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10OKT2021
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Peter Annweiler trifft Michael Borger, Referent für „Globales Lernen“

Teil 1: Über den eigenen Kirchturm hinaus schauen

Der eigene Kirchturmhorizont reicht ihm nicht. Als Referent für „Globales Lernen“ ist die ganze Welt sein Feld. Wenn nicht gerade Pandemie ist, ist er am liebsten unterwegs und steckt andere mit seiner Leidenschaft an.

Das Feuer, das ich in mir spüre, und was es mir tatsächlich leicht macht, mich schon lange Jahre für dieses Thema einzusetzen, sind meine Begegnungen mit Menschen aus aller Welt. Ich habe verstanden: Wir sind Bewohner einer Welt.

Da brennt einer für seine Sache. Und wenn ich ihm zuhöre, frage ich mich: Wie schafft der Mann das: Zuversichtlich zu bleiben für die Anliegen der „einen“ Welt? – Das ist ein hoher Anspruch und ich kenne von mir: Es ist mir manchmal auch zu viel.  Zwar weiß ich: Es ist nicht egal, was ich esse, was ich anziehe und wie ich mich fortbewege. All das hat einen Einfluss darauf, wie es der Welt im Ganzen geht, aber ständig will ich eben auch nicht damit konfrontiert sein.

Vielleicht erzählt Michael Borger mir ja genau deshalb mehr von der Lust als von der Last seines Anspruchs.

Wenn wir Kontakte haben mit Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt, wenn wir die kennen lernen, dann sind uns deren Fragen, deren Probleme, deren Anlässe zur Freude nicht mehr egal. Da wird es ganz persönlich – und da ist auch die Motivation da, sich zu engagieren.

Begegnungen als Herzschlag globalen Lernens - ich frage nach, wie das konkret aussieht.

Ein Projekt fand ich sehr erfolgreich: Das ist ne Partnerschaft zwischen Jugendlichen aus der Südwestpfalz und Jugendlichen aus dem Township im Port Elizabeth . Da haben wir jedes Jahr uns getroffen, einmal bei uns in der Pfalz, einmal in Südafrika – und

haben dort im Township Erste Hilfe Kurse gemacht, Aidsprohylaxe gemacht. Da haben wir festgestellt: Das gibt es nicht. Und wenn die südafrikanischen Jugendlichen bei uns waren, dann haben die drei Wochen in einem Waldkindergarten mitgearbeitet bei Landau – das war einer der Höhepunkte im Jahr der Kinder, weil sie Kontakte hatten in alle Welt.

Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. In den Unterschieden das Verbindende wahrzunehmen – das gelingt nur auf der Basis eines guten Fundaments.

Wir sind alle eins. Wir gehören alle zusammen. Und meine Geschwister in anderen Ländern der Welt sind mir nicht egal, wenn ich sie kennen lerne.

Er sagt tatsächlich „Geschwister“ und nicht „Mitmenschen“ oder „Partner“. Ein starkes Bild, finde ich: Dass die Christenfamilie eine besondere Verantwortung für das gemeinsame Leben aller auf unserem Planeten hat. Ein Bewusstsein dafür kann gar nicht früh genug geweckt werden, meint Michael Borger  – und deshalb ist für ihn das globale Lernen mit Kindern und Jugendlichen  eines der wichtigsten Arbeitsfelder der Kirche. Davon erzähle ich Ihnen gleich nach der Musik.

Teil 2: Früh im Leben anfangen

Das globale Lernen hat es Michael Borger angetan. Er organisiert für das Jugendpfarramt der Pfalz Reisen und Freizeiten und hat dabei besonders junge Menschen im Blick. Ihnen will der 61jährige sein Engagement für die „eine Welt“ nahe bringen.

Es ist eine wunderbare Aufgabe, Kinder und Jugendliche darauf vorzubereiten, dass sie die Kraft für nachhaltigen Lebensstil haben, dass sie sich für eine humane, zukunftsfähige Gesellschaft einsetzen. Dass sie Visionen für ne gerechte Welt entwickeln, dass sie an ihre Selbstwirksamkeit glauben und sich nicht unterkriegen lassen.

„Wie?“  frage ich ihn. Wie gelingt es, diese großen Ziele umzusetzen? - Und er erzählt mir, dass er ein Spiel entwickelt hat: „Weltivity“.  Das geht ein bisschen wie Monopoly, aber doch ganz anders. Denn es zeigt spielerisch, was es etwa schon für einen Unterschied macht, ob ich in Deutschland oder in Palästina geboren bin.

Ein moralischer Zeigefinger – den kann man da nicht gebrauchen. Und ich glaub, die Art und Weise, wie wir mit Kindern arbeiten, ist da der Schlüssel.

Weil es um ihre eigene Zukunft geht – deshalb sieht Michael Borger bei Kindern und Jugendlichen ein großes Potenzial für Veränderungen. Der Klimawandel – der betrifft Menschen um so krasser je jünger sie sind.

Dann sind mir manchmal die Tränen gekommen ob der Wahrhaftigkeit, mit der Kinder von 8-12 Jahren sich schon mit Weltthemen auseinander setzen - und welche ein großartiges Gerechtigkeitsempfingen sie haben. Und wie sie Erwachsenen den Spiegel vorhalten, wie ein aufrichtiges, ein nachhaltiges Leben sein könnte.

Michael Borger engagiert sich schon seit seiner Kindheit in der evangelischen Jugend. Die Erfahrungen dort haben sein Leben verändert und ihm neue Horizonte eröffnet.

Ich bin ja ein Kind der Evangelischen Jugend. Von Kindergruppen und Kindergottesdienst und ehrenamtliches Freizeitleiten habe ich das schon mein ganzes Leben gemacht. Ich hab‘ ne Ausbildung gemacht als Zerspanungsmechaniker und bin dann den Weg gegangen zum Sozialpädagogen mit dem Gedanken, mein Hobby zum Beruf zu machen. Das war schon eine Verheißung – ich hätte mich aber nicht getraut ohne meine Erfahrungen bei der evangelischen Jugend.

Und das will er weitergeben. Weil er sicher ist: je früher Menschen lernen, dass sie Teil der einen Welt sind desto nachhaltiger ist die Erkenntnis. So hat er es selbst  erlebt:

Ich hab das von Kindesbeinen an gelernt, dass es ein inneres Anliegen ist, dass Kirche sich für Gerechtigkeit einsetzt und  für Frieden – und auch für diese wunderbare Natur, in die wir hineingeboren worden sind.

Die Chance, den Klimawandel zu bremsen, wird größer, wenn wir aus Einsicht handeln. Michael Borger hat mir mit seinem Engagement für Schöpfung, Frieden und Gerechtigkeit gezeigt: Wir können nicht früh genug anfangen, solche Einsichten durch „Globales Lernen“ wachsen zu lassen. 

Informationen zum Spiel „Weltivity“:

https://www.ejpfalz.de/fileadmin/user_upload/LJPA/Globales_Lernen/Spielanleitung_Weltivity.pdf

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34022
29AUG2021
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Peter Annweiler trifft Ingo Schenk, Impulsgeber für die „Ideenschmiede ländlicher Raum“

Teil 1: Landliebe

Der 52jährige brennt dafür, auf kreative Weise „die Kirche im Dorf zu lassen“. Weil er selbst dort groß geworden ist, kennt der Sozialpädagoge sich gut aus mit Menschen und Mentalitäten in der „Alten Welt“, dem Landstrich zwischen Kaiserslautern, Kusel und Bad Kreuznach.

Wir haben rausgefunden, dass diese Region immer ein Stück vergessen worden ist. Und was daraus entsteht, ist so ein Vorbehalt gegen Neues und auch gegen Veränderungen, was auch verständlich ist, weil die Leute am Bewährten festhalten, was für sie immer richtig war.

Auf dem Land ist es irgendwie „eng“ – in den Dörfern und den Köpfen. Mit diesem Klischee bin ich ja auch losgefahren nach Reipoltskirchen in der Nordpfalz, wo ich mit Bus oder Bahn kaum hingekommen wäre. Doch schnell bin ich gepackt: „Ideenschmiede Alte Welt – Projektentwicklung ländlicher Raum“ steht auf dem Schild an einem frisch sanierten Haus. Und als Ingo Schenk mir die Tür öffnet, treffe ich auf einen hip aussehenden Typ mit Dutt.

Gemeinsam mit den Menschen vor Ort  überlegt der Referent des Jugendpfarramts, wie das Landleben attraktiver werden kann. Dafür bringt er bodenständiges Leben, soziologische Theorien und innovativen Idee zusammen. Es gefällt mir, wie der Pfälzer seine Herkunft gründlich und wertschätzend bedacht hat.

Also man ist nicht immer so anfällig dafür jedem Trend nachzurennen, sondern ich habe ein sehr starkes Bewusstsein dafür, was mich auch trägt von meiner Biographie her und was das Land mir auch gegeben hat: Das sind die ganzen Beziehungen, das Wissen um natürliche Ressourcen, die Erfahrung beim Bauer, mit Lewwerworschtebrot, Senf und Gurke, wo man nach getaner Feldarbeit gemeinsam am Tisch saß und diese Gemeinschaft gespürt hat.

Zuerst klingt das für mich ein bißchen nach Sommerromantik. Doch Ingo Schenk setzt seine persönlichen Erfahrungen ja für eine wichtige Aufgabe ein:

Der Gänsehautmoment ist der Moment, dass ich mit jungen Menschen arbeiten darf, die in dieser Region leben und so hoch kreativ sind, auch in der Dorfforschung und der Zusammenarbeit mit uns – das ist wie ein innerer Antrieb.

Seine Projekte begeistern junge Leute für ihren Lebensraum. Sie gehen dann auf die Älteren und Entscheidungsträger zu und überlegen gemeinsam, wie etwa der Wegzug gestoppt werden kann. Da geht es auch um gute Atomsphäre – und deshalb finden die Zukunftsgespräche nicht mit externen Experten in großen Sälen statt, sondern private Wohnzimmeratmo wandert ganz einfach auf die Straße.  

Wir haben im Retro-Style n Wohnzimmer mit Kaffee,  mit Sitzgarnitur, mit Lampen, hingestellt, haben eingeladen – es kamen fünfzig Leute. (lacht)

Die Jugendlichen waren skeptisch und  es hat funktioniert und die machen das seit 7 Jahren mittlerweile- haben jetzt schon viele Preise gewonnen, waren im Fernsehen, reisen da rum, waren in Schulklassen – genial.

Schön, wenn ohne Schwellen Ideen für eine Zukunft im Dorf geschmiedet werden. Mit Menschen und Kräften, die schon da sind. Ich lerne von Ingo Schenk: Es ist schon viel „Kirche im Dorf“ gelassen, wenn es gelingt, Begegnungen zu organisieren, die sonst nicht stattfinden.

Teil 2: Menschenliebe

Ingo Schenk leitet eine „Ideenschmiede für den ländlichen Raum“ in der Nordpfalz. Der Sozialpädagoge entwickelt für das Jugendpfarramt in der Pfalz Zukunftsideen – und die dürfen für ihn nicht aus Modellen entstehen. Sie müssen aus Begegnungen wachsen.

Ich bin derjenige, der unheimlich gern mit unterschiedlichsten Menschen zusammenarbeitet im Alltagsgespräch. Ich mag keine gestellten Situationen, sondern wirklich hier auf die Straße gehen, mit dem Bürgermeister was zu entwickeln, mit Pfarrer, mit Bürgern. Also einfach rausgehen – und mit den Menschen was tun.

Der 52jährige liebt es, Begegnungen anzustiften. Begegnungen, die sonst nicht stattfinden würden. Zwischen jung und alt, zwischen zugezogen und alteingesessen. Zwischen Theorie und Praxis, zwischen Kommune und Kirche.

Was mich kirchlich geprägt hat, sind Personen, das heißt: Ganz klare Begegnungen

Es zeichnet Kirche von Anfang an aus: Menschen zusammen zu bringen, die sonst nicht zusammenfänden: Juden und Griechen. Arme und Reichere, Traditionelle und Progressive. Oft ging es dabei auch darum, wie Menschen aus dem Glauben heraus ihr Zusammenleben neu begreifen und organisieren - ohne Rücksicht auf Herkunft, Geschlecht oder Geld.

Deshalb bleibt es eine wichtige Aufgabe von Kirche Begegnungen zu ermöglichen – über die Gottesdienstgemeinde hinaus und weit in den Sozialraum hinein: Zum Beispiel zwischen heimatverbundenem Landwirt und dem Homeoffice-Menschen, der mit der Pandemie aus der Stadt geflohen ist.

Aus unerwarteten und wertschätzenden Begegnungen heraus können Menschen sich heilsam weiter entwickeln. Das vertraut mir Ingo Schenk auch aus seiner eigenen Lebensgeschichte an.

Ich war in meiner Kindheit und Jugend jemand, der zurückhaltend war und Fußballer. Und da war ein Pfarrer, der hat am Rand gestanden und gesagt: Traut dem Ingo! - Diese Wertschätzung, dass er mich anspricht, mit mir in den Dialog geht, dass er mich ernst nimmt. Das hat mich dann dazu bewogen zu studieren. Weil ich hab ja vorher ein Handwerk gelernt. Ich war KFZ-Mechaniker und habe mit 21 noch mal Mittlere Reife absolviert

Heute ist der schüchterne Junge Vater zweier Töchter. In seinem Dorf ist er der Trainer der Mädchenfußballmannschaft. In seiner Arbeit begeistert er sich für gesellschaftliche Theorien.

Der Mann mit dem Dutt versucht so ganz gründlich, Menschen in ihrem Alltag zu verstehen. Auch sich selbst. Vielleicht kann er deshalb Bodenständigkeit und neue Ideen, Landliebe und Menschenliebe so gut zusammenbringen. Auf jeden Fall ist er in meinen Augen der richtige Mann für eine „Ideenschmiede“ in der dörflichen Welt. Auf der Rückfahrt weiß ich nicht mehr, wie ich darauf kam zu denken, es sei „eng“ - dort auf dem Land.

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Mehr Infos zum Projekt:

https://www.alte-welt.com

https://www.dorfraum-entwickler.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33825
04JUL2021
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Julia Wege

Auswege aus Parallelwelten

… und mit Julia Wege. Die 36jährige arbeitet im Rotlichtmilieu. Sie kümmert sich um Frauen in der Prostitution und leitet das Mannheimer Beratungszentrum AMALIE.
„Wow“! – denke ich gleich, als ich die ehemalige Eckkneipe mitten im Kiez der Neckarstadt betrete: Bunte Bilder. Frische Blumen. Hell und einladend. Das Gegenteil von „Schmuddelecke“.
Seit 2013 hat die engagierte Sozialarbeiterin das alles aufgebaut.

Ich hatte natürlich immer sehr hohe Ansprüche und habe gesagt: Wenn ich mal eine Beratungsstelle eröffne, dann soll es die schönste bundesweit sein (schmunzelt). Ich hab‘ ein bestimmtes Bild gehabt … wie wir hier arbeiten, was unsere Grundwerte ausmacht, wie wir den Frauen mit Würde und Respekt begegnen können.

Fein, stimmig und vertrauenserweckend – so wirken nicht nur die Räume der diakonischen Beratungsstelle. Für mich verkörpert Julia Wege diese Eigenschaften in ihrer Person. Und solche Menschen braucht es „draußen“, wo es um das Geschäft mit dem Sex geht. Oft hat sie da mit traumatisierten jungen Frauen oder gar Minderjährigen aus Bulgarien und Rumänien zu tun. Ein „Lover Boy“ hat ihnen Liebe und Heirat versprochen, sie nach Deutschland gelockt – und sie dann in die Sexarbeit gezwungen. Für diese Frauen ist Julia Wege manchmal die einzige Ansprechpartnerin.

(Da fällt mir eine Situation ein von einer Aussteigerin, die in großer Not zu uns kam, an der Tür geklingelt hatte, mit dem Hinweis, dass sie schwanger sei. Sie vermutet, dass das Kind bereits tot ist – sie kommt direkt vom Straßenstrich, hat keine Krankenversicherung, vermutet, dass sie im siebten Monat ist. Ich hab dann vereinbart, dass wir direkt den Krankenwagen holen für ins Klinikum zu fahren. Dann haben die Ärzte festgestellt: Die Schmerzen, die sie hatte – das waren tatsächlich schon die Wehen, das Kind lebt noch. Und die Geburt erfolgt dann wenige Stunden danach.

Als Geburtshelferin hat Julia Wege hier gewirkt. Und weil sie da ist und hilft - anstatt zu verurteilen- öffnen sich ihr die Frauen:

Die Frau hat unter Tränen mir im Krankenhaus gesagt, sie kann für das Kind nicht sorgen. Keine Mutter gibt ihr Kind gerne weg und hat sozusagen alles unterschrieben, dass das Kind zur Adoption frei gegeben wird. Sie hat gesagt, sie wird von zwei Zuhältern überwacht, einem rumänischen, einem deutschen Zuhälter – und dass keiner wissen darf, dass sie entbunden hat, dass sie überhaupt schwanger ist – und dass sie jetzt bald wieder arbeiten müsse.

Empörend finde ich solche Lebensbedingungen. Und beschämend, wie schwer es offenbar ist, etwas dran zu verändern.

Ich hab‘ der Frau alle Möglichkeiten aufgezeigt, wie wir mit Polizeischutz im Klinikum ihr Hilfe bieten können, auch ihrem Kind – und sie musste aber sagen: Die deutschen Gesetze helfen mir nichts.

Die junge Frau ist dann doch zur Aussteigerin geworden. Vertrauen hat ihre Angst überwunden. Vertrauen in eine engagierte Sozialarbeiterin, die auch unkonventionelle Wege geht: So hat sie eine Stadtgemeinde dazu gebracht kurzerhand in einem Gottesdienst Spenden für die Erstausstattung des Babys zu sammeln.
Welche Konsequenzen Julia Wege aus Geschichten von Aussteigerinnen zieht – davon erzähle ich Ihnen gleich nach der Musik.

Nah bei den Menschen
Julia Wege kümmert sich für die Diakonie um Frauen in der Prostitution. Sie leitet die Beratungsstelle AMALIE in Mannheim. Viele Fotos von Lotusblüten hängen dort – und das hat seinen Grund:

Die Lotusblüte wächst in schlammigen Gewässern auf und entfaltet ihre Blüte, Stärke, Strahlkraft, wenn die Sonne scheint. 2.20 Ich seh‘ da einfach Parallelen – in der Regel sind es oft auch düstere, dunkle Ecken, in denen sie leben und arbeiten. Und wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, zu strahlen, dann haben sie auch die Chance auf ein anderes Leben.

Den Frauen einen Weg zu weisen in ein normaleres Leben, in dem sie aufblühen können – dafür setzt sich Julia Wege ein. Sie kämpft da auch für mehr Sichtbarkeit.

Grundsätzlich interessiere ich mich schon viele Jahre für gesellschaftliche Tabuthemen – und auch grad Randbereiche. Weil ich denke, dass man sich auch dort einsetzen sollte, wo niemand gerne hinschauen möchte.

Julia Wege hat gerade in der Coronazeit viele Hintergründe erfahren – und ist mit realer Not konfrontiert worden.

Wir haben sehr viele Anfragen erhalten, die Frauen waren mittellos und überfordert mit der ganzen Situation. Auch überfordert zum Beispiel, Hilfen zu beantragen – ohne Meldebescheinigung, ohne Krankenversicherung ohne Steuernummer, um diese Hilfen überhaupt abrufen zu können.

Gesellschaftlich bestimmen zur Zeit zwei Positionen den Blick auf Prostitution: Die einen wollen Prostitution verbieten – manchmal auch mit christlicher Motivation. Die anderen neigen dazu sie zu verharmlosen:

Viele verbinden Prostitution mit einer legalen Erwerbstätigkeit, mit einer sexuellen Dienstleistung, Sex gegen Entgelt: Der Freier bezahlt das Geld und damit ist die Abhandlung abgeschlossen.

Die Frauen geraten bei beiden Positionen oft aus dem Blick, findet Julia Wege. Deshalb ist es so wichtig, genau hinzuschauen. Um den Frauen und Ihren ganz unterschiedlichen Lebensumständen gerecht zu werden.

Wir erleben, dass es gewisse Klischees und Vorurteile oder bestimmte Meinungen gibt, die oft sehr voyeuristisch sind. 3.03 Prostituierte haben keine gute gesellschaftliche Stellung. Von daher ist es für uns auch immer sehr wichtig, dass wir Aufklärungsarbeit leisten, weil viele über die Hintergründe gar nicht Bescheid wissen.

Wie gut. Wie wichtig: Dass da eine die Hintergründe kennt. Dass sie parteilich auf der Seite der betroffenen Frauen steht.
Wie schön, wenn die Ästhetin Julia Wege weiter Lotusblüten in schlammigem Gewässer zum Blühen bringt.
Ich finde mit ihrem Engagement setzt sie den allerersten Auftrag von Kirche um: Nah bei den Menschen sein und sie bedingungslos annehmen.
Mitten im Rotlichtmilieu. Mitten im Kiez.


Informationen zur Beratungsstelle AMALIE
www.amalie-mannheim.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33444
23MAI2021
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Sebastian Baden

Peter Annweiler trifft Sebastian Baden, Kurator der Kunsthalle Mannheim

Teil 1: Neues Verstehen
Sperrig, irritierend oder provozierend? – Kein Problem für den 40jährigen. Der Kunstwissenschaftler kümmert sich um zeitgenössische Kunst an der Mannheimer Kunsthalle. Mich fasziniert, dass der Mann nicht nur kundig über Kunst spricht, sondern Vieles mit seinen Händen angepackt hat.  

Ich bin von Hause aus eigentlich Bildender Künstler, ich hab‘ Bildhauerei gemacht an der Akademie, hab geschweißt, Holzbildhauerei gelernt, auch Buchbinderei, also alle die Dinge, die man für eine Vermittlungsarbeit auch später gebrauchen kann.

Und heute vermittelt er: Zwischen Werk und Betrachtenden. Zwischen Theorie und Anschauung. Wer vermittelt, muss vieles kennen. Und genau wie Sebastian Baden Werkstoffe kennen gelernt hat, weiß er auch: Er kann seinen Job nur gut machen, wenn er etwas über das Christentum weiß.

Es ergeben sich eben Kennlernmomente – und besonders, wenn man für’s Staatsexamen büffeln muss, hat man die ganze christliche Ikonographie vor Augen, wie sie aus dem Frühchristentum entstanden ist. Das war faszinierend zu sehen, dass auch ohne Glaube die Notwendigkeit der Kenntnis dieses Systems von Bild, Denken und Schrift wichtig ist, um das eigene Berufsbild zu definieren.

Klar, denke ich: Grünewald, Michelangelo, Da Vinci - ein Kunsthistoriker muss sich beruflich gut mit Darstellungen biblischer und religiöser Themen auskennen.

Doch der Protestant mit pfälzischen Wurzeln ist auch persönlich offen geblieben für Religion in der Kunst. Jetzt gerade wieder: Er hat die Ausstellung zu Anselm Kiefer in Mannheim gemacht, einem der wichtigsten deutschen Gegenwartskünstler:   

Eine riesige entwurzelte Palme liegt da zum Beispiel. Kraftvoll und kraftlos zugleich. Wunderbares und Zerstörtes finden in der Handschrift des Künstlers zusammen. Ich fühle mich ausgeliefert und zugleich aufgehoben in einem Zusammenhang, der viel größer ist als ich. Worte sind zu klein dafür.

Sebastian Bastian sagt es so:
Mich hat überrascht, wie ich mich plötzlich für diese Fragestellung des Undarstellbaren begeistern kann. Das war eine Überlegung, wie sich die Kunst mit der Darstellung Gottes beschäftigt: Dass also ein Künstler wie Anselm Kiefer einen auf diese Suche von Undarstellbarkeit bringt, sowohl aus der jüdischen Perspektive wie eben auch aus der christlichen.

Das Undarstellbare – für mich ist es auch ein Name für Gott. Denn Gott ist immer größer als das, was ich weiß, kenne oder ausdrücken kann.

Das sind wirklich spirituelle Momente, die am Anfang auf mich so gewirkt haben wie etwas, das ich von mir weisen müsste, weil es zu spirituell war – und dann dachte ich: Nein! Ich lass‘ mich drauf ein und versuch‘ zu erkennen, was dahinter steckt. Und da eröffnen sich plötzlich ganz neue Momente der Welterkenntnis.

Mich drauf einlassen. Auf das, was mir fremd, rätselhaft und voller Fragen erscheint. Und dann entsteht auf diesem Weg ein „neues Verstehen“ von mir, von Gott und unserer Welt.  Für mich klingt darin auch etwas Pfingstliches an.

Teil 2: Pfingstliche Inspirationsräume

Der 40jährige macht Ausstellungen für helle, hohe und weite Räume – und die sind für ihn mehr als ein „white cube“, ein neutraler, weißer Hintergrund.

Die Kunsthalle, finde ich, das ist ein sehr spiritueller Ort, der ne Stille ausstrahlt. Das schreckt einerseits die Menschen ab, führt aber auch dazu, dass es eine respektvolle Haltung gibt. Und die bedeutet ja auch wie in der Kirche ne Art von Meditation. Und ich glaube, dieses Zur-Ruhe-Kommen, dieses Sich-Selbst-Entdecken in diesen Räumlichkeiten ist ein wichtiger Faktor.

Kirchenräume  und Museen sind einander ähnlich. Sie sind Inspirationsräume, die etwas anderes als „Alltag“ bieten. Sie können mich an meinen Ursprung zurück binden und Offenheit für Neues wecken. Es gibt aber keine exklusiven Orte für Religion und Inspiration.

Wenn ich Protestant bin zum Beispiel, dann lässt sich die Religiosität ja auch in einem anderen Ort finden, also durchaus auch in einem Museum in einem Kunstwerk. Und dann kann das Werk immer noch christlich sein, weil es einen bestimmten Inhalt transportiert, den ich aus meiner evangelischen Sozialisation heraus entdecke – und andere Menschen aber nicht.

Klar: Die eigene Prägung macht aus, welche „Antennen“ ich entwickle. Für mich ist noch mehr im Spiel. Kunst und Religion werden erst lebendig, wenn es einen Schwung, einen Überschuss von schöpferischen Kräften, ein neues Verstehen gibt. Etwas, das das Leben neu beseelt – und das wir uns nicht vornehmen können. Das heutige Pfingstfest steht genau dafür und hat viel mit den Künsten zu tun. Sebastian Baden:

Mittlerweile bin ich beruflich auf Pfingsten hin ausgerichtet, weil es damit um ein sehr konzeptuelles, spirituelles Ereignis geht: Also die Aussendung des Geistes und damit etwas, das man rein rational überhaupt nicht erklären kann. Sondern das ist etwas, was empfunden werden muss. Und diese subjektive Empfindsamkeit – die hat sehr viel mit künstlerischem Erleben zu tun.

Vom Verstehen zum Empfinden. Vom Denken zum Begeistern. Das ist der Pfingstweg – und der kann auch die Geschwister Kunst und Religion wieder zusammen bringen, die sich in der Moderne auseinander gelebt haben.

Beide sind ja Schwestern, die  sich gemeinsam entwickelt haben. Erst die Moderne hat mit der Revolution ein Schisma gebracht (wenn man so will), das die Kunst von der Religion getrennt hat. Und das hat mich auch fasziniert: Wie ist ein Graben entstanden, den man wieder schließen kann?

„Kurator“ – das ist jemand, der sich sorgt und kümmert. Der „Kümmerer“ Sebastian Baden sorgt mit seinem Wirken dafür, dass der Graben zwischen Kunst und Religion nicht tiefer wird.  Die Begegnung mit ihm macht mir neu bewusst: Überall, wo Menschen sich darum kümmern, dass Gräben zugeschüttet werden, kommt pfingstlicher Geist ins Leben.

Mehr Informationen Sebastian Baden, zur Anselm-Kiefer-Ausstellung und zur Kunsthalle Mannheim unter:
www.kuma.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33186
07MRZ2021
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Patrick Roth

Nachbarschaft von Bibel und Traum

Peter Annweiler trifft den Schriftsteller Patrick Roth 

Religion und Literatur passen für den Schriftsteller gut zusammen. Deshalb lässt der 66jährige sich oft von den Bildern und Figuren der Bibel anregen. Im „Gottesquartett“, dem neuesten Buch des profilierten Autors, verbinden sich zum Beispiel Abraham, Samuel oder Paulus mit Geschichten in Los Angeles und Mannheim. In beiden Städten ist Patrick Roth verwurzelt.
„Gottesquartett“. Ich hab‘ das Buch gelesen – und freu‘ mich dran, wie da einer die Glut weckt, die in alten Geschichten liegt. Patrick Roth findet: Wenn wir mit biblischen Bildern in Kontakt kommen, dann

wirkt das sinnvoll, in irgendeiner Weise erfüllend. Sie können’s nicht richtig sagen, was es ist. Aber es ist so, als hätten sie wichtige Teile im Innen berührt, massiert, wieder gesehen, aus dem Dunkel herausgerufen.

Was ein schönes Bild: Biblische Motive können mich von innen „massieren“. Wenn ich also vom Sturm auf dem See Genezareth lese, dann geht es darum, im Hier und Jetzt berührt zu werden und etwas aus dem Schatten des Unbewussten herauszuholen.

Das ist das Großartige, das Geschenk: Die Bilder erzeugen Bilder, die von Dir sprechen. Wir sind also ganz bei uns – und haben die Nachbarschaft, die psychische Nachbarschaft dieses Gedankens oder Gefühls … besucht.

Die seelische Nachbarschaft zwischen einem alten, archetypischen Bild und meinen eigenen Gedanken oder Träumen ist Patrick Roth wichtig. Durch diese Nachbarschaft können sie nämlich eine Verbindung zum Heiligen anbahnen. Patrick Roths Interesse für diese Verbindung hat schon in der Schule angefangen. Und zwar damit,

dass ein katholischer Pfarrer uns zum ersten Mal einen Überblick gab über die Psychologie: Feuerbach, Freud und so weiter.  Das war ungeheuer eindrucksvoll – der machte nicht nur Religionsunterricht, sondern der gab uns ein Bild von der Psyche, das wir so noch nicht gesehen hatten – das sprach mich sofort an.

Die Tiefenpsychologie von Carl Gustav Jung hat Patrick Roth dann weiter begleitet. Durch seine Zeit beim Film. Durch seine Jahrzehnte in Hollywood. Auf seinem Weg zurück nach Deutschland. Und in seiner Handschrift als Schriftsteller.

Für ihn, der von Kalifornien an den Rhein zurückgekehrt ist, gibt es eine bleibende menschliche Herausforderung für jeden. Eben

weil wir mit uns selbst nicht auskommen können. Weil wir die Sprache, die die Psyche spricht, nicht sprechen. Und also diesen Partner, innen, ich rede jetzt von der Seele nicht erkennen können. Die Bilder, die er spricht oder sie spricht gar nicht verstehen können.

Wir tun also gut daran, diese seelische Sprache besser zu lernen  - ein Leben lang, so verstehe ich Patrick Roth.

Lockdown und Babylonisches Exil

Die Oberfläche reicht ihm nicht. Der Schriftsteller Patrick Roth sucht seine Erkenntnisse in der Tiefe der Seele. Als „Tiefentaucher“ - so liest der 66jährige auch die Bibel: Ihre Bilder kommen aus dem Unbewussten und aktualisieren sich in der Gegenwart.
Nehmen wir den Lockdown. Der kommt vordergründig ja gar nicht in der Bibel vor. Aber Patrick Roth hat ein Motiv dazu parat und verbindet es mit seinem biblischen Wissen.

Wir sprechen ja von der Babylonischen Gefangenschaft zunächst mal der Israeliten, die entführt wurden, deren Tempel, d.h. höchster Wert, deren Mitte zerstört worden war

Stark finde ich das, wenn ein Schriftsteller unserer Tage die Geschichten der Bibel in die Gegenwart trägt. Denn für Patrick Roth gilt auch heute: Wenn die Religion als Mitte fehlt, dann wirkt diese Lücke verheerend.

Was wäre nun eine Babylonische Gefangenschaft der Welt? - Das hieße, unser Tempel ist zerstört. Die Religion als das eigentliche Zentrum, der lebendige Mythos, ist verloren gegangen. Das heißt:  Die ganze Welt lebt in gewisser Weise in einer babylonischen Gefangenschaft.

Gefangen im Materialismus und in einer unübersichtlichen Lage. Das Bisherige trägt da nicht mehr weiter. Und Neues ist noch nicht in Sicht.

Also die babylonische Gefangenschaft wäre für den einzelnen dann das, was wir als Lockdown bezeichnen. Dieses Eingesperrt sein  - wenn es als Bild zum Beispiel im Traum auftaucht –durchaus bedeuten kann: „Introvertiere. Wende dich nach  innen! Nein, geh nicht nach außen!“

Wie soll das gehen, wenn viele es kaum noch aushalten, „drinnen“ zu bleiben? frage ich mich. Patrick Roth macht stark, dass wir den Herausforderungen nicht ausweichen können.

Das Problem liegt im Psychischen, nicht im Lockdown.  Also irgendwas in der Historie, die wir jetzt durchleben, durchleiden, zwingt uns, Übersehenes wahrzunehmen.

Das wäre auch eine Chance der Krise: Das Übersehene neu wahrnehmen. Im damaligen Exil in der Bibel– da haben die Menschen sich ja auch neu ausgerichtet. Sie haben anders hoffen und träumen gelernt als in den Bahnen der Tradition.

Wenn uns jetzt nicht einfach Verzweiflung ergreifen soll – kann man sich an diesem Bild orientieren, kann man sehen, dass eine ganz neue Beziehung zum Religiösen, Beziehung zum heiligen Bild, Beziehung zur Schrift entstand.

Darum geht es dem Schriftsteller: Neu zu fragen, was uns heute eigentlich „heilig“ ist  - und dabei auf die Bilder der Seele und der Bibel zu hören. Denn die können uns gerade in der Krise neu ausrichten.
Dazu hat Patrick  Roth mir einen Anstoß gegeben. - Vielleicht Ihnen ja auch!

Mehr Infos zu Patrick Roth unter http://www.patroth.info/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32727
20DEZ2020
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Sabine Schwenk-Vilov

Peter Annweiler trifft Sabine Schwenk-Vilov, Gemeindepfarrerin in Weihnachtsvorbereitungen

Teil 1: Schafsgeruch beim Krippenspiel

Es ist ja nicht das erste Krippenspiel, das die 42jährige plant. Seit dreizehn Jahren ist die Mutter zweier Söhne Gemeindepfarrerin in Altenkirchen in der Westpfalz. Da hat sie viele Erfahrungen gesammelt. Manchmal auch die, dass beim Krippenspiel die Botschaft vom „Frieden auf Erden“ schon vor dem Fest in Gefahr ist. Dieses Jahr nicht.

Normalerweise gibt es bei der ersten Krippenspielprobe immer Streit, wer darf Schäflein sein und wer ist der Engel – und diesmal ist die Frage nach den Schafen von Natur aus geklärt – die Rolle ist besetzt.

Denn dieses Jahr will die Gemeinde das Krippenspiel nach draußen verlegen: Auf eine Weide mit echten Schafen. Klar, dabei sollen die Menschen vor dem Virus geschützt werden – und auch die Tiere sollen nicht zu viel Rummel abbekommen, 

aber zwei, drei Schafe, die werden mitspielen. Und zwar mit der Besitzerin gemeinsam. Es soll so ein bisschen  das Feeling wiedergeben von damals: Die Hirten, die draußen sind und die Schafe, die dazu gehören.

Als Städter spricht mich ein Krippenspiel auf der Weide irgendwie besonders an, vielleicht sehne ich mich dabei auch nur nach ländlicher Idylle. Und doch bin ich davon überzeugt: Es ist viel mehr als Idylle und Folklore, wenn ein Krippenspiel aufgeführt wird:  Hirten, Schafe, Engel. Maria, Josef und das Kind: Seit 2000 Jahren sind das mit die stärksten Motive der Weltliteratur. Und ich finde: Sie klingen noch stärker in die Gegenwart, wenn es nach Schafen riecht und Hirtenmusk in die Dämmerung tönt.

Wie ansprechend die Geschichte schon für die Kleinen  ist  - darüber konnte Sabine Schwenk-Vilov in den letzten Wochen immer wieder staunen.

Vor kurzem klingelt‘ s Telefon und ein kleines Mädchen von sechs, sieben Jahren ruft mich an und nennt ganz stolz ihren Namen und sagt „Ich mach‘ mit!“ – Und ich stand total aufm Schlauch und hab‘  gesagt: „Wo, bei was?“ – „Ei, beim Krippenspiel, ich bin dabei“. Dass Kinder selbst anrufen, weil es ihnen wichtig ist da, mitzumachen - das zeigt doch auch, dass Weihnachten für die Kinder mehr ist als nur Geschenke.

Weihnachten in diesem Jahr – das scheint auch die Chance zu bieten, das Wesentliche an diesem Fest herauszufinden. Glühwein, Großfamilienbesuche und Konzerte – all das mag jetzt ausfallen. Doch die Weihnachtsbotschaft ist ja viel größer als das Fest und alles, was wir organisieren. Sie kann weit über die Feiertage hinaustragen.

Wenn es uns gelingt, dass wir merken, dass Weihnachten nicht nur so ein Punkt ist im Jahr, also dass Weihnachten nicht nur der 24.,25.,26. (Dezember)ist, sondern dass Weihnachten weiter geht. Wenn Gott in die Welt kommt, dann kommt der nicht für drei Tage, dann kommt er für lange.

Teil 2: Alles bleibt anders

Sabine Schwenk-Vilov ist Pfarrerin in Altenkirchen in der Westpfalz. Sie hat in den letzten Wochen erlebt, wie anders sie an die  Weihnachtsgottesdienste herangehen musste als sonst  – und dabei überraschende Parallelen entdeckt.

Das ist auch so etwas, das komisch ist: Leute aufzuschreiben, die kommen wollen – und dann vielleicht auch zu sagen: Tut mir Leid, für Sie ist kein Platz mehr. Das ist natürlich wie an Weihnachten:Maria und Josef, die  durch Betlehem gehen und klopfen und sagen: Hallo, wir würden gerne noch ein Plätzchen haben – und dann sagt jeder: Nö, bei uns nicht. 

Und eine Gemeinde, die sich abschottet – das geht für die 42jährige gar nicht. Deshalb sind bei der Planung für die Weihnachtsgottesdienste in Altenkirchen  - genau wie in vielen anderen Gemeinden – nicht weniger sondern  mehr und neue Ideen entstanden.

Einmal Open Air am Wald – für die, die gut zu Fuß sind und die auch Nieselregen aushalten und Kälte. Dann für die, die sagen: „Weihnachten gehört in die Kirche“ – also auch in das Gebäude Kirche, ne Andacht in der Kirche anzubieten. Für die, die sagen „Wir sind wirklich sehr vorsichtig wir sind auch belastet – Risikogruppe“, zu sagen: Ok, es gibt die Möglichkeit,  das, was wir Open Air machen,  vorher aufzuzeichnen  - und das im Internet zur Verfügung zu stellen.

Draußen, drinnen, digital. Da will eine den ganzen Spielraum ausschöpfen: In der Natur, in der Kirche und im Internet. Und selbst wenn am Ende nur das Internet übrig bleibt: Die Pandemie regt an, zu fragen, was wesentlich am Fest ist – und wie wir trotz allem Schweren stimmig feiern können.

Diese Begeisterung für dieses Fest – das ist für mich ein ganz besonderes Geschenk. Dass es nicht mehr darum geht: „Was essen wir?“ oder „Wer hat das schönste Geschenk?“, sondern: „Schaffen wir es, miteinander auf Distanz -  aber trotzdem miteinander Gottesdienst zu feiern?“  – und es Weihnachten werden zu lassen.

Oft geht es mir an Weihnachten ja so, dass ich viel zu genau weiß, wie die Feiertage verlaufen werden.  Und sicher, wir brauchen seelisch auch Wiederholungen, um stabil zu sein. Doch manchmal habe ich genug von „Alle Jahre wieder dasselbe.“  - Dieses Jahr ist das anders. Das Fest fordert heraus, das Gewohnte anders zu gestalten und uns Ungewohntem zu stellen. Vielleicht spüre ich ja  genau in dieser Mischung aus Vertrautem, das wir brauchen – und Neuem, das uns entgegenkommt, wie wir an Weihnachten Beschenkte werden. Eben nicht, weil das Fest kommt und wir es bewältigen müssen, sondern weil Gott in die Welt gekommen ist.

Das Wunder der Weihnacht – das liegt nicht in unsrer Hand: Gott kommt zu uns – und er kommt, ob wir jetzt in ‚ner hochpolierten Marmorkirche sitzen: Steril, alles perfekt er kommt dorthin oder er kommt auf eine matschige Wiese. Ich weiß nicht, was der bessere Ort ist. Es ist beides gut. Aber Gott kommt, das kann ich net beeinflussen, das kann die Pandemie net beeinflussen das kann niemand beeinflussen  – und das feiern wir, dass Gott zu uns kommt, egal wie die Welt ist.

Informationen und Zugang zum Krippenspiel in Altenkirchen:

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11OKT2020
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Peter Annweiler trifft André Borsche, Plastischer Chirurg und Operateur in Krisengebieten

Teil 1: Arzt mit Herz

In seinem Alltag wirkt der Chefarzt als plastischer Chirurg im Diakoniekrankenhaus Bad Kreuznach. Und als Vorsitzender des Vereins „Interplast“ ist er weltweit unterwegs. Da wirkt er ehrenamtlich in Krisengebieten und Entwicklungsländern. Es sind besondere Eingriffe, wenn der 65jährige mit seinem Team Menschen operiert: Opfer von Verbrennungen, Patienten nach Tretminenunfällen oder Kinder mit angeborenen Fehlbildungen:

Eine junge Familie, die sich riesig über das Kind gefreut hat – aber das Kind ist mit einer Kiefergaumenspalte geboren, eine klaffende Spalte in der Lippe – ansonsten kerngesund und munter – und sie waren ganz verzweifelt, weil sie dachten: Das ist eine Gottesstrafe– und ich sag mal aus meiner Perspektive, wie man mit relativ wenig Aufwand – ein, zwei Stunden Operation mit Lupe und  feinen Fäden und Sie zaubern praktisch die Lippe wieder hin – und dann dieses Kind den Eltern in die Arme wieder geben.

Für diese Momente lebt André Borsche. Seine Augen leuchten, wenn er davon erzählt. Schon 30 Jahre erfüllt ihn seine ärztliche und menschliche Mission. Vielfach wurde er dafür ausgezeichnet. Eben weil er sein Können nicht für sich behält, sondern in Afrika, Südamerika und Indien unentgeltlich hilft.

Ich denke zum Beispiel an die vielen Begegnungen mit Mutter Theresa, wo wir gesehen haben, dass eine wirklich sehr kleine, aber ganz strukturierte Frau gesagt hat: „Herr Borsche, ich freue mich, dass Sie gekommen sind – ich hab‘ sie praktisch schon erwartet (Weiß der Kuckuck woher, lacht). Ich habe zwölf Kinder für Sie vorbereitet, die Sie mir bitte in zwei Wochen gesund und munter operiert wiederbringen.-  Und mir blieb nur übrig, zu sagen: „Aye, aye, Madam – Ihr Auftrag ist mein Befehl“ – und genauso hat’s geklappt Das war einfach faszinierend.

André Borsche verzichtet für seine Einsätze oft auf seinen Urlaub. Er setzt sich großem Elend und heftigem Stress aus – und kommt doch zurück als einer, der mehr empfängt als er gibt.

Das Zurückkommen zeigt mir immer wieder, wie sehr die innere Batterie jetzt positiv aufgeladen ist. Das heißt: Ich bin sicherlich erschöpft, hab‘ wenig geschlafen, bin bisschen durchgedreht, aber ich bin innerlich so, so erfüllt.

Erfüllt ist er – und nicht ausgebrannt. Das Bibelwort „Geben ist seliger als Nehmen“ fällt mir im Gespräch mit diesem fröhlichen Helfer ein. Und der bleibt womöglich besonders fröhlich, weil er nicht alles als eigene Leistung sieht.

Und natürlich passiert es durch meine Hände, aber es passiert ja letztlich auch durch ne göttliche Fügung, dass so was möglich ist. Da dürfen wir uns nicht zu viel einbilden, dass wir da die Heilsbringer sind.

Der Protestant André Borsche ist überzeugt: Er ist „Werkzeug“. Durch ihn wirkt auch ein menschenfreundlicher Gott. Und der ermöglicht, die eigenen Talente zum Wohl anderer wirken zu lassen.

Teil 2: Botschafter der Menschlichkeit

André Borsche ist Chefarzt für plastische Chirurgie in Bad Kreuznach. Mit seinen Operationen schenkt der gebürtige Berliner Patienten ein neues Aus-sehen und gibt ihnen damit ein neues An-sehen. Als Vorsitzender des Vereins „Interplast“ führt er weltweite Hilfseinsätze durch. Dabei hat sich sein Blick auf Deutschland sehr verändert.

Wir leben  ja doch in einer schon relativ verwöhnten Welt, sind gut abgesichert in vielerlei Hinsicht und haben auf viele Dinge, auch auf Gesundheit,  einen gewissen Anspruch, denken wir mal … In diesem Bewusstsein leben wir – leider (schmunzelt)

Dieser Anspruch verstellt wohl den Blick darauf, wie erfüllend es sein kann, Menschen in großer Armut zu helfen. Unentgeltlich tut der 65jährige Arzt  das  - und staunt, wie wenig sein Wirken an politische oder religiöse Grenzen gebunden ist.

Man spricht deren Sprache nicht, aber die Augen leuchten, die Kinder lachen, man spielt mit denen und in diesem spielerischen Umfeld geschieht jedes Mal etwas ganz Besonderes, … das man nicht mit Worten fassen kann - das ist eine Lebenserfahrung, die möchte ich keinen Moment missen.

Für André Borsche kommt es zuerst auf diese bereichernde Menschlichkeit an. Sie ist für ihn im Christentum gegründet. 

Ich habe tatsächlich einige Erlebnisse, wo ich gemerkt habe: Jetzt bin ich gefordert, hier was zu zeigen – und zwar im christlichen Sinne. Ich denke an einen der ersten Einsätze in Guinea in Westafrika, wo wir sehr nett mit den Ärzten und Schwestern vor Ort in Kontakt waren – und dann war ein Junge der eben auch ne ganz schwere Verletzung im Gesicht hatte – und der in der Straße als „daneben lebender Mensch“ noch geduldet wurde. Wir waren alle dann beseelt von dieser Idee: Jetzt wollen wir auch dem, der normalerweise gar keine Chance hätte, richtig helfen, selbst wenn die sagen „Die spinnen – die haben ihren humanitären Aspekt so in den Vordergrund gestellt!“

Denen helfen, die keine Chance haben - und damit den „humanitären Aspekt“ stärken. Auch, wenn andere darüber den Kopf schütteln:  Das ist eine unaufgebbare Konsequenz des christlichen Glaubens – und „eigentlich“ eine große Verpflichtung für Europa, das so stolz auf seine christlichen Wurzeln ist. André Borsche:

Ich hab auch meine große Sorge, dass im Moment unsere Gesellschaft so mit diesen ökonomischen Problemen so überlastet ist, dass wir uns in eine Denkweise hineinbegeben, wo so inhaltliche und ethische  Werte zunehmend verloren gehen.

Als Arzt wusste er schon längst vor Corona, was verloren geht, wenn Krankenhäuser Geld verdienen müssen: nämlich das Ethos des Teilens und eine Nähe zu denen, die nichts haben. Das Besondere an André Borsche ist, dass er dieses Ethos lokal und global mit einer ansteckenden Fröhlichkeit lebt. Für mich ist er ein sympathischer „Weltverbesserer“: Fröhlich kann es so einfach sein, die Welt zu gestalten.

Ich versuche eben fröhliches Auftreten und mein persönliches Lebensglück mit andern Menschen zu teilen und wenn das zum Selbstläufer wird und die dann wieder andere fröhlich machen, dann hat es geklappt.

 

Informationen zum Verein Interplast:
www.interplast-germany.de

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30AUG2020
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Michael Kötz

Peter Annweiler trifft Michael Kötz, Leiter des Ludwigshafener Festivals des deutschen Films

Teil 1:  Faszination Film

Der Mann ist wild auf Film. Doch beim laufenden Festival des deutschen Films auf der Ludwigshafener Parkinsel geht es eher zahm zu:  Coronabedingt hat der 69jährige Leiter des Festivals mit seinem Team ja „nur“ Open-Air- und Online-Kino auf die Beine gestellt.
Gar nicht geht für ihn nicht. Eben weil er überzeugt ist: Filme können Vertrauen ins Leben stärken – und das brauchen wir jetzt besonders. Gerne möchte ich mit ihm ins Gespräch kommen, wie Film und Religion das auf ihre Weise tun. Ganz schnell stoßen wir dabei auf die Frage, was einen guten Film eigentlich ausmacht.

Auf jeden Fall ist Film eine sehr absurde Angelegenheit: Er ist komplett hoffnungslos der Realität verpflichtet und verfangen. Ein Film, der sich ganz weg von der Realität bewegt, ist  ungenießbar.  Er muss verankert sein in der Wirklichkeit. Und gleichzeitig …handelt der Film von Überirdischem, von irgendetwas, was überhaupt nicht auf dieser Welt ist.

Vielleicht kennen Sie das ja auch: Irgendwie weht mich da auf der Leinwand eine Mischung aus Realität und „Überirdischem“ an, ich bekomme im geborgenen Dunkel des Filmsaals feuchte Augen – und weiß eigentlich gar nicht so genau, wieso.
Wie Michael Kötz über Filme spricht fasziniert mich –, und kommt mir vor, als ob er auch über Gottesdienste redet. Denn manchmal geht mir das auch in der Kirche so: Da bin ich berührt und kann gar nicht sagen, wodurch. Auch für Michael Kötz können Film und Religion ähnliche Saiten in Schwingung bringen.

Da klingt’s und da fährt Musik durch – und dann funktioniert ein Film. Das ist das, was vielleicht früher die Menschen gesucht haben, wenn sie in die Kirche gingen – und der Pfarrer konnte wirklich gut reden. Oder was man manchmal bei Vorträgen erheischt, wo man merkt: Das hat jetzt irgendne Substanz, die ich nicht ganz verstehe – unter diesem Gesichtspunkt suche ich Filme aus, seit ich denken kann – und alle anderen finde ich langweilig.

Michael Kötz hat mit Kirche gar nicht so viel am Hut. Aber er weiß, was in der Gesellschaft – und erst recht in der Kirche - fehlt, wenn alles vernünftig, erklärbar und genormt ist. Wir Menschen brauchen eine Kraft, die geheimnisvoll bleibt und Weite schenkt, die Geschichten mit hoffnungsvollem Ausgang zeigt.  Ich würde diese Kraft ja Gott nennen. Aber der Name vielleicht gar nicht so wichtig, bei etwas, das ohnehin nicht so einfach nachweisbar ist.

Ich will, dass Filme eine Seele haben -  seltsames Phänomen: Seele – die gibt’s gar nicht, naturwissenschaftlich – und in unserer Zeit auch nicht. Aber sie gibt’s halt doch – und jeder weiß es.

Wenn Filme eine Seele haben, dann ist Kino manchmal auch Seel-Sorge. Da tauchen Zuschauende ein in die Kraft einer heilsamen Verwandlung und blicken danach anders aufs Leben.

Teil 2: Faszination Festival

Michael Kötz ist Chef des Festivals des deutschen Films auf der Ludwigshafener Parkinsel. Das gibt es seit 15 Jahren und ist das zweitgrößte Filmfestival in Deutschland geworden. Doch freilich, in diesen Tagen findet   – coronabedingt – nur eine verkleinerte Version statt.  Aber gerade weil größere Veranstaltungen nicht stattfinden können, liegt auf der Hand, was Michael Kötz schon lange sagt. Es geht gar nicht nur um den Film, sondern um das Gemeinschaftliche.

Wenn man darüber nachdenkt, dann wird einem erst richtig klar, was ein Kinobesuch und noch stärker ein Festival, was sozusagen die festliche Variante – die Hoch-zeitvariante von Kino ist: Da sind die Stars, es ist komprimiert auf Tage, zusammengeschnurrt. Es ist eigentlich dieses Zusammenkommen der Menschen, es geht um gar nichts anderes. Mit Filmfestivals sind wir auch nah an einem Gottesdienst

Festivals als Gottesdienste? – In Zeiten der Pandemie kann ich dem was abgewinnen.  Es geht darum, tatsächlich zusammen zu kommen, neuen Mut zu finden und gemeinsam aus einem einzigen Fenster hinaus in die Welt zu sehen. Und egal, ob beim Festival oder im Gottesdienst: In aller wichtigen digitalen Erweiterung unserer Welt, ist das reale Zusammenfinden mit einer gemeinsamer Ausrichtung kostbar geworden. Michael Kötz sieht allerdings im Blick auf den Gottesdienst auch eine Schwachstelle im Vergleich zu anderen Medien:

Die Predigt – die krankt einfach daran, dass die anderen viel stärker und eindrucksvoller sind als es das Wort von der Kanzel sein kann. In anderen Zeiten hat das funktioniert. Das ist heute viel zu wenig. Das ist viel zu dünn. Es fehlen die Bilder. In so fern würde ich ja, wenn ich Theologe wäre und erfinden müsste, wie die Kirche der Zukunft aussieht, dann würde ich daraus einen sehr cineastischen Erfahrungsdom basteln.

Ein „Kino-Dom“ – klingt spannend. Und manchmal könnten Gottesdienste sicher durch Bilder auch weiter werden. Aber meint Michael Kötz wirklich, die Inszenierung eines Filmes wäre das Selbe wie das Feiern eines Gottesdienstes? In meinen Augen sind Gottesdienstbesucher auch anders und  aktiver als „Zuschauer“. Sie beten und singen, sie bringen ihr Bekenntnis mit. Es geht darum, das Gottvertrauen zu stärken. Und beim Vertrauen finde ich wieder zusammen mit meinem Gegenüber. Denn das bleibt in Krisenzeiten für die Künste und für die Kirchen wichtig:  Vertrauensvoll und mutig im Leben zu stehen. Eindrucksvoll, wie Michael Kötz sich am Schluss unserer Begegnung zu diesem Menschenbild bekennt.

Man kann den Menschen vertrauen. Das habe ich mein Leben lang gemacht, das mache ich auch weiter. Also man kann schon annehmen – auch wenn sie alle möglichen Sauereien machen in der Welt - absichtlich und unabsichtlich – letzten Endes kann man ihnen vertrauen. Sie wollen eigentlich freundlich sein zu anderen Menschen.

Schön, wenn es gelingt, dieses Vertrauen zu stärken. Nicht nur beim Festival, nicht nur im Gottesdienst, Und nicht nur am Sonntag. Sondern auch für Werktage in Coronazeiten.

 

Mehr Informationen zum aktuellen Filmfestival bis 13.09.20
www.fflu.de

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21JUN2020
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Britta Geburek-Haag

Verwundete Seelen heilen

Praxis verrät nichts von den Abgründen, in die sie blickt. Hell und bunt sind die Zimmer des Psychosozialen Zentrums Pfalz mitten in Ludwigshafen. Hier berät die 52jährige Traumapädagogin psychisch kranke und traumatisierte Geflüchtete. Unfassbares muss die Pfarrerin manchmal hören. Es verblüfft mich, wie positiv sie dabei bleibt.

Meistens geht es mir so, wenn ich in die Geschichten eintauche dass ich dann nur staunen kann, was ein Mensch aushalten kann, was ein Mensch ertragen kann, wie viel Leid, wie viel Schmerz, wie viel Demütigung möglich ist – und Menschen dann doch weiter leben.

Staunen über einen Willen zum Leben trotz allem. Über eine Kraft, die in uns Menschen liegt und uns hilft, auszuhalten: Eben nicht nur die Pandemie, hier und weltweit. Sondern auch Schicksale von Gewalt und Flucht mit schrecklichen Erlebnissen: Etwa, dass jemand den Bruder, die Frau oder ein Kind im Mittelmeer ertrinken sehen muss.

Britta Geburek-Haags Klienten haben alle Schlimmes hinter sich. Oft hat es eine seelische Wunde, ein Trauma, hinterlassen. Und manchmal macht das erst lange nach der akuten Gefahr krank. Wie bei der Frau aus Somalia, die meine Gesprächspartnerin Sara nennt. Sara kommt 2016 in einem schlechten Zustand zu ihr: schwanger und schwer depressiv.

Dann stellte sich eben raus, dass diese Frau mit knapp 16 zwangsverheiratet wurde mit einem 30 Jahre älteren Mann, In der Ehe permanent missbraucht wurde, sexuell ausgebeutet wurde – und so wie die wahrscheinlich 99% der somalischen Frauen als Mädchen beschnitten wurden – war sie eben auch schwerst beschnitten und der gewalttätige Ehemann hat eben sich immer wieder mit Gewalt und unter größten Schmerzen genommen, was er wollte – und sie hat dann vier Kinder geboren im Laufe von mehreren Jahren – und wurde bei jeder Geburt immer wieder aufgeschnitten und danach wieder zugenäht.

Solche Schicksale machen mich stumm – und doch spreche ich heute darüber. Eben um zu zeigen, wie wichtig es für die Geflüchteten ist, nicht zu verstummen, sondern Räume und Menschen zu finden, mit denen sie reden können. Nicht Wegschauen und Dichtmachen. Sondern Dasein, Hinschauen und Stand halten. Das ist oft der Anfang seelsorglicher und therapeutischer Hilfe. So können aus Worten Wege werden – wie bei Sara.

Ihr ist es so gegangen, dass sie das erste Mal in ihrem Leben drüber gesprochen hat und ihr eigentlich bewusst wurde: Das ist unglaubliches Unrecht, was da geschieht – und das darf man auch beweinen und betrauern und wütend drüber sein.

All das kann Hilfe und Heilung in seelischen Krisen sein. So kann Sara heute sogar für andere da sein und wirkt als Sprachmittlerin für Geflüchtete.

Mit den Augen der anderen sehen

Britta Geburek-Haag berät psychisch kranke und traumatisierte Geflüchtete bei der Diakonie in Ludwigshafen. Viele Geschichten von Flucht, Folter und Gewalt muss die Traumapädagogin und Pfarrerin hören. – Wie geht das? frage ich sie: So nah bei verletzten Seelen zu sein – und trotzdem selbst nicht zu verzweifeln.

Vieles, über das ich mich mal aufgeregt hab – das ich mir gewünscht hab, wo ich gedacht hab: aah, das möcht´ ich anders haben – das erscheint mir jetzt nicht mehr so bedeutend. Ich bin wirklich sehr dankbar und zufrieden und auch irgendwie demütiger geworden

„Demütiger“ – das verstehe ich so: Wenn man nah an Geflüchteten ist, dann muss man von sich selbst absehen können und sich auf die Perspektive der anderen einlassen können. Und dort – in der Perspektive der Erniedrigten – sind die eigenen Themen oft nur noch „Problem- chen“. Und: es kann noch etwas viel Größeres aufscheinen.

In dieser Begegnung da zeigt sich letztendlich auch die Beziehung zu Jesus und die Gottesbeziehung - wie ernst sie mir ist - und da die Gottebenbildlichkeit und die Würde des Menschen gerade diesen zukommen zu lassen.

Im Anderen zeigt sich Gott. Das Christentum ist keine „Lehre“. Es wächst in Berührung, Begegnung und Gespräch, gerade mit den Schwachen. „Ich war fremd – und ihr habt mich aufgenommen“ sagt Christus – und in dieser Linie ist es zentrale Aufgabe von Kirche und Diakonie, berührbar für die Not der anderen zu sein. Gerade auch derer, die durch ihre Flucht am wenigsten vor Coronainfektionen geschützt sind.

Ich finde es ganz unsäglich, dass weltweit so viele Menschen auf der Flucht sind: Zig Millionen. Dass aber kaum noch welche hier in Europa ankommen können, weil sie eben festgehalten werden an den EU-Außengrenzen, weil sie in den Lagern festsitzen und dort nicht mehr rauskommen.

Dass wir da tatenlos zuschauen, dass wir noch nicht mal die Schutzbedürftigsten unter ihnen rausholen, nicht wenigstens die Minderjährigen.Ich find‘ da fast keine Worte für – das empört mich unglaublich und ich finde es gut und wichtig, dass auch die Kirche und die Diakonie da ein deutliches Wort sprechen.

Sicher: Empörung ist noch keine Lösung. Aber ein Anfang. Denn wir leben – gerade mit der Pandemie – weiter in der einen Welt. Zwar kann man – wie ich das in letzten Wochen meist auch getan habe – die Augen schließen vor der Not der anderen. Wir haben ja genügend Probleme im eigenen Umkreis. Aber das ist zum einen keine Lösung und zum anderen keine Perspektive, die die Weite meines christlichen Glaubens aufgreift. Ein Leben, das nur um „mich“ und „uns“ kreist, ist in ihr nicht vorgesehen. Die Begegnung mit Britta Geburek-Haag hat mich aus diesem Kreisen herausgeholt.

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17MAI2020
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Sven-Joachim Haack Sven-Joachim Haack

Peter Annweiler trifft Sven-Joachim Haack, Pfarrer und Mediationsleherer 

Einfach nichts tun.

Jetzt in dieser aufgewühlten Zeit findet er eine „Kultur der Stille“ besonders wichtig. Der 60jährige ist Pfarrer in einer Klinik im Taunus und gleichzeitig Meditationslehrer am Benediktushof bei Würzburg. Jahrzehntelang hat er geübt, „einfach nichts“ zu tun. Beim Sitzen in der Stille hat er eine besondere Gebetspraxis entwickelt - und genau diese Erfahrung bleibt für ihn trotz der Lockerungen weiter eine gute Übung für die Zeit der Pandemie.

Es geht darum, in einer offenen und ungewissen Situation gleichzeitig zu entspannen. Und das ist die Grundübung: Ich setz mich in die Stille, nicht wissend, was mich erwartet, was in mir auftaucht, wohin es mich führt – und versuche gleichwohl, ganz präsent, gelassen entspannt zu bleiben.

Es klingt so einfach: Sich in die Stille zu setzen – und einfach „nichts“ zu tun. – Haben Sie das mal versucht? – Bei meinen Versuchen damit erlebe ich immer wieder, wie wenig „still“ es in mir ist. Wie viel an Gedanken, Plänen und Fragen durch meinen Kopf rasen. Für Sven-Joachim Haack gehört das alles dazu: Für ihn weist gerade die innere Unruhe auf die große Chance der Stille hin.

Für mich persönlich ist sie stark zusammengefasst in der sehr tiefen Erlaubnis: Dasein. Einfach Dasein. Einfach Dasein Dürfen, mit allem, was da ist, was sich zeigt, du mitbringt, zu dir gehört: Die große Einladung. Die riesige Herausforderung.

Ich spüre sofort: Der Mann weiß, wovon er redet. Und ganz bestimmt liegt es nicht an seiner tiefen Stimme, wenn ich den Eindruck habe, dass da einer aus der „Tiefe“ spricht. Bedacht, ruhig und kraftvoll wirkt Sven Joachim Haack auf mich. Eben in einem tiefen Sinn „geistlich“ – und ganz bei den Themen unserer Tage.

Wir geben uns unendlich viel Mühe, den Anschein aufrecht zu erhalten, ich hätte Kontrolle, wobei wir aber keine haben. Und deshalb finde ich Übung und gegenwärtige Situation auch gar nicht unendlich weit auseinander, sondern ganz eng verschränkt.

Die Pandemie zeigt uns, wie wenig wir eigentlich wissen und wie wenig wir letztlich unter Kontrolle haben. Im wahrsten Sinne des Wortes sind wir „still gelegt“ und irgendwie gelähmt. Für viele ist das ein Schock. Sven Joachim Haack sieht darin aber auch die Chance, tiefer zu erkennen, wer wir „eigentlich“ sind. Es geht in diesen Tagen um „Existentielles“, materiell und seelisch – und manche kommen da in Berührung mit großen spirituellen Fragen.

Ich möchte Menschen, die ich begleite, gerne verlocken: Zu sich selbst. Die meisten Menschen kommen aus einer Sehnsucht. Also: ‚Ich möchte gerne zur Ruhe finden.‘ ‚Ich möchte gerne aus diesem Getriebensein der Ansprüche raus:‘ ‚Ich hätte gern ein Empfinden für: Was ist eigentlich meine Mitte?‘ ‚Wer bin ich denn jenseits der Rollen, die ich so spiele?‘

Stille und Fülle
Stille - eine starke Kraftquelle, gerade jetzt in der Coronazeit, wenn wir auch mit Öffnungen weiter aus- und durchhalten müssen. Sven-Joachim Haack lebt aus dieser kraftvollen Stille. Der evangelische Pfarrer ist Lehrer des Würzburger Forums der Kontemplation. Besonders im Sitzen in der Stille findet er seine geistlichen Einsichten.

Sieht ja ein bisschen karg aus, wenn da Menschen in größerer Gruppe schweigend still vor einer Wand sitzen. Aber letztlich geht’s um Fülle. Es bei, mit mir und dem, was ist, aushalten. Damit öffnet sich das Tor und die Tür in den Raum der Fülle – und immer wieder auch der Glückseligkeit.

Fülle in der Stille - das ist ungewohnt. Viel eher denken wir doch oft: Fülle – das kommt von „Viel“ und nicht von „Wenig“!

In meiner protestantischen Prägung habe ich dazu noch geübt und gelernt: Das Wort ist die Fülle. Sprechen, Begegnung und Dialog stehen im Mittelpunkt – und deshalb sind Gottes Wort, die Bibel oder eigene Gebetsworte für den Glauben so zentral. Spielt dieses „Wort“ in der Kontemplation überhaupt eine Rolle, frage ich meinen Gesprächspartner, der viel von seinem (kürzlich verstorbenen) Lehrer Williges Jäger, dem Benediktinerpater und Zenmeister, gelernt hat. Sven-Joachim Haack:

Wir kennen Situationen, in denen uns etwas anspricht, was wir hundert Mal gesehen haben, vielleicht tausend Mal vorbei gegangen sind, auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause , und auf einmal geht so was wie ein Licht an.. und wir mit neuen Augen sehen. Im Grunde ist aber alles, was uns begegnet, Wort – Ausdruck dieses liebenden schöpferischen Wollens.

Alles kann mich „ansprechen“ – und auf den liebevollen Grund des Seins verweisen. Zwar frage ich mich, wie die heftigen und erschütternden Erfahrungen wie Krankheit, Gewalt oder Tod mich so ansprechen könnten. Aber ich spüre auch: Sven-Joachim Haack möchte aus der Stille heraus anleiten, ein inneres Konzert mit vielen Stimmen und auch Fragen zu hören. Stille - das lerne ich von ihm – ist so etwas ganz anderes als Verstummen. Oder anders gesagt:

Kann ich eine Verfassung unterstützen, kultivieren, in der – und das Bild liebe ich sehr – die Fülle des Seins aufrauschen kann?

Wenn mich in diesen Tagen das frische Grün der Buchen und die prallen Knospen der Pfingstrosen „ansprechen“ – dann ahne ich etwas von diesem „Aufrauschen“. Dieses Rauschen braucht keine Ge-räusche. Es kann aus der Stille kommen – und es kann Ursprung und Ziel des Lebens verbinden.

Was mich so lange auf dem Weg und auch bei meinem Lehrer gehalten hat, ist, dass es eine ganz schlichte und ganz einfache Übung ist. Es geht immer und immer wieder darum, zurückzukehren, einzukehren, heim zu kommen.

So eine einfache, uralte und topaktuelle Form des meditativen Gebets habe ich bei Sven-Joachim Haack neu schätzen gelernt. Auf der Heimfahrt denke ich: „‘Wie gut tut eine ‚Kultur der Stille‘ in diesen belastenden Tagen der Pandemie!“

 

Mehr Informationen zur Kontemplation und zu Sven-Joachim Haack.
www.kontemplationundmystik.de

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