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11SEP2021
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Es gibt Bilder, die haben sich ins kollektive Gedächtnis der Menschheit eingebrannt. Dazu gehören die qualmenden Türme des World Trade Centers in New York am 11. September 2001 – heute genau vor 20 Jahren. Innerhalb weniger Stunden sterben mehr als 3000 Menschen durch die Anschläge islamistischer Selbstmordattentäter. Zwei der von ihnen entführten amerikanischen Verkehrsmaschinen steuern sie in die Wolkenkratzer von Manhattan, eine ins Pentagon in Washington.

Ein viertes Flugzeug der United Airlines startet mit Verspätung. Als die Islamisten die Boeing 757 in ihre Gewalt bringen, sind die anderen Flieger bereits in ihre Ziele eingeschlagen. Einige Passagiere an Bord von Flug 93 wissen Bescheid. Über das Handy haben sie davon erfahren. Todesmutig versuchen sie, die Terroristen zu überwältigen und das Flugzeug in der Luft zu halten. Doch sie scheitern. Die Maschine zerschellt in Pennsylvania auf freiem Feld. Alle Insassen sind tot.

Wir wissen: Täter und Opfer haben vor ihrem Ende gebetet. Die Selbstmordattentäter wenden sich an Allah. Sie sind überzeugt, dass der sie nun bald als fromme Gotteskrieger ins Paradies aufnehmen wird. Einige Passagiere verabschieden sich am Telefon von ihren Liebsten daheim und beten das Vater unser oder den Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen. Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir.“ (Ps 23,1-2.4)

Der Gedanke ist schwer auszuhalten, dass die Mörder und ihre unschuldigen Opfer zu Gott beten. Ja, wenn es ihn gibt, den Einzigen, dann glauben sie alle an den gleichen Gott. Aber ihre Vorstellung von Gott, ist nicht gleich, sondern grundverschieden. Genau das aber ist entscheidend! Für die Terroristen ist es ein Gott, der Hass und Gewalt belohnt, für ihre Opfer ein Gott des Lebens, der Toleranz und des Mitgefühls.

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10SEP2021
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Der katholische Schriftsteller Gisbert Kranz (1921-2009) erzählt von einem Gespräch, das ein portugiesischer Seifenfabrikant mit einem Priester führt. Der Unternehmer hat offenbar mit Glaube und Kirche nicht viel am Hut. „Das Christentum“, so sagt er, „hat nichts erreicht. Obwohl es schon bald zweitausend Jahre gepredigt wird, ist die Welt nicht besser geworden. Es gibt noch immer so viel Schlechtes und so viele böse Menschen.

Da weist ihn der Priester auf ein tief verschmutztes Kind hin, das neben der Straße im Dreck spielt. „Seht ihr, dass Seife nichts erreicht hat. Es gibt immer noch unendlich viel Schmutz in der Welt und viele schmutzige Menschen dazu.“ „Ja, klar“, entgegnet der Fabrikant. „Seife nutzt ja auch nur, wenn sie angewendet wird.“ „Das Christentum auch“, antwortet der Priester.1

Ein Glaube, der nur gepredigt wird, ist blutleer und wirkungslos. Er muss tatsächlich „angewendet“ werden. Wer sich in die Nachfolge Jesu begibt, wer sich an seiner Frohen Botschaft orientiert, dem können die Menschen in seinem Umfeld nicht gleichgültig sein. Christentum ist keine Frage der Gesinnung. Christsein verwirklicht sich im Dienst am Nächsten, ganz konkret.

Der Jakobusbrief im Neuen Testament bringt es auf den Punkt: „Der Glaube für sich allein ist tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat.“ (Jak 2,17) Und die Erfahrung lehrt: Dort, wo das Christentum in dieser Weise „Anwendung findet“, wo es konkret gelebt wird, dort wird es auch beachtet und geschätzt.

„Glauben“ ist im christlichen Verständnis immer ein Tätigkeitswort.

 

1: zit. nach Hoffsümmer, Willi (Hrsg.): Kurzgeschichten 3.

244 Kurzgeschichten für Gottesdienst, Schule und Gruppe. Mainz, 1987, S. 59

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09SEP2021
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Jesus von Nazaret ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Und wenn er seinen Zeitgenossen Gott nahebringen will, dann hält er keine akademischen Vorträge oder salbungsvollen Ansprachen. Jesus erzählt Geschichten aus dem Alltag.

Eine davon hat der Evangelist Lukas so überliefert: „Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen Schaf nach, bis er es findet? Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern, und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war! Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.“ (Lk 15, 4-7)

Schade, dass der Evangelist nichts über die Reaktion der Zuhörer Jesu berichtet! Vermutlich haben die meisten den Kopf geschüttelt. Denn welcher Schäfer wäre so fahrlässig, wegen eines entlaufenen Tieres die ganze Herde in der Wüste zurückzulassen? Die neunundneunzig Schafe wären Raubtieren schutzlos ausgeliefert. Diebe könnten sie mühelos stehlen. Ein Hirt, der so handelt, wie es Jesus in seinem Gleichnis erzählt, der muss schon ziemlich verrückt sein.

Aber genau so ist der Gott, den Jesus verkündet! Er geht jedem nach, der in seinem Leben nicht mehr so recht weiß, wie es weitergehen soll. Der die Orientierung oder vielleicht sogar den Halt verloren hat. Der von den Mitmenschen aufgegeben wird, weil er aus der großen „Herde“ ausgebrochen ist. Jesus macht sich dieses Bild vom „Guten Hirten“ zu eigen. Er fühlt sich, wie er selbst sagt, gesandt „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.“ (Mt 15, 24)

Und so wendet er sich demonstrativ – zum Ärger der Frommen – vor allem den Außenseitern zu, den an den Rand Gedrängten und Zukurzgekommenen. Jesus verdeutlicht in seinem Reden und Handeln: Gott schreibt keinen Menschen ab. Niemand ist verloren. Das ist der Kern seiner Frohen Botschaft. Und sein Auftrag an alle, die ihm nachfolgen.

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16JUN2021
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Hobbygärtner kennen das Problem. Man pflanzt eine Staude, eine Rose oder auch ein Bäumchen – und nichts tut sich. Warum treiben die Blätter nicht aus? Warum springen die Knospen nicht auf? Wieso trägt der Baum keine Früchte?

Da hat man sich alle erdenkliche Mühe gegeben. Gegossen, gedüngt, geschnitten. Anscheinend war alles vergebens. Enttäuscht überlegt man, ob man dem Trauerspiel ein Ende macht und die Pflanze entfernt.

Ein Sprichwort aus der Toskana rät zur Geduld: „Du kannst noch so oft an einer Olive zupfen, sie wird deshalb nicht früher reif.“

Auch Jesus hat da ein Gleichnis parat. Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt. Aber die erhofften Früchte bleiben aus. Und das über drei Jahre. Jetzt ist die Geduld des Mannes zu Ende. Seinem Winzer befiehlt er: Hau ihn um! Der Winzer aber widerspricht seinem Chef: „Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen. Vielleicht trägt er in Zukunft Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen!“ (Lk 13, 8-9)

Ob die Geschichte ein Happy-End hat? Wird der Feigenbaum doch noch Früchte tragen? Das wird nicht erzählt.

Natürlich ist das Gleichnis kein Ratgeber für Gartenfreunde. Jesus geht es – wie in allen seinen Geschichten – um das Reich Gottes. Und da ruft er die Zuhörer zu einer Entscheidung auf: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1, 15)

Aber es zeigt sich: Viele seiner Zuhörer tun sich schwer, die Einladung gleich anzunehmen und sich auf die Botschaft Jesu einzulassen. Ihre Entscheidung muss wohl noch reifen. So bleibt die Hoffnung, dass Gott geduldig ist.

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15JUN2021
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Im Krieg ist den Machthabern nichts heilig. Auch nicht die Gotteshäuser. Das zeigen die beiden Weltkriege. Für den versprochenen „Endsieg“ müssen auch die Kirchengemeinden Opfer bringen. Und so beschlagnahmen die Militärs mehr als 100.000 Kirchenglocken. Da die meisten aus Bronze gegossen sind, schmilzt man sie ein, um daraus  Waffen und Munition zu fertigen.

Aber es geht auch umgekehrt. Das beweisen heutzutage einige Initiativen in Deutschland. Sie sammeln ausgediente Gewehre, Granaten und anderen Militärschrott und gießen Glocken daraus. Solche „Friedensglocken“ gibt es auch bei uns in Rheinland-Pfalz, z.B. in Mainz oder Koblenz. Dort haben Bundeswehr und Kampfmittelräumdienst das Material gespendet.

Diese verblüffenden Aktionen erinnern an die berühmte Friedensvision des Propheten Jesaja. Dort ist zu lesen: „Am Ende der Tage wird es geschehen: (…) Der Herr wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, und sie erlernen nicht mehr den Krieg.“ (Jes 2, 2.4)

Schwerter zu Pflugscharen“ – das ist nicht nur ein schönes Bild in einem biblischen Text. Das geschah in der Antike tatsächlich, wenn der Krieg vorbei war und man die Felder im Frieden wieder bestellen konnte.

Wie das technisch geht, das zeigte der Schmied Stefan Nau 1983 anlässlich eines evangelischen Kirchentags in Wittenberg vor 4000 begeisterten Teilnehmern! Schnell wurde das Motiv „Schwerter zu Pflugscharen“ zum Logo der Friedensbewegung in der DDR.

Die aktuellen Projekte der „Friedensglocken“ werden nicht nur von kirchlichen Gruppen getragen. Viele andere sind auch dabei. Sie alle wollen ein Zeichen setzen für Abrüstung und Völkerverständigung, gegen Hass und Gewalt.

Möge sich bei den neugegossenen Glocken aus Waffenschrott erfüllen, was Friedrich Schiller in seinem „Lied von der Glocke“ wünschte: „Freude dieser Stadt bedeute: Friede sei ihr erst´ Geläute!“

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14JUN2021
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Den rheinischen Priester und Sozialreformer Adolph Kolping kennt fast jeder. Der von ihm gegründete Gesellenverein kümmerte sich um die verarmten Handwerksburschen während der Industrialisierung.

Zur gleichen Zeit kämpft auch ein Mitbruder aus der Pfalz gegen das soziale Elend: Paul Josef Nardini. Im Sommer 1821 - also vor 200 Jahren - kommt er in Germersheim zur Welt. Als uneheliches Kind wächst er in einer Pflegefamilie auf. Sein Adoptivvater will, dass der Junge einmal die Schusterwerkstatt übernimmt. Aber Paul Josef hat andere Pläne. Er möchte Priester werden. Und diesen Traum verwirklicht er auch.

1851 kommt er als Pfarrer nach Pirmasens. Zu seinem Seelsorgebezirk gehören noch 22 Dorfgemeinden in der Umgebung. Eine gewaltige Aufgabe. Dazu die schwierige Lage in der Stadt. In Fabriken und in Heimarbeit werden Schuhe produziert. Die Arbeitsbedingungen sind hart, die Löhne niedrig. Missernten treiben die Lebensmittelpreise in die Höhe. Manche Familien hungern. So ziehen die Erwachsenen oft noch als Schuhverkäufer übers Land. Die Kinder bleiben sich dann selbst überlassen, leben auf der Straße. Sie stehlen oder betteln. Pfarrer Nardini ist schockiert. Er begreift: Mit herkömmlicher Seelsorge ist es hier nicht getan. So alarmiert er die Öffentlichkeit und wendet sich an die Verantwortlichen in Wirtschaft, Politik und Kirche.

Die Hartnäckigkeit des Pfarrers zahlt sich aus. In Pirmasens kann er ein Gebäude erwerben, in dem Dutzende verwahrloster Kinder ein Zuhause finden. Um sie alle betreuen zu können, gründet Nardini eine geistliche Gemeinschaft, die „Mallersdorfer Schwestern“. Sie kümmern sich bei Hausbesuchen auch um Alte und Kranke in der Stadt.

Nardinis unermüdlicher Einsatz aber hat seinen Preis. Im Alter von nur 40 Jahren stirbt er an den Folgen einer Lungenentzündung. Im Jahr 2006 spricht ihn die Kirche selig. 

Es sind Priester wie Kolping und Nardini, die das verkörpern, was sich Papst Franziskus für seine Kirche heute wünscht: nämlich eine Art „Feldlazarett“ zu sein. Die Seelsorger - so der Papst - müssen „hinausgehen aus den Kirchen und Pfarrhäusern und die Menschen dort suchen, wo sie leiden, wo sie hoffen.“1 

 

1:Papst Franziskus: Der Name Gottes ist Barmherzigkeit. München, 2016, S. 74

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10MRZ2021
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Wolfgang Thierse, der ehemalige Bundestagspräsident, wurde in einem Interview gefragt: Welches Erlebnis hat Sie in der Corona-Zeit am stärksten bewegt? Der Politiker musste nicht lange überlegen. Es war ein Ereignis in seiner Heimatstadt Berlin. Da hatten sich zu Pfingsten 2020 rund 3000 Menschen auf dem Landwehrkanal zu einer Schlauchboot-Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen versammelt. Natürlich ohne Abstand und Masken. Zum Abschluss feierten alle eine feucht-fröhliche Party mit lauter Musik. Bis in die Nacht hinein ging hier in Kreuzberg die Post ab. Und das genau vor einem Krankenhaus, in dem zur gleichen Zeit Ärzte und Pflegekräfte auf der Intensivstation um das Leben der schwerkranken Covid-19-Patienten kämpften. Unfassbar!

Ich denke, jeder konnte und kann in der Pandemie ähnliche Erfahrungen machen. Nein, der Mensch ist nicht einfach nur „gut“. Das wussten schon die Autoren der Bibel. Im Rahmen der Sintflutgeschichte stellt Gott resigniert fest: „Das Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an.“(Gen 8,21) Menschen nutzen die ihnen von Gott geschenkte Freiheit leider auch zu Lasten der Freiheit anderer.

In der Coronakrise zeigt sich, wie zutreffend das jüdisch-christliche Menschenbild ist. Es gibt Männer, Frauen und Jugendliche, die sich bis zur Erschöpfung um ihre gefährdeten Mitmenschen kümmern. Großartig! Aber da sind auch Zeitgenossen, die rücksichtslos und ohne Mitgefühl nur ihren Egoismus ausleben wollen. Sie wollen sich einfach nicht in die Situation anderer hineinversetzen.

Die meisten Psychologen gehen davon aus, dass die Fähigkeit zur Empathie ab dem 4. Lebensjahr entwickelt wird. Entscheidend ist dann die Erziehung. Rücksichtnahme muss vermittelt, eingeübt und vorgelebt werden.

Die Pandemie zeigt es überdeutlich: Hilfsbereitschaft und Mitgefühl sind keine veralteten Höflichkeitsformen, sondern unverzichtbare Werte. Wenn sie nicht mehr gelebt würden, verkämen wir zu einer kalten, herzlosen Gesellschaft. Die Statistiken zeigen: Selbstverwirklichung „auf Teufel komm raus“ tötet.

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09MRZ2021
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Vergangenen Sonntag hat sie wieder begonnen, die „Woche der Brüderlichkeit“, veranstaltet von den „Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit“. Und ein Jubiläum kommt hinzu: 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland.

Schon mit den Römern zogen Juden an den Rhein und an die Mosel. Im Mittelalter waren ihre Gemeinden in Mainz, Worms und Speyer dank der dort lehrenden Rabbiner von überragender Bedeutung. Man sprach man vom „rheinischen Jerusalem“.

Trotz Anfeindung und Verfolgung blieben die Juden über Jahrhunderte ein wichtiger Motor für die gesellschaftliche Entwicklung unseres Landes– bis in die Zeit des nationalsozialistischen Völkermords, der Shoa.

Nach 1945 waren es vielerorts Christen, die sich um die Aufarbeitung der Geschichte bemühten. Juden und Christen kamen wieder miteinander ins Gespräch, gleichsam als Geschwister im Glauben. So konnte Vertrauen wachsen und Versöhnung möglich werden.

Nicht nur in den großen Städten, auch auf dem Land entdeckte man die jüdischen Zeugnisse der Vergangenheit neu. In den 1980er Jahren entstanden Bürgerinitiativen, die sich um den Erhalt der Dorfsynagogen kümmerten. Oft waren Christen die treibende Kraft in den örtlichen Fördervereinen. Sie retteten – trotz mancher Widerstände - die vom Abriss bedrohten Bethäuser. Beispielhaft genannt seien die Synagogen in Deidesheim, Odenbach am Glan, Ediger an der Mosel oder in Saffig in der Osteifel. Sie alle erinnern daran, dass Juden und Christen über Generationen nachbarschaftlich zusammenlebten. In Laufersweiler im Hunsrück ist sogar ein Studienzentrum entstanden, das sich der Erforschung des lange vernachlässigten Landjudentums widmet.

Vor allem wegen des Zuzugs von Juden aus den Ländern Osteuropas gibt es auch in Rheinland-Pfalz wieder lebendige jüdische Gemeinden. Aber: der wachsende Antisemitismus beunruhigt viele Gläubige. Diesem Judenhass entgegenzutreten bleibt daher eine wichtige Aufgabe für alle in der Gesellschaft.

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08MRZ2021
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Heute könnte man neidisch nach Berlin blicken. Die Hauptstädter genießen ein langes Wochenende. Denn der heutige „Internationale Frauentag“ist in Berlin seit zwei Jahren ein gesetzlicher Feiertag.

Auch im katholischen Kalender gibt es eine wichtige Neuerung. Papst Franziskus hat den Tag der Hl. Maria von Magdala, den 22. Juli, in den Rang eines Apostelfestes erhoben. Damit unterstreicht der Papst die herausragende Rolle der Frau, die als erste dem auferstandenen Jesus begegnete. Schon die frühen Christen hatten Maria von Magdala als „Apostelin der Apostel“bezeichnet.

Das allein aber reicht vielen katholischen Frauen nicht aus. Sie erwarten von ihrer Kirche mehr als nur Worte und Symbole der Wertschätzung. Wann endlich erkennt die Kirche an, dass sich auch Frauen von Gott berufen wissen? Seit Jahrzehnten diskutiert man über ihre Zulassung zum Diakonat. Dabei wissen alle, dass Frauen diesen Dienst in den ersten Jahrhunderten leisten durften. Schon Paulus erwähnt in seinen Briefen Frauen wie Phöbe und Priska, die christliche Gemeinden leiteten. Offen gesagt verstehe ich nicht, warum Papst Franziskus hier nicht konsequent voranschreitet. Die Zeit ist längst reif für eine solche Reform.

Was die Schriftstellerin Hedwig Dohm (1831-1919) vor über hundert Jahren im Kampf um das Frauenwahlrecht sagte, das gilt auch für die Forderung katholischer Frauen heute. Rechtfertigen muss sich nicht, wer Selbstverständliches fordert. Im Unrecht ist, wer Selbstverständliches vorenthält.

Auf Jesus können sich die Verantwortlichen in der Kirche jedenfalls nicht berufen. Sein offener Umgang mit Frauen war in seiner Zeit geradezu revolutionär. Und er rief nicht nur Männer in seine Nachfolge, sondern auch Frauen wie Maria von Magdala und viele andere.

Die Hl. Teresa von Avila, eine leidenschaftliche Ordensfrau, betete deshalb schon vor 450 Jahren:

„Herr, meiner Seele! Die Welt irrt, wenn sie meint, dass wir nicht öffentlich für dich wirken dürfen noch Wahrheiten aussprechen, um derentwillen wir im Geheimen weinen. (…) Aber es wird der Tag kommen, mein König, wo dieses alles bekannt wird. (…) Ich werfe unserer Zeit vor, dass sie starke und zu allem Guten begabte Geister zurückstößt, nur weil es sich um Frauen handelt.“

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02JAN2021
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Eine Wohnung, Erdgeschoss, 60 qm, mit Vorgarten, Kaltmiete 88 Cent im Jahr. Sie haben richtig gehört. Diese Wohnung gibt es. Und nicht nur eine, sondern 140 in 67 Häusern. Und wo? In Augsburg.

Es handelt sich um die Fuggerei, die älteste Sozialsiedlung der Welt.

In diesem Jahr feiert sie ihren 500. Geburtstag. 1521 hat sie Jakob Fugger begründet, der damals wohl reichste Mann Europas. Milliarden hatte er als Unternehmer im Silberbergbau und als Bankier verdient. Vier Jahre vor seinem Tod stiftete er die Fuggerei. Sie ist bis heute eine „Stadt in der Stadt“. Einziehen durften verarmte Handwerker und Tagelöhner aus Augsburg, denen die Obdachlosigkeit drohte. Katholisch mussten sie sein und dreimal am Tag für die Stifterfamilie beten: ein Vaterunser, ein „Gegrüßet seist du, Maria“ und das Glaubensbekenntnis. Diese Gegenleistung gilt noch immer.

Heute leben hier überwiegend Senioren und bedürftige junge Familien.

Sie schätzen die Wohnlage, ist sie doch eine Oase der Ruhe mitten in der City. Daran ändern auch die Besucher nichts, die sich die Fuggerei ansehen möchten. Denn längst ist sie auch eine Augsburger Sehenswürdigkeit. Finanziert wird die Siedlung weiter vor allem aus dem Vermögen der Familie Fugger und den Eintrittsgeldern der Touristen.

Kein Zweifel: Jakob Fugger dachte zuerst an sein Seelenheil, als er die Fuggerei ins Leben rief. Aber er wollte auch der Gesellschaft etwas zurückgeben. Und das tun auch heute noch viele Wohltäter. In Deutschland existieren mehr als 30.000 christlich motivierte Stiftungen. Sie widmen sich der Sozialarbeit, helfen Menschen in Not. Andere engagieren sich in Bildung und Wissenschaft, sind aktiv in der Bewahrung der Schöpfung oder bereichern unsere Kultur, etwa im Denkmalschutz. Christen übernehmen Verantwortung und überlassen nicht alles dem Staat.

Wie arm wäre unsere Gesellschaft, wenn es diese vielen privaten Initiativen nicht gäbe!

Übrigens: In Augsburg soll im Jubiläumsjahr eine zweite Fuggerei entstehen - dann als sozialer Wohnungsbau im 21. Jahrhundert.

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