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SWR4 Sonntagsgedanken

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Woche vom 30.05.2010 bis 05.06.2010




Bernhard Riesch-Clausecker

Von Bernhard Riesch-Clausecker, Rottenburg-Wurmlingen, Evangelische Kirche

Fronleichnam

Donnerstag, 03. Juni 2010     [Druckversion]

Teil 1
Fronleichnam - das ist schon ein eigenartiger Feiertag. Ich muss gestehen: für mich als evangelischen Christen ist das der katholischste aller Feiertage.
Ich bin in einem evangelischen Ort aufgewachsen, die katholischen Christen waren in der Minderheit und entsprechend wenig habe ich damals von katholischer Frömmigkeit mitbekommen. Jetzt lebe ich seit einigen Jahren in einer katholisch geprägten Gegend. Und hier ist Fronleichnam ein wichtiger Tag. Kunstvolle Blütenteppiche schmücken die Ortschaften. Am Fronleichnamstag selber zieht die Gemeinde nach dem Gottesdienst in einer Prozession durch den Ort und über die Fluren. Die Blaskapelle voraus. Die Marienstatue aus der Kirche, die Monstranz mit dem Abendmahlsbrot werden durch das Dorf getragen. An verschiedenen Stellen sind Altäre aufgebaut. An denen wird Halt gemacht, wird gesungen und gebetet. Wie gesagt, für mich als evangelischen Christen ist das irgendwie ein eigenartiger Feiertag.
Und doch finde ich das beeindruckend, wenn man sich überlegt: An Fronleichnam geht die Kirche auf die Straße. Prozession kommt vom lateinischen pro-cedere, voranschreiten, vorwärts gehen. Etwas kommt in Bewegung. Genauer noch: etwas geht voran. Da wirft man der Kirche gerne Rückschritt, bestenfalls Stillstand vor. An Fronleichnam macht sie etwas anderes: Sie geht voran, sie geht vorwärts, sie richtet sich nach vorne aus. Wie das?
An Fronleichnam bleibt der Glaube nicht zuhause. Er geht auf die Straße. Er zeigt sich in der Öffentlichkeit. Der Glaube an den Gott der Bibel wird dahingetragen, wo das Leben spielt. In den Alltag. Wie geschieht das? In der elementarsten Form, die man sich denken kann. Im Brot. Das Brot auf der Straße. Das Brot im Alltag. Da fragt es jeden der mitgeht und jeden, der zuschaut: Was macht Dich satt, wirklich satt?
Nun gibt es bei uns, das weiß jedes Kind, nicht nur eine Sorte Brot. Nein unzählig viele Sorten Brot gibt es zu kaufen. Wer in eine Bäckerei geht und schlicht sagt: „Ich möchte gerne ein Brot", wird den unverständigen Blick der Verkäuferin ernten. „Ein Brot, guter Mann, welches Brot? Schwarzbrot, Mischbrot, Roggen-, Dinkel-, Hafer-, Vollkorn-, Fitness-. Welches soll's denn sein?"
In einer Welt, die unzählige Angebote parat stellt, wie man angeblich satt werden kann, tragen die katholischen Schwestern und Brüder das eine Brot durch die Straßen. Das eine Brot, das fragt: „Was macht Dich satt, wirklich satt?" Aber es fragt nicht nur, sondern zugleich zeigt es auf Jesus, der gesagt hat: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, wird nicht mehr Hunger haben."

Teil II
An Fronleichnam geht die Kirche auf die Straße. Mit dem Brot. Das wird in der Monstranz durch den Ort und über die Felder getragen. Brot ist ein Bild für das, was satt macht. Es ist so ein Bild für Gott, der es gut mit seinen Menschen meint, der da ist für seine Menschen. Nicht umsonst zeigt eine Monstranz oft beides zugleich: das Brot und das Kreuz. In allen Abgründen menschlichen Lebens gilt das, dass Gott einer ist, der da ist für seine Menschen. Dafür steht das Brot als Bild.
Christenmenschen tragen das hinaus in die Öffentlichkeit, hinaus in den Alltag. Ich verstehe das so: Es ist Christen nicht egal, was in der Welt geschieht. Sie bringen sich vielmehr ein. Reden mit, wenn es um die Würde des Menschen geht. Dass die unverlierbar allen Menschen gleich gilt. Am Anfang des Lebens wie auch an seinem Ende. Christenmenschen sagen, dass etwas falsch läuft in unserer Welt, wenn das Nicht-Genug-Bekommen-Können das Zusammenleben der Menschen bestimmt. Christenmenschen mischen sich ein, wenn das solidarische Miteinander in Frage gestellt und den Ellenbogen das Wort geredet wird. Darin, glaube ich, sind wir uns als evangelische und als katholische Christen einig.
Aber trotzdem wird mir am Bild des Brotes immer schmerzhaft bewusst, dass katholische und evangelische Christenmenschen gerade das Brot trennt. Ein gemeinsames Abendmahl, eine gemeinsame Eucharistie ist nicht möglich. Von einer Einheit sind wir ganz schön weit entfernt. Gott sei's geklagt.
Gewiss, Einheit muss nicht heißen, dass es nur noch eine christliche Kirche gibt. Eigentlich ist es ja für das Christentum ein Reichtum, wenn es unterschiedliche Ausprägungen des Glaubens gibt. Aber wenn es aus dem Vatikan heißt, nur die katholische Kirche sei Kirche im eigentlichen Sinn, müssen das evangelische Christenmenschen als Abwertung und Zurückweisung verstehen. Was bleibt da übrig für ein Miteinander?
Drei Dinge finde ich trotzdem wichtig: Zum einen können Christenmenschen sich nur gemeinsam den Problemen dieser Welt stellen. Auf dem Ökumenischen Kirchentag in München wurde der 1. September als Tag der Schöpfung ausgerufen. Das ist für mich ein Zeichen, dass Christenmenschen aus unterschiedlichen Konfessionen mit einer Stimme sprechen können.
Zum andern läuft, Gott sei Dank, vor Ort in den Gemeinden ganz viel gemeinsam: gemeinsame Feste, gegenseitige Besuche, gemeinsames soziales Engagement. Das darf, meine ich, nicht weniger werden.
Und schließlich sollten wir ehrlich zueinander sein. Klar herausstellen, was uns als verschiedene Kirchen eint: die Taufe, die Bibel, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser. Und ebenso klar benennen, was uns - noch - trennt. In der zähen Hoffnung, dass das Trennende überwunden werden kann im Blick auf Jesus. Er ist das Brot, von dem wir alle leben. Und er ist es, der uns an seinen Tisch einlädt.
Ich wünsche Ihnen einen guten Feiertag.



Susanne Storck

Von Susanne Storck, Bad Kreuznach, Evangelische Kirche

Fronleichnam

Donnerstag, 03. Juni 2010     [Druckversion]

Zu Hause habe ich eine bunt bemalte Kiste.
Muscheln, Steine, getrocknete Blumen liegen darin.
Auf den ersten Blick wertloses Zeug.
Aber für mich ist diese bunte Kiste wertvoll.
Sie erinnert mich an Zeiten, die ich nicht vergessen möchte.

Vielleicht haben Sie auch so ein Kästchen mit persönlichen Erinnerungen.
Unsere Kirchen jedenfalls bewahren Wertvolles. Sie bewahren Werte, die vom Leben erzählen, vom Leben mit Gott in der Welt.

Heute zeigen katholische Christen einen Schatz ihres  Glaubens öffentlich.
Und zwar bei ihren Prozessionen an Fronleichnam.
Katholiken ehren den lebendigen Leib von Jesus Christus.
Sie sagen uns: Schaut auf Christus!
Der lebendige Leib des Herrn - in der Eucharistie ist er mitten unter uns.

Als evangelische Christin bin ich mit dem Fronleichnamsfest nicht vertraut.
Dieses Fest gehört nicht zu meiner Kirche, nicht zu meiner Tradition.
Aber ich finde es gut, wenn Christen zeigen, woran sie von Herzen glauben.
Ich finde es gut, wenn sie sichtbar machen, was ihnen ihr Glaube wert ist

Abendmahl und Eucharistie sind für evangelische und katholische Christen von unschätzbarem Wert. Zugegeben, wir haben es an dieser Stelle schwer miteinander.

Die Leichtigkeit eines frohen Festes ist dahin, sobald wir an eine gemeinsame Mahlfeier denken. Die katholische Kirche verbietet es, dass evangelische und katholische Pfarrer miteinander das Abendmahl austeilen.

Viele Christen sind überzeugt: Das schadet der Kirche.
Und was mich betrifft, mir tut es weh, dass ich offiziell nicht zur Eucharistie eingeladen bin.
Denn das steht fest: Nicht Pfarrerinnen, Pfarrer oder Bischöfe sind die Gastgeber von Eucharistie und dem Heiligen Abendmahl.
Jesus selbst ist Gastgeber und zugleich Gabe.
Jesus hat uns das Abendmahl geschenkt, damit wir eins sind mit ihm, damit wir eins werden miteinander.

Diese Einheit ist zerrissen, so wie ein Tischtuch zerrissen sein kann. Aber das darf nicht so bleiben. Es ist nicht gut, die Hoffnung zu verlieren und sich damit abzufinden, dass Christen getrennt sein sollen gerade da, wo es um Gemeinschaft geht.

Der Kirchentag in München hat unserer Hoffnung Auftrieb gegeben.
Vielleicht waren Sie dabei am Freitagabend, beim Fest der tausend Tische. Es war zwar lausig kalt und regnerisch. Aber über Zehntausend kamen, um gesegnetes Brot miteinander zu teilen.

Ein gemeinsames Abendmahl war diese Feier nicht. Aber die Hoffnung von vielen hat Flügel bekommen! Christinnen und Christen haben den Tischen Beine gemacht, um zu zeigen: Auch wenn wir verschieden sind -
Wir haben eine Hoffnung. Wir teilen ein und dasselbe Brot. In diese Richtung sind wir miteinander unterwegs.

Teil II
Gemütlich gemeinsam  frühstücken. Zeit und Brötchen miteinander teilen.
Je älter ich werde, desto mehr schätze ich es, beim Essen nicht allein zu sein.
So richtig gelungen ist für mich eine Mahlzeit, wenn Leib und Seele satt werden.
So, wie vor Jahren bei einem Urlaub in Ägypten. Wir waren mit einem VW Bus unterwegs Richtung Alexandria.
Eigentlich ist die Strecke ganz einfach. Immer gerade aus. Aber was, wenn es so einfach doch nicht ist? Wenn Karte und Kompass versagen? Und ringsum nichts als Wüste?
Irgendwann stand fest:
Wir brauchten Hilfe. Zum Glück mussten wir nicht lange warten.
Kinder aus dem Beduinendorf hatten uns entdeckt. Neugierig schauten sie unseren Bus an.
Schnell entdeckten sie den Korb mit Kuchen und Obst. Es wurden immer mehr Kinder mit immer mehr Interesse an unserem Proviant.
So stellten wir unseren Sonnenschirm auf und machten ein Picknick.
Die Kinder teilten mit flinken Händen aus.

Später wies uns ein Beduine den Weg. Dieser Wüstenbewohner war unsere Rettung. Mit seiner Hilfe erreichten wir Alexandria noch vor Sonnenuntergang.
Bevor wir weiter fuhren, zog er Brot aus seiner Tasche und gab es uns.
Ich habe ein kleines Stück davon aufbewahrt bis heute.
Es sieht nicht mehr schön aus. Aber es erinnert mich an eine glückliche Erfahrung.

Es erinnert mich an eine fröhliche Tischgemeinschaft mit Kindern, deren Namen ich nicht kannte, deren Sprache ich nicht verstand. Aber wir waren offen füreinander und teilten, was da war.
Eine Fahrt durch die Wüste - das mache ich nicht alle Tage. Und doch kenne ich sie, die Wüstenzeiten. Ich hänge fest und weiß nicht weiter. Irgendwie habe ich die Richtung verloren.
Viele Fragen, wüste Zeiten. Aber es gibt sie - die Oase. Es gibt sie - auch in ihrer Nähe. Eine Oase in der Wüste, - das ist, wo Sie aufatmen können. Wo Sie Mut fassen, weil Sie nicht alleine mit allem fertig werden müssen.
Abendmahl und Eucharistie in unseren Kirchen haben viel von einer glückenden Tischgemeinschaft. Kommen Sie, schmecken und sehen Sie, wie freundlich Gott ist! Gott will nicht, dass Sie irgendwo fest hängen und versanden.
Gott will nicht, dass Sie kaputt gehen, weil Ihnen alles zu viel wird. Er deckt für Sie den Tisch.
Sie sind eingeladen in Ihrer Gemeinde zu feiern. Es muss Sie nichts mehr hindern. Es ist alles bereit. Jetzt ist Zeit für einen neuen Anfang mit Gott und der Welt.



Von

Fest der Dreieinigkeit Gottes

Sonntag, 30. Mai 2010     [Druckversion]

Heute haben viele ihre Probleme mit Gott - oder mit der Vorstellung von Gott, die ihnen als Kind vermittelt wurde. „Gott im Himmel oben" - diese Aussage hat seit Kopernikus und erst recht seit Galilei ihren Sinn verloren. Die Vorstellung, Gott sitze auf einem Thron irgendwo über uns in der Weite des Universums, diese Vorstellung scheint Vielen seltsam. Noch schlimmer: wenn man sich Gott als alten Mann mit weißem Bart vorstellt - und ganz schlimm: als jähzornigen Richter, der bloß wartet, bis der Mensch versagt - und dann zuschlägt.
Auch wer solche Bilder nicht kennt und auch nicht unter ihnen leidet, hat vielleicht mal eine negative Erfahrung gemacht: In seiner Not hat er zu Gott gebetet, aber keine Hilfe gespürt. Enttäuscht kündigt er die Beziehung auf.
Ich erinnere mich an die Begegnung mit einem Mann, der sich als Atheist bezeichnete. Als ich genauer hinschaute, entdeckte ich, dass er ein bestimmtes Gottesbild ablehnte, das er als christlich verdächtigte. Dabei hatte es nichts zu tun mit dem Gott Jesu Christi.
Interessant ist ja, dass die Urkunde des christlichen Glaubens, das Neue Testament, an einer Stelle sehr deutlich sagt, wer Gott ist und wie wir ihn uns vorstellen können. Es heißt da schlicht und einfach: „Gott ist die Liebe" (1. Johannesbrief 4,8).
Damit ist klar: Wenn ich also Gott ablehne, lehne ich die Liebe ab. Das kann man natürlich, aber ohne Liebe wäre niemand auf der Welt, weder Christ noch Atheist. Ohne Liebe gäbe es kein Leben. Das ist christliche Überzeugung, dass der Ursprung allen Lebens kein Zufall ist, auch kein rein biologisches Datum, sondern die Liebe, und die Liebe ist Gott und Gott ist die Liebe.
Diese Liebe sitzt nicht auf einem Thron weit weg über uns. Sie ist das Innerste, was es gibt. Dieser Liebe verdanke ich mein Leben, und wer Liebe lebt, ist Gott am nächsten.
Ich hab dies in persönlichen Begegnungen mit dem ersten Prior der Brüdergemeinschaft von Taizé in Burgund erlebt: mit Frère Roger Schutz. Aus seinen einfachen Worten und Gesten spürte ich die Liebe Gottes. Menschen, die einfach Liebe leben, ohne etwas Besonderes aus sich zu machen: sie strahlen diese Liebe am reinsten, am überzeugendsten aus.

Teil 2

Heute begehen die Christen ein Fest, mit dem sich nicht wenige schwer tun: das Fest der Dreieinigkeit Gottes. Wie soll man sich das vorstellen - ein Gott in drei Personen? Fällt es vielen schon schwer, sich unter Gott etwas vorzustellen, so wird das noch komplizierter beim dreieinigen Gott. Dabei bedeutet Dreieinigkeit etwas sehr Schönes. Es ist wie bei einer Familie: zu ihr gehören mindestens drei Personen, aber es ist eine Familie.
Gewiss ist das ein Bild, und Bilder treffen die Wirklichkeit nur andeutungsweise, aber sie sagen auch mehr als Worte. Die christliche Botschaft von Gott will sagen: Gott ist kein stummes Wesen, das irgendwo in der Ferne thront - ein Wesen, das sich selbst genügt. Nein, Gott ist Beziehung, ist Ich und Du, ist liebender Dialog. Deshalb spricht das Johannesevangelium von der wunderbar innigen Beziehung zwischen Jesus und Gott: „Ich und der Vater sind eins."
Jesus wollte aber keinen „Egoismus zu zweit", deswegen spricht er vom Geist, den er uns senden wird. Was bedeutet das?
Wenn zwei sich verstehen, spüren wir eine gute Atmosphäre, ein Klima des Wohlwollens. Wir spüren den guten Geist oder wie die Christen sagen: den Heiligen Geist, die dritte Person. Unter dem Wort „Person" stellen wir uns keine menschliche Gestalt vor. Das Wort kommt aus der griechischen Tragödie, wo die Schauspieler ihr Gesicht hinter eine Maske verbargen. Nur das Wort war wichtig, nicht das Gesicht. So spricht Gott sein Wort zu uns und es ist immer ein Wort der Liebe, weil Gott nichts anderes ist als Liebe.
Liebe ist immer Beziehung. Diese Erfahrung  macht schon das kleine Kind. Es lernt erst dann „ich" sagen, wenn es immer wieder von einem „Du" angesprochen und angelächelt wird. Dann entsteht Beziehung, dann entsteht Vertrauen.
Dieses Vertrauen zu missbrauchen, ist für Jesus ein schweres Übel. Beim Evangelisten Matthäus sagt Jesus: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde" (Matthäus 18.6). Das ist keine göttliche Drohung, aber ein dringender Appell.
Das Kind braucht Vertrauen, braucht Geborgenheit, muss sich auf uns verlassen können was immer auch geschieht. Nur so kann es in die Liebe hineinwachsen und selbst ein Mensch werden, der fähig ist zu lieben.