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20NOV2021
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„This day is the first day of the rest of your life“. Dieser Tag ist der erste Tag vom Rest Deines Lebens. Dieser Satz war das Thema einer meiner ersten Radiosendungen, vor fast 30 Jahren. Und mit diesem Satz verabschiede ich mich von Ihnen. Denn dies ist meine letzte Sendung. Weil ich im Dezember die berufliche Phase meines Lebens beende – auch Ruhestand genannt. Für den, aber nicht nur den, dieser Satz auch gilt: Dieser Tag, auch und gerade der heutige, ist der erste Tag vom Rest Deines Lebens. Er klingt feierlich dieser Satz, denn er erinnert an die Unberührtheit des Neuen, des ersten Males. Man denkt an die Geburt eines Menschen, an den ersten Kuss oder eben an den ersten Tag einer neuen Lebensphase. Der Satz ist verheißungsvoll, wie der Beginn einer Reise, bei der einem die Welt offen zu stehen scheint. Es klingt aber auch ein bisschen Wehmut an, denn dieser Satz macht auch klar, dass unser Leben begrenzt ist, wenn vom „Rest“ des Lebens die Rede ist. Man sieht diesen Satz auf Kalenderblättern und auf einem Blatt im Jahr mag er ja noch zum Nachdenken anregen. Aber was wäre, wenn man seinen Inhalt voll ernst nehmen und ihn auf jedes Blatt schreiben würde? 365 Mal!? Es wäre nervtötend, so nervtötend wie Routine eben sein kann. Und damit sind wir mitten drin im Thema: Jeden Tag dasselbe, Aufstehen, Zähne putzen, dasselbe Frühstück, dieselbe Arbeit, dieselben Leute, derselbe Tagesablauf, dieselben Abende, dieselben Wochen, Monate, Jahre. Und auf einmal ist man alt oder krank oder gar beides und fragt sich: und das soll alles gewesen sein?
Der Rat, jeden Tag so zu leben, als wäre er etwas ganz Besonderes ist nicht nur ein schöner weiser Spruch. Er ist eine Beschwörung, sich von der Routine keine Hornhaut über die Seele wachsen zu lassen. Ein Plädoyer für den neuen Blick auf das Alte. Und eine Ermutigung die verkrusteten Alltagsstrukturen immer wieder aufzuknacken. Denn jeder Tag ist ein Teil des ganzen Lebens. Jeder Tag zählt und unsere Tage sind gezählt. Es liegt an uns, was wir daraus machen. Jeden Tag.

 

Leben Sie wohl - Peter Kottlorz, Katholische Kirche, Rottenburg.

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19NOV2021
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„Was bleibt, wenn Du gehst?“ Diese Frage habe ich auf einem dieser gelben Klebezettel gelesen, „Post it“, heißen sie. Sie hängen an Kühlschränken oder Wohnungstüren und sind meistens Erinnerungen an etwas das zu tun oder nicht zu vergessen ist. Mir sind sie als Teil eines Kunstprojekts begegnet. Die kleinen gelben Zettel werden an allen möglichen und unmöglichen Orten im Alltag geklebt und sollen. zum Nachdenken über das Leben anregen*.
„Was bleibt, wenn Du gehst“ also auf meinem. Diese Frage kann man verschieden verstehen. Zum Beispiel: Was bleibt nach einem Stellenwechsel, nach dem Abschluss von Schule, Ausbildung oder Studium? Was bleibt nach einer Trennung oder nach dem letzten Abschied, hier, in diesem Leben? Ein Erbe? Geld, eine Wohnung oder ein Haus? Kleider, ein Haufen Bücher oder anderes Angesammeltes? Was bleibt von einem Menschen, der gegangen ist? Was bleibt bei denen, die ihn geliebt haben, die ihn nun schmerzlich vermissen? Erinnerungen natürlich. Aber nicht nur die. Alles wirklich Wichtige, das von einem bleibt, ist nicht sichtbar, nicht greifbar. Das fängt schon in der Kindheit an. Wenn Kinder sich von den Eltern lösen müssen, dann haben sie deren Erziehung, bestenfalls auch deren Liebe verinnerlicht und behalten sie in ihrem Inneren. Nach Psychotherapien geschieht im Idealfall dasselbe. Wenn sich der Klient aus der vertrauten Beziehung vom Therapeuten lösen muss, dann nimmt er das, was sie beide erkannt, erfühlt und bearbeitet haben mit und bewahrt es im Herzen – par coeur, heißt der französische Ausdruck für „auswendig“. Wenn das Gelernte inwendig, im Kopf, vielmehr im Herzen seinen Platz gefunden hat. So wird nicht von ungefähr auch der Glaube weitergegeben, wenn er richtig weitergegeben wird. Von Herz zu Herz.

In seiner Abschiedsrede hat Jesus vom „Tröster“ gesprochen, der den Seinen bleiben wird, wenn er aus dieser Welt gegangen ist. Der in ihnen und bei ihnen bleiben wird, sie an sein Leben, an seine Botschaft erinnern wird. Ein universelles und zeitloses Mittel für die Hinterbliebenen den Tod geliebter Menschen zu überstehen: Im Herzen bewahrte Liebe als zeitlose Brücke zwischen den Welten. „Das bleibt, wenn Du gehst“. Sie bleibt, wenn wir gehen…

 

*( www.die-erinnerungsguerilla.org)

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18NOV2021
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Wenn alles getan ist, alles erledigt, Großes erreicht, Gutes abgeschlossen. Was dann? Und wie fühlt sich das an?
Erleichtert kann es sich anfühlen, wenn eine Pflicht erfüllt ist. Stolz, wenn ein Job gut gemacht ist. Oder satt und zufrieden, wenn man viel geleistet hat oder einen langen Atem hatte.
Es kann sich aber auch ganz anders anfühlen, wenn alles getan ist. Erschöpft, weil es so viel war oder zu viel. Frustriert, weil es nicht zu Ende gegangen ist wie gewünscht. Oder traurig, weil etwas unwiederbringlich vorbei ist, was einem lieb oder teuer war.

Es gibt aber auch noch eine dritte Möglichkeit zu fühlen an dem Punkt, an dem alles getan ist: nämlich nichts! Einfach nur leer zu sein. Sei es aus Erschöpfung, sei es aus Desorientiertheit, weil es so ungewohnt ist, auf einmal nichts zu tun zu haben oder aus Mangel, weil etwas fehlt, das gut abgelenkt oder Sinn gegeben hat. Dieser dritte Gefühlszustand ist, glaube ich, der schwierigste, aber auch wichtigste. Neutrale Zone wird er auch genannt. Eine Zone, eine Zeit, die allein der Erholung dienen kann. Oder der Regeneration für das nächste Projekt. Oder die auch dafür da sein kann, dem nachzuspüren, wer ich denn ohne all das bin: Ohne Arbeit, ohne geregeltem Tagesablauf, ohne Ablenkung durch Betriebsamkeit und ohne Sinnerfüllung durch das, was ich mache, schaffe oder leiste. Wer ich ohne all das bin: Ein Mensch, der mit nichts als sich selbst in diese Welt gekommen ist. Und mit nichts als sich selbst aus dieser Welt gehen wird. Was genau dieses „Selbst“ ist, lässt sich am besten herausfinden, wenn alles getan ist - in der Windstille der Seele. In einer Leere, die Platz für die Fülle lässt. Für das, was wirklich wichtig ist im Leben. Und das ist nicht Geld, nicht Macht und nicht Leistung. Das ist nicht Besitz, Konsum oder Askese. Sondern wie viel ich geliebt habe. Meinen Nächsten und mich selbst… 

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17NOV2021
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Es ist etwas vom Schmerzlichsten, das es gibt: wenn ein Mensch gestorben ist, den man liebt. Was um Gottes Willen könnte dem helfen, der zurückbleibt? Liebe - ja die Liebe kann ein Trost sein für den, der trauert. Das Gefühl, selbst über den Tod hinweg mit dem geliebten Menschen verbunden zu sein, kann helfen, diese endgültigste aller Trennungen auszuhalten. Was aber wenn diese Liebe nur schmerzt?        Wenn die Leere, die ein geliebter Mensch hinterlässt, nicht durch liebevolle Gedanken ausgefüllt werden kann? Und die Liebe, die hier und heute nicht mehr erwidert wird, einfach nur weh tut?

Was könnte da nur helfen? Ich denke zuallererst andere Menschen. Menschen, die einfach nur da sind. Ohne viel zu reden lebendige Zeichen des Lebens sind, das weiter geht, weitergehen muss, weitergehen wird. Sie können helfen, die schlimmste, schmerzhafteste Zeit zu überbrücken. Wie kleine Liebes-Dosierungen, die die große zwar nicht ersetzen können, aber die Liebe an sich im Leben halten. Und damit auch den Menschen, der trauert. Und ihm so vielleicht helfen, zurück ins Leben zu kehren. Ganz langsam, ganz behutsam, ganz in seinem Tempo. Bis hin zu dem Punkt, an dem er den geliebten Menschen loslassen kann, innerlich wirklich gehen lassen kann. Ich weiß, es gibt Menschen, die können dieses Wort „Loslassen“ nicht mehr hören. Weil es so leicht gesagt und so schwer getan ist. Oder auch gut gemeint, nur eben zu schnell oder aus Verlegenheit dahingesagt. Aber es bleibt doch wahr: Dieses Los-Lassen ist das Ende jedes Trauerprozesses. Der damit beginnt, den Tod des geliebten Menschen nicht wahrhaben zu wollen. Dann oft in einen wilden Gefühlsmix übergeht, der bestenfalls in schöne Erinnerungen und Dankbarkeit mündet und dann erst das Loslassen ermöglicht. Sei es von einer Lebensphase, einem Kind, das erwachsen geworden ist, einer unerfüllten Liebe oder von einem geliebten Menschen durch den Tod. Einen anderen Menschen frei zu geben bedeutet am Ende auch selbst wieder frei zu werden. Frei von Schmerz, Hader und der Fixiertheit auf den Verlust. Und frei zu werden für Dankbarkeit und das eigene Leben. Mit allem was es noch an Neuem und Schönem bringen kann…

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16NOV2021
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„Partir c’est un peu mourir“ - Abschied ist ein kleines Stück Sterben, sagt diese französische Lebensweisheit. Vielleicht mach ich ja deshalb Abschiede meistens möglichst kurz. Weil ich diese schmerzliche Ahnung vom Sterben nicht zu lange aushalten möchte. Aber Abschiede gehören zum Leben, vom Anfang bis zum Ende ist unser Leben immer wieder von Trennungen geprägt. Ja, wir müssen uns geradezu immer wieder trennen, um uns weiterentwickeln zu können. Von der Abnabelung bei der Geburt über die Abschiede von Lebensphasen und Lebensträumen. Von großen Lieben bis hin zur letzten großen Trennung von diesem Leben im Sterben. Das Leben scheint eingebettet in ein unaufhörliches Anfangen und Aufhören, Weggehen und Ankommen, Binden und Lösen. Immer wieder hin und her gerissen zwischen diesen Polen, die einen innerlich nie ganz zur Ruhe kommen lassen. Der eine Pol fühlt sich schmerzlich an, kraftlos und traurig an, der andere befreit, euphorisch und kraftvoll. Aber wer kann oder will schon diese extremen Gefühle immer wieder zulassen? Wer mag schon dauernd mit Abschied und Sterben konfrontiert werden? Da macht das Leben doch keine Freude mehr. Doch! Nur wer sich der Sterblichkeit bewusst ist, sie nicht verdrängt, kann wirklich Freude empfinden, tiefe Freude. Denn Freude und Leid speisen sich aus derselben Quelle, auf dem Grund unserer Seele. Beides zuzulassen, Freude und Schmerz, vertieft das Leben. Macht den Schmerz erträglicher und die Freude bewusster. Gerade auch den Trennungsschmerz zuzulassen ist dann keine Selbstquälerei, sondern eine Art Lebenskunst. Sterbensbewusstsein als Lebenskunst. „Abschiedlichkeit" wird sie auch genannt. Loslassen können. Sich selbst und die anderen. Nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen – weiß Gott, das ist eine schwere, oft schmerzliche Übung. So bewusst, so intensiv und im Wortsinne ge-lassen zu leben, dass ich Trennungen nicht nur als tödliche Einschnitte erleben kann, sondern als organische Abschnitte meines Lebens. Wie bei einem Baum, der, wenn er zurückgeschnitten wird, wieder kraftvoll wächst und Früchte bringt.
Das ist Seelenarbeit. Und bei den meisten Abschieden tut sie auch weh. Das gehört dazu. Weil ich so, und vielleicht nur so, gut in die nächste Lebensphase komme. Und vielleicht helfen mir die vielen kleinen Abschiede im Leben ja dann auch den großen letzten leichter zu nehmen…

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15NOV2021
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Das Leben ist Entwicklung, von der Wiege bis zur Bahre. Wie ich darauf komme? Je älter ich wurde, desto klarer wurde mir wie kostbar, ja heilig die Entwicklung eines Menschen ist. Aber auch wie schwierig und oft auch schmerzhaft. Und dass es zum Menschsein gehört, mit den Konflikten umzugehen, die zu unserer Entwicklung gehören. Und dabei einander zu helfen, vom Anfang des Lebens bis zum Ende. 
Allein schon in den ersten beiden Lebensjahren entwickelt sich der Mensch so stark, wie in seinem ganzen restlichen Leben nicht. Aber mit welchen Kämpfen und Krämpfen! Wenn ich nur an die vielen Stürze oder die Trotzattacken von Kleinkindern denke. Dann in der Schule, die so wichtig ist für die geistige und soziale Entwicklung, aber eben auch anstrengend mit dem ewigen Lernen und all der nötigen Disziplin. Ganz zu schweigen von der Pubertät, in der die Welt Kopf zu stehen scheint, für die Heranwachsenden, wie oft auch für ihre Eltern. Und zu der Konflikte und Abgrenzungen gehören, wie die Nacht zum Tag. Dann die Ausbildung oder das Studium, wo Weichen gestellt werden für das spätere Leben, wobei es manchmal aber  auch schwierig ist, bis der richtige Weg gefunden ist. Anschließend Beruf oder Familie, oft auch beides zusammen, mit allem Stress, den unsere Gesellschaft den jungen Menschen in dieser Lebensphase abverlangt. Und dann nach Jahrzehnten im Berufs- oder Familienleben, die vergangen sind wie im Flug, scheinbar plötzlich der Ruhestand. In den man sich heutzutage auch hinein entwickeln muss, weil er eine neue, lange Lebensphase geworden ist. An deren Ende die Entwicklung hin zum Sterben steht. 
Ich hoffe, dass diese letzte Entwicklung leichter geht, wenn man all die vorherigen so gut wie möglich leben konnte. Das heißt: wenn Krisen und Konflikte durchgestanden wurden, Brüche und Ungelebtes, nicht Erreichtes ausgehalten und letztlich akzeptiert werden konnte. Akzeptiert dass es zum Leben gehört, trotz aller Entwicklung Unfertiges zu haben, unfertig zu sein. Darüber hinaus hoffe ich, dass die Welt, in die wir   hineinsterben, eine Welt ist, in der wir dann ganz und ganz so sind, wie Gott uns gewollt hat. Davor aber gilt es hier diesem Idealzustand so nah wie möglich zu kommen. Das heißt Entwicklung, kostbare, ja heilige menschliche Entwicklung. Die jede und jeder ganz für sich alleine machen muss, aber auch niemand ganz alleine machen kann. Und für die wir einander so nötig, wie wundervoll brauchen.

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30OKT2021
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„This day is the first day of the rest of your life. Das war der Titelsatz einer meiner ersten Radiosendungen. Randnotizen hießen sie damals in SWF3, vor fast 30 Jahren. Und er ist auch der Titel meiner letzten Sendung in SWR3.
„Dieser Tag ist der erste Tag vom Rest Deines Lebens.“ Er klingt feierlich dieser Satz, denn er erinnert an die Unberührtheit des Neuen, des ersten Males. Man denkt an die Geburt eines Menschen, an den ersten Kuss oder den ersten Tag im Ruhestand. Der Satz ist verheißungsvoll, wie der Beginn einer Reise, bei der einem die Welt offen zu stehen scheint. Es klingt aber auch ein bisschen Wehmut an, denn dieser Satz macht auch klar, dass unser Leben begrenzt ist, wenn vom „Rest“ des Lebens die Rede ist. Man sieht diesen Satz auf Kalenderblättern und auf einem Blatt im Jahr mag er ja noch zum Nachdenken anregen. Aber was wäre, wenn man seinen Inhalt voll ernst nehmen würde und ihn auf jedes Blatt schreiben würde? 365 Mal!? Es wäre nervtötend, so nervtötend wie Routine eben sein kann. Und damit sind wir mitten drin im Thema. Jeden Tag dasselbe, Aufstehen, Zähne putzen, dasselbe Frühstück, dieselbe Arbeit, dieselben Leute, derselbe Tagesablauf, dieselben Abende, dieselben Wochen, Monate, Jahre. Und auf einmal ist man alt oder krank oder gar beides und fragt sich: und das soll alles gewesen sein?
Der Rat, jeden Tag so zu leben, als wäre er etwas Besonderes ist nicht nur ein schöner weiser Spruch. Er ist eine Beschwörung, sich von der Routine keine Hornhaut über die Seele wachsen zu lassen. Ein Plädoyer für den neuen Blick auf das Alte. Und eine Ermutigung die verkrusteten Alltagsstrukturen immer wieder aufzuknacken. Denn jeder Tag ist ein Teil des ganzen Lebens. Jeder Tag zählt und unsere Tage sind gezählt. Es liegt an uns, was wir daraus machen. Jeden Tag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34230
29OKT2021
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Wo ist Gott? Diese Frage hab ich mir als gläubiger Mensch immer wieder gestellt. Wenn Erdbeben und Pandemien Millionen Menschenleben kosten,  Flutkatastrophen Hab und Gut mit sich reißen oder ein Kind an Krebs stirbt. Wo ist da Gott? Natürlich, für Vieles sind wir selbst verantwortlich. Durch unseren Umgang mit der Natur haben wir den Klimawandel verursacht, vielleicht auch Corona. Aber für ein Erdbeben oder den Krebstod eines Kindes können wir nichts. Und damit befinde ich mich in der dunkelsten Sackgasse des Glaubens: wie kann ein liebender und lebensspendender Gott all das Schreckliche und Zerstörerische in der Natur und unter uns Menschen zulassen? Beim Menschen fällt mir die Erklärung nicht schwer: es liegt in unserer Hand, ob wir uns das Leben schön oder schrecklich machen. Bei der Natur ist es was anderes. Für ein Erdbeben oder den Tod eines Kindes sind wir nicht verantwortlich. Da sehe ich uns eingebunden in den großen, unerklärlichen Kreislauf von Werden und Vergehen, von Schöpfung und Zerstörung, den wir nicht verstehen und erklären können. Den wir nur bewundern und fürchten, befragen und beklagen können. Mit all unserem begrenzten Denken und Fühlen. Und in meinem Denken und Fühlen helfen mir zwei Antworten aus dieser Glaubenssackgasse heraus. Die eine ist eine widersprüchliche: Ich denke und hoffe trotz allem, dass sich hinter oder in diesem zerstörerisch-schöpferischen Gott eine allumfassende Liebe verbirgt. Eine Liebe, in der all das, was wir hier nicht verstehen, letztlich gut aufgehoben ist, geborgen ist. Und, das ist meine zweite Antwort, dass diese Liebe in uns Menschen eingepflanzt ist. Und wir sie hier spürbar machen und leben können. In jeder helfenden Hand, in jedem guten Wort, in jedem Funken Hoffnung, den wir spenden…

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28OKT2021
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In klaren Herbstnächten, die kalt, aber noch nicht eisig sind, gehe ich vorm Schlafengehen gern nochmal nach draussen. Um diese frische Luft zu atmen und dabei in den Sternen zu schauen. Dann bin ich da, ganz einfach da, und spüre ein Stück Zeitlosigkeit. Will sie auskosten, diese Zeit, die mir gegeben ist. Will sie spüren, in diesen selten klaren Momenten zwischen Vergangenheit und Zukunft, die ich beide nicht fassen kann.
In Nächten wie diesen ordnen sich die Bruchstücke meines Lebens wieder ein wenig. Das Riechen und Schauen bringt mich dem Zustand näher, aus dem mich der Alltag immer wieder nimmt. Bettet mich ein in die Natur, in ihre schöne und harmonische Seite. Und lässt mich wohlig mein Hirn ausschalten, das zu genau weiß, dass diese Natur auch sehr unschöne, zerstörerische Seiten hat. Oder dass mein Leben so zufällig sein könnte wie das jenes längst verloschenen Sterns, der mir gerade so zum Greifen nah erscheint.
In diesem Widerspruch zwischen Herz und Hirn tut mir ein Satz von Albert Einstein gut. Dem Mann, der die Naturgesetze durchschaut hat wie kaum ein anderer. Auf die Frage, ob all die Gesetze der Natur und der ganze Kosmos nicht eine riesen Anhäufung von Zufällen seien oder ob nicht doch eine Art göttlicher Ordnung dahinterstecke, hat er geantwortet: „Der Alte würfelt nicht“.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34154
27OKT2021
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Partir c'est un peu mourir – Abschied ist ein kleines Stück Sterben“, sagt eine französische Lebensweisheit. Vielleicht halte ich ja deshalb Abschiede immer möglichst kurz. Wenn ich weiß, dass ich einen geliebten Menschen lange nicht mehr sehen werde, dann will ich mich diesem Stück Sterben nicht zu lange aussetzen. Natürlich, Abschiede gehören zum Leben. Vom Anfang bis zum Ende ist unser Leben immer wieder von Trennungen geprägt. Wir müssen uns geradezu immer wieder trennen, um uns weiterentwickeln zu können. Von der Abnabelung bei der Geburt über die Abschiede von Lebensphasen und Lebensträumen, von großen Lieben bis hin zur letzten großen Trennung im Sterben. Das Leben scheint eingebettet in ein unaufhörliches Anfangen und Aufhören, Weggehen und Ankommen, Binden und Lösen. Immer wieder hin und her gerissen zwischen diesen Polen. Aber wer will schon dauernd mit Abschied konfrontiert werden? Da macht das Leben doch keine Freude mehr.
Im Gegenteil! Nur wer sich bewusst ist, dass alles begrenzt ist, kann wirklich Freude empfinden, tiefe Freude. Das ist keine Selbstquälerei, sondern eine Art Lebenskunst. Sterbensbewusstsein als Lebenskunst. Loslassen können, sich selbst und die anderen – weiß Gott, eine schwere Übung. So im Wortsinne ge-lassen zu leben, dass ich Trennungen nicht nur als schmerzliche Einschnitte erleben kann, sondern als organische Abschnitte meines Lebens. Wie bei einem Baum, der, wenn er zurückgeschnitten wird, wieder kraftvoll wächst und Früchte bringt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34153