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Ärztin ohne eigene Praxis für Menschen ohne Perspektiven

Auf der Strasse

Monika Orth ist Ärztin. Ohne feste Praxis, denn Sie praktiziert meistens in einem Kleintransporter oder in den Anlaufstellen für Wohnsitzlose in Mainz. Monika Orth behandelt Menschen ohne Krankenversicherung. Aus Überzeugung:

Ich bin eigentlich geprägt von meinem Christentum, ... für mich ist das Christentum Liebe und ich möchte auch gern ein Stück von der Liebe, die ich auch erfahre, weitergeben.

Monika Orth denkt mit. Eigentlich waren wir zum Gespräch in der neuen Ambulanz verabredet. Zu laut fürs Interview, sagt sie. Außerdem will die 69 jährige Medizinerin ihren pflegebedürftigen Mann nicht zu lange allein lassen. Als sie mich begrüßt, spüre ich sofort ihre offene, freundliche Art. Ihre Kindheit im Rheinland hat sie geprägt. Der Blick für die Not von wohnsitzlosen Menschen ist ihr in die Wiege gelegt:

Mein Vater war auch Arzt, nach dem Krieg gabs viel so Durchreisende, die ham immer so um Essen gebeten, und mein Vater hat immer gesagt, als wir Kinder waren, lass die Leute nicht draussen stehn, das will er nicht.

Wenn der Patient nicht zum Arzt geht, dann kommt eben der Arzt zum Patient. So einfach beschreibt Monika Orth ihr ehrenamtliches Engagement. Gemeinsam mit anderen Medizinern und Krankenschwestern arbeitet sie im Verein Armut und Gesundheit. Seit 12 Jahren behandelt sie Menschen, die sich Arztbesuche nicht leisten können. Meistens fährt sie mit einem Arztmobil, einem Kleintransporter durch Mainz, Dorthin, wo sich die Wohnsitzlosen aufhalten. Mittlerweile kennt sie die Lebensgeschichten von vielen Patienten:

Obdachlosigkeit ist letzlich wie ne Krankheit - es kann eigentlich jeden treffen und das machen sich viele nicht klar. Die Leute geraten ja oft unverschuldet in die Obdachlosigkeit und dann ist es so eine Kette von Schicksalsschlägen, die eigentlich jeden treffen kann.

Der Verein Armut und Gesundheit möchte den Teufelskreis von Armut und Krankheit durchbrechen. Denn viele Wohnsitzlose schämen sich und gehen deshalb nicht zum Arzt. Verschlimmern ihr Situation. Während mir Monika Orth davon erzählt, muss ich natürlich kritisch nachfragen: Soll ich überhaupt Geld geben? Was ist mit dem Alkoholkonsum bei den Obdachlosen, macht das die Situation nicht noch schlimmer? Sofort versucht Monika Orth die Vorurteile zu entkräften:

Es trinken ja nicht alle, es trinkt ja nur ein Drittel. Und die werden immer wie alle Menschen immer über einen Kamm geschoren. Wenn man jemand mit einem Euro ne Freude machen kann, ist das schon wert.

Ja, da hat sie mich genau an der richtigen Stelle erwischt. Wie viele andere Menschen auch denke ich, „Denen ist doch nicht zu helfen" und gehe vorbei. Wohnsitzlose haben keine Lobby, sagt Monika Orth, sie sind ganz unten in unserer Gesellschaft. Ein paar Euro sind für die Obdachlosen schon sehr wertvoll, aber viel wichtiger ist die Zuwendung:

Ich geh ja nie in die Stadt, ohne, dass ich für die Obdachlosen da bin, ich kann ja jetzt nicht sagen: Hört mal Jungs, heute bin ich nicht für Euch da, ich hab dann zwar vielleicht nicht den Notfallkoffer dabei, aber Worte hat man ja immer dabei und für die ist das wichtig, weil sie ja so ausgegrenzt sind - dass man sie wahrnimmt.

Ob das Engagement für die Wohnsitzlosen sie verändert hat, will ich wissen? Monika Orth hat natürlich einen anderen Blick auf ihre Stadt Mainz. Sie kennt die dunklen Ecken, wo die Not sichtbar wird. Aber frustriert oder ängstlich ist sie nicht:

durch die Arbeit bin ich viel unängstlicher geworden, früher hätt ich Angst gehabt durch Mainz zu gehen, hab ich jetzt überhaupt nicht, oft rufen sie´s mir auch nach, wenn sie irgendwo da schlafen: Doktor, pass gut auf dich auf, dann denke ich immer, würden die das doch selber mal beherzigen (lacht).

Was ihr dem Geringsten getan habt...

Wie Mutter Theresa sieht sie nicht aus. Monika Orth wirkt weder askethisch, noch abgearbeitet. Auch gar nicht wie eine ältere Dame im Ruhestand. Sie kommt direkt aus der medizinischen Ambulanz, hat Menschen behandelt, die sich keinen Besuch beim Arzt leisten können.

Wir sitzen an einem langen Esszimmertisch, vor unseren Füßen liegt der große Hund der Familie. Weil sie einen guten Draht zu Hunden hat, kümmert sie sich oft auch um die vierbeinigen Begleiter der Wohnsitzlosen. Hunde sind ganz wichtig für Menschen, die auf der Straße leben, sagt Monika Orth. Sie geben Zuneigung und Stabilität. Sie selbst versucht, jedem Menschen mit Würde zu begegnen:

Das finde ich immer sehr wichtig - nicht von oben herunter, sich auf Augenhöhe mit denen begeben, sich mal hinknien das weiß man von der Schule, das macht immer so ne Abhängigkeit, wenn man oben ist und der andere unten. Die freuen sich, wenn man nur mal mit denen redet - weil die soo ausgegrenzt sind.

Woher kommt ihr Mitgefühl für die Ausgestossenen? Monika Orth könnte eigentlich ein unbeschwertes Leben geniessen, ein schönes Reihenhaus mit Garten in Mainz, sie und ihr Mann interessieren sich für Kunst. Kein protziger Reichtum, aber über Armut und Hartz Vier müsste sich Monika Orth keine Gedanken machen. Trotzdem sucht sie die Elendsorte in Mainz auf. Warum macht sie das?

In erster Linie aus dem Glauben heraus, ich möchte meine Christentum auch leben, wie kann ich Sonntags in die Kirche gehen, wenn ich den Menschen, der neben mir liegt und mich braucht, nicht sehe.

Monika Orth nimmt das Evangelium ernst. Sie will ihren Glauben nicht vom Alltag trennen. Natürlich denke ich an das Jesuswort: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. Aber - Ist ihr Engagement nicht ein Tropfen auf den heißen Stein? Ein Vorzeigeprojekt, und sonst läuft alles so weiter? Monika Orth will sich nicht mit der gesellschaftlichen Spaltung abfinden:

Da möchte ich ein Wort von Bischof Kräutler sagen, was für mich immer ´ne Bedeutung gehabt hat: Armut ist nicht nur Besitzlosigkeit, Armut ist Ohnmacht ist Wertlosigkeit. Armut heißt: nicht haben, nicht sein, nicht können, nicht dürfen und da müssen die Veränderungen ansetzen.

Starke Worte und sofort setzt bei mir ein Reflex ein: Was könnte ich tun? Müsste ich mich engagieren, weil ich ein schlechtes Gewissen habe? Und - ist das die Motivation von Monika Orth - das Gefühl, sie müsste etwas tun? Sie lacht. Es könnte nach einer Floskel klingen, aber sie hat viel Freude bei Ihrer Arbeit. Und das nehm ich ihr wirklich ab:          

Ich bin schon mal operiert worden, da hatte ich meine Handy dabei, und das erste, da hat ein Obdachloser angerufen und hat gefragt: Doktor, hast du alles gut überstanden? Och so sinnlos auf der Terasse herum zu liegen, das wär jetzt nicht so mein Ding.

 

 

 

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Gerechtigkeit - Ein Grundbegriff christlichen Lebens

Steuerhinterziehung schädigt die Gemeinschaft

Steuerhinterziehung und Schwarzgeldkonten, über dieses Thema wird in Deutschland gerade heftig diskutiert. Rutger Hetzler kennt sich damit aus. Seine Firma entwickelt Computerprogramme für Banken und Versicherungen, mit denen illegale Finanztransaktionen aufgedeckt werden können. Seine Meinung dazu ist eindeutig:

Wer Steuern hinterzieht, schädigt die Gemeinschaft. Wer Drogenhandel betreibt, schädigt die Gemeinschaft. Und solche Vergehen zu bekämpfen halte ich für extrem wichtig.  Meiner Ansicht nach ist man viel zu nachlässig,man könnte viel viel mehr tun.

Eigentlich ist Rutger Hetzler im Ruhestand. Trotzdem treffe ich ihn in seinem Büro.  Er hat gerne gearbeitet, sagt er. Und nach fast vierzig Jahren als Vorstandsvorsitzender eines It-Unternehmens will er seiner Firma verbunden bleiben. Denn seine Arbeit war für ihn mehr als ein Job. Mit Computerprogrammen seiner Firma können Banken und Versicherungen kriminelle Geldgeschäfte aufdecken. Geldwäsche unterbinden. Natürlich frage ich ihn zum Fall Uli Hoeness. Auch ein erfolgreicher Unternehmer. Und genau wie Rutger Hetzler hat sich der Bayern Manager sozial sehr stark engagiert. Gleicht das nicht die Steuerhinterziehung aus?

Ja das ist der, der sagt: ich hab vielen Menschen geholfen, auf die Beine zu kommen, oder Zukunft zu entwickeln, deshalb müsst ihr mir nachsehen, dass ich einen umgebracht habe. Kein Nachsehen, es wäre auch schlecht, weil dann genau das passieren würde, was man immer wieder hört, die Kleinen hängt man und die Großen lässt man laufen, auf Grund seiner Stellung käme er aus der Strafverfolgung frei - das geht nicht!

Keine Sonderrechte für Prominente, findet Rutger Hetzler. Weil sonst die Gemeinschaft nicht funktioniert. Die ist für den Unternehmer Hetzler ein kostbares Gut.  Wie wirkt auf ihn das Jesus-Wort: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich?

 Ja, das wird ja immer mit Reichtum, also sprich mit Geld in Verbindung gebracht.Das ist ja wohl in der Interpretation, die man dazu findet, durchaus anders ausgelegt. Das es eben nicht diesen Typ von Reichtum betrifft, Geld haben betrifft, sondern das ist das Kleben am Mammon, am Materiellen, Kleben an der Welt ist.

Sprich: Ein Christ muss nicht bettelarm sein, findet Rutger Hetzler. Im Gegenteil, Geld kann wie ein Talent gut eingesetzt werden. Jedes Jahr unterstützt die Firma ein soziales Projekt in der Region, hat zum Beispiel einen Kleinlaster für die Tafel gespendet:

Das machen wir gern, weil wir sagen, wir wollen auch als Firma der Gesellschaft etwas zurückgeben, von dem wir auch leben. Denn die Gesellschaft gibt uns ja auch mit all dem was sie haben an Rahmenbedingungen, die uns helfen unser Geschäft gut zu machen.

Ich merke: der Gedanke einer starken Gemeinschaft leitet Rutger Hetzler. Mir sitzt ein Mann gegenüber, der nicht auf protzigen Reichtum aus ist. Was ist ihm wichtig? Familie, Gesundheit, und ein sinnvolles Engagement in der Gemeinde. Unbezahlbar kostbar. Geld allein macht nicht unglücklich - ausser, wenn es das ganze Leben bestimmt. Man muss die richtige Bewertung finden, sagt Rutger Hetzler:

 Das ist eigentlich das, was mich heute noch leitet, Geld wohl als ein Hilfsmittel zu betrachten, was man braucht, zum Leben, das aber nicht die zentrale Bedeutung hat, wie eine Menge andere Dinge im gesellschaftlichen Umfeld.

 Sein Koordinatensystem

Seniorchefs können manchmal anstrengend sein. Wenn sie nicht loslassen können. Bei Rutger Hetzler ist das anders. Er hat zwar noch ein Büro in seiner alten Firma, aber er hat sich aus dem Alltagsgeschäft zurückgezogen. Er nimmt sich Zeit für unser Gespräch. Trotzdem hat er noch viel zu tun. Seit Jahren engagiert er sich in der Katholischen Pfarrgemeinde St. Georg in Bensheim. Ein Glücksfall für die Pfarrei. Weil Rutger Hetzler erfolgreich ein Unternehmen mit 100 Mitarbeitern geleitet hat, kennt er sich aus mit Finanzen. Dieses Talent setzt er im Verwaltungsrat der Gemeinde und im Stiftungsvorstand des Katholischen Klinikums ein. Es geht ihm nicht darum, Reichtümer an zu häufen, sondern:

Es kommt uns darauf an, das Vermögen sorgsam zu verwalten, es nicht zu verschleudern, nach Möglichkeit auch etwas zu vermehren, um auch die vielen Aufgaben die anliegen, abdecken zu können.

Die caritativen Aufgaben einer Pfarrei werden immer größer. Rutger Hetzler sorgt mit dafür, das finanzielle Polster der Gemeinde stabil zu halten. Seine Gabe wird zu seiner Aufgabe. Orientierung gibt ihm sein christlicher Glauben:

Der bestimmt natürlich das Koordinatensystem an dem man sich orientiert, und nach dem man lebt. Und das ist das auch, was man wichtig braucht. Ich hab viele Beobachtungen über die Jahre meines Lebens  gemacht,  das vielfach die gute Zusammenarbeit mit Leuten auch dadurch bestimmt war, das sie eben ein Koordinatensystem ähnlicher Art hatten.

Dieses Wertesystem trägt Rutger Hetzler. Aber es hat ihn auch in einen inneren Konflikt mit der Katholischen Kirche gebracht:

Kirche machts einem ja auch nicht immer leicht, es gibt ja auch so viele Elemente , wo man dann fragen muss, kann man damit sich eigentlich noch einverstanden erklären, Schwangerschaftsberatung ist für mich so ein Punkt gewesen, wo ich kurz davor war, der Kirche als Organisation Adieu zu sagen.

Da nimmt Rutger Hetzler kein Blatt vor den Mund. Die Kirche habe sich leider oft von der Lebenswirklichkeit, von den Sorgen der Menschen entfernt. Deshalb setzt er sich in seiner Pfarrei dafür ein, dass die Caritas, also die Nächstenliebe eine große Rolle spielt. Dafür widmet er auch seine eigene Zeit. Allerdings - Kirche ist für ihn mehr als nur ein Wohlfahrtsunternehmen. Der gemeinsame Gottesdienst ist ihm sehr wichtig:

 Ich bin jemand, der Sonntags immer der Gottesdienst braucht, als rituellen oder als spirituellen Punkt, einmal in der Woche aus dem Alltag abzuschalten, und mal ne Stunde zu haben, in der man etwas stärker zu sich selbst kommt, vielleicht auch mit seinem Herrgott redet und auch über diesen Gottesdienst an sich Gnade - Auftrieb erfährt.

Am Schluss brennt mir noch einFrage unter den Nägeln - an den Fachmann zum Thema krimineller Finanzgeschäfte.  Hat der Vatikan ein Problem mit Geldwäsche?

 Die Vatikanbank hat sich bisher allen diesen Versuchen entzogen, sich diesen Auflagen, die die europäische Union gemacht hat, in Bezug auf Geldwäschebekämpfung  zu unterwerfen. Ich glaube, dass das ein Hort für Mafiagelder ist.

Könnte Rutger Hetzler dem neuen Papst ein Softwareprogramm anbieten, dass Geldwäsche aufspürt?

 Da könnte er mit rechnen - da kriegt er sogar eine Sonderpreis, wenn er das möchte.

 

 

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Kein Glaube, aber großes Interesse an Gott

Religion und Humor

Bernhard Hoëcker ist Schauspieler, Buchautor und Comedian. Bekannt durch seine witzigen Parodien in der Sendung „Switch", oder seine oft brillianten Gedankengänge aus der Ratesendung „Genial Daneben". Schon seit seiner Jugend macht er Kabarett. Was die wenigsten wissen: Er war mal Messdiener und sehr engagiert in der kirchlichen Jugendarbeit:

Also ich verbinde mit der Katholischen Kirche vor allen Dingen positive Erinnerungen, auch jetzt noch, wenn ich irgendwo bin und geh in ne Katholische Kirche - ich sag immer, ich weiß wie die Jungs, die da an der Wand hängen mit Vornamen heißen, ja man kennt sich damit aus.

Bernhard Hoëcker war gläubiger Katholik, hat sich aber vom Glauben gelöst. Trotzdem ist Religion auch ein Thema in seinen Kabarettprogrammen und er geht gern in den Gottesdienst zur Osternacht.

Nicht einfach, mit Bernhard Hoëcker einen Termin zu finden. Filmaufnahmen stehen demnächst an, da ist der Kalender voll. Als wir doch noch einen gemeinsamen Termin finden, beim SWR3 Comedy Campus in Mainz, da wirkt der 43 jährige Familienvater ganz entspannt und unkompliziert - keine Promi-Allüren. Bekannt geworden ist er durch seine Parodien in der Fernsehsendung Switch. Kabarett macht er schon seit seiner Jugend. Weil er gerne Sachen hinterfragt und querdenkt. Sein kritischer Geist macht auch vor Religion nicht Halt:

Kabarett oder Comedy ist genau dafür da, genau Dinge mal kritisch zu sehen, die man eben nicht kritisch sehen soll. Und wenn ich eine Diktatur im Kabarett kritisieren kann, oder eine falsche Politik, dann kann ich natürlich auch eine religiöse Ideologie  kann ich die natürlich kritisieren. In meinem Programm rede ich über Kreationisten, Evangelikale, also quasi christliche Extremisten, da mach ich mich auch lustig über die, also um zu zeigen, es gibt einfach Dinge, an die darf man sich als intelligenter Mensch halten, auch wenn man glaubt.

Alle Ideolgien, die den gesunden Menschenverstand ausblenden, sind Bernhard Hoëcker suspekt. Homöopathie zum Beispiel oder Kreationismus. Wenn man die Bibel wortwörtlich versteht, anstatt die Ergebnisse der Naturwissenschaft anzuerkennen. Hoëcker schafft es, das Absurde in diesen Weltanschauungen zu zeigen. Auch die Katholische Kirche und ihre Regeln hat er schon in seiner Jugend nicht all zu ernst genommen:

Und wir haben die Sachen damals alle sehr mit Humor genommen, weil wir immer der Meinung waren, dass man die Amtskirche nicht ernst nehmen kann. Das sind halt alte Männer die komische Sachen sagen.

Aber Bernhard Hoëcker will keine einseitigen Klischees bedienen, nicht platt über die Kirche herziehen. Daran erinnere ich mich gut: In der Phase, als der Mißbrauchsskandal hochkochte, betrat er die Bühne und schwärmte über seine Zeit als Messdiener und Gruppenleiter in der Katholischen Kirche. Deshalb dachte ich: Ist bestimmt spannend, sich mit ihm über sein Verhältnis zur Religion zu unterhalten. Er spricht sehr wohlwollend über seine Zeit in der Pfarrgemeinde im Rheinland:

Ich hab meine ganze Kindheit da verbracht, also katholische Familie von beiden Seiten, dann war ich Meßdiener, zur Kommunion gegangen, Pfarrjugendleiter, Firmung, das volle Programm bis ich 18 war hab ich da meine ganze Jugend verbracht, deshalb könnt ich ja gar nicht erzählen, dass das total schlimm war.

Die Kirche ist ihm vertraut. Wenn er verreist, geht er zum Beispiel gerne in Kirchen und besucht Gottesdienste. Er überrascht mich, denn er kennt viele Bischöfe und hat die Papstrede gelesen. Er hat sogar überlegt, Theologie studieren. Weil ihn die Beschäftigung mit Glauben fasziniert. Aber er selbst glaubt nicht mehr. Glaube gehört in die Kindheit und Wissen gehört zum Erwachsenenleben. Warum übt die Religion trotzdem noch so große Faszination aus?

Ich beschreibe die Kirche immer wie ein Bild, was bei meinen Eltern über dem Sofa hängt: jeder kennt ein Bild in der Wohnung seiner Eltern, das darf da niemals weg, das gehört in diese Wohnung rein, aber wenn man die Frage gestellt wird: möchtest du das zu dir nehmen, würde man sagen - ich bin nicht bescheuert. So seh ich das.

Ohne Glaube leben

Mit einem Atheist über Glauben zu reden, kann dabei etwas rauskommen? Weil zwei vollkommen fremde Welten aufeinander prallen? Einer, der beide Welten kennt, ist der Comedian und Buchautor Bernhard Hoëcker. Er war lange Zeit gläubiger Katholik, hat sich in der Kirche engagiert. Aber mit der Zeit hat er festgestellt, dass er nicht glaubt. Er selbst nennt sich ein Skeptiker. Glaubt nur an das, was beweisbar ist. Glaube hat für ihn seinen Sinn in der Evolution:

Da warn einfach Menschen früher und da haben ein paar davon festgestellt, aus irgendwelchen hirnorganischen Gründen, dass es sie total glücklich macht, wenn sie anderen helfen, wenn sie nicht sich gegenseitig töten, und das war einfach stabil. Und bestimmte Dinge haben sich einfach als stabil herausgestellt, unter anderem die Fähigkeit zu glauben. Das Gehirn hat sich so entwickelt, das hat nicht nur Angst und Schmerz und Liebe, sondern hat auch Glaube als Nebenwirkung entwickelt, einfach weil es mir hilft, in bestimmten Situationen klar zu kommen, das ist ein Zustand, der uns evolutionär Vorteile verschafft hat.  

Glaube ist für Bernhard Hoëcker nicht einfach Humbug, sondern war eine notwendige Phase in der Menschheitsentwicklung. Brauchen wir nicht mehr, sagt der comedian. Ich frage ihn: Ein Leben ohne die christliche Hoffnung, ohne die Perspektive auf ein Leben nach dem Tod, wie sieht das aus?

Also ich habe keine Angst vor dem Tod, ich habe keine Angst vor dem Jetzt, ich zweifel auch nicht an dem Sinn des Lebens, ich hab natürlich Konzepte für mein Leben, einmal ist das Freiheit, Gleichheit, die Menschenrechte, also das, was alle Menschen auf dieser Erde losgelöst von irgendwelchen Glaubensentwicklungen völlig selbstständig entwickelt haben und einen Konsens gefunden haben.

Spannende Frage - Kann man die Entwicklung der Menschenrechte von der christlichen Religion trennen? Für mich jedenfalls bedeutet die christliche Botschaft ein Höchstmaß an Freiheit und Gleichheit. Bernhard Hoecker will für sich nicht ausschliessen, dass er irgendwann wieder zum Glauben findet. Wenn sein Gehirn ihm einen Streich spielt:

 Was natürlich sein kann, is - ich komm in ne Extremsituation, ich nähere mich dem Tod, dass man dann auch wieder auf diese Strategien zurückgreift, die mein Gehirn ja auch mitentwickelt hat, als Mensch, Gott taucht immer auf, wenn die Leute Probleme haben, oder wenn sie etwas nicht erklären können.

Hat er damit recht? Ich frage mich ganz selbstkritisch, wie ich meinen Glauben lebe. Ist Gott für mich ein Trostpflaster? Brauche ich Gott nur, um mit Problemen zurecht zu kommen? Natürlich hoffe ich darauf, dass Gott in dunklen Stunden bei mir ist, dass mit dem Tod nicht alles aus ist. Aber ich glaube auch, dass Gott ein wahrer Luxus ist. Ich bin frei von Zwängen, von Neid, von Leistungsdruck, weil ich von Gott angenommen bin. Aber das Gespräch mit Bernhard Hoëcker, seine kritischen Anfragen an meinen Glauben, waren für mich eine Bereicherung. Zweifel und Kritik sind gut; sie helfen, den Glauben immer wieder neu zu postionieren. Und ich spüre, dass die christliche Spiritualität, besonders in der Osternacht, eine starke Kraft ist, auch für den Atheisten Bernhard Hoëcker:

.super, das ist total schön, der Moment, wo das Feuer in die Kirche getragen wird und überall die Lichter angehen, das ist einfach schön.

 

 

 

 

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Fair und Gerecht - Leben und „Verbrauchen" 

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Heute begehen die  Katholischen Gemeinden den Misereor-Sonntag. Da geht es um gerechte Lebensbedingungen für alle Menschen. Kathrin Hassemer beschäftigt sich das ganze Jahr über mit diesem Thema. Sie managt den Eine-Welt-Laden im Rheinhessischen Gau-Algesheim. Kaffee, Tee, Schokolade, sogar Fußbälle, kann man dort zu fairen Preisen kaufen. Aber Einkaufen aus Mitleid, das ist auch im fairen Welthandel passe: 

 Wir haben nichts zu verschenken"  - die Produzenten liefern eine sehr, sehr gute Qualität und das überzeugt auch die Kunden - bitterer Kaffee, das gehört absolut der Vergangenheit an. 

Engagement in der Gemeinde

Wer interessiert sich im beschaulichen Rheinhessen für den großen Welthandel und Rohstoffpreise? Kathrin Hassemer aus Gau-Algesheim ist ehrenamtliche Expertin zum Beispiel für die Produktion von Kaffee. Ich treffe die Achtunddreissigjährige Mutter von zwei Kinder in ihrem Zuhause. Sie hat noch Einiges zu tun, weil sie für das Wochenende einen Coffee-Stop vorbereitet. Im Kindergarten und nach dem Sonntagsgottesdienst werden die Leute eingeladen, eine Tasse Kaffee zu trinken und sich dabei über die Produktion von Tee oder Kaffee zu informieren. Voller Elan erzählt sie mir von den Projekten des Weltladens. Für den fairen Welthandel begeistert sich Kathrin Hassemer schon ganz lange: 

Ich glaube, bei mir hat das schon als junges Mädchen angefangen, da hab ich mich engagiert hier in der Pfarrgemeinde, als Missio-Austrägerin, Missio-Aktuell heißt die zeitschrift,bereit erklärt, und hab da natürlich viel gelesen, und das war sicherlich der Anfang.

Mit der Jugendarbeit in der Katholischen Kirche kam die große weite Welt zu Kathrin Hassemer ins beschauliche Rheinhessen. Ein weltoffener Pfarrer hat die Gemeinde geprägt, deshalb gibt es schon seit 25 Jahren den Weltladen in Gau-Algesheim. Einfach nur Almosen geben, das ist zu billig, findet Kathrin Hassemer. Gemeinsam mit Ihrem Team wehrt sie sich gegen Aktionen, deren Erlöse zwar für einen guten Zweck sind, bei denen aber billiger Kaffee aus dem Discounter ausgeschenkt wird:

Wie begegnen wir dem? immer wieder hartnäckig bleiben, drauf aufmerksam machen, Produkte auch zum Probieren anbieten, es ist teilweise wirklich kein böser Wille dabei, bei anderen ist sicher das Bewußtsein ein ganz Anderes, wo es heißt, möglichst viel Spenden sammeln, wie bekomm ich das hin? Indem ich möglichst günstig einkaufe. 

Weil das nichts bringt, sagt Kathrin Hassemer ganz bestimmt. Ganz oder gar nicht, denke ich. Die studierte Wirtschaftspädagogin will auch mit ihrem ehrenamtlichen Engagement etwas erreichen. Nicht Klein-Klein denken. Kathrin Hassemer ist von ihrem Beruf her gewohnt, vernetzt zu denken. Deshalb hat sie auch die politische Gemeinde in das Thema „Fairer Welthandel" miteinbezogen: Gau Algesheim will Fair-Trade-Stadt werden. Die Präsentkörbe zu Jubiläen werden mit Waren aus dem Weltladen gefüllt. Und das Thema zieht immer weitere Kreise. Wer sich einmal mit Fairem Handel beschäftigt hat, sagt Kathrin Hassemer, der entdeckt viele Ungerechtigkeiten:

Es gibt hier in Gau Algesheim eine Initiative, auch der  Kirchengemeinden, sich gegen Grabsteine aus ausbeuterischer Kinderarbeit zu wehren. Dass man auch das im Auge hat, wo kommt denn jetzt der Stein her.  

Gerechtigkeit, das hat für Kathrin Hassemer ganz viel mit ihrem Glauben zu tun. Geht gar nicht anders, sagt sie, wenn ich Christus und seine Botschaft ernst nehme: 

 Er hat ja auch immer wieder Leute eingeladen, die außerhalb der Gesellschaft standen, denen es nicht so gut ging, er hat sich gerade um die gekümmert, er hat die Türen  geöffnet, auch über den eigenen Tellerand geschaut, könnte man heute sagen, ja der Nächste ist eben nicht nur der Nächste der direkt neben mir lebt, sondern der viele Kilometer entfernt lebt, in der einen Welt, um den ich mich auch kümmern muss.

 Persönliche Konsequenzen

Als ich Kathrin Hassemer treffe, denke ich: Diese Frau weiß, was sie will. Sie hat eine freundliche, offene Art, spricht aber sehr bestimmt über das, was ihr am Herzen liegen. In ihrem Beruf, bei einem großen Pharmaunternehmen arbeitet sie in der Mitarbeiterqualifizierung. Sie arbeitet gern mit Menschen zusammen und kann gut motivieren: 

Innerhalb unsres Teams machts auch sehr viel Spaß, natürlich auch herausfordernd, weil wir ganz unterschiedlich sind, und natürlich weil ich davon überzeugt bin, dass ich etwas Gutes tue für Menschen, aber nicht im Sinne von dass ich Almosen verteile, dass ich das wertschätze, was sie produziern und das entsprechend auch gut vertreten kann, das sind tolle Produkte, und von dem her setze ich mich sehr sehr gerne dafür ein 

Das heißt aber auch viele Abendstunden am Computer, Bestell-Listen ausfüllen, e-mails schreiben, sich über neue Produkte informieren und am Wochenende im Weltladen Dienst machen. Ihre Familie muss da natürlich mitziehen. Die vierjährige Tochter ist oft im Laden und bei Aktionen dabei. Logisch, dass sie sich zu einer kleinen Fairtrade-Expertin entwickelt hat: 

 Ihren eigenen Kaufladen hat sie auch immer als Weltladen bezeichnet, sie wächst mehr oder weniger im Weltladen mit auf, von dem her bekommt sie einiges mit.  

Dieses Engagement ist nur mit Unterstützung der Familie und einem gut funktionierenden Netzwerk zu stemmen. Aber nicht nur der zeitliche Aufwand macht sich bei Familie Hassemer bemerkbar. Kathrin Hassemer will konsequent sein. Aluminium-Fenster zum Beispiel oder Tropenholz auf der Terasse, das kann sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren: 

 Und ich selbst bin schon ein sehr prinzipientreuer Mensch, das ist manchmal nicht so einfach, aber ich versuche schon sehr stark, wenn ich mich für ein Thema begeister´ und in dem Sinne auch unterstütze, dass ich mich dementsprechend dann auch verhalte, und grade bei dem Konsum ist es mir dann auch ganz wichtig.  

Das ist kein Wischi-Waschi. Ich spüre, Kathrin Hassemer will etwas verändern. Allerdings ohne erhobenen Zeigefinger, sondern aus echtem Interesse für die Menschen, die unter schlechteren Bedingungen leben als sie. Deshalb würde sie gerne mal nach Lateinamerika reisen und Kaffeeproduzenten vor Ort kennenlernen. Fairer Handel ist ihr Thema. Für die Zukunft wünscht sie sich: 

 Dass jeder die gleichen Chancen hat, nicht hungern muss, sondern wirklich für sich selbst und seine Familie sorgen kann, und auch entsprechend respektvoll miteinander umgegangen wird, mit Achtung voreinander.

  

 

 

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Arzt und Christ

Lothar Bergmann ist Medizin-Professor, er behandelt Menschen mit Tumor- und Krebserkrankungen. Die existentielle Frage nach dem „Warum", nach dem Sinn des Lebens hört er ganz oft und stellt sie sich auch selbst:

Warum ist denn das so? Oder steht eine Macht dahinter, die das Ganze so gewollt hat, so gebaut hat, oder was steht am Ende?

Der Mediziner Lothar Bergmann hat täglich mit naturwissenschaftlichen Fakten zu tun und ist gleichzeitig gläubiger Christ. Ich treffe ihn an einem Freitag nachmittag.Für viele andere Menschen beginnt da schon das Wochenende, aber Lothar Bergmann wartet noch auf die Untersuchungswerte aus dem Labor. Ich hab den Eindruck, er kümmert sichrührend um die Patientenund will für sie da sein. „Entschuldigung" sagt er, „ich muss gerade noch die Therapie für das Wochenende absprechen". Ich merke schnell -Arzt-Sein ist für den 63-jährigen nicht einfach nur ein Job:

 Der Arzt hat schon mehr Bedeutung als nur die körperliche Heilung. Arzt sein bedeutet auch den Menschen als Ganzes zu sehen, auch in seiner persönl. Situation. Und ich glaube auch als Arzt und Christ, als jemand, der wie ich sehr viel auch mit schwerstkranken Patienten zu tun hat, die den Tod vor Augen haben, wo man häufiger eine gewisse Sterbebegleitung auch hat, ist es ganz wichtig, auch diesen inneren Background auch zu haben, dass man in dem Menschen etwas mehr sieht, als jemand, der mit ner konkreten Situation zu einem kommt, was zum Arzt sein mit dazu gehört.

Gar nicht so leicht, den Menschen zu sehen, und nicht immer nur die zerstörerische Krankheit. Lothar Bergmann versucht, seine Patienten würdevoll zu behandeln. Interessant - denke ich während unseres Gespräches - wenn es um das Verhältnis zwischen Arzt und Patient geht, spricht Lothar Bergmann von sich in der dritten Person, gerade so, als wolle er klar in seiner Rolle als Arzt erkennbar bleiben. Seinen persönlichen Glaubenals Christ, seine Hoffnung, das stülpt er niemand über: 

 Nicht bei jedem Patienten ist es auch gefragt, dass man auf den Sinn des Lebens, auf den Glauben eingeht, es gibt aber auch Patienten, bei denen das durchaus auch eine größere Rolle spielt, und wo man auch offen miteinander drüber reden kann.

Kann erbei seiner täglichen Arbeit mit todkranken Menschenüberhaupt noch an einen liebenden Gott glauben?Lothar Bergmann kennt auch die Zweifel an Gott:

Wenn man eine junge Frau sieht, die eine todkranke Situation erfahren muss, mit begrenzter Lebenserwartung, die vielleicht kleine Kinder zu Hause hat, das ist manchmal schon schwer und das macht einem auch betroffen. Und natürlich kommen dann auch Fragen auf, wie kann Gott so etwas zu lassen, was ist der Sinn dahinter des Leides, ist ja eine uralte Frage, auf die es nicht immer eine Antwort gibt.

In diesen Situationen will Lothar Bergmann nicht einfach vertrösten. Er will mit den Patienten gemeinsam ihre Verzweiflung und ihre Fragen aushalten. Und ihnen damit zeigen: Gott lässt die Menschen im Leid nicht allein. Diese Hoffnung hat ihn und seine Familie auch durch eine schwere Zeit getragen:

Meine Frau hat selbst vor drei Jahren Brustkrebs gehabt, es gibt immer auch im persönlichen Leben Tiefschläge, und da stellt man sich auch manchmal die Frage: Warum muss das sein, warum muss das jetzt mich treffen, könnte es nicht auch anders laufen, Und so manchmal hab ich den großen Wunsch - ich möchte ihm mal begegnen und vieles fragen und hoffe, dass ich irgendwann auch mal Antworten bekomme.

 Engagement als Christ

Lothar Bergmann hat einen richtig vollen Terminkalender. Er ist Professor für Onkologie an der Frankfurter Uniklinik. Und er ist stellvertretender Dekan - er ist mitverantwortlich für die Zukunft der Forschung und die Organisation der Klinik. Während ich mich mit ihm unterhalte, wird er zu einem Patienten gerufen, muss Entscheidungen treffen. Lothar Bergmann ist jemand, der Verantwortung übernimmt. Auch in der Katholischen Kirche. Er engagiert sich in seiner Pfarrgemeinde, obwohl seine Freizeit sehr knapp bemessen ist :

Als gläubiger Christ und als Angehöriger einer Pfarrei finde ich, sollte man sich auch für die Pfarrei und für die Kirche engagieren und das kostet natürlich Zeit, ich denke, es sollte eine Vorbildfunktion haben, man ist engagiert, vielleicht engagiert ihr Euch auch mit, in der ehrenamtlichen Tätigkeit.

Allerdings, die Bereitschaft, sich in der Kirche zu engagieren, ist bei den meisten Menschen eher gering. Als Arzt ist Lothar Bergmann gewohnt, nüchtern die Schwachstellen zu diagnostizieren. Seiner Ansicht nach steckt die Katholische Kirche in Deutschland in der Krise:

Ich sehe momentan keine Bereitschaft für einige grundlegende Reformen, ich seh eher ein zunehmendes Abwenden von Gläubigen von der Amtskirche, nicht vom Glauben, aber von der Amtskirche, sie zeigt bei uns zu wenig Perspektiven auf für die Zukunft.

Und das ist nicht seine Privatmeinung. Denn als Pfarrgemeinderatsvorsitzdender spricht er mit vielen Gläubigen. Dabei wird das Hauptproblem deutlich benannt:

 Hier glaube ich, spielt auch die mangelnde Glaubwürdigkeit der Kirche ein ganz erhebliche Rolle, das auf der einen Seite die Verkündigung steht und auf der anderen Seite die Realität eine ganz andere ist.

Ich spüre, Lothar Bergmann will nicht resigniert wirken. Weil er davon überzeugt ist:Die christliche Botschaft ist wertvoll. Gerade in seiner Arbeit als Medizinervertraut er darauf, dass mit dem Tod nicht alles vorbei ist.  Diese Hoffnung trägt ihn im Alltag. Sein Glaube ist für Ihn eine Kraftquelle. Und die Musik. Wenn er die Zeit findet zum Orgelspielen, dann kann Lothar Bergmann seine Seele auftanken.

 In Zeiten, wo ich mehr freie Zeit zur Verfügung hatte, ist es für mich auch eine Hauch Spritualität gewesen, und auch ein Bereich, wo man manchmal auch seine persönliche Stimmungslage mit hineinbringt, gerade wenn man alleine in der Kirche sitzt und Orgel spielt, mit dem man sich innerlich auch wieder zum Ausgleich bringen kann.

 

 

 

 

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Teil 1: Weihnachten heute

Nicole Albes ist ein zugewandter Mensch. Als ich sie in Ihrer Hebammenpraxis treffe, begrüßt sie mich mit einem festen Händedruck und einem offenen Blick. Hebammen müssen auf Andere zugehen können, sagt sie, sich ganz schnell auf neue Situationen einstellen können. Sie ist xx Jahre alt, verheiratet und hat 2 Kinder. 1146 Kindern hat sie schon auf die Welt geholfen. Das weiß sie ganz genau, denn jede Hebamme führt ein Hebammentagebuch. Wenn sie die Weihnachtsgeschichte hört, denkt sie natürlich an Maria: 

Ich seh sie als ganz ganz starke Frau, keine kleine Magd, keine Dienerin, sondern wirklich ne ganz starke Frau, und das sind ja viele Gebärenden, entdecken ja oft Kräfte in sich, die ganz wunderbar sind, (viele Frauen Angst....) und dann gibt's wieder den Bogen zu Maria, sie hätte es sich bestimmt auch anders gewünscht, irgendwo behütet, aber sie hat das auch gemeistert, und für mich ist sie keinesfalls klein, sondern ganz groß. 

Maria hat für Nicole Albes eine ganz wichtige Bedeutung in der Weihnachtsgeschichte: Sie hat den Sohn Gottes geboren. Das Wunder des Lebens beginnt klein, zerbrechlich und schutzlos. Maria hat Jesus in einem Stall zur Welt gebracht, in einer fremden Umgebung. Keine leichte Situation für eine werdende Mutter. Diese Situation kennen viele Frauen, sagt Nicole Albes 

Ich hab nämlich gerade eine Dame betreut, die geflüchtet ist, noch nicht vor langer Zeit, und was sie mir erzählt hat, die Mutter ist aus Syrien geflüchtet, da spannt sich natürlich ein Bogen, aber sie ist ja auch auf dem Weg gewesen, und das schwanger und wieviel Sorgen sie dann auch hatte.

Je länger ich mich mit Nicole Albes unterhalte, umso stärker spüre ich: Das Weihnachtsevangelium ist für sie nicht bloß ein rührseliger Text aus der Vergangenheit, sondern mit echtem Leben gefüllt. Sie kann verstehen, wie sich die hochschwangere Maria vor der Geburt gefühlt haben muss. Allerdings musste bei Nicole Albes die werdende Mutter ihr Kind nicht im Stall zur Welt bringen: 

Ein Vater rief an, aus Nackenheim und sagte dann, du wir schaffen es nicht mehr ins Krankenhaus, wir haben ab Nackenheim zusammen per Telefon geatmet, ich hab meinem Mann dann gesagt: du es kann sein, dass bei uns jetzt gleich ein kleines Kind geboren wird, es war Nacht, die standen dann bei uns vor der Tür und ich habe festgestellt, wir schaffen es nicht mehr, wir haben der Frau ins Haus geholfen, der Papa hat seine Frau in den Arm genommen und dann wurde Konstantin geboren. Es (war für mich... es) war still, es war eine Ruhe, die mich sehr begeistert hat, die ich niemals vergesen werde.  

Jede Geburt ist ein göttlicher Moment für Nicole Albes. Da kommt ein Stück vom Himmel auf die Erde. Trotz dem ganzen Streß, Rufbereitschaft, Nachtdienste - für Nicole Albes gibt es keinen schöneren Beruf: 

weil es ein Geschenk ist, diesen Moment begleiten zu dürfen, es ist ein Geschenk, wenn die Eltern das erste Mal ihr Kind ansehen, und diesen Moment, den vergisst man nicht, das ist was ganz, ganz, ganz Besonderes, und er hat immer wieder einen Zauber inne.  

Musik:

Teil 2. Weihnachten persönlich

Nicole Albes ist Hebamme. Während ich mich mit ihr unterhalte,  denke  ich: Diese Frau liebt Ihren Beruf und sie liebt die Menschen. Ihre ausgeglichene und zupackende Art ist für werdende Eltern sicher sehr angenehm, denn eine Geburt ist immer eine Ausnahmesituation und da kommen die meisten Menschen an ihre Grenzen. Geburt und Tod sind die existentiellsten Momente im Leben der Menschen. Dass der Sohn Gottes als kleines, schutzloses Wesen in diese Welt gekommen ist, hat für Nicole Albes einen tieferen Sinn:

 Ja, es sollte eine Aufgabe für uns sein, wir Menschen sind Traglinge, wir wollen geborgen, gehalten werden -  und schwach oder klein ist kein Zeichen von Schwäche, Säuglinge haben ja schon einen ganz festen Charakter.. ich glaube, das ist einfach dieses „Kümmert Euch!" Sorgt euch, die Könige sind ja auch auf den Weg gegangen, sollten ihn beschützen, ich glaube, dass da der Sinn ist, (das das auch eine Aufgabe ist). 

Diese Botschaft von Weihnachten hat der frühere Bischof Kamphaus so ausgedrückt „Machs wie Gott, werde Mensch!" Klingt so einfach, aber was heißt das, Mensch werden? Für Nicole Albes bedeutet das, sich anzunehmen, für einander zu sorgen, und menschlich miteinaner umzugehen.  Deshalb ist Weihnachten für Nicole Albes ganz wichtig. Mit ihrer Familie versucht sie:

 wieder zu diesen Ursprüngen zurückzukommen, das ist für mich auch Weihnachten, was ist denn das Wichtige im Leben, das es die Familie ist, der Zusammenhalt, wirklich zu besinnen, was ist das Wichtige im Leben - ist es der DVD Player, Computer, hab ich das und das schon besorgt für den und den, oder ist es wirklich das Besinnliche, die Familie, die gemeinsame Zeit.  

Aber was machen die Menschen, die keine Familie haben, die allein sind? Die trauern, oder verzweifelt sind? Ist Weihnachten nur das Heile-Familien-Fest? Die Antwort darauf gibt finde ich im  Weihnachtsevangelium selbst:  Jesus ist schwach und klein in einem ärmlichen Stall geboren worden.  Die ersten, die von dieser Geburt erfahren, waren die Hirten, dann die Sterndeuter. Gott ist also den Menschen besonders nah, die am Rand stehen. Weihnachten zeigt die Liebe Gottes zu allen Menschen. Jedes neu geborene Kind ist deshalb für Nicole Albes ein Liebesbeweis Gottes zu den Menschen:

Das ist bei jeder Geburt wieder so, und immer wieder so, ich finde es immer wieder faszinierend, aus so ner kleinen Zelle entsteht so ein toller Mensch, was dieser Mensch dann auch lernt, in diesem ersten Jahr, das ist immer wieder ein Wunder, für mich ist das in jedem Menschen ein Stück von Gott beinhaltet.

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Auf dem Pilgerweg

Marc Forster ist 29, Musiker, lebt in Berlin und hat einen vollen Terminkalender. Trotzdem ist er ganz entspannt und gut gelaunt. Als ich ihn treffe, ist er unterwegs zu einem Fernseh-Interview, Werbung machen für seine erste eigene Tournee, die in einer Woche beginnt. Jahrelang ist er durch kleine Clubs getingelt, hat in einer Vorband gespielt, aber jetzt hat er den Durchbruch geschafft. Er kann das machen, was er schon immer wollte: Musik schreiben, Singen. Das war nicht immer so: 

Ich bin deswegen den Weg gegangen, weil ich in meinem Leben so´n Punkt erreicht hatte, wo ich dachte, das ist irgendwie vielleicht ´ne Sackgasse, war insgesamt einfach unzufrieden, und dachte ich muss jetzt irgendwie was Krasses machen, vielleicht noch mal auf neue Gedanken zu kommen. 

Ach, noch so ein Promi mit romantischer Schwärmerei fürs Pilgern, denke ich zuerst. Vielleicht hat er das nur gemacht, weil das der Biografie einen interessanten Kick gibt. Aber Marc Forster überrascht mich mit einer ehrlichen Antwort: 

Ich bin dann nach Frankreich gefahren, und fand´s aber völlig schrecklich, war
alleine, und dachte, was soll ich hier, aber ich konnte nicht zurück, weil ich hatte in
Berlin allen erzählt, ich finde mich selbst und bin erst in zwei Monaten wieder da. Ich hatte also sozialen Druck und musste loslaufen.

Und Marc Forster hat durchgehalten. Er ist am Fuß der Pyrenäen gestartet, von da aus sind es 800 Kilometer bis nach Santiago de Compostela. Zum Glück hat er nicht aufgegeben: 

Was tatsächlich nach n paar Tagen passiert ist - ich wurde aus dem spazierengehenden Tourist zum Pilger. Dann wurde das mit die beste Zeit, die ich je hatte.

Das glaub´ ich ihm aufs Wort. Ich spüre in unserem Gespräch, der Jakobsweg ist für ihn mehr als ein Modetrend. Weil er sich auf den Weg eingelassen hat, auf ein langsames Tempo und auf die Begegnung mit sich selbst. Wenn schon Pilgern, dann richtig:  

Es gibt so´ne Passage vor oder nach Burgos, wo man zwei Tage lang durch Rapsfelder läuft, man sieht vor sich Felder und hinter sich Felder, das fühlt sich an als wär man in der Wüste und viele Pilger nehmen da den Bus, um das nicht machen zu müssen, weil da kein Cafe ist und nichts, das ist einfach sehr langweilig, und ich bin da gelaufen, das war für mich die spannendste Passage, weil ich das ganz alleine mit mir selbst war.  

„Geh langsam, Du kommst immer nur bei dir selbst an."  So heißt ein wichtiges Gebot für eine Pilgerreise. Marc Forster wollte keine sportlichen Höchstleistungen erreichen, sondern Klarheit für seinen Lebensweg. Deshalb hat er das monotone Laufen, den alltäglichen Rhythmus beim Pilgern schätzen gelernt:           

Da kommen einfach Sachen aus dem Bauch, die dann vorher vielleicht gestört haben, einfach hoch in den Kopf, und dann kann man die durchdenken und lösen.                                                                                                      

Nach dem Weg in Berlin

Marc Forster ist vor einigen Jahren auf dem Jakobsweg gepilgert. Zwei Monate lang. Aber irgendwann kommt jeder Pilger in Santiago an. Auch Marc Forster musste wieder zurück in den Alltag. Zuerst hat er sich wie von einem anderen Stern gefühlt, als er auf dem Rückweg zum Flughafen im Bus saß: 

Und ich war schockiert, von dem Tempo, also wie schnell die Bäume, die Häuser und die Leute an einem vorbeipeitschen, wenn man nicht zu Fuß läuft. Da ist mir klar geworden: in ganz vielen Situationen des Lebens ist das Tempo einfach verzerrt, bisschen zu schnell, natürlich kann man sich dem nicht entziehen, aber man kann versuchen, ab und zu das Tempo rauszunehmen.

Das ist der spannende Punkt für jeden Pilger: Wie viel von diesen intensiven Erfahrungen kann man in den Alltag integrieren? „Ich bin an so vielem vorbei gerauscht", schreibt er in seinem Lied.  Das war vorher. Jetzt nimmt er vieles bewusster wahr:

 Ich versuche zum Beispiel ganz ruhig zu frühstücken, solche Sachen ´n bisschen mehr zu genießen, oder auch abends nicht allein zu Abend zu essen vor dem Fernseher oder so was, in alltäglichen Sachen, die man früher so verhuscht hat, da versuch ich das jetzt intensiver zu leben.

Okay denke ich, der Jakobsweg hat Marc Forster geholfen zu erkennen, was er wirklich will und dieses Ziel konsequent zu verfolgen. Alles richtig gemacht.  Allerdings, für mich als Christin gibt es beim Pilgern noch die spirituelle Dimension. Seit Jahrhunderten gehen Menschen auf dem Jakobswegweg, und anderen Pilgerrouten, um sich selbst und auch Gott zu finden. Marc Forster ist im Katholischen Glauben aufgewachsen, der religiöse Aspekt vom Unterwegs-Sein ist ihm deshalb vertraut. Aber irgendwann ist ihm sein Kinderglaube abhanden  gekommen. Er glaubt nicht an Gott, sagt er. Ganz abgeschlossen hat er aber nicht mit dem Thema:

Na ja, ne Sehnsucht, ich glaube davon kann sich keiner frei machen, wenn es da irgendwie so ne Guideline gäbe für das hiesige Leben und das Leben nach dem Tode und das wär natürlich schön, das ist ja auch das Verlockende am Glauben, das man irgendwas hat, woran man sich festhalten kann, wenn´s einem nicht so gut geht, oder auch wenn´s einem gut geht, das es da so eine sichere Bank gibt irgendwo, die Sehnsucht ist natürlich da, aber das Prinzip funktioniert nur ohne diesen Zweifel, diesen tiefen Zweifel, den ich hab. 

Aber, würde ich ihm gerne sagen, es gibt viele Christen die zweifeln, angefangen vom heiligen Thomas, bis hin zu Mutter Theresa. Mein Glaube ist auch nicht immer die sichere Bank. Aber ich hoffe, dass Gott bei mir ist, auch im Zweifel. Da ist die Sehnsucht, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Marc Forster hat seinen Weg gefunden: 

Ich hab den Eindruck, ich hab ´ne Richtung eingeschlagen, die für mich richtig ist, also ich hab keine Angst irgendwas zu verpassen, oder in die falsche Richtung zu gehen.

 

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Teil 1. Hildegards Erbe

Was für ein grandioser Ort! - das denke ich, als ich die Stufen zur Pforte der Abtei St. Hildegard in Eibingen hochsteige. Das Benediktinerinnen-Kloster liegt traumhaft schön zwischen den Weinbergen, hoch oben über dem Rheintal. Direkt gegenüber - Bingen. Von dort hat die Heilige Hildegard die Gemeinschaft in Eibingen gegründet. Jetzt treffe ich ihre Nachfolgerin Äbtissin Clementia Killewald.
Ziemlich flott kommt sie mir im Klosterflur entgegen, fester Händedruck und ein ganz interessierter, offener Blick. Sie ist gewohnt, mit Menschen umzugehen, merke ich. Sie ist Managerin in einem kleinen Unternehmen, 52 Schwestern, ein eigenes Klosterweingut, Werkstätten und Gästehaus. Und sie verwaltet das Erbe der Hl. Hildegard von Bingen. Aufregend werden die nächsten Tage, verrät sie mir. Morgen feiern die Schwestern mit vielen Christen den Gedenktag der Hl. Hildegard, und am 7. Oktober wird die große deutsche Gelehrte von Papst Benedikt zur Kirchenlehrerin erhoben, als vierte Frau unter 35 Männern. Äbtissin Sr. Clementia freut sich über die Anerkennung. Was ist es, was Hildegard so besonders macht? 

Ihre ganzheitliche Schau, sie hat den Menschen als Ganzes gesehen, das ist sicher etwas, was für uns heutige Menschen wichtig ist, weil wir doch oft so in unserem eigenen Lebensbereich uns wichtig nehmen, da hat Hildegard schon eine Vorbildfunktion. 

Alles hängt mit allem zusammen und der Mensch ist mit der Schöpfung verbunden, diese Sichtweise hat Hildegard zu einer hervorragenden Naturwissenschaftlerin werden lassen. Ihr Wissen über Pflanzen, Mineralien und Medizin ist umfassend und immer noch aktuell. Die Abtei St. Hildegard hält die Liebe zur Schöpfung und zur ganzheitlichen Medizin aufrecht. Im Klosterladen gibt es natürlich Dinkelkekse und Bio-Produkte. Aber Sr. Clementia hält nichts davon, Hildegard nur als Kräuterheilige zu sehen: 

 sie würde nicht sagen, ich begegne Gott in einem Dinkelkeks, oder in einem Edelstein,  sie hat sich mehr Gott als lebendiges Du, der uns begegnen möchte gesehen, und nicht: ich brauche keine Glaubensgemeinschaft, weil ich Gott im Wald begegne, das kann mal sein, aber es reicht für mich nicht aus und ich glaube, auch nicht für Hildegard. 17

Da wirkt Sr. Clementia sehr bestimmt. Wer die Hildegard von Bingen nur unter einem bestimmten Aspekt sehen will, der wird ihr nicht gerecht. Hildegard war keine katholische Schamanin und sie hat auch keine Kirchenrevolte ausgerufen, obwohl sie in vielen Briefen die Amtsführung von Bischöfen und Ordensleuten kritisiert hat. Sie hat das Amt nicht in Frage gestellt:

 Also ich könnte mir vorstellen, dass Hildegard die Gemeinschaft als kleine Keimzelle für die Kirche gesehen hat, dass sie auch Dinge, die in der Kirche nicht gut laufen beim Namen genannt hat, aber eigentlich mehr als positive Kritik, die aufbauen sollte, damit die Botschaft an das Evangelium glaubhaft gelebt wurde, gerade von den Bischöfen, von den Ordensleuten. 

 Musik

Teil 2.  Mensch und Heilig

Eigentlich hätte  Sr. Clementia  Betriebswirtschaft studieren müssen, Personalführung, oder Marketing. Denn seit 12 Jahren ist sie Äbtissin der Abtei St. Hildegard in Eibingen.  Sie ist für die wirtschaftliche Existenz des Klosters verantwortlich, denn die Benediktinerinnen leben von dem, was sie selbst erwirtschaften. Und sie sorgt für ihre Gemeinschaft. Viele Aufgaben müssen auf immer weniger Schwestern verteilt werden. Sie muss Entscheidungen treffen: Wie sollen die Gottesdienstzeiten geregelt werden? Noch mehr Gäste aufnehmen, die Öffnungszeiten des Ladens ausweiten? Als ich sie nach der großen Verantwortung frage, nickt sie mehrmals.

 aber ich glaube, etwas ganz Wichtiges in der Amtsführung  ist auch das, was der Hl. Benedikt sagt: dass der Abt Glied der Gemeinschaft bleibt, und im Grunde das versucht zu leben, was die Gemeinschaft auch lebt. .... Ich kann nur das lehren, was ich selber lebe.

Gemeinschaft hat für Clementia Killewald eine ganz zentrale Bedeutung. Sie erwähnt das ganz oft in unserem Gespräch. Während ihres Musikstudiums in Mainz hat sie sich lange überlegt, ob sie auf eine eigene Familie verzichten will und kann, denn sie selbst stammt aus einer großen Familie.  Aber ihr Weg hat sie ins Kloster geführt:

Ich habe schon früh als Kind gemerkt, dass diese Lebensform etwas Wichtiges für unsere Welt ist. Dass es Orte geben muss, wo man Gott sucht, und versucht, in Gemeinschaft ein christliches Leben zu führen.   

Obwohl ein Leben nur unter Frauen nicht immer einfach ist. Auch hier gibt es Ehrgeiz, Machtstreben und Minderwertigkeitsgefühle, sagt Clementia Killewald. Gleiches gilt aber auch für Männerklöster, sagt die Äbtissin. Frauen würden ihre Konflikte nur anders austragen. Hier spüre ich: Sie ist sehr verbunden mit ihren Mitschwestern und gleichzeitig ganz realistisch: da wird nichts fromm unter den Teppich gekehrt.

 Benedikt spricht von der Schule des Lebens, dass das nie etwas Abgeschlossenes ist und wir im Grunde immer Anfänger bleiben. Es ist nicht so etwas Perfektes.

 Damit muss auch eine Äbtissin jeden Tag leben, sagt Clementia Killewald. Weil unser Gespräch länger gedauert hat, hat sie auf das Abendgebet verzichtet. Es geht eben nicht alles gleichzeitig, und schon gar nicht mit Hektik, das lernen die Schwestern hier von Anfang an.

Mein Leben ist das nicht, aber die Ruhe und Ausgeglichenheit faszinieren mich. Am Schluss öffnet Sr. Clementia ihr Cembalo, und spielt mir etwas vor. Mit leisem Tastenanschlag, um die Mitschwestern nicht zu stören. Auf Musik könnte sie nie verzichten:

Für mich wars auch ganz wichtig als ich Äbtissin wurde, dass ich das nicht aufgeben darf - muss.  Ohne die Musik würde ich dieses Amt nicht schaffen, weil es mir einfach ein Fundament gibt.

  

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Was früher Uli Hoeneß für den FC Bayern war, ist Stefan Wink für 13 tausend Sportler in der Diözese Mainz. Stefan Wink ist Sportmanager - Geschäftsführer des Katholischen Sportverbandes DJK in der Diözese Mainz.  Der gelernte Pädagoge unterstützt die Vereine vor Ort, plant für das Bundessportfest 2014 in Mainz und organisiert Sommerfreizeiten. Aber warum braucht  man einen katholischen Sportverband? Was machen die anders als ein großer Fußballverein zum Beispiel? Darüber hat sich  Andrea Emmel von der Katholischen Kirche mit ihm unterhalten.

Teil 1. Warum ein Katholischer Sportverband

Stefan Wink kommt gerade vom Fußball-Spielen. Regelmäßig trifft er sich mit Kollegen in der Mittagspause zum Sport. Als Ausgleich zum Bürojob. Früher hat er selbst Leistungssport gemacht, Leichtathletik, aber leider haben ihn Verletzungen zum Aufhören gezwungen. Sport ist trotzdem sein Leben geblieben, denn jetzt arbeitet er als Geschäftsführer beim Katholischen Sportverband DJK in der Diözese Mainz. Wer in einen DJK-Sportverein eintritt, zum Beispiel in Mainz, Nieder-Olm oder Bingen, der muss nicht katholisch getauft sein, aber er oder sie sollte schon etwas mit den christlichen Werten anfangen können, sagt Stefan Wink:

Wir haben drei Säulen; für uns geht's klar um Sport, wir wollen auch gewinnen, wenn wir im Sportwettbewerb antreten, dann gibt's die Säule des christlichen Glaubens der ganz wichtig ist, und es gibt die Säule der Gemeinschaft;  wir betreiben Sport um der Menschen willen und nicht um des Sportes willen. 

Kampf ja, aber nicht „Gewinnen-Wollen" um jeden Preis. Der DJK-Sportverband positioniert sich eindeutig gegen Doping im Sport, und wirbt für absolute Fairness. Schon den allerkleinsten Sportler wird das in ganz konkreten Situationen von ihren Trainern vermittelt:

 also in der Frage zum Beispiel, wie ich mich in ner unfairen Situation im Spiel verhalte, oder ob ich zum Beispiel zugebe, dass ich den Ball noch berührt habe, obwohl er ins Aus gegangen ist und dann sage, auch wenn´s mir im Spiel ein Nachteil ist, (....,) ich steh als Mensch hier und ich hab meine Grundüberzeugung und die hört auch im Sport nicht auf, sondern die trag ich hier auch weiter, auch wenn's ein Nachteil für mich ist. Und Werte und Fairness sind im DJK Sportverband ganz, ganz wichtig. 

Dazu gehört auch, dass der DJK-Sportverband sich ganz gezielt für Schwache einsetzt. Gerade im Sportbereich, in dem normalerweise nur Höchstleistung zählt. Es gibt zum Beispiel Sportmöglichkeiten für Behinderte, und gezielte Programme, um übergewichtige Kinder wieder fit zu machen und damit besser zu integrieren.  Stefan Wink betont immer wieder: es geht um den ganzen Menschen, also um Leib und Seele. Bei der DJK gibt's nicht nur Siegerehrungen und Sportfeste, sondern auch gemeinsame Gottesdienste. Und jeder Verein hat einen geistlichen Beirat. Sportler brauchen nicht nur einen Physiotherapeuten, sondern auch jemand, der sich um das Seelenleben kümmert:

 das ist ja auch bei Olympia so, beispielsweise entsendet die Katholische Kirche (zu Olympia) einen Olympiapfarrer, der genau dafür da ist, um eben auch für das seelsorgerische Gespräch für die Sportler da zu sein sowohl nach dem Sieg als auch nach der Niederlage, denn beides kann einen ja durchaus emotional hoch beanspruchen.

 Stefan Wink liebt seinen Beruf, denn er kann die Bereiche miteinander vereinen, die ihm wichtig sind: Sport, mit Menschen arbeiten und der Glaube. Bleibt noch die Frage nach dem komischen Namen: DJK heißt eigentlich „Deutsche-Jugend-Kraft". Klingt fast wie ein Nazi-Titel. Nein, Nein widerspricht Stefan Wink, die DJK Vereine sind schon viel älter, kommen aus der Jugendbewegung der neunzehn zwanziger in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts Jahre. Die Nazis haben die katholischen Sportvereine verboten:

 Zahlreiche DJK Mitglieder wurden damals in KZ´s ermordet oder direkt hingerichtet und viele Vereine wurden nach dem Krieg wieder gegründet.

Teil 2. Warum katholische Sportler in den Ferien segeln

Stefan Wink ist zwar Geschäftsführer eines katholischen Sportverbandes, aber er ist deshalb nicht dauernd auf dem Tennisplatz, oder beim Joggen im Wald. Meistens sitzt er im Büro oder ist unterwegs zu den Sportvereinen. Aber in den Sommerferien, da würde ich schon gerne mit ihm tauschen. Denn jedes Jahr geht Stefan Wink segeln, mit verschiedenen Gruppen aus den DJK Sportvereinen. So paradox es klingt, auf dem engen Schiff können Menschen ihrer Seele Freiraum geben:

Segeln hat für mich ne ganz eigene Spiritualität, es ist die Enge, auf der ich mich mit anderen Menschen zusammen befinde, im direkten Gegensatz zu der Weite, die das Schiff auf dem Meer hat, es ist das Ablegen vom Alltag, im dem Moment, wo ich ablege vom Steg bin ich draußen, bin ich weg, ist das Handy aus, hab ich kein Laptop hab ich kein Netz, ich bin nicht erreichbar, ich bin tatsächlich einfach weg, auf mich gestellt, und bin mit dieser Gruppe eben dann in diesem großen Ozean unterwegs und werde zurückgeworfen auf mich, auf diese Gruppe und kann mich dadurch auch wieder ganz anders diesem Erlebnis hingeben.

Ich spüre: Stefan Wink ist überzeugt vom Konzept seiner Sportverbandes. Die Vereine sollen nicht nur die sportlichen Höchstleistungen im Blick haben, sondern den ganzen Mensch. Klingt allerdings auch ein bisschen exklusiv. Ist diese Segelfreizeit nur was für ganz fromme Katholiken? Wird auf dem Schiff jeden Morgen und jeden Abend gebetet? Ja, auf dem Schiff wird auch gebetet, erklärt Stefan Wink, aber in einer ganz lockeren Art und Weise

Wir fangen jetzt nicht an, die Bibel durch zu arbeiten, sondern bieten den Menschen Gedankenimpulse an, die sie jetzt in dieser freien Woche, die sie haben, wo sie endlich mal rauskommen aus diesem Alltag, aus dieser Mühle, aus dem Arbeiten, aus anderen Zusammenhängen, in denen sie drinstecken, die sie mitnehmen können, dann anschließend wieder in ihren Alltag rüber.

Da taucht er wieder auf, der Grundgedanke der DJK, für den ganzen Menschen da zu sein, für seinen Leib und auch für die Seele, beim Sport, bei der Freizeit und auch im Alltag. Alle, die bei der Segelfreizeit mitfahren, egal ob Jugendliche, Studenten, oder Familien, sie wollen ihrer Seele etwas Gutes tun und Gleichgesinnte treffen. Sie wollen sich körperlich auspowern und über ihren Glauben nachdenken:

 Ich hab noch nie erlebt, dass jemand sagte - Nee, lass ma du, von Gott hab ich grade Urlaub, bei uns fahr´n die Leute mit, die sagen: ich nehm´ Gott mit in den Urlaub, auf meine ganz eigene Art und Weise, ganz unaufdringlich, aber er ist dabei.

Stefan Wink glaubt an einen lebensfreundlichen Gott, der es gut mit den Menschen meint. Für ihn sind die Segelfreizeiten zwar Arbeit, aber auch Urlaub vom Alltag:

Ich genieße die Freiheit auf dem Schiff. Wenn ich da sitze nach draußen schaue, auch aus meinem Büro weg bin, weg vom Alltag, dann zu spüren was Leben bedeutet, was Freiheit bedeutet, diese wunderschöne Natur zu erleben, das gibt mir sehr viel Kraft.

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Berühmte Glasfenster in Kirchen - da denken viele an die Chagall-Fenster in Mainz St. Stephan. Aber seit dem diesjährigen Pfingstfest ist auch das Heilig-Geist-Glasfenster der Klein-Winternheimer Künstlerin Barbara Maya Albrecht in ganz Deutschland bekannt. Denn die Kirchliche Hilfsorganisation Renovabis hat die Feuerzungen aus Glas auf ihrem Gebetsbildchen abgedruckt und deutschlandweit verteilt. Mit Glas zu arbeiten ist schwierig, aber trotzdem ist es ein Lieblingsmaterial der Künstlerin: 

es ist ja sehr spröde, es bricht auch mal was ab, und dann gäb es einen Grund auch mal ein böses Wort zu sagen, aber wenn man Stück für Stück dann das Bild zusammensetzt, aus verschiedenen Farben, das ist ganz fantastisch.  

Barbara Maya Albrecht ist Künstlerin und Kunsterzieherin. Ihr Heilig-Geist Glasfenster aus der Klein-Winternheimer St. Andreas Kirche ist seit kurzem deutschlandweit bekannt, abgedruckt auf einem Gebetsbild der Katholischen Hilfsorganisation Renovabis. Warum sie gerne für Kirchen arbeitet und was sie für ihre Arbeit inspiriert, darüber hat sich  Andrea Emmel von der Katholischen Kirche mit ihr unterhalten. 

Teil 1. das Heilig Geist-Glasfenster

Ich treffe die Künstlerin Barbara Maya Albrecht in ihrem Zuhause im rheinhessischen Klein-Winternheim bei Mainz. Hier im Ort hat sie mit ihren Kunstwerken Spuren hinterlassen: Ein Wandmosaik im Kindergarten, Glasfenster in der Friedhofskapelle und Skulpturen auf dem zentralen Platz vor der Kirche. Ihre Bronzefigur vom Heiligen Andreas, der Andy, wie ihn die Klein-Winternheimer nennen, ist beliebter Treffpunkt der Jugendlichen im Ort. Religion, Kunst und Leben verbinden, das liegt Maya Albrecht am Herzen.  Ihr Heilig-Geist-Glasfenster in der Katholischen Kirche ist allerdings eher ein Zufallsprodukt: Vor einigen Jahren fielen dem Pfarrer bei Renovierungsarbeiten kreisförmige Risse in der Wand über dem Altar auf. Nachdem der Putz abgeklopft war, kam eine ovale Fensteröffnung zum Vorschein, allerdings zugemauert. Maya Albrecht bekam von der Gemeinde den Auftrag, ein Glasfenster zu gestalten. Wie ist sie auf die Idee mit dem Heilig-Geist Fenster gekommen?

für so nen Auftrag auf jeden Fall der Ort und die Menschen, die da hinkommen, da überleg ich mir sehr, was könnte nützlich sein oder gut tun  

Gemeinsam mit dem Pfarrer berät sie, welches Motiv zu den Menschen und zum Ort passt. Die Kirche dort ist eine alte Dorfkirche, mit einem schweren, dreieckigen Steinaltar. Seine Spitze zeigt auf die ovale Fensteröffnung oben in der Wand. Ziemlich bald ist klar: die rheinhessischen Erdverbundenheit braucht etwas Luftiges, sagt Maya Albrecht:

 ich fand das ganz schön, vom Irdischen aus nach oben gerichtet, ja den Heiligen Geist zu symbolisieren, es geht ja von der Materie eigentlich weg zum Himmlischen, hat ja was von Feuer und Licht, licht-sendend.  

Also entwirft und erschafft Maya Albrecht ein energiegeladenes Heilig-Geist-Fenster. Rote Feuerzungen recken sich vor einem Regenbogen in den knallblauen Himmel. Aber ganz besonders wirkt das Fenster, wenn der Kirchenraum und das Licht mitspielen:

 Am allerbesten gefällt es mir in der Osternacht, wenn man morgens um Fünf, halb sechs, Gottesdienst hat und wenn man aus der Dunkelheit, dann in der Dunkelheit in der Kirche sitzt und dann ganz langsam die Sonne aufgeht und das dann erleuchtet, das Fenster ist anfangs schwarz-grau und dann kriegt es zunehmend Farbe und das ist wirklich was - ich will nicht sagen Göttliches, aber es wirkt sehr immateriell, sehr ungewöhnlich, es kommt dann wirklich ins Brennen. 

Ich merke, Maya Albrecht will nicht überheblich klingen, aber trotzdem sieht sie sich fast wie ein Medium. Ihre Kunst ist buchstäblich transparent, sie lässt Gottes Kraft  durchscheinen. Die Menschen in Klein-Winternheim schätzen das. Aber wie kommt das Heilig-Geist-Fenster der kleinen Dorfkirche in Rheinhessen zur bundesweiten Berühmtheit? Wieder durch einen Zufall. Auch der Mainzer Bischof Karl Kardinal Lehmann kennt und schätzt das kleine Geist-Fenster. Auf einer Autofahrt spricht er mit dem Pressesprecher des Hilfswerks Renovabis über Gott und die Welt und den Heiligen Geist in der Kunst. Kardinal Lehmann empfiehlt das Klein-Winternheimer Fenster. Und Maya Albrecht freut sich, dass ihr Kunstwerk positive Kraft ausstrahlt:

 Ich möchte, dass Menschen sich angerührt fühlen, auf ´ner Ebene, die nicht nur den Intellekt betrifft, nicht nur über Worte und Texte, das haben wir im Gottesdienst eh schon sehr viel  

Maya Albrecht macht Mosaike und Skulpturen  zum Anfassen, und Glasfenster, die Auge und Herz ansprechen wollen. Kunst für die Sinne und für den Alltag. Warum sie gerade religiöse Kunst macht, darüber hat Andrea Emmel von der Katholischen Kirche mit ihr gesprochen. Gleich nach (... der nächsten Musik).

 Musik:

Kunst ist nicht nur was für´s Museum, das findet die Klein-Winternheimer Künstlerin Maya Albrecht. Ihre Bronzeskulpturen beleben die Plätze im Ort. Ihre Glasfenster in der Kapelle  vermitteln Ruhe und Kraft. Welchen Sinn ihre Kunst hat, das hat Maya Albrecht Andrea Emmel von der Katholischen Kirche erzählt.

 Teil 2. Warum religiöse Kunst

Überall im Zuhause von Maya Albrecht finde ich Kunst: Ein großes Gemälde an der Wand, Skulpturen im Flur, ein Bild der Tochter auf dem Küchentisch. In ihrem Atelier schnitzt sie gerade an einem Engel.  Kunst ist ihr wichtig, seit ihrer Kindheit, sagt Maya Albrecht. Aufgewachsen ist sie in Bayern, und dort ist religiöse Kunst allgegenwärtig: Heiligenfiguren an Hausfassaden und am Feldrand, farbenfrohe Gemälde in Kirchen. Religiöse Kunst kann göttliche Kraft in den Alltag der Menschen bringen. Ich merke in unserem Gespräch: Das findet sie gut, genau das möchte Maya Albrecht mit Ihrer Kunst auch erreichen:

Was mir wichtig ist, an so etwas wie göttliche Energien zu glauben oder die auch mal zu spüren, gerade, wenn also so Einfälle kommen und zum Beispiel Symbole oder mit dem Ort oder den Menschen, die da sind irgendwie zusammenpassen, wenn ich das Gefühl habe, ach das ist jetzt genau richtig dafür.

 Aber, nicht nur die Christen brauchen spirituelle Erfahrungen. Mir kommt es fast so vor, als wollte Maya Albrecht betonen, sie möchte gerne Kunst machen, die alle Menschen erreicht, nicht nur die Katholiken in Klein-Winternheim. Ihr Wunschprojekt wäre deshalb:

 Ein Kapellenraum, so als Meditationsraum mit Stille und entsprechenden Fenstern, vielleicht in einem Park. Fänd ich sehr schön, wo Menschen aus versch. Religionen, auch Atheisten hingehen könnten, die sagen könnten, da find ich was, da kann ich auftanken, da kann ich bei mir sein.  

 Maya Albrecht möchte mit Ihrer Kunst den Menschen etwas Gutes tun. Sie ist fest davon überzeugt: Kunst kann heilsam sein. Deshalb macht sie noch zusätzlich eine Ausbildung zur Kunsttherapeutin. So als wollte sie zeigen: Malerei, Skulpturen und Glasfenster, das ist kein überflüssiger Luxus, sondern lebensnotwendig. In der Therapie kann ein abstraktes Fenster von Chagall dabei helfen, das eigene Leben schätzen zu lernen:

 da hab ich zum Beispiel eine Frau um die fünfzig gehabt, und sie hat dann gesagt, das ist eigentlich wie mein Leben, da sind ganz viele Verästelungen und Verzweigungen, hier und da Farben, und manchmal seh ich nicht, wo der rote Faden ist, aber wenn ich so von weitem kucke, hat das einen Zusammenhang. Und einen Sinn.

 Kunst kann alltäglich sein und gleichzeitig göttlich. Brauchbar und frei.

Rätselhaft und trotzdem verständlich. Die Klein-Winternheimer Künstlerin versucht diesen verschiedenen Pole in ihrer Kunst zu vereinen. Aber eins möchte Maya Albrecht auf keinen Fall machen: Käufliche Kunst herstellen, die das Image einer Firma aufpoliert:

 also für ne Waffenlobby würd´ ich nicht arbeiten. Das kann ich mir nicht vorstellen, also es müsste schon was sein, was uns generell stärkt und was uns auch heilsam ist.

  

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