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Woche vom 11.10.2009 bis 17.10.2009




Wolf-Dieter Steinmann

Von Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen, Evangelische Kirche

Nächstenliebe probieren

Sonntag, 11. Oktober 2009     [Druckversion]

Und es trat zu Jesus einer von den Schriftgelehrten..und fragte ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: »..Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften“ Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« . (Mk 12, 28-31)

Teil 1
Das mit der Nächstenliebe könnte so einfach sein. Finden Sie nicht auch? Wenn die lieben Nächsten nur nicht so anders wären als man selber. Und oft sind sie nicht nur anders, sie sind auch noch schwierig anders.
Es fängt ja schon in der Familie an. Vor einiger Zeit habe ich es wieder erlebt: Große Familienfeier zum 90. Geburtstag. Und tatsächlich: Zu diesem besonderen Ehrentag haben sich fast alle eingeladen gefühlt und waren da. 4 Generationen. Aus der ganzen weit verstreut lebenden Verwandtschaft. Aber halt trotzdem nur „fast alle“. Es war wie es wohl fast überall wäre. Manche kommen nicht, wenn sie wissen, dass bestimmte andere auch kommen. Dann bleiben sie lieber weg. Und die da sind, schnaufen durch und sind froh, dass sie nicht gekommen sind. Es könnte so einfach sein mit der Nächstenliebe, wenn die anderen nicht oft so anders wären.
Im Lauf des Tages kann man es bei so einem Fest dann immer wieder spüren: Wie anders die anderen sind, denken und leben:
An einem Tisch gibt es Streit über Politik. Die Enkel rollen mit den Augen, weil die Marotten der alten Tante noch ein bisschen schwerer auszuhalten sind als früher.
Und man merkt immer wieder: Es fällt uns nicht leicht, andere anders sein zu lassen, ohne über sie zu urteilen, ohne überheblich zu werden, ohne zu streiten. Wenn das bei einer Familienfeier schon so ist. Muss man sich da wundern, dass es im Leben ähnlich ist? Zwischen Nachbarn, unter Kollegen. Erst recht da, wo man in Konkurrenz zueinander steht. Wenn man sich durchsetzen will. Gegen andere, die was anderes wollen. Oder zwischen hier Geborenen und Zuwanderern, zwischen verschiedenen Religionen und Nationen.
Mit der Nächstenliebe ist es nicht so einfach. Jesus hat das zu seiner Zeit auch gewusst. Und deshalb gesagt: Die Nächstenliebe ist das wichtigste Gebot fürs Leben. Für ein gutes Zusammenleben. Er hat es vor gelebt und Menschen angestiftet, es immer wieder zu versuchen. Indem er Geschichten erzählt hat, wie es klappen kann. Keine wie es nicht klappt. Das ist einfach. Positive Geschichten hat er erzählt. Die vom barmherzigen Samariter z.B. der eben nicht einfach nur stur seine Ziele verfolgt hat, sondern angehalten hat, als einer verletzt am Straßenrand lag. Er hat den anderen gesehen mit seinen Bedürfnissen. Ich glaube, so fängt Liebe an.
„Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“ Es ist nicht einfach, Menschen, die so anders sein können, zu achten, zu ertragen, barmherzig mit ihnen zu sein. Aber Jesus hat daraus nicht die Konsequenz gezogen: Vergiss sie doch. Sondern: Nächstenliebe probieren. Immer wieder. Auch wenn man nicht perfekt darin wird. Nächstenliebe ist zu wichtig. Für ein gutes Leben. In der Familie und weit darüber hinaus.

Teil 2
„Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.“
Das ist Höchste für ein gutes Zusammenleben. Meint Jesus. Er stellt Nächstenliebe auf eine Stufe mit der Liebe zu Gott.
Aber hat er damit nicht ein bisschen arg arg hoch gegriffen? Kann man andere Menschen lieben, wo es doch oft schon bei denen nicht klappt, die einem nahe stehen. Unter Geschwistern, in der Familie. So liebenswert sind die anderen doch meistens gar nicht.
Ich mach das ja normalerweise so: Man liebt jemand anderen, weil der liebenswert ist. Heißt: Ich mache meine Achtung und Wertschätzung für den anderen vom anderen abhängig. Wenn der nicht liebenswert ist, ist er meiner Liebe nicht wert.
Und genau an der Stelle dreht Jesus den Spieß um. Ich glaube, da liegt für Jesus der entscheidende Punkt.
Er meint: Ob ich jemand andere achte oder nicht, ihm Gutes zukommen lasse, den anderen nicht runter mache, das ist zuerst eine Sache, die mich angeht. Wie ich bin.
Jesus sagt das so: „Wenn ihr jemand anderen liebt, von Euch selbst aus, dann erweist ihr euch als Söhne und Tochter eures Vaters im Himmel. Denn der lässt seine Sonne auch über Bösen und Guten aufgehen und lässt es auch regnen für Gerechte und Ungerechte.“
Jesus dreht also meine Blickrichtung herum. Er meint, ich soll nicht fragen: Sind die anderen liebenswert? Sondern, ich soll darauf aufpassen, dass ich selbst liebesfähig bleibe. Positiv anderen Menschen gegenüber. Dass ich es nicht zulasse, dass mich das Leben hartherzig macht. Oder sogar zynisch. Dass ich andere nicht von oben herab beurteile und behandle. Kein Menschenverächter werde. Jesus meint, wer die Kraft zu lieben verliert, der nimmt zuerst Schaden an sich selbst. Er macht zuerst sich und dann auch anderen das Leben schlecht und schwer.
Aber überfordert man sich mit solcher Nächstenliebe nicht?
Vielleicht doch nicht: „Lieben“ bedeutet für Jesus nämlich nicht, ich muss alle Menschen sympathisch finden oder gar liebevolle Gefühle für sie haben. Lieben ist für ihn was sehr Praktisches, Handfestes, etwas was dem Zusammenleben gut tut. Lieben bedeutet, Menschen als Menschen zu achten und ihnen praktisch gut zu tun. Wie der barmherzige Samariter. Der hat mit dem Überfallenen geredet, ihn verbunden. Das ist Liebe konkret.
Oder bei dem großen Familienfest. Auch wenn die skurrile Tante ihr Leben zum xten Mal erzählt. Es tut ihr gut, wenn man ihr zuhört. Und anderen gut tun, das ist lieben.
„Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst“, sagt Jesus. Er weiß, wie schwierig anders wir Menschen füreinander sind. Aber erst recht meint er, wir können gut miteinander leben, wenn wir einander achten und Gutes gönnen. Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag.