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„Die Würde der menschlichen Person kommt den Menschen unserer Zeit immer mehr zum Bewusstsein." Mit diesen Worten beginnt eines der zukunftweisenden Dokumente des II. Vatikanischen Konzils, das vor 50 Jahren eröffnet wurde. Es handelt sich um die Erklärung über die Religionsfreiheit, die in einigen Kreisen bis heute abgelehnt wird und von anderen als entscheidender „Paradigmenwechsel", ja als „kopernikanische Wende" in der Kirchengeschichte bezeichnet wird. Worum geht es?
„Das II. Vatikanische Konzil erklärt, dass die menschliche Person das Recht auf religiöse Freiheit hat. Diese Freiheit besteht darin, dass alle Menschen frei sein müssen von jedem Zwang ... wie jeglicher Gewalt, so dass in religiösen Dingen niemand gezwungen wird gegen sein Gewissen zu handeln, noch daran gehindert wird, privat und öffentlich, als einzelner oder in Verbindung mit anderen ... nach seinem Gewissen zu handeln." (DH 2) Dieses Recht, so das Konzil, gründe auf der Würde der menschlichen Person selbst und müsse in der Gesellschaft als fest verankertes bürgerliches Recht anerkannt werden. Es ist das Wesensmerkmal des echten religiösen Glaubens, dass er in Freiheit angenommen wird. Dieser Freiheit muss der Mensch auch nach außen in die Gesellschaft hinein Ausdruck verleihen können. Dazu gehört dem Konzil zu Folge insbesondere auch, dass die Eltern das Recht haben, „die Art der religiösen Erziehung gemäß ihrer eigenen religiösen Überzeugung zu bestimmen" und „in wahrer Freiheit Schulen und andere Erziehungseinrichtungen zu wählen." (DH 5) Eine verordnete Neutralität in öffentlichen Bereichen, insbesondere im Erziehungswesen, wäre ein direkter Eingriff in dieses Freiheitsrecht.
Das Konzil weiß auch um die Grenzen der Religionsfreiheit. Die personale und soziale Verantwortung darf nicht aus scheinbar religiösen Gründen ausgehebelt werden. So hat die bürgerliche Gesellschaft das Recht, „sich gegen Missbräuche zu schützen, die unter dem Vorwand der Religionsfreiheit vorkommen können." Die Freiheit hat ihre Grenze, wo das gerechte Zusammenleben aller Bürger miteinander, der öffentliche Frieden und die Wahrung der öffentlichen Sittlichkeit gefährdet sind. Das bedeutet aber zugleich eine klare Zurückhaltung des Staates im Hinblick auf das Selbstbestimmungsrecht der Religionen und religiösen Gemeinschaften. Die wiederum werden vom Konzil aufgefordert, aus eigenem Antrieb heraus Freiheit und Würde der Menschen fördern. Bei der Verbreitung des Glaubens und der Einführung von Gebräuchen müsse alles vermieden werden, was „den Anschein erweckt, als handle es sich um Zwang oder um unehrenhafte und ungehörige Überredung, besonders wenn es weniger Gebildete oder Arme betrifft." (DH 4)
Es tut gut, diese klare und ausgewogene Erklärung des Konzils heute fast 50 Jahre danach aufmerksam zu lesen, inmitten einer neuen Religionsdebatte in unserer Gesellschaft. Längst kommen die Gegner der Religionsfreiheit nicht mehr hauptsächlich aus der fundamentalistischen Ecke, die eine solche Freiheitsauffassung als Verrat an der Wahrheit ansehen. Dazu hat das Konzil eindeutig erklärt, dass das Menschenrecht der Religionsfreiheit die Wahrheit des Glaubens in keiner Weise relativiert. Es ist nicht gleichgültig, woran ich glaube. Und die katholische Kirche ist im Konzil auch nicht davon abgewichen, dass sie davon überzeugt ist, das Jesus Christus „der Weg, die Wahrheit und das Leben" ist und die Kirche unverfälscht von ihm durch die Jahrhunderte Zeugnis gibt. Aber es ist eben gerade dem christlichen Glauben zutiefst zu eigen, dass die „Freiheit der Kinder Gottes" niemals durch Zwang verwirklicht werden kann.
Heute wird die Religionsfreiheit auch durch einen offensiven und zuweilen aggressiven Laizismus in Frage gestellt. So manche Stellungnahme und Forderung etwa im Zusammenhang mit der jüngsten Debatte um das Ritual der Beschneidung müssen uns aufhorchen lassen. Manches klingt da nach den alten unversöhnten Konfrontationsstellungen des 19. Jahrhunderts. Das Konzil hat der Welt von heute einen Weg zur Versöhnung gewiesen. Er ist für uns in Deutschland und Europa so nötig, damit wir versöhnt mit unserer Geschichte aus unseren starken Wurzeln heraus, die immer auch religiös geprägt waren und sind, in eine gute, friedliche und humane Zukunft gehen können.

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Nach den vielen Belastungen des Alltags schenkt uns die beginnende Urlaubszeit die Möglichkeit, in ruhigere Fahrwasser zu kommen. Wir können Durchatmen und Abstand gewinnen. So kann das Zentrale und Wesentliche unseres Lebens wieder in den Blick rücken. Der Urlaub kann also eine gute Gelegenheit sein, auch für Gott wieder einmal Raum zu schaffen. Hat dieser Gott denn überhaupt etwas mit dem Leben und dem politischen Handeln in unserer Gesellschaft zu tun? Ein gemeinsamer gedanklicher Ausflug kann deutlich machen, dass es ein ursprüngliches und positives Verhältnis von Christ und Politik gibt, was auch für unser Verständnis des Kontinents, auf dem wir leben - Europa - grundlegend ist.
Begeben wir uns in Gedanken daher heute einmal auf eine sommerliche Reise und besuchen mit der Akropolis in Athen, dem Kapitol in Rom und Golgotha in Jerusalem zentrale Stätten der abendländischen Geschichte, von denen der frühere Bundespräsident Theodor Heuss einmal sagte, das Abendland ruhe gleichsam auf diesen drei Hügeln.
Die Akropolis. Sie ist so etwas wie die Wiege unserer modernen Gesellschaft. Denn der Begriff der Politik ist ein spezifisch abendländischer, oder modern gesagt:  ein europäischer Begriff. Die alten Griechen bezeichneten mit dem Begriff der „polis" den Stadtstaat - einen Wohn- und Lebensraum verschiedener Menschen. Diese unterschiedlichen Personen verstanden sich jedoch nicht mehr einfach als Sippe oder Großfamilie. Sie fühlten sich verbunden durch eine gemeinsame Vorstellung davon, was das Ziel eines guten und gemeinschaftlichen Lebens sein solle. Der griechische Begriff, der dafür steht, ist die „eudaimonia", das umfassende Glück.  Es ist nicht mehr abhängig vom Schicksal, sondern kann durch die Tugend, also durch ethisches Bemühen, eingeübt werden.

Geglücktes Leben in Gemeinschaft - eine Aufgabe, die uns  jeden Tag neu aufgetragen ist.

Das Kapitol. In der Antike war der Kapitolshügel das politische und geistige Zentrum des römischen Weltreiches. Auch wenn er der kleinste der sieben römischen Hügel ist, so hat er für die Gedankenwelt Europas eine große Bedeutung. Von hier aus nahm unsere Rechtstradition ihren Ausgang, die auf die Gerechtigkeit als Vorstufe des Guten abzielt. Gesetze alleine können noch kein Recht begründen und bewirken. Dazu braucht es Menschen, die von der Gerechtigkeit als Tugend, als Lebensaufgabe durchdrungen sind.
Umfassende Gerechtigkeit - wie oft bleiben wir, auch heute, hinter diesem Anspruch zurück?

Golgotha - der Kreuzigungsort Jesu. Das Gute, das wir erfahren und tun, wird nach christlicher Überzeugung möglich durch die unbedingte Liebe Gottes. Für diese vollkommene Liebe steht in der christlichen Überlieferung das Zeichen des Kreuzes. Zeichen der Ohnmacht und des größten Sieges über den Kreislauf der Gewalt zugleich. Zeichen der Liebe Gottes zum Menschen und zum Leben. Ohne Hingabe, ohne treues Einstehen füreinander kann keine Gemeinschaft auf Dauer bestehen.

Die Liebe als höchste Form des Zusammenlebens - das ist ein hoher Anspruch, zu dem uns Gott selbst  ermutigt.

Zusammen gefasst und auf das Heute bezogen, heißt das: Aus christlicher Sicht ist das letzte Ziel einer jeden gerechten Politik eine auf Liebe gegründete Gemeinschaft von Menschen untereinander. Der hl. Augustinus hat Liebe einmal in den Satz „volo ut sis" gefasst. Jemanden lieben heißt, mit ganzem Herzen zu wollen, dass er „ist". Ich wünsche Ihnen und uns, dass wir die Zeit des Urlaubs dazu nutzen, uns gegenseitig diese liebende Anerkennung wieder einmal ganz bewusst zuzusprechen. Dem Anderen deutlich zu machen: Es ist gut, dass es dich gibt. Es ist schön, dass du da bist!  Dann schaffen wir nicht nur den Raum für Gottes Wirken in unserer Gesellschaft. Wir schenken uns auch gegenseitig eine tiefe, innere Erholung.

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Am heutigen Sonntag führt eine Sternwallfahrt nach Trier zu einem ganz besonderen Überbleibsel, zu einer besonderen Reliquie. Zur Tunika Jesu Christi, seinem letzten Gewand. Auch ich als Bischof von Speyer bin in diesen Tagen mit einer großen Gruppe aus der Diözese in das Speyerer Nachbarbistum gepilgert. Manche fragen sich vielleicht: Sind Wallfahrten heute noch zeitgemäß? Ich bin davon überzeugt und daher möchte ich heute mit Ihnen über das Pilgern nachdenken. Das Leitwort der Wallfahrt zur Heilig-Rock-Reliquie „Und führe zusammen, was getrennt ist!" verweist uns auf die große Einheitsvision im 11. Kapitel des Johannesevangeliums. „Die versprengten Kinder Gottes" werden durch den Tod und die Auferstehung Jesu zu einem Volk gesammelt und zu Gott heimgeführt. Im Horizont dieser Vision der Einheit aller Christen stand und steht auch die Wallfahrt zur Tunika Christi. Der nahtlose heilige Rock Jesu wurde vor genau 500 Jahren auf Wunsch des deutschen Kaisers Maximilian I. erstmals der Öffentlichkeit gezeigt - er ist ein Ausdruck der in ihrem Wesen ungeteilten Christenheit. Auf ihrem Weg zu dieser Reliquie beten die Gläubigen im Pilgergebet: "Jesus Christus, Heiland und Erlöser, erbarme dich über uns und die ganze Welt. Gedenke deiner Christenheit und führe zusammen, was getrennt ist. Amen!" Auch wenn der Heilige Rock ein Zeichen des göttlichen Heiles ist, so leben wir Menschen heute doch in einer oft unheilen Welt. Wir sind zwar beständig auf dem Weg zur Begegnung mit dem lebendigen Gott, der jedoch allzu oft wie tot erscheint, und so mancher hat ihn aus seinem Herzen verloren. Wer pilgert, der setzt nun dem Fragezeichen des Zweifels das Ausrufezeichen des Glaubens und der Hoffnung entgegen: Gott führt sein Volk wirklich zu sich. Er führt es nach Hause, weil er ein Gott der Liebe ist. Dies meinen wir, wenn wir von der Vollendung des irdischen Lebens sprechen, welches das Ziel der Pilgerschaft des ganzen Lebens ist: Ankommen in der Heimat. Für die Pilger ist Trier darum nur das Etappenziel auf einer größeren Pilgerreise. Der hl. Augustinus hat es einmal so gesagt: Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir. In diesem Jahr sind auch unsere evangelischen Glaubensgeschwister an der Wallfahrt zum heiligen Rock beteiligt. Das ist ein schönes Zeichen der ökumenischen Verbundenheit. Es ist Ausdruck der Hoffnung, dass die Vision der Einheit in und durch Christus einmal auch zur Einheit der getrennten Konfessionen werde. Das Pilgern erdet gewissermaßen den Himmel. Es verbindet uns mit dem Ruf Jesu in die Nachfolge, der uns mitten im Leben erreicht. Für Jesu Jünger war dieser Ruf so umwerfend, dass sie sofort alles Sichere, alles Bekannte hinter sich gelassen haben und ihm gefolgt sind. Was würde der Weg bringen, welche Gefahren würden lauern? Diese Fragen standen für sie nicht im Vordergrund. Die Faszination des Abenteuers, des Lebenswagnisses war größer. Das Ausrufezeichen des Glaubens, radiert das Fragezeichen des Zweifels zwar nicht aus. Aber es lässt das Fragezeichen allmählich verblassen, weil es mit größerem und dickeren Strich, weil es mit Herzensblut geschrieben ist. Das Ausrufezeichen des Glaubens kann den Menschen im innersten Wesenskern treffen, so sehr, dass es einen wirklichen Neuanfang ermöglichen kann. Nicht selten verbindet sich ein persönlicher Wallfahrtsweg deshalb auch mit der  Bitte um Vergebung und eben diesen Neuanfang. Seit Hape Kerkelings Erfahrungsbericht „Ich bin dann mal weg" haben viele Menschen das Pilgern neu entdeckt. Kerkeling schreibt von der „reinigenden Kraft des Pilgerweges". Ich glaube, dass jeder Mensch sie in besonders eindrücklicher und nachhaltiger Weise erfährt, der auf seinem Weg prinzipiell offen für Gott ist. Der Gott erlaubt, Kompass und Karte zu sein. Gott führt die, die sich aufmachen, immer tiefer in den Glauben ein und bringt sie dadurch dann auch zu sich selbst, damit sie ihn als das Ziel ihrer Pilgerschaft erkennen können. Diese Erkenntnis lädt uns auch über die Heilig-Rock-Wallfahrt zum Pilgern, zum Neuaufbruch im Glauben ein.

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Sie hat mich von Anfang an fasziniert - die Gestalt des vor sechs Jahren im Speyrer Dom selig gesprochenen Priesters und Ordensgründers Paul Josef Nardini. Vor kurzem konnten wir seinen 150. Todestag feiern. Was ist Besonderes an diesem Seelsorger, der mitten in der Zeit der Industrialisierung und der damit einhergehenden sozialen Probleme wirkte und nur 40 Jahre alt wurde? Er kam als junger Pfarrer nach Pirmasens, intellektuell begabt, musisch gebildet, feinfühlig. Und er sah die entsetzliche Not und Armut, die dort herrschten. Er schreibt, dass er dort „eine Armut getroffen (habe), die ihm in der Seele wehtut und jedes fühlende Menschenherz zum Mitleid hinreißt und zur Hilfe auffordert." Und dass er selbst „hier nie glücklich und zufrieden leben (könne), wenn er sich nicht sagen könnte, das Seinige nach möglichster Kraft zur Linderung der Armut beigetragen zu haben."  Nardini macht sich die Not der Menschen zueigen und wird in kurzer Zeit zum sozialen Apostel von Pirmasens. Man nannte ihn den „Vater der Armen." So ist er als leidenschaftlicher Seelsorger und als sozialer Vordenker und Kämpfer in die Geschichte eingegangen.
Und heute? Das besondere Gedenken an Nardini konfrontiert uns neu mit dem sozialen Notstand unserer Zeit. Durch die Nachrichten vermittelt erscheint solcher Notstand für viele oftmals weit weg. Und trotzdem finden wir ihn auch vor unserer Haustüre. Kann ich ihn, wie Nardini, mir „nicht aus dem Sinn schlagen", weil er himmelschreiend ist, weil ich nicht gleichgültig wegsehen kann und darf? Oder habe ich mich an manches schon zu sehr gewöhnt? Gewöhnung und Gleichgültigkeit aber haben zersetzende Kraft - sie trennen den Menschen vom Menschen.Das Wirken Nardinis war in eine bestimmte Zeit gestellt und an konkrete Umstände gebunden, die heute nicht mehr dieselben sind. In unseren Breiten muss dank eines flächendeckenden sozialen Systems, das freilich seine blinden Stellen hat, niemand mehr verhungern. Und dennoch leiden viele Menschen in der gleichen Weise wie damals: Leiharbeiter verdienen nicht nur geringeren Lohn für gleiche Arbeit, sondern müssen auch mit einer beständigen Unsicherheit und Mobilität leben. Was bedeutet das für das familiäre Leben, für Partnerschaft und die Kinder? Was bewirkt die ständige Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes? Wir haben Gott sei Dank eine im europäischen Vergleich niedrige Arbeitslosenquote, aber wir haben viele Menschen, die von ihrem Verdienst kaum leben und ihre Familie ernähren können. Kinder und Jugendliche müssen mit und in prekären Familienverhältnissen leben; Zeit und Geld für eine adäquate Betreuung sind knapp. Sinn- und Perspektivlosigkeit erzeugen quer durch alle Schichten Gewalt- und Zerstörungsbereitschaft, Flucht in Süchte oder gar in extreme Haltungen.Oftmals stehen wir ratlos vor diesen Schwierigkeiten und Herausforderungen. Aus der Aussichtslosigkeit kann Verzweiflung werden, aus der Verzweiflung Lethargie. Hier hilft ein Blick auf Nardini. Der Beginn seines Lebens versprach alles andere als Erfolg: Als uneheliches Kind geboren wuchs er in einer kleinbürgerlichen, ärmlichen Pflegefamilie auf, da der Vater Frau und Kind im Stich gelassen hatte. Im Verlauf seines Lebens musste er viele Hindernisse und auch Anfeindungen  überwinden. Gegen alle Anfechtung und Ausweglosigkeit kämpfte Nardini aber im Vertrauen auf Gott, dessen Werkzeug er sein wollte. Der Glaube an Gott gab seinem Leben den entscheidenden Sinn. Schon als Zwanzigjähriger schreibt er in sein Tagebuch: Christus „ist der Brennpunkt meines Herzens; es mag mich ... Not, Bedrängnis, gefahrdrohende Unschlüssigkeit ankämpfen, nicht will ich durch Trübsinn und Traurigkeit seine freudige Liebe in mir unterdrücken." Befragt nach der Kraft für seinen Dienst antwortete Nardini: „Ich weiß nur das eine: ‚Wo ich bin, bin ich ganz.'"

Das ist das Besondere an Nardini: Wo er war, war er ganz. Er konnte nicht wegschauen, er konnte sein Herz nicht verschließen. Er konnte, wie er selbst schreibt, sich „das leibliche Elend, von dem so viele ... so hart gedrückt sind, nicht aus dem Sinn schlagen." Er war ganz da mit Herz und Hand. Solche Vorbilder brauchen wir auch heute.

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Darf man für etwas verurteilt werden, das man nicht getan hat? Die Frage scheint auf den ersten Blick absurd und die Antwort eindeutig: natürlich nicht. Umso überraschter erscheinen die Verurteilten in der großen Erzählung Jesu vom Endgericht, die uns gegen Ende des Matthäus-Evangeliums überliefert ist und die heute am Christkönigsonntag in den katholischen Kirchen verlesen wird. Da heißt es: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet." (Mt 25, 31f) Gott spricht das letzte Wort über uns Menschen. Dann aber kommt das Überraschende. Die Guten werden nicht wegen außergewöhnlich großer Taten belohnt. Sie sind überrascht, weil sie das für sie Selbstverständliche mitten im Alltag getan haben: sie haben Hungrigen zu essen gegeben, Durstigen zu trinken, Fremden und Obdachlosen geholfen, Kranke besucht... Sie waren barmherzig um der Barmherzigkeit willen, nicht wegen eines Lohnes. Nun sind sie überrascht, welche Bedeutung ihr Handeln hat. Sie haben Liebe um der Liebe willen geübt. Genauso überrascht erscheinen die Verurteilten. Sie werden nicht, wie man angesichts eines Welt- und Endgerichtes erwarten kann, wegen ihrer schrecklichen, zum Himmel schreienden Taten verurteilt, sondern überraschenderweise wegen ihrer nicht begangenen Taten. „Ihr habt mich nicht gespeist, getränkt, bekleidet, besucht und aufgenommen." Dies erinnert an die Gleichniserzählung vom barmherzigen Samariter, die wir im Lukas-Evangelium finden. Auch hier wandelt Jesus die Perspektive radikal. Zunächst wird Jesus nach dem wichtigsten Gebot gefragt, und er antwortet mit dem doppelten Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe. In dem anschließenden Gleichnis illustriert Jesus dieses Gebot der Liebe: Ein Mann fällt unter die Räuber. Beraubt und verletzt liegt er am Wegesrand - und nur der Samariter bleibt stehen und nimmt sich seiner an. Daraufhin macht Jesus die  Opferperspektive zum alles entscheidenden Urteilsmaßstab: „Wer von all denen, die vorbeigegangen sind, hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der unter die Räuber gefallen ist?", fragt er (Lk 10,36) Aus der Opferperspektive wird auch das Nichthandeln zur Straftat. Wer mitleidlos und untätig vorbeigeht, ist nicht unschuldig. Dieser zutiefst christliche Gedanke hat in dem Strafbestand der unterlassenen Hilfeleistung bis heute Eingang in unsere Gesetzesbücher gefunden. Der Vorrang der Opferperspektive ist bis heute ein wesentliches Kennzeichen humaner Gesellschaften und ein wertvolles christliches Erbe, das in unsere säkularisierte Kultur eingegangen ist. Die ganze Lehre Jesu macht diese Solidarität Gottes mit den Schwachen zum Dreh- und Angelpunkt der Weltgeschichte und damit zu einer neuen Geschichtsschreibung. Hier binden sich christlicher Glaube und gesellschaftliche und politische Weltverantwortung ineinander. Der echte Glaube kreist nie nur um sich selbst. Er sucht den Anderen und findet darin das Geheimnis Gottes. Wem die Einfühlung in die Not des Nächsten fehlt, dem erschließt sich das Große der Gottesherrschaft nicht. Dessen Taten sind letztlich vor Gott und der ganzen Menschheit fruchtlos, weil er das Entscheidende im Zusammenhang übersehen hat: „Was ihr einem dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan." So vollzieht sich das große Weltgericht ständig im Kleinen des Alltags mitten in unseren liebenden Aufmerksamkeiten für die anderen, mitten in unserer Bereitschaft, uns anrühren zu lassen durch die Not anderer, mitten in unserem Willen, uns für die Gerechtigkeit einzusetzen. Dazu brauchen wir beständige Umkehr unserer gesamten Lebens- und Weltsicht gemäß der Leitfrage Jesu: „Wer hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der unter die Räuber gefallen ist" und „Was ihr einem meiner Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan". Wie anders sähe unsere Welt aus, wenn diese Perspektive überall der leitende Maßstab wäre?

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Wer glaubt, ist nicht allein! Dieser Satz verbindet sich seit dem Papstbesuch in Bayern vor drei Jahren in besonderer Weise mit dem Pontifikat von Papst Benedikt. In den vergangenen Tagen durften Hunderttausende junger Menschen beim Katholischen Weltjugendtag in Madrid wieder einmal diese Erfahrung machen: Wer glaubt, ist nicht allein. Sie machten diese Erfahrung zusammen mit einem mittlerweile 84-jährigen Papst, der gesellschaftlich und kirchlich viel erlebt hat, und dem sich die Wahrheit dieses Satzes für sein Leben daher ins Herz gebrannt hat.
Oft erfahren sich heute gerade junge Katholiken in ihren Heimatgemeinden zu Hause isoliert und allein mit ihrem Glauben. Es gibt wenig andere Gleichaltrige, für die der Glaube auch wichtig ist oder die sich gar in der Kirche engagieren. Die Gottesdienstgemeinden sind überaltert. Das Verständnis für die Anliegen der Jungen ist nicht immer da. Darum ist es wichtig, von Zeit zu Zeit die Erfahrung von Gemeinschaft und Vernetzung machen zu können, von gemeinsamem Beten, Hoffen und Fragen. Gott sei Dank geht dies mittlerweile weit über Sprach-, Landes- und Kulturgrenzen hinaus.
Aus diesem Blickwinkel ist der Weltjugendtag viel mehr als ein Glaubensfest. Natürlich: In erster Linie sind diese Tage ein Fest des Glaubens. Es sind Tage der jungen Kirche, Tage der Begegnung mit Jesus Christus. Aber indem die jungen Gläubigen diese Erfahrungen machen, Erfahrungen des Glaubens und Lebens, indem sie sich als eine Gemeinschaft erfahren, Menschen aus anderen Kontinenten, mit anderen politischen und kulturellen Hintergründen kennen lernen können, gewinnen die Weltjugendtage eine eminent völkerverbindende Kraft. Kirche, Politik und Gesellschaft sind unterschiedlich von Land zu Land, erst recht von Kontinent zu Kontinent. Und doch bewegen die jungen Menschen die gleichen Fragen. Sie alle sehnen sich nach einer Hoffnung und nach einem Sinn ihres Lebens. Wer glaubt, ist nicht allein. Immer wieder ist von den Verantwortlichen und der Polizei an den unterschiedlichen Veranstaltungsorten der Weltjugendtage in Sydney, Köln, Rom oder Paris betont worden, wie unproblematisch diese Tage trotz der Teilnehmermassen ablaufen. Es sind friedliche Tage mit gut gelaunten Teilnehmern, wie sie sich jeder Veranstalter nur wünschen kann. Auch wenn es am Rande des Treffens in Madrid zu Handgreiflichkeiten gekommen ist, blieb es doch weitgehend friedlich und die Jugendlichen ließen sich nicht provozieren. Die geäußerten kritischen Anfragen nach den Kosten oder überhaupt der Präsenz des Glaubens in der Öffentlichkeit lassen freilich erahnen, dass den bekennenden Christen in Europa in den nächsten Jahren ein rauerer gesellschaftlicher Wind um die Ohren wehen könnte. Auch darum ist die Erfahrung einer Völker umspannenden Glaubensgemeinschaft so wichtig. Wer glaubt, ist nicht allein. Der Verlauf der Weltjugendtage macht deutlich, dass Religion - heute nicht selten negativ besetzt - gerade durch die Botschaft des Glaubens und ihren Verweis auf die Transzendenz des Menschen viel zum Aufbau von Kultur und Gesellschaft beitragen kann. Der Weltjugendtag hat hier einen deutlichen Gegenentwurf gesetzt zu dem, was wir gerade an Fernsehbildern aus Großbritannien gesehen haben. Einen Gegenentwurf aber auch zu einer generell pessimistischen Bewertung „der Jugend", wie es mitunter pauschalierend heißt. Junge Menschen sind fähig zur Hingabe und zur Begeisterung, sie sind interessiert, kulturell aufgeschlossen, friedlich, und ihre Frage nach dem Sinn des Lebens geht über die normalen Probleme unseres Alltags hinaus. Ich habe die Tage in Madrid wie ein großes, begeisterndes Fest erlebt, bei dem junge Christen Kraft schöpfen, Antworten erhalten, sich fest machen im Glauben. Bei dem sie in der Begegnung mit Christus und mit anderen Menschen das eigene Leben bereichern und vertiefen. Vielleicht kann ihre Begeisterung ja ein Vorbild sein, das zur Nachahmung anregt? Jeder braucht hin und wieder einen Ort oder eine Zeit der Vergewisserung, der Begegnung und der Stärkung. Machen Sie sich doch wieder einmal auf die Suche, am besten gemeinsam mit anderen. Denn, wer glaubt, ist nicht allein.

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..., sich Gott verfügbar zu machen

„Die schönste Versuchung, seit es Schokolade gibt." So oder ähnlich spielt die Werbung mit dem Stichwort „Versuchung" und meint damit die kleineren oder größeren sinnlichen Verführungen, die wir zumeist darunter verstehen.  Jene Versuchungen aber, von denen uns die Bibel etwa in der Geschichte von der Versuchung Jesu in der Wüste erzählt, beschreiben eine andere, eine sehr viel tiefer gehende Dimension. Hier geht es um die Versuchung schlechthin, die sich dann in all den vielen Versuchungen ausreizt: um die Versuchung, Hand an die Wirklichkeit Gottes zu legen, um, wie Papst Benedikt in seinem Jesus-Buch ausführt,  „die Welt aus Eigenem, ohne Gott, in Ordnung zu bringen, ... nur die politischen und materiellen Realitäten als Wirklichkeit anzuerkennen und Gott als Illusion beiseite zu lassen."[1] Kurzum: Es geht um das Alles oder Nichts der Gottesfrage. Ein bisschen Gott gibt es nicht, wie es auch nicht ein bisschen Menschenwürde gibt. Im Extremfall heißt dies: Sich zum Herrn aufzuschwingen über Leben und Tod. Doch dann wäre letztlich alles nur noch ein Machtspiel dieser Welt. Von dieser einen Versuchung hängt alles andere ab.
In unserer hoch technisierten Welt stehen wir immer wieder vor grundlegenden Entscheidungen. Wir dringen in Grenzbereiche vor, in denen es grundsätzlich nicht nur um das Wissen und die Fähigkeit, dieses Wissen einzusetzen, geht, sondern um die ethische Entscheidung, ob ich das, was ich kann, auch verwirklichen darf. Bei uns wird aktuell die Frage nach der Erlaubtheit der Selektion von Embryonen und damit der bewussten Verwerfung von menschlichem Leben diskutiert. Es geht hierbei um den Ausschluss von schwerer oder schwerster Behinderung bei genetisch vorbelasteten Eltern durch die Anwendung der so genannten PID, der Präimplantationsdiagnostik. In Frankreich machte vor kurzem der erste Fall der Geburt eines Designer-Babys Furore. Dabei wurde derjenige Embryo ausgewählt, der genetisch am besten zu seinem älteren Bruder passt. Dieser leidet an einer äußerst schweren Bluterkrankung. Das neugeborene Kind hat übersetzt den Namen „Hoffnung" erhalten, weil sein Nabelschnurblut zur Stammzelltherapie des Bruders eingesetzt werden soll.
Menschlich lassen sich die Hoffnungen, die mit diesen Techniken verbunden sind, gut verstehen: die Hoffnung betroffener Eltern, nach leidvollen Erfahrungen mit Fehl- und Todgeburten ein gesundes Kind zur Welt bringen zu können. Die Hoffnung auf medizinische und therapeutische Fortschritte, die Hoffnung auf Heilung. Und doch hat all das seine abgründige Schattenseite. Mit jeder Auswahl steht der Mensch in der Gefahr, sich zum Herrn über Tod und Leben zu erheben. Eine Abgrenzung von schweren und weniger schweren Erbkrankheiten mündet letztlich immer in der willkürlichen Abwägung von lebenswerten und lebensunwerten Leben. Keiner weiß heute, welche Krankheiten morgen heilbar oder zumindest besser therapierbar sind. Menschen mit schweren Behinderungen fürchten, dass ein staatliches Urteil, das bestimmte schwere Erkrankungen als lebensunwert beurteilen würde, auch ihr Leben, ihre Daseinsberechtigung grundlegend in Frage stellt. Eltern behinderter Kinder könnten sich dem Unverständnis einer auf Optimierung bedachten Gesellschaft ausgesetzt sehen.
Der Glaube an Gott als Schöpfer der Welt und jedes einzelnen Menschen setzt dem Machbarkeitsstreben des Menschen Grenzen. Diese Grenzsetzung hat nichts mit Willkür zu tun, sondern basiert auf der Ehrfurcht vor dem Schöpfer und seiner Schöpfung. Gott ist der Garant für die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen. Ich persönlich sehe in der Präimplationsdiagnostik mit anschließender embryonaler Selektion eine große Versuchung, die eine zentrale Grenze verschiebt. Denn der Mensch hat nicht das Recht, über lebenswert und lebensunwert zu entscheiden und danach menschliches Leben auszuwählen. Auch wenn man die Anwendung der Methode auf wenige, scheinbar plausible Fälle eingrenzen will, bleibt das grundsätzliche Übertreten dieser Grenze. Wenn das Existenzrecht menschlichen Lebens jedoch in Frage gestellt werden darf, wenn in diesem grundlegendsten Punkt keine Sicherheit mehr besteht,  dann droht letztlich auch das ethische Fundament einer Gesellschaft ins Rutschen zu geraten.

 [1] Zitat aus: Joseph Ratzinger - Benedikt XVI, Jesus von Nazareth. Erster Teil, Freiburg 2007, 57.

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Heute ist für mich persönlich ein besonderer Tag. Vor genau 25 Jahren bin ich mit elf weiteren Mitbrüdern zum Priester geweiht worden. Und genau heute darf ich als Bischof in der Kirche, in der ich selbst die Priesterweihe empfangen habe, dieses Sakrament an sechs junge Menschen weitergeben. Das ist für mich ein besonders ergreifendes Geschehen, das unter die Haut geht. Es weckt die Erinnerung daran, wie ich selbst als junger Mann, der nach dem Abitur unmittelbar ins Studium gegangen war, mein: „Herr, hier bin ich, nimm mich, sende mich, wohin du willst" mit ganzem Herzen vollzogen habe. Dabei konnten wir alle nicht ahnen, was dieses „Ich bin bereit" in der Zukunft für Herausforderungen mit sich bringen sollte. Mit unbeschwerter junger Begeisterungsfähigkeit und einem Ernst, wie er nur aus hohem Idealismus geboren werden kann, haben wir damals unser Leben in die Hände des Bischofs gelegt, der uns mit Jesus Christus, mit seiner Sendung aus dem apostolischen Ursprung der Kirche heraus verband.
„Du aber, ein Mann Gottes, ... strebe unermüdlich nach Gerechtigkeit, Frömmigkeit, Glauben, Liebe, Standhaftigkeit und Sanftmut. Kämpfe den guten Kampf des Glaubens, ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen bist und für das du vor vielen Zeugen das gute Bekenntnis abgelegt hast." (1 Tim 11ff) Diese Worte des Apostels Paulus an seinen Schüler Timotheus kommen mir in diesem Augenblick in den Sinn. Paulus hat dem Timotheus die Hände aufgelegt und ihm so das geistliche Amt übertragen. Und nun erinnert er ihn an das, was ihm in der Weihe als Gabe und Aufgabe anvertraut wurde. Paulus schreibt: „Darum rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteil geworden ist. Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit." (2 Tim 1, 6f) Paulus hatte eine tiefgehende Vorstellung von dem, was ein geistlicher Mensch ist: ein Mensch, den Widerstände und Hindernisse nicht mutlos und verzagt werden lassen, sondern der von dem Geist Jesu Christi durchdrungen ist, von seiner Kraft und Liebe, von seiner Klugheit und Besonnenheit. Ein Mann Gottes, der für Wahrheit und Gerechtigkeit unerschrocken einsteht, und deshalb fromm und nicht frömmelnd ist, ein Mensch, der vom Glauben und der Liebe zu Gott durch und durch geprägt ist und der daher standhaft und sanftmütig zugleich ist. Ein Mensch des Gebetes, und daher ein hörender Mensch - hörend auf die Stimme Gottes, hörend auf die Sehnsüchte und Nöte der Menschen.Wir wissen gerade in unseren Tagen wie zerbrechlich Idealbilder sein können - und wie sehr Fehlverhalten gerade das Große in den Schmutz zieht und entsetzlich verunstaltet. Das gilt besonders für den Geistlichen. Paulus wusste, dass wir den Schatz der Gnade in irdischen Gefäßen tragen. Das macht demütig und glaubensstark zugleich. Sehr viel hängt von unserer Glaubwürdigkeit ab. Wenn junge Menschen sich mit ihrer ganzen Begeisterungskraft und dem tiefen Ernst ihrer Liebe ungeteilt dem Dienst Gottes stellen, dann geschieht etwas Großes, das mehr ist als menschliche Bereitschaft, als menschlicher Wille. Dann wagt jemand etwas im Angesicht seiner Schwäche, das ihn vollständig übersteigt. Dann wird etwas von dem Gottvertrauen sichtbar, von dem wir alle leben - und von Gottes Nähe mitten in unserer gottentfremdeten Welt.Wer dieses Wagnis der Liebe mit ganzer Ehrlichkeit eingeht, wird wie von selbst demütig angesichts dessen, was ihm dabei anvertraut wird. Er weiß, dass er seinen Weg nicht ohne Gottes Gnade und Barmherzigkeit und nicht ohne das Vertrauen und das Gebet der Menschen gehen kann. Wir Bischöfe und Priester brauchen Ihr Vertrauen und Ihr Gebet - gerade heute.

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Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

Es gibt wundersam anrührende Geschichten in der Heiligen Schrift. Dazu gehört die Gottesbegegnung Abrahams bei den Eichen von Mamre. Die Mittagshitze glüht und Abraham sitzt im Eingang seines Zeltes. Da erscheinen ihm drei Männer, und Abraham läuft ihnen entgegen, fällt vor ihnen nieder und lädt sie ein, sich bei ihm unter der kühlenden Eiche auszuruhen. Und Abraham läuft zu seiner Frau Sara, dass sie aus feinem Mehl Brot für die Gäste backe. Er geht zum Vieh und nimmt das zarte, prächtige Mastkalb, lässt es schlachten und es mit Butter und Milch auf das feinste zubereiten. Soweit die wunderschön ausgestaltete Szene orientalischer Gastfreundschaft.

Das Geheimnisvolle dieser Geschichte liegt in den drei Männern, die wie eine Fata Morgana auftauchen und wieder entschwinden. Abraham erkennt in ihnen sofort das Besondere, dass Gott ihm in diesen Gestalten begegnen will. Abraham ist noch in hohem Alter aus seiner vertrauten Umgebung aufgebrochen, weil er dort keine Zukunft, keine Nachkommen hatte. Er ist aufgebrochen in einem großen Akt des Gottvertrauens. Und nun kommt dieser Gott zu ihm. Und Abraham öffnet ihm die Türen seines Herzens, seiner Gastfreundschaft. Der geheimnisvolle Besuch aber hinterlässt ihm beim Fortgang die entscheidende Verheißung: „In einem Jahr komme ich wieder zu dir, dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben." (Gen 18, 10)

Ich erinnere mich an meine Kaplanszeit. Die Priester trafen sich regelmäßig reihum zum mitbrüderlichen Zusammensein und Austausch. Immer wenn ein alter Franziskanerpater, der persönlich ganz bescheiden lebte, an der Reihe war, fand ich den Tisch besonders festlich gedeckt vor. Auf meine Frage antwortete der Pater, der lange in der Chinamission gewesen war und Unsägliches für seinen Glauben erlitten hatte, mit einem herzlichen Lächeln: „Hospes venit, Christus venit" - Der Gast kommt, Christus kommt.

Die schweren Verfolgungen unter dem maoistischen Regime hatten ihn nicht verbittert hinterlassen. Sein starker Glaube hatte sein Herz offen gehalten, so dass er noch immer in jedem, der ihm begegnete, Christus erkennen konnte, besonders im Gast. Deshalb war er ein sehr gefragter Beichtvater für viele Menschen, für junge und alte. In diesem Franziskaner, der die Armut gelobt hatte, lebte etwas von dem Schönsten christlicher Lebenskultur: die Gastfreundschaft - benediktinische Kultur in franziskanischer Bescheidenheit.

Diese im Glauben wurzelnde Haltung hat Kulturgeschichte geschrieben. Letztlich kann man die Größe einer Kultur nach der Fähigkeit und Offenheit bestimmen, andere bei sich wohnen zu lassen, ihnen Gastfreundschaft und Würde zu schenken. Gerade aus Reisen in fremde Länder kehren wir nicht selten beschämt wieder heim. Mitten in uns fremder Einfachheit und Armut haben wir unglaubliche Gastfreundschaft erlebt und den guten Stolz auf die eigene Kultur und ihre Schätze. Gastfreundliche Kulturen haben ein tief verankertes Bewusstsein von der eigenen Geschichte und Tradition - und sind wohl gerade deshalb fähig, sich mit Herzlichkeit dem Fremden gegenüber zu öffnen. Auf diesem Hintergrund gewinnt die Frage, warum sich Europa so schwer tut, zu den eigenen christlichen Wurzeln zu stehen, deutlich an Gewicht. Die Gastlichkeit beinhaltet die Freude daran, sich an andere zu verschenken. Das überschreitet jede rein ökonomische Logik. Aber nur durch dieses Größere gewinnt man eine zukunftsfähige Kultur.

Denn es ist auffällig: Gastfreundliche Kulturen sind in der Regel junge Gesellschaften. Sie haben Nachkommenschaft, weil sie gerne das Leben mit anderen teilen. Auch bei Abraham zeigt sich der Segen der Gastfreundschaft in der Verheißung der Nachkommenschaft. Wer gastfreundlich ist, öffnet sich und anderen die Zukunft.

Gerade in der Urlaubszeit kann uns die Bedeutung der Gastfreundschaft wieder aufgehen: dass wir Zeit haben füreinander und das Leben miteinander teilen. Und: dass wir die Freude am gemeinsamen Mahl in der Familie und darüber hinaus kultivieren. Dann geht uns auch wieder die Bedeutung des Tischgebetes auf, so dass wirklich ein Segen über unserem Zusammenleben ruht: „Komm, Herr Jesus, und sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast."

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Wir Menschen brauchen Leitbilder. Wir brauchen Regeln, Vorgaben und Ideen, an denen wir unser Leben ausrichten können. Und wir brauchen Vorbilder, andere Menschen, an deren Denken und Handeln wir uns orientieren können.
Spricht man mit jungen Menschen über ihre persönlichen Vorbilder, so nennen sie meistens nicht die Namen der großen Stars, sondern solche aus ihrem nahen, persönlichen Umfeld: ihre Großeltern und Eltern, ihre Familie und ihren Freundeskreis. Das gilt erstaunlicherweise auch, wenn Kinder und Jugendliche gerade in diesem nahen Umkreis immer wieder tiefen Enttäuschungen und Verwundungen ausgesetzt sind. Auf meine Frage anlässlich der Firmung, was den Firmlingen am heutigen Tag besonders wichtig sei, erhalte ich nicht selten die Antwort: „Dass meine Familie da ist." Nach und nach habe ich tiefer verstanden, warum diese Antwort geradezu religiösen Charakter hat. „Dass meine Familie heute einmal wieder ganz da ist" - das ist die Freude über einen Augenblick erlebter Gemeinsamkeit und der Erinnerung an eine Geborgenheit und Getragenheit, die nicht mehr selbstverständlich sind.
Das bedeutet aber auch: Die große gesellschaftliche Bühne hat für viele schon längst an Vertrauenskraft und Vorbildcharakter eingebüßt. Dies gilt quer durch alle gesellschaftlichen Bereiche und trifft nicht zuletzt durch die skandalösen Enthüllungen der letzten Monate auch die Kirche. Und die Kirche besonders stark, denn sie steht unter einem anderen, höheren Anspruch und muss sich daran messen lassen.
Ich erlebe eine große Enttäuschung und Verunsicherung und ein tiefgehendes Erschrecken bei nicht wenigen Menschen, was denn unsere Gesellschaft noch zusammenhalten kann, was ihr gemeinsame Orientierung, Werte, Moral geben kann. Menschen leben davon, dass sie Vertrauen schenken, dass sie Glauben wagen können. Aber wem vertrauen, an wen glauben, wenn so viele Vorbilder sich als nicht tragfähig erweisen?
Mir ist gerade in dieser Zeit Jesus Christus noch viel stärker in den Mittelpunkt gerückt. Angesichts von Machtmissbrauch, Versagen und Schwäche kann die Antwort, die wir für uns und für die nachfolgenden Generationen zu suchen haben, ja nicht in Zynismus, Fatalismus oder grundsätzlichem Misstrauen bestehen. Und auch nicht in einem resignativen Rückzug ins eigene Schneckenhaus. Was wir brauchen, ist eine grundlegende Neuorientierung an Jesus Christus. Er ist bis heute durch alle Höhen und Tiefen der zweitausendjährigen Geschichte hindurch weltweit das größte Vorbild. Er ist für viele Menschen auf der ganzen Erde nach wie vor die Leitfigur ihres Lebens. Aus seinen Worten und Gesten, ja aus dem Geheimnis seiner Person strömt unverbraucht eine Erneuerungskraft, die angesichts seines Kreuzestodes radikal enthüllend wirkt und im selben Atemzug in der Kraft der Auferstehung neue, ungeahnte Lebensperspektiven schenkt. Seine Person steht wie keine andere für das unbestechliche Gericht, für die unbesiegbare Hoffnung und für die heilende Liebe Gottes selber.
Der heutige Sonntag stellt das Leitbild des Guten Hirten in den Mittelpunkt. Jesus hat sich selbst so ausgewiesen: „Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe." (Joh 10, 11)
Unsere Gesellschaft braucht diesen Hirtendienst Jesu Christi gerade heute. Sie braucht Menschen, die sich ganz an ihm orientieren und ihm ähnlich werden wollen; Menschen, die sich ganz an seinem Lebensstil ausrichten. Daher ist der Sonntag vom Guten Hirten auch der Weltgebetstag für geistliche Berufe. Wir beten darum, dass Frauen und Männer sich so von Jesus Christus faszinieren lassen, dass sie ihm ihr ganzes Leben anvertrauen und sich von ihm in den Dienst für seine Kirche nehmen lassen.
Papst Benedikt hat in seiner Botschaft zum heutigen Tag den Vorbildcharakter solcher Menschen herausgestellt: „Wenn sie sich von Gott ergreifen lassen und sich selbst zurücknehmen, wecken ihre Treue und die Kraft ihres Zeugnisses auch weiterhin in den Herzen vieler Jugendlicher den Wunsch, ihrerseits Christus für immer und mit großherziger Ganzhingabe zu folgen", schreibt der Papst.
Ich bin davon überzeugt, nicht nur die Kirche, auch unsere Gesellschaft braucht solche Menschen heute mehr denn je.

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