnen oder sogar mutwillig schaden wollen. Aus Neid, aus Eifersucht, aus Rache oder anderen Gefühlen. Gut, dass das nicht immer gelingt. Manchmal reichen Rachegelüste von anderen nicht wirklich aus.
Gut, dass es da noch einen gibt, der das Böse wendet. „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen" - so sagt Josef als er seine Brüder viele Jahre später wieder trifft. In Ägypten nämlich war Josef ein mächtiger und angesehener Mann geworden.
„Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. Diese Erfahrung machte auch Nico Boelens. Nachdem er die Witwe erwischt hatte und sie ihm die Kuchen und Torten nicht mehr versalzen konnte, brummte seine Laden mehr als je zuvor. Das war dann wahrscheinlich Salz auf die Wunden der Witwe.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12540

Lachen ist gesund, heißt es. Und ich denke, irgendetwas stimmt schon an diesem Spruch. Lachen ist gesund. Vielleicht macht es nicht unbedingt gesund, aber es macht etwas mit mir. Denn es verändert meinen Blick auf die Dinge, die mich umgeben. Es verändert so manches mal den Blick auf mich selbst. Viele meiner Macken werden mir deutlich, Verhaltensweisen werden sichtbar. Verkrampfungen lösen sich, wenn man lachen kann.
Lachen ist gesund. Aber man kann Lachen nicht auf Rezept verschreiben. Man kann Lachen auch nicht anordnen. Lachen - das muss einfach so geschehen. Weil es passt, weil irgendjemand etwas erzählt hat, was lustig ist, weil jemand, was getan hat, was mich zum Lachen bringt.

In den letzten Tagen gab es im Fernsehen Sendungen mit Lachfaktor. Manche Sendungen habe ich mir angesehen. Weil ich auf gute Büttenreden gewartet habe, auf Menschen, die so lustig auf seriöse und ernsthafte Themen gucken, dass ich darüber lachen kann. Und das tut mir dann gut. Die Schwierigkeiten scheinen mir nicht mehr so bedrückend.
Lachen ist gesund. Lachen verändert so manche Sichtweise, weil man sich selbst und seine Sorgen nicht mehr so wichtig nimmt. Wie auch immer! Lachen tut etwas.
Das hat auch die alte Sarah erfahren, als sie eines Tages Besuch von drei Männern bekommen hat. Die hatten nicht nur einen unglaublich großen Hunger und haben Sarah fast die Haare vom Kopf gefressen, sondern sie hatten auch noch eine unglaubliche Botschaft von Gott für Sarah. „Sarah", haben sie gesagt, „du bekommst ein Kind!" Da musste Sarah lachen. Ihre Kinderlosigkeit war ihr großer Kummer. Aber das war nun doch zu komisch. Sie war jetzt wirklich zu alt, um noch ein Kind zu bekommen. Die drei göttlichen Männer sind aber hartnäckig dabei geblieben: „Sollte für Gott etwas unmöglich sein?"
Und tatsächlich. Die Männer behielten Recht. Sarah wurde schwanger und bekam einen Sohn. Als sie lachen konnte über sich und ihren Kummer - da war der Kummer zu Ende. Und da lachte sie wieder - dieses Mal aus Freude. Und sie nannte ihren Sohn Isaak, das heißt: er lachte.
Weil das Lachen ihr Leben verändert hat.
Lachen ist gesund. Nicht nur am Fasching. Sondern immer mal wieder.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12539