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„Leise rieselt der Schnee.“ Schön wär´s ja - weiße Weihnachten! Aber es wird wohl wieder nichts. Viel zu warm, sagen die Wetterfrösche. War früher mit dem Wetter wirklich alles besser?
Wohl kaum. Früher, in alter Zeit, da wurden ja noch die Wettergötter angebetet. Die Menschen fühlten sich dem launischen Zeus und seinem mürrischen Bruder Poseidon ausgeliefert. Das war nicht schön. Erst das alte Testament hat diese antike Götterbande durch einen guten Schöpfergott ersetzt.
Und der zeigt sich fortan von seiner sanften Seite, verzichtet auf blindwütiges Wettermachen, setzt stattdessen sichtbar sein Friedenszeichen in den Himmel. Der Regenbogen, so die Bibel, soll seine Unterschrift am Himmel sein. Ein buntes und sanftes Zeichen für uns Menschen, dass hinfort nicht aufhören soll Saat und Ernte, Sommer und Winter, Frost und Hitze, Tag und Nacht.
Auch wenn die modernen Wetterfrösche täglich neue Prognosen quaken, unser Wetter und auch der Schnee zu Weihnachten lassen sich leider nicht kalkulieren.
Ist ja vielleicht auch nicht so wichtig: Ob nun mit Schnee oder ohne, Gott mag es wohl, wenn wir in den nächsten Tagen wieder besonders an ihn denken. Wenn wir in Familien zusammen kommen, unter Freunden zueinander finden und feiern.
Ihm liegt es sicher am Herzen, wenn das „Klima“ zwischen uns gut wird, wenn die Temperaturen unter uns stimmen und wir uns gegenseitig mit Wärme im Herzen begegnen.
Wenn wir in kleinen Unwettern zueinander stehen, und auch in den großen Katastrophen einander nicht im Regen stehen lassen. In der Bibel lese ich: Unter Gottes Schirm dürfen wir uns immer stellen.
Gott wird bei uns sein, wenn wir ihn suchen. Ganz anders vielleicht als ich bisher gedacht habe, denn in der Bibel lese ich:
Gott findest du weder im Tosen noch im Donner, auch nicht im Wettersturm. Du wirst ihn niemals im Lauten finden. Er wird dir ganz anders begegnen: Als ein sanftes Säuseln im Wind, dass dich berührt und umfängt.
Schöne Worte. Bald, am Heiligen Abend, ich freue mich schon darauf und hoffe, wir singen dann gemeinsam: „Leise rieselt der Schnee...“
Ob die Temperaturen stimmen und es dann am heiligen Abend wirklich schneit ist mir egal.
Ich möchte in den nächsten Tage die Sanftheit Gottes erhoffen und erbitten, denn die kann ich gut brauchen und die wünsche ich auch Ihnen: Gottes Sanftheit in der Weihnacht.

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Einen lieben Menschen loslassen. Ihn verlieren. Kennen Sie das? Einen Menschen für immer verabschieden, das ist wie ein Weltuntergang. Wenn man einen geliebten Menschen gehen lassen muss, dann ist das alte Leben ruiniert. Der leere Raum im Herzen verdreht die ganze Welt. Keine gemeinsamen Spaziergänge mehr, das „Guten Morgen“ fehlt, der Kuss in der Frühe. All das kommt nie wieder.
„Das Leben geht irgendwie weiter“, sagt mein Freund und ich denke. So ein blöder Satz“ Klingt schlau, ist aber konkreter Blödsinn.
Das Leben geht eben nicht weiter. Es muss wohl ein neues, ein anderes Leben entstehen. Mit mir. Durch den Tod der Liebsten hindurch? Vielleicht braucht es auch eine Trotzigkeit gegen den Tod. Es braucht das Aufstehen, das Auflehnen. Das ist nicht leicht. Und das geht nicht schnell. Es braucht Zeit und ich glaube, das braucht auch Gnade. Nicht nur die, die aus dem Himmel kommt. Ich meine hier die Gnade, die ich erleben darf. Die Gnade, dass ich weiter leben darf. Und auch weiter leben muss!
Was ich damit meine, mit der Gnade? Dass ich gnädig sein darf mit mir. Nach diesem Weltuntergang, wenn der geliebte Mensch nicht mehr da ist. Ich muss jetzt nicht funktionieren. Darf meinen Schmerz auch nach außen zeigen, muss niemandem genügen und nicht strahlen.
Darf mir vielleicht ganz viel von lieben Menschen um mich herum schenken lassen: Zeit, Geduld. Darf auch um ganz konkrete Hilfe bitten. Darf mich überdies auch Gottes unsichtbarer Hand, seiner Gnade ausliefern: Soll doch Gott mich jetzt tragen durch die schwere Zeit!
Das Leben braucht jetzt Mut, Zeit und Gnade. Es braucht da wohl diese (ich nenn das mal) „doppelte Gnade“: Dass Gott mir gnädig ist, mich so annimmt, wie ich gerade bin. Und dass ich mir selber gnädig bin.
Ja, ich will jetzt in dieser Situation mit mir gnädig sein. Das ist nicht leicht. Darf jetzt mal Angewiesener sein, angewiesen auf Andere.
In der Bibel lese ich, die Hilfe und Gnade wird uns zufließen. Denn Gottes liebende Augen schauen auf uns, seine Gnade behütet uns schon längst und erwärmt uns durch Menschen, die gnädig um uns sind.

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Wie finden Sie die Idee eines „bedingungslosen Grundeinkommens“? Wäre das nicht ein prima Weihnachtsgeschenk? Jede und jeder in unserem Land bekäme demnächst monatlich gut 2000,- Euro auf die Hand, auch ohne zu arbeiten.
Daniel Häni, ein Schweizer, hat das bedingungslose Grundeinkommen in seinem Land jetzt zur Volksabstimmung gestellt. Der Staat soll es einführen. Es wird der ganzen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglichen, sagt er.
Nun könnte man ja meinen, dass hier die Faulheit belohnt wird. Aber es ist genau umgekehrt, meint Daniel Häni: Ich brauche zuerst ein Einkommen, um so ausgestattet gerne, motiviert, frei und mit Freude arbeiten zu können. Wenn ich hingegen arbeiten muss, um ein Einkommen zu bekommen, dann werde ich wohl bald innerlich kündigen. Da schleicht sich dann schnell die Faulheit ein, quasi als Trotzreaktion. Das Grundeinkommen, so Daniel Häni, sei  gerade eine Initiative gegen die Faulheit.
Ich sag das mal mit Martin Luther: Gott liebt jeden Menschen bedingungslos. Von Gott werde ich ja nicht wegen meiner Taten und Werke geliebt, mögen sie auch noch so gut und zahlreich sein. Er liebt mich bedingungslos.
Und jetzt kommt der Clou: Wer das glaubt, der wird die Freiheit spüren, etwas tun zu wollen - unbedingt! Denn wer sich geliebt weiß, will das doch weitergeben.
Es ist wirklich so! Alles wird auf den Kopf gestellt! Wer sich geliebt weiß, will auch gerne Gutes tun, weil man sich damit leicht und frei fühlt.
Das war Martin Luthers bahnbrechende Erkenntnis vor rund 500 Jahren. Die machte ihn ganz leicht und frei zu guten Werken. Diese, seine so genannte „Rechtfertigungslehre“ dürfen wir uns von Gott in die Seele schreiben lassen.
Ich wünsch mir was zu Weihnachten: Luthers Erkenntnis, seine „Rechtfertigungslehre“, als mein neues Grundeinkommen. Vielleicht wird meine Arbeit dann weniger Broterwerb, sondern Dienst und Segen. Weil ich Gutes tun will. Weil ich nämlich ein freier Mensch bin und Lust am Leben habe.
Weil ich mich bedingungslos geliebt weiß und mich befreit und leicht fühlen darf und damit frei atmen will.
Ich probier´s heute mal: Möchte meine Talente ausprobieren. Jenseits von Bezahlung nach Leistung. Möchte damit eine Welt schaffen, die mir Freude bereitet und mich nicht wirtschaftlich in die Zange nimmt. Es wird eine Welt sein, die mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert und mich auf die Spur zu meinem Nächsten bringt. Da bin ich mir sicher.

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„Körperliche Schmerzen fürchten vor allem die Gesunden. Bei Sterbenden spielen sie eher eine untergeordnete Rolle", sagt Dr. Borasio in einem Interview.
Gian Domenico Borasio könnte es wissen. Er ist Palliativmediziner, er kümmert sich um Sterbende und versucht ihre Schmerzen zu lindern.
Umso erstaunlicher, dass Dr. Borasio sagt: „Es sind weniger die körperlichen als vielmehr die psychosozialen Leiden, die dem Menschen am Ende zusetzen. Wenn einer keinen Sinn mehr sieht, weil es ihm unerträglich wird, auf andere angewiesen zu sein. Ihnen womöglich zur Last zu fallen. Darunter leiden Sterbende manchmal fürchterlich."
„Es wäre vermessen, einen Tod ohne Leid zu versprechen", sagt er. „Leiden gehört zum Leben und auch zum Sterben. Palliativmediziner können in fast allen Fällen die körperlichen Schmerzen auf ein erträgliches Maß reduzieren. Für die seelischen Leiden braucht es aber viel mehr. Da braucht es persönliche Zuwendung, Gespräche. Nicht nur Ärzte, sondern genauso Pflegekräfte, Psychologen, Sozialarbeiter, Seelsorger und Hospizmitarbeiter helfen dabei, dass Familien am Lebensende gut miteinander klar kommen. Das Zwischenmenschliche ist in den letzten Stunden genauso wichtig wie die medizinische Systemkontrolle und die Erträglichkeit der Schmerzen."
Dr. Borasio sagt: „Es ist technisch nicht so schwierig, die letzten 24 Stunden eines Menschen friedvoll zu gestalten. Was wirklich schwierig und aufwändig sein kann, ist die letzten 24 Monate eines Menschen lebenswert zu gestalten."
Darum geht es wohl, denke ich. Die letzten 24 Monate seines Lebens lebenswert gestalten. Also die letzten zwei Jahre. Das Blöde ist nur, keiner weiß wann diese zwei Jahre anfangen!
Also bleibt mir nur, schon jetzt das Leben so zu gestalten, dass das Zwischenmenschliche seinen Platz bekommt.
Mein Leben früh morgens beginnen mit dem Satz: Ja, dieser Tag ist geschenkte Zeit. Meine Zeit in Gottes Händen. Ich habe heute Zeit für das Lachen und Weinen und will viel Zeit haben für ein gutes Miteinander. Vielleicht ist dies die beste Art das Leben zu gestalten. Im Angesicht des Sterbens das Leben lernen und das Leben genießen.
Am Ende sagt Dr. Borasio dann noch: „Ich habe noch nie einen Sterbenden getroffen, der am Ende sagte: Ich wünschte, ich hätte im Leben mehr gearbeitet."
Ouh, denke ich, hat er mich da etwa gerade erwischt?

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Sven schreibt vor kurzem in seiner Religionsarbeit: „Mein Leben ist immer nur Fragment. Wie ein Puzzleteil. Es ist wohl nie als Ganzes zu verstehen, nur bruchstückhaft. In Fragmenten, kleinen Einheiten sozusagen. Und oft kann ich erst im Nachhinein verstehen, wozu etwas gut war."
Ich staune und lese neugierig weiter. Er schreibt: „Mein ganzes Leben ist eine von Gott geschenkte Zeit. Mein Tun und Machen liegt in meiner Hand. Ich bin frei. Nein, Gott lebt nicht mein Leben. Das muss ich selber tun. Es gibt auch keine Garantie für ein gelingendes Leben. Aber darum muss es ja auch gar nicht gehen. Auch das Kreuz von Jesus ist ja kein Symbol für gelingendes Leben. Es ist vielmehr ein Zeichen für Mut, es soll mir Kraft geben nach vorne zu blicken und eigene Schritte zu gehen, mein Leben selbst zu gestalten."
„Gott gibt mir auch keine Erklärung, warum manchmal schlimme Dinge in meinem Leben geschehen. Warum bin ich vielleicht von anderen Menschen schon öfters aufs Kreuz gelegt worden? Leid ergibt niemals Sinn aus der Perspektive Gottes. Gott lebt nicht unser Leben. Wir müssen es selbst in die Hand nehmen. Aber er führt mich an der Hand und richtet mich auf, wenn ich danieder liege oder aufs Kreuz gelegt werde. Das Symbol Kreuz steht für den Glauben, den Mut und die Kraft sein eigenes Leben zu leben und immer wieder aufzustehen."
Was für Sätze! Geschrieben von Sven in einer Klassenarbeit Religion, Klassenstufe 12. Ich habe in 20 Jahren Schulunterricht so etwas noch nicht gelesen! So feinsinnig, so rund. Da ist was angekommen bei den Schülerinnen und Schülern, denke ich. Da ist vielleicht Gott selbst angekommen. Und ich bin dankbar, dass junge Menschen so interessiert sind an religiösen Fragen. Ich merke, es lohnt sich der Jugend zuzuhören. Denn dabei lerne ich immer etwas für mich:
Stimmt, mein Leben ist immer nur Fragment, es ist für mich nur in Bruchstücken zu sehen und zu verstehen. Bin heute von Gott begleitet. Und bin frei zum Leben und auch frei zum loben: Danke, Sven für deine Worte: den Tag heute nehme ich gerne als geschenkte Zeit aus Gottes Hand. Möchte heute etwas Schönes mit meiner Zeit anfangen. Das Leben spüren. Ein Fragment, ein neues Puzzleteil meines Lebens gestalten und dazutun.

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Jesus kann übers Wasser gehen! Steht so in der Bibel. Er erscheint seinen Jüngern mitten auf dem See, als die in ihrem Fischerboot ängstlich zusammengekauert sitzen. Ihr Boot droht zu kentern, denn heftig sind die Windwellen und stürmisch ist der See. Da sehen sie ihn. Neben ihrem Boot läuft er. Und sogleich legt sich der Sturm, das Wasser glättet sich. Jesus sagt zu den Menschen im Boot: Habt keine Angst! Euer Glaube hilft euch. Glaubt an mich und an Gott, der euch begleitet, wir beide sind ganz dicht neben euch.
Die Jünger im Boot können es nicht fassen. War er das wirklich? Oder nur eine Fata Morgana, eine Einbildung?
Wo Gott erscheint, sind Naturgesetze Nebensache. Wir können auf einen Gott vertrauen, der viel mehr kann als wir. Der unsere Begrenzungen aufhebt. Und der uns Menschen damit überrascht.
Jedes Jahr fordern wir neu die Naturgesetze heraus. Meine Kinder und ich. Im Freibad haben wir immer mächtig Spaß: Übers Wasser rennen. Wir probieren das seit Jahren. Wer kommt am Weitesten? Mit vollem Karacho - wie meine Kinder sagen - versuchen wir vom Rand aus in rasender Geschwindigkeit über das Wasser zu laufen.
Ich sag´s offen: Wir können es nicht! Nach ein paar Metern ist immer Schluss.
Aber das kurze Wettrennen übers Wasser und das Miteinander machen Spaß und das Lachen ist immer sehr laut. Eines bleibt sicher: Naturgesetze können wir nicht außer Kraft setzen.
Jesus konnte das wohl. Übers Wasser laufen. Damals. Und im Bild gesprochen tut er das auch heute noch: Dasein für die Leute, die unterzugehen drohen. Er setzt unserer Wirklichkeit eine neue Realität entgegen. Eine, die ich in meinem Leben gut gebrauchen kann.
Gott und Jesus tragen mich durch meine Angst, durch Stürme, sicher auch durch meine privaten Unwetter: Krankheit, Alleinsein, die blöde Finanznot. Ich glaube, wenn die Wogen mal wieder hoch gehen und mir der Wind mächtig ins Gesicht bläst: Dann darf ich wissen,  da ist einer, der mir ganz nahe ist, der dicht neben mir geht. Der lässt mich nicht allein. Der trägt mich. Keine Einbildung, nicht nur ein Trugbild.
Ich mag an diesen Jesus glauben und daran, dass es eine Wirklichkeit neben uns Menschen gibt, die anders ist, als meine Wahrnehmung von mir selbst. Gottes gute Absichten mit uns übersteigen mein Vorstellungsvermögen. Der mich da begleitet, der ist stark. Es ist Jesus, der sogar für mich übers Wasser laufen kann.
An den will ich mich heute halten, daran will ich glauben, auch über jede Begrenzung und auch über jede Vernunft hinaus.

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Was kostet eigentlich ein Mensch? Ich meine so insgesamt: Knochen, Muskeln, Leib und Seele. Wie hoch ist der Warenwert des Menschen? Eine zu schrille Frage? Den Wert eines Menschen ausrechnen? Darf man das überhaupt?
Es wird ja schon längst gemacht: Zum Beispiel im staatlichen Gesundheitswesen in England. Da entscheidet ein Institut, dass es umgerechnet maximal 35.000 Euro kosten darf, das Leben eines Menschen um statistisch ein Jahr zu verlängern.
Ich hab mich jetzt mal mit meinem Freund unterhalten. Der ist Mathematiker und von Beruf Versicherungskalkulator. Das war interessant. Er rechnet aus, wie viele Jahre ein Mensch statistisch leben darf, damit sich zum Beispiel eine Lebensversicherung auch für die Versicherungsgesellschaft rechnet. Wie lange leben Lehrer eigentlich, Bankangestellte, Zahnärzte und Berufskraftfahrer? Mein Freund schmunzelt und meint: „Reine Mathematik!" Ich hebe meine Augenbrauen und denke: Nun ja, das Menschenleben aus Sicht eines Mathematikers...
Täglich wird ja längst irgendwo der Wert des Menschen beziffert. Nach Zugunglücken oder Flugzeugabstürzen erhalten die Angehörigen ja ganz konkrete Entschädigungen.
Klar, den meisten Menschen erscheint die Frage, wie viel ein Mensch wert ist als unethisch. Und in Umfragen sagen die meisten, das Leben sei nicht in Geld auszudrücken und es wäre ihnen unendlich viel wert.
Ich kann nur sagen: Ein Menschenleben ist mit Gold nicht zu bezahlen. Klar brauchen wir Mathematiker, die unsere Versicherungen nicht zur Kaffeesatzleserei werden lassen. Aber der wahre Wert eines Menschen ist unermesslich. Drum habe ich meinem Freund gesagt: Der wahre Wert des Menschen ist nämlich der: Gott hat sein Auge darauf. Auf jeden Menschen. Auf jeden von uns. Kein Haar fällt vom Kopf, ohne dass Gott davon weiß. Steht so in der Bibel.
Gott ist wohl kein Mathematiker. Und Gott sei Dank, er ist auch nicht berechnend oder nachtragend, er braucht keine Lebensleistung von uns und hat keine Kalkulation im Kopf. Wir dürfen uns bei ihm sicher fühlen. Und geliebt. Er ist bei uns am Morgen und am Abend und ganz gewiss an jedem neuen Tag. Darauf ist Verlass. 
Mein Freund, der Mathematiker sagt mir dann noch: „Übrigens, der Versuch, den Wert eines Menschen mathematisch genau zu bestimmen, geht fast immer schief." „Der Mensch, einfach zu kompliziert", sagt er. Gut so, denke ich.

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Wie halten das eigentlich Menschen aus, die im Hospiz arbeiten? Die sich täglich ehrenamtlich und beruflich auf unheilbar Kranke und Sterbende konzentrieren. Meine Schülerinnen und Schüler fragen das oft im Religionsunterricht.
Wie hält man das aus? Das habe ich vor kurzem einen Hospizarzt gefragt.
Er sagt: „Sich mit dem Tod und dem Sterben täglich zu beschäftigen, das belastet. Es ist  aber auch ein großes Geschenk. Es hilft, sich bewusst zu machen, wie begrenzt das Leben ist. Und man lernt, nur das wichtig zu nehmen, was wirklich wichtig ist. Das lernen wir von den Menschen, die im Hospiz ihre letzten Tage verbringen. Wir haben tatsächlich die großartige Chance, von ihnen das Leben zu lernen. So der Hospizarzt.
Seine Worte machen mich nachdenklich. Und ich frage mich: Was ist heute eigentlich wichtig? Ich meine, wirklich wichtig? Wäre es nicht schön, wenn ich heute mal nur wirklich wichtige Dinge tun würde? Heute nicht mal wieder im Trott einfach so meine Zeit verbrauchen: Aufstehen, Arbeit, Einkaufen, Essen, Fernsehen. Klar, so ein Trott, das ist auch ganz schön, aber das Leben bietet sicher noch mehr. All das wird mir bewusst, wenn ich mir vor Augen halte, dass meine Zeit begrenzt ist.
Ein arabisches Gedicht sagt: „Viele Menschen schlafen, solange sie leben. Erst wenn sie sterben, erwachen sie." Und mit Erwachen ist gemeint: Das Sterben macht uns die Schönheit des Lebens deutlich. Es lehrt uns, wach zu sein, für die Momente, für die es zu leben lohnt: Für die Liebe zum Beispiel, die Leidenschaft, eine gute Tasse Kaffee, miteinander kochen und essen in der Familie, zusammen lachen und auch miteinander Tränen vergießen. Das alles gehört zusammen, das alles ist kostbares Leben.
Der Psalm 90 sagt das so: Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden.
Ich habe im Hospiz solch „kluge Menschen" getroffen: Die Angestellten, die Pflegekräfte, die Ehrenamtlichen und die Ärzte. Sie begegnen mir, als seien sie gereift an dem Sterben, das sie täglich begleitet.
Wenn ich das meinen Schülerinnen und Schülern erzähle, schaue ich immer in ganz wache Gesichter. Und wenn ich sie frage, ob sie selber mit mir mal ein Hospiz besuchen wollen, dann sind sie gerne dazu bereit. Das erstaunt mich immer wieder. Obwohl viele den Psalm 90 nicht gut kennen, haben sie seinen Sinn verstanden.
Gott, lehre uns zu bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden.

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„Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht verhindern. Doch du kannst verhindern, dass sie Nester in deinem Haar bauen!"
Diesen Spruch fand ein Freund von mir so gut, dass er ihn mir in einem Brief geschrieben hat.
Ich habe ihn auf kleine Zettel geschrieben und sie überall verteilt. Einer liegt auf meinem Schreibtisch, einer im Auto, ein Zettel klebt fest in meinem Terminkalender. Das hilft. Immer wenn ich einen Termin mache, muss ich den Satz lesen: „Dass die Vögel der Sorge und des Kummers über deinem Haupt fliegen, kannst du nicht verhindern. Doch du kannst verhindern, dass sie Nester in deinem Haar bauen!"
Wenn ich den Tag beginne und die Zeitung kurz durchblättere, dann berührt mich manche Meldung. Und vieles, was mir in den Nachrichten entgegenkommt, sorgt und bekümmert mich.
Das will ich auch so. Will ja nicht weghören, wenn ich Nachrichten höre. Und ich mag mich auch nicht verschließen oder wegschauen, wenn ich Kummer und Leid in der Welt sehe. Aber ich muss aufpassen, dass mich das alles nicht übermäßig in Besitz nimmt, mein Leben und meinen Tag total bestimmt.
Das ist oft gar nicht einfach. Denn manchmal fliegen die Sorgen ja Sturzflug auf meine gute Laune. Wollen sich im Herzen und in meinem Gefühl einnisten. Aber das schaffen sie nicht.
Denn da wohnt schon eine andere Kraft, eine Hoffnung, die sich da wohl eingenistet hat. Gott sagt: Ich muss mich nicht sorgen. Mein Herz darf frei sein. Ich möchte Vertrauen haben, den anbrechenden Tag genießen... Wach sein für die schönen Momente. Wach sein für diesen neuen Tag. Und ich kann Gott bitten, bei mir zu sein.
Die Vögel dürfen heute ruhig über mich hinweg fliegen. Ich werde sie am Himmel begrüßen und sie bestaunen. Ich möchte heute schöne Dinge mit Menschen um mich herum erleben. Will heute leidenschaftlich leben, mein Leben spüren und gestalten. Will gerne versuchen Gutes zu tun für eine bisschen bessere Welt, aber die Vögel des Kummers und der Sorge werden keine Nester in meinem Haar bauen. Denn heute ist mein Tag.

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Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein!
Fast vierzig Jahre ist das Lied von Reinhard Mey alt und es ist immer noch ein Ohrwurm.
Für mich ist das immer spannend, wenn das Flugzeug startet und durch die Wolken steigt. Ich bin da eher ein Angsthase. Aber wenn ich dann die Wolken durchfliege, die Sonne sehe, den blauen Himmel und dieses weiße wattige Wolkenmeer unter uns, diese „Blumenkohlwolken", wie meine Kinder sie immer nennen, dann geht es mir wie in dem Lied von Reinhard Mey: Alle Ängste, alle Sorgen sagt man, bleiben darunter verborgen. Und was uns groß und wichtig erscheint, ist plötzlich nichtig und klein.
Was für eine unglaubliche Schönheit! Über den Wolken! Ist das etwa die Perspektive Gottes?
Wie sieht mein kleines Leben von da oben eigentlich aus? Sorgen und Ängste von da oben betrachtet... vielleicht nichtig und klein? Manches wird von oben betrachtet sicher relativ. Gott, wie kann ich mir diesen Blick aneignen? Den Blick von oben. Und wie schaffe ich das? Abstand nehmen. Von Gott her, mit Gottes Augen die Dinge sehen?
Manchmal tröste ich mich mit diesem Satz aus der Bibel: „Alle Sorgen werft auf ihn, er wird's schon machen".
Meine Ängste und meine Sorgen sind gut bei ihm aufgehoben. Daran will ich glauben: Es gibt einen Gott im Himmel, der auf uns schaut. Durch die weißen „Blumenkohlwolken" vielleicht.
Über den Wolken spüre ich etwas von der Größe Gottes. Ich sehe unsere Welt, ihre schützenswerte Schönheit. Ich spüre auch die Sanftheit Gottes mit der er uns beschirmt und beschützt. Was für uns auf der Welt oft groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.
Ein Lied aus dem Gesangbuch sagt das so: Wie ein Adler, der uns in sein Gefieder, unter seine Fittiche nimmt und mit uns durch das Leben fliegt, so ist Gott. „Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, der dich auf Adlers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt; hast du nicht dieses verspüret?"

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