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06OKT2021
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Nach meiner Trauerrede bei einer Beerdigung sagt der Bestatter hinterher zu mir: „Ich dachte, du liest die Speisekarte eines Restaurants vor.“ Tatsächlich hatte ich in der Trauerrede drei herzhafte und drei süße Spezialitäten benannt, die die verstorbene Person gut kochen und backen konnte. Im Trauergespräch frage ich die Angehörigen immer danach, was eine Person besonders gern mochte – was ihre Leidenschaften waren. Und in diesem Fall, löste die Frage eine ganze Reihe von Erinnerungen an herzhafte Gerichte, Torten und Gebäck aus.

Auf den ersten Blick mag es belanglos klingen, ob jemand Fleischwurst liebt oder auf Nelkenblüten kaut. Aber mir ist es wichtig, in einer Trauerfeier Erinnerungen zu wecken. Schöne Erinnerungen können eine wichtige Brücke sein zu einem geliebten Menschen, den ich verloren habe. Denn selbst meine christliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod ändert im ersten Moment nicht den Schmerz um den Verlust dieses Menschen.

An den Erinnerungen kann ich mich aber ein bisschen festhalten. Sie bleiben mir und verbinden mich weiterhin mit der Person, die ich vermisse. Sie verbinden das Leben, das ich ohne die vertraute Person weitergehe, mit der gemeinsamen Vergangenheit. Und dabei sind Erinnerungen eben nicht nur in meinem Kopf. Manchmal kann ich sie schmecken wie die Eier in Senfsoße, die beispielsweise ein Postbeamter so gerne aß.

Manchmal kann ich sie lesen und darüber lachen: Wie über die letzten lustigen Verse, die eine Anglerin kurz vor ihrem Tod geschrieben hat und in denen es hieß: „[…] sonnengebrannte Sardellen begrüßen saftige sardische Sardinen mit sadistisch klappernder Sardinendose im Handstand hinterm Wandschrank. […]“ Und trotz des traurigen Anlasses mussten auch die Anwesenden bei der Beerdigung darüber schmunzeln.

Diese Erinnerungen lassen bunte Bilder von einer Person entstehen. Und ich finde, die Dinge, die eine Person so gerne mochte, erzählen mir viel mehr von ihr als Status und ein tabellarischer Lebenslauf. Die Erinnerungen helfen mir, dass der Mensch, den ich so vermisse, weiter in meinem Leben spürbar ist.

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05OKT2021
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In einer Gärtnerei bleibe ich an dem Namen eines Pflanzenpakets hängen. Es trägt den Titel: Die Leichtigkeit des Seins. Das Paket enthält Pflanzen mit sehr schönen Namen wie die Sternwolkenaster, das Herz-Zittergras oder das Tautropfengras.

Ich sehe das schon vor mir im Garten wie gerade jetzt im Herbst die violetten Astern in der Sonne leuchten und sich dazwischen die Gräser im Wind bewegen.

Aber bis es so weit ist, dauert es natürlich noch, denn erst muss ich ein Beet für die Pflanzen vorbereiten, dann pflanze und pflege ich sie und schließlich muss ich warten, bis die Pflanzen gewachsen sind und das Ganze so aussieht wie ich mir das in etwa vorstelle.

Auf Knopfdruck geht das also nicht. Aber das Gefühl von Leichtigkeit stellt sich ja auch nicht auf Knopfdruck ein.

In der Regel ist mein Kopf randvoll mit Überlegungen, Terminen und ganz unterschiedlichen Themen. Das ist auch nicht schlimm, ich mag es, wenn viel zu tun ist und die Themen möglichst viel Abwechslung bieten. Aber manchmal komme ich dann an einen Punkt, da merke ich: mir fehlt die Leichtigkeit.

Dann brauche ich einfach mal etwas Zeit für mich allein. Bewegung hilft mir meistens. Einfach mal in den Wald, einige Kilometer laufen und zwischendurch auf einem Baumstamm sitzen und die Beine baumeln lassen. Ich merke, wie mein Kopf auf Leerlauf schaltet. Einfach nur dasitzen und schauen. Nichts tun. Nichts müssen. Einfach toll! Dieser Moment ist sehr gut.

Ich muss schmunzeln. Schließlich findet sich dieser Satz in der Bibel in ähnlicher Form. Da wo Menschen von der Erschaffung der Welt durch Gott erzählen, heißt es: „Und siehe, es war sehr gut.“ (Gen 1,31) Gott schaut auf die Welt und findet sie sehr gut.

Ich glaube, das Gefühl der Leichtigkeit ist eigentlich in dieser Welt und in meinem Leben immer schon da. Nur oft ist es verschüttet, gerade während der letzten anderthalb Jahre. Daher brauche ich im Alltag solche Unterbrechungen, um die Leichtigkeit neu zu entdecken. Dann beflügelt sie mein Tun.

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04OKT2021
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Es ist ein ganz normaler vollgepackter Tag, an dem mein Zeitplan morgens um 10 Uhr schon hängt. Trotzdem will ich auf dem Weg zum nächsten Termin noch schnell auf dem Markt vorbei. Ich parke im Parkhaus. Als ich das Parkticket ins Portemonnaie stecken will, erschrecke ich: Ich habe es zuhause liegen gelassen! Das darf ja wohl nicht wahr sein! Ich kann nicht einkaufen, mein Anschlusstermin naht und vor allem: Wie komme ich aus dem Parkhaus wieder raus?

Ich rege mich auf. Ich werde nach Hause laufen müssen, etwa 8 Kilometer hin und her. Ich schimpfe vor mich hin.

Unterwegs treffe ich eine Bekannte und berichte von der Situation. Sie sagt: „Du musst auch das Positive daran sehen!“ Ich schnappe nach Luft. So ein Kalenderspruch hat mir gerade noch gefehlt. „Wenn du magst, mach ich uns einen Kaffee.“ Irgendwie ist es jetzt auch schon egal, den Termin habe ich auf den Nachmittag verschoben und so nehme ich die Einladung an.

30 Minuten später stehe ich neu sortiert und gestärkt durch Kaffee und Gebäck wieder auf der Straße. Das Geld fürs Parkhaus hat sie mir mitgegeben.

Ich bin erstaunt, welche Wendung der Tag genommen hat. Allerdings hätte ich mich nicht so aufregen müssen. Schade um die Energie, die da verpufft ist. Beim Kaffee haben wir noch über den vermeintlichen „Kalenderspruch“ geredet, also dass schwierige Situationen auch was Gutes beinhalten können. Zugegeben, im Prinzip stimmt es irgendwie. Meine Vergesslichkeit führte zu einer unverhofft angenehmen Pause und einer Entzerrung meines hektischen Tages, aber ich sah vor allem nur meinen Tagesplan in Rauch aufgehen.

Beim nächsten Tag, der aus dem Ruder läuft, könnte ich zur Abwechslung einfach mal neugierig sein wie’s jetzt weitergeht. Wie ich mich kenne, braucht das aber wohl noch etwas Übung im Bereich Gelassenheit oder christlich formuliert im Bereich Gottvertrauen. Aber einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.

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03OKT2021
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Für mich gehört zu einem Sonntag auch Kuchen. Das war schon immer so. Und so überlege ich spätestens am Vormittag, ob ich einen backe oder ob welcher gekauft wird. Heute gibt es einen Honigkuchen mit Äpfeln. Ich finde er passt gut zum Erntedankfest, das in der katholischen und evangelischen Kirche heute gefeiert wird. In vielen Kirchen werden dafür Erntekörbe aufgebaut: Ähren, Kartoffeln, allerlei Obst und Gemüse.

Mir persönlich ist es wichtig, einen Kuchen mit Honig zu backen und damit noch einmal eigens Danke zu sagen. Schließlich verwende ich den Honig meiner Bienen dazu. Und in diesem Jahr wurde in der Imkerei besonders deutlich: Etwas zu ernten ist nicht selbstverständlich. In vielen Regionen waren die Wetterbedingungen für Honigbienen eher schwierig und vielfach gab es nur wenig oder gar keine Ernte.

In den Zeiten des Klimawandels ist mir das Erntedankfest noch wichtiger geworden.

Biblisch formuliert hat der Mensch den Auftrag, die Schöpfung zu bewahren und zu schützen. Wenn ich dann bewusst Danke sage, heißt das eben: ich bin nicht das Maß aller Dinge. Es geht nicht darum, das maximal Mögliche an Ertrag aus dem Erdboden zu pressen. Es geht darum, den Boden fruchtbar zu halten und das gesamte Ökosystem für die nachfolgenden Generationen zu erhalten.

Für mich heißt „Danke sagen“ auch noch mal genauer zu schauen: Was esse ich? Wie wird es angebaut und wo? Und wer baut es an, zu welchen Bedingungen?

Das Thema ist ganz schön komplex, sodass mir oft schwindelig wird, wenn ich darüber nachdenke.

Da ist das Erntedankfest eine Hilfe – es macht mir noch mal klar:

Lebens-mittel sind keine Selbstverständlichkeit – und Kuchen natürlich schon dreimal nicht. Wenn ich dann nachher den Honigkuchen anschneide, sage ich noch mal eigens Danke, bevor ich hineinbeiße.

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03JUL2021
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Es ist ja nicht so, als würde ich – nur weil ich Theologin bin – die Bibel im Detail kennen. Da gibt es vieles, was ich nicht kenne. Als ich zuletzt etwas nachgeschlagen habe, bin ich über den folgenden Satz gestolpert:

„Es gibt kein Glück, es sei denn, der Mensch kann durch sein Tun Freude gewinnen.“ (Koh 3,22)

Das finde ich erstaunlich. Mit meinen Worten gesagt: „Mein Leben ist schön und bunt, wenn ich Freude habe, an dem, was ich mache.“

 

Ich habe mir den Text dann mal genauer angeschaut. Und tatsächlich vertritt der Weisheitslehrer Kohelet aus dem Alten Testament die Meinung: mein Leben wird nicht durch solche Klassiker wie Besitz, viel Geld, Ansehen oder ein langes Leben glücklich. Denn das alles ist vergänglich. Wichtig sind die kleinen oft unbeachteten Dinge, die das Leben im Hier und Jetzt bereichern.

Das klingt wie aus einem Lifestyle-Magazin.

Aber tatsächlich stelle ich fest, dass ich oft mit der Vergangenheit oder mit der Zukunft beschäftigt bin. Die Gegenwart fällt schnell unter den Tisch. Schade eigentlich. Klar, der gegenwärtige Augenblick ist immer nur kurz.

Und nicht alle meine Tätigkeiten sind vergnügungssteuerpflichtig. Aber ich versuche, schöne Momente in der Gegenwart zu genießen.

 

Dazu gehört: Mal zehn Minuten auf dem Bett liegen und dösen. Ein Highlight ist das Croissant, das ich in den Milchkaffee tunke. Und besonders gern stehe ich momentan nelkenblütenkauend vor meinem neu angelegten Beet mit weißen, roten und pinken Nelken und schaue dort den Bienen zu.

Um mich daran zu erinnern, mehr auf die Gegenwart zu achten, habe ich nun eines meiner Lieblingsgedichte von Rainer Maria Rilke auf dem Schreibtisch aufgestellt:

 

„Du musst das Leben nicht verstehen,

dann wird es werden wie ein Fest.

Und lass dir jeden Tag geschehen

so wie ein Kind im Weitergehen

von jedem Wehen

sich viele Blüten schenken lässt.

 

Sie aufzusammeln und zu sparen,

das kommt dem Kind nicht in den Sinn.

Es löst sie leise aus den Haaren,

drin sie so gern gefangen waren,

und hält den lieben jungen Jahren

nach neuen seine Hände hin.“

 

(Quelle: Rainer Maria Rilke, Du musst das Leben nicht verstehen, aus: Rilke für Gestreßte, ausgewählt von Vera Hauschild, Insel Verlag Frankfurt a. M. und Leipzig 2000, 11)

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02JUL2021
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Dieses Frühjahr ist in meiner Imkerei ziemlich anstrengend gewesen. Es war sehr lange kalt und hat viel geregnet. Für die Entwicklung der Bienenvölker waren es keine guten Bedingungen und der erste Teil der Honigernte fiel eher klein aus.

Einige meiner Bienenvölker stehen in Trier bei der Solawi. Solawi ist die Abkürzung für „Solidarische Landwirtschaft“. Dort haben sich Menschen zusammengeschlossen, die ein gemeinsames Ziel haben: Lebensmittel füreinander zu erzeugen und das in einem überschaubaren Rahmen.

Für mich als Imkerin gibt es ein Budget, das zu Beginn des Jahres festgelegt wird und unabhängig ist von der jeweiligen Erntemenge an Honig. Das bringt Planungssicherheit für mich, führt aber nicht dazu, dass ich mich auf meinen Lorbeeren ausruhe und mir die Ernte egal wäre. Ganz im Gegenteil. Gerade auf diesem Hintergrund habe ich den Anspruch, dass es den Bienen gut geht und es eine gute Ernte wird.

Während es in den bisherigen Jahren durchschnittlich ähnliche Mengen an Honig gab, ist es nun das erste Jahr, in dem für mich der Grundgedanke der Solawi – die Solidarität – greift. Es gibt zwar weniger Honig, aber das festgelegte Budget ist mir sicher.

Natürlich bin ich sehr froh darüber, merke aber auch, wie ungewohnt diese Erfahrung für mich ist. Und so habe ich durchaus auch ein schlechtes Gewissen, denn ich hätte gern mehr Honig geerntet, um ihn den Mitgliedern weiterzugeben. Aber die Wetterbedingungen und die Rücksicht auf das Wohl der Bienen lassen dies gerade nicht zu.

So ist die Solawi ein Beispiel für gelebte Solidarität. Oder christlich ausgedrückt: ein Beispiel für gelebte Nächstenliebe. Die Gruppe trägt gemeinsam das unternehmerische Risiko der Landwirtschaft. Dies erfahre ich gerade ganz konkret zum ersten Mal. Niemand schaut mich schief an, weil es vermutlich nur für ein kleines Honigglas in diesem Frühjahr reichen wird. Stattdessen erfahre ich trotzdem viel Wertschätzung für meine Arbeit. Es ist eine ungewohnte, aber eine wertvolle und bereichernde Erfahrung. Sie macht mich sehr dankbar. Und sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass wir durch schwierige Zeiten nur gemeinsam kommen.

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01JUL2021
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An manchen Begriffen bleibe ich kleben. Momentan ist es das Wort: „zeitnah“. Seitdem ich darauf achte, habe ich den Eindruck, dass „zeitnah“ scheinbar die passende Antwort auf alle zeitlichen Fragen ist: ein Arbeitsauftrag wird zeitnah erledigt oder eine Paketsendung wird zeitnah geliefert.

Stutzig wurde ich, als ein Freund sagte, dass „zeitnah“ bei ihm heißen kann, dass er private Mails erst nach 8 Wochen checkt. Irgendwie hat der Begriff also eine gewisse Beliebigkeit. Denn es heißt nicht unbedingt, dass etwas sofort erledigt wird.

Ich glaube „zeitnah“ hat aber auch noch eine andere Perspektive. Ich finde, das Wort ist dadurch, dass es so unkonkret ist, besonders charmant. Ich verwende es dann nicht, weil ich den Eindruck vermitteln will, besonders emsig zu sein und ein Thema sofort zu erledigen, sondern ich benutze es, um auszudrücken: ich kümmere mich dann um eine Sache, – ein Thema, wenn für mich die Zeit dafür gekommen ist. Also im eigentlichen Wortsinn: wenn die Zeit dafür nah ist.

Denn manchen Dingen kann oder muss ich sogar Zeit lassen. Wenn ich zum Beispiel zeitnah mit einer Freundin über meine Ideen zu einer beruflichen Veränderung sprechen will, geht das oft gar nicht sofort, sondern ich warte auf den passenden Moment für sie und für mich. Dazu kann gehören, dass ich sie persönlich sehen will und wir ausreichend Zeit haben. Wenn ich nicht abwarte, endet ein solches Gespräch für uns beide oft unerfreulich, weil ich vielleicht nicht genug Zeit habe, um alles zu sagen. Es kann dann sein, dass ich mich unverstanden oder nicht ausreichend ernstgenommen fühle.

Dieses Abwarten des günstigen Moments heißt nicht, dass ich etwas vor mir herschiebe oder einem Thema aus dem Weg gehe. Ich warte einfach auf die passende Gelegenheit. Ist doch eigentlich genau so wie es in der Bibel steht: „Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit“ (Koh 3,1). Diese „bestimmte Zeit“ kann direkt und sofort sein oder zu einem späteren Zeitpunkt. Dieses Abwarten strapaziert oft meine Geduld, wenn ich zum Beispiel etwas besprechen will, worüber ich mich sehr geärgert habe, oder wenn ich einfach mal meine Begeisterung teilen möchte. Aber ich versuche, den passenden Augenblick abzuwarten. Dann ist es wahrscheinlicher, dass mein Tun gelingt und anderen und mir Freude bereitet.

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24MRZ2021
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Als ich mit sechs Jahren eingeschult wurde, sagte mein Opa feierlich zu mir: „Nun beginnt der Ernst des Lebens.“ Ich bekam ein mulmiges Gefühl. Das klang nach wenig Spaß und Freude. Zu meiner Überraschung war die Zeit in der Grundschule dann aber ganz schön. Beim Wechsel zum Gymnasium und vor dem Studium hörte ich den Satz wieder: „Nun beginnt der Ernst des Lebens.“ Die Schuljahre sowie das Studium fand ich aber auch gut und so verschob sich für mich der „Ernst des Lebens“ irgendwie immer weiter nach hinten. Vor Kurzem kam ich nun beim Schreiben eines Aufsatzes überhaupt nicht weiter. Ich quengelte einer Freundin die Ohren voll und sie sagte: „Stell dich nicht so an! Du bist schließlich nicht zum Spaß hier!“ Prompt fiel mir der Satz mit dem „Ernst des Lebens“ wieder ein.

Aber muss das Leben denn ernst sein und darf es keinen Spaß machen? In den momentanen Zeiten der Pandemie verursacht das Thema Bauchschmerzen.

Es gibt so viele wenig erfreuliche Dinge, die getan und eingehalten werden müssen, weil sie sinnvoll und notwendig sind. Und die ich auch weiterhin tun und einhalten werde. Umso wichtiger ist es meiner Meinung nach, bei sich selbst, für gute Stimmung zu sorgen. Und dafür braucht es eine große Portion: „Ich mag mich!“ Nicht von ungefähr steht vor dem Gebot der Nächstenliebe zunächst die Selbstliebe: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ (Mk 12,29)

Und diese Selbstliebe drückt sich auch darin aus, dass ich mir etwas Gutes tue.

Also: Was macht mir denn Spaß? Was tut mir gut? Inzwischen ist klar: in dieser Pandemiezeit braucht es oft neue Antworten auf diese Frage. Dass ich zum Beispiel gerne mit der Bohrmaschine arbeite, war mir eine neue Erkenntnis. Vor allem sollte man aber verschiedene Möglichkeiten ausprobieren, um sich je nach Situation sozusagen an den eigenen Haaren aus dem Stimmungstief zu ziehen. So tut mir die Arbeit mit meinen Honigbienen immer gut und wenn ich im Wald Sport mache, hilft mir das auch. Wenn ich dann trotzdem noch unzufrieden mit einem Tag bin, greife ich zu einer Kindheitserinnerung: Haferflocken mit Milch, Zucker und Kakao. Danach sieht meine Welt gleich wieder freundlicher aus.

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23MRZ2021
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Das Frühjahr ist immer meine liebste Zeit in der Imkerei. Wenn ich die Bienen das erste Mal wieder fliegen sehe, bin ich hellauf begeistert und sehr erleichtert. Sie haben den Winter überlebt. Im letzten Winter habe ich mir um ein Volk besonders viele Gedanken gemacht. Es sah zwischendurch sehr klein aus, als wären nur noch wenige Bienen da und ich befürchtete, dass es stirbt. Das Problem im Winter ist: Ich kann als Imkerin kaum bis gar nichts tun. Meistens muss ich abwarten.

Dieses Gefühl „Ich kann nichts tun“ fällt mir immer schwer! Aber ich ärgere mich auch über mich selbst an dieser Stelle. Ich bin in den Winterwochen angespannt und habe teilweise schlechte Laune, obwohl ich gar nichts an der Situation ändern kann. Ich brauche da mehr Gelassenheit.

Als Christin vertraue ich darauf, dass Gottes Schöpfung in sich gut ist. Und ich bin in dieser Schöpfung eben nicht Chefin des Ganzen, sondern auch nur ein kleiner Teil, ein Lebewesen unter vielen. Es hängt nicht alles von mir ab.

Das heißt nicht, dass ich die Hände völlig in den Schoß lege. Vor dem Winter mache ich alles, was ich kann: Ich gebe den Bienen Futter und sorge dafür, dass sie möglichst gesund in die Winterpause gehen. Trotzdem kann es passieren, dass das Volk stirbt. Aber da ich das eben nicht im letzten in der Hand habe, versuche ich gelassen zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass sich das Volk gut durch die Wochen manövriert.

Soweit die Theorie. In der Praxis tue ich mich schwer mit dieser Gelassenheit – nicht nur bei den Bienen! Aber ich versuche, mich mehr darin zu üben.

Übrigens habe ich das Volk Anfang März kontrolliert und meine Freude ist riesengroß: die Bienen haben den Winter gut überstanden und das Volk entwickelt sich prächtig.

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22MRZ2021
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Mir passiert es irgendwie öfter, dass Menschen, die mir zum ersten Mal begegnen mich völlig fasziniert anschauen und dann Sätze sagen wie: „Sie sehen aus wie meine Cousine.“ Oder: „Sie erinnern mich total an meine Nachbarin.“ Die Botschaft wird immer überbracht als wäre die Aussage ein Kompliment. Ich merke jedoch, dass ich zunehmend gereizt auf diese Bemerkungen reagiere. Für mich hat es einen faden Beigeschmack. Es hört sich so beliebig an.

Gut, ich kenne das auch. Ich begegne jemandem zum ersten Mal und merke, dass mich zum Beispiel seine Stimme an jemanden erinnert, den ich kenne. Oder die Person bewegt sich in einer Art, die mir von jemand anderem vertraut ist. Es dauert meistens einen Moment, bis ich darauf komme, an wen. Allerdings stelle ich auch fest, dass diese vermeintliche Ähnlichkeit wieder weniger wird, wenn ich mehr Zeit mit der Person verbringe und sie besser kennen lerne.

Die Schwierigkeit an der Aussage ist für mich: Sie nimmt eine Person eben nur zur Hälfte wahr. Sie reduziert eine Person auf ihre Äußerlichkeiten.

Ich glaube aber: jede Person ist unverwechselbar! Selbst wenn es äußerlich Ähnlichkeiten gibt oder wenn es sich sogar um eineiige Zwillinge handelt – jeder Mensch ist unverwechselbar. Die Einmaligkeit ergibt sich aus dem Zusammenspiel von außen und innen. Diese Überzeugung entspricht auch meinem Glauben. Ich gehe davon aus, dass Gott jeden Menschen einmalig geschaffen hat.

Und daraus ergibt sich für mich eine ganz persönliche Beziehung zu Gott. Ich glaube, dass er eben genau mich meint und nicht einfach irgendwen. Daran erinnert mich immer der Satz aus der Bibel: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“. (Jes 43,1)

Diese Vorstellung von Gott stärkt mich. Gott meint es persönlich mit mir. Denn: Ich bin nicht beliebig oder nur die Erinnerung an irgendwen. Ich bin nicht irgendwer, sondern genau DIE!

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