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SWR2 Wort zum Sonntag

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Woche vom 29.05.2011 bis 04.06.2011




Dr. Angela Rinn

Von Dr. Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche

Einfach ist manchmal zu einfach

Sonntag, 29. Mai 2011     [Druckversion]

„Was würde Jesus tun?", viele berühmte Menschen haben gesagt, dass das eine Richtschnur für ihr Leben ist. Ganz schön anspruchsvoll, finde ich, nichts für Leute, die einfache Antworten wollen. Mit Jesus muss man sich schon Mühe machen, genau hinschauen, worauf es ankommt. Er macht es den Menschen nicht leicht, auch nicht seinen Freunden. Etwa den Schwestern Maria und Marta. Marta rackert sich im Haushalt ab, Maria hockt sich ruhig zu seinen Füßen und hört zu, was Jesus zu sagen hat. Kein Wunder, dass Marta ärgerlich wird und sich beschwert. Aber Jesus unterstützt erstaunlicherweise Maria. Sie hört zu, hat damit das bessere Teil erwählt. Meint Jesus.
Einfache Lösungen sind nicht immer die besten Lösungen. Eine Krankengymnastin hat mir in der letzten Woche erklärt, dass unser Körper naturgemäß faul ist. Deshalb richtet man sich schnell in einer falschen Haltung ein und lässt sich buchstäblich hängen. Schultern nach vorne, gebeugtes Kreuz. Das hält zwar, dank unserer Bänder, ist aber ziemlich ungesund. Warum soll ich mich anstrengen, denkt der Körper, wenn es auch leichter geht, und erst wenn die armen geplagten Bandscheiben dieses Hängenlassen nicht mehr mitmachen kapiert der ganze Mensch, dass Faulheit ihren Preis hat. Die einfache Haltung tut dem Körper nicht gut.
Was würde Jesus tun? Es ist immer wieder neu zu erwägen, was das ist. An jedem Tag. Das wäre völlig überfordernd, wenn es nicht einen roten Faden gäbe, eine Richtschnur, die bleibt im Hin- und Her, im Auf und Ab der Achterbahn, die Jesus uns zumutet. Vor der Begegnung im Haus von Maria und Marta erklärt Jesus das höchste Gebot. Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst. Die Liebe also soll die Richtschnur sein, ein liebevolles Beziehungsgeflecht zwischen Gott und den Menschen. Klingt eigentlich auch einfach, doch die Herausforderung besteht darin, in der jeweiligen Situation zu entscheiden, was das konkret bedeutet. Maria wird nicht tagelang zu Jesu Füßen gesessen haben, irgendwann bekommt sogar der Heiland Hunger. Und Maria auch. Dann ist es das gute Teil, ein schmackhaftes Mahl zuzubereiten.
Liebe lehrt mich die Kunst der Unterscheidung: Was ist wann das gute Teil? Für mich, für meinen Nächsten, für Gott? Um unterscheiden zu können, muss ich allerdings in Bewegung bleiben. Wer immer nur auf einfach auf einer Stelle sitzt - und sei es auch zu Jesu Füßen - kann das nicht.
„Was ist anders geworden nach dieser Übung?" fragte mich die Krankengymnastin, und ich fand es ganz schön schwer, das genau zu beschreiben, zu unterscheiden, was vorher war und was jetzt. „Lernen Sie, auf ihren Körper zu hören, er sagt Ihnen viel. Er ist zwar faul, aber er weiß im Grunde schon, was ihm gut tut und was nicht," ergänzte sie. Da habe ich gemerkt, dass ich schon lange nicht mehr auf meinen Körper gehört habe und es eine große Herausforderung ist, das neu zu lernen. Sicherlich war ich in meinem Leben nicht sonderlich liebevoll mit meinem armen Körper umgegangen, habe ihm nicht zugehört, wollte ihm auch nicht zuhören, sondern habe ihm immer mehr aufgelastet. Jetzt lerne ich, auf ihn zu achten, damit ich lerne zu unterscheiden, was gut für ihn ist und was nicht, und alles zusammen ist letztlich ein liebevoller Umgang mit ihm. Ich nehme einmal an, das tut dann auch meiner Seele gut, dem ganzen Menschen.
Offenbar gehören Hören und Unterscheiden und Lieben zusammen. Kein Zufall also, dass bei Jesus das Hören eine so große Rolle spielt. Kein Zufall also, dass Maria im Hören das gute Teil erwählt hat. Kein Wunder also, dass sie dadurch in der Lage war zu unterscheiden, was an diesem Ort zu dieser Stunde das richtige war für sie, für Jesus, aber auch für Marta. Die vielleicht diesen Hinweis von Jesus brauchte. Damit sie ihre Sorge und Mühe für diese eine kostbare Stunde lassen konnte, in der Jesus in ihrem Haus war. Um zu hören. Um ganz Ohr zu sein. Für sich, für ihre Schwester, für Jesus.