Manuskripte

SWR2 Wort zum Sonntag

Woche vom 21.10.2007 bis 27.10.2007




Gerd Schmoll

Von Gerd Schmoll, Freiburg, Evangelische Kirche

Der Traum vom offenen Himmel

Sonntag, 21. Oktober 2007     [Druckversion]

Es gibt Bilder in der Bibel, die sich in das kulturelle Gedächtnis tief eingegraben, die Spuren in der bildenden Kunst, in der Musik, in Bauwerken hinterlassen haben. Durch religiöse Erziehung begleiten viele von ihnen Menschen von Kindesbeinen an.. Ein solches Bild malt eine Geschichte im ersten Buch der Bibel. Es ist das Bild im Traum eines Flüchtlings, der sich, vom Tode bedroht, auf den Weg in eine ungewisse Zukunft gemacht hatte. Jakob, der Stammvater Israels, träumt.

Von Jakob erzählt die Geschichte: Die Sonne geht unter. Müde sucht der Flüchtling einen Platz, wo er Ruhe finden kann. Wählerisch kann er nicht sein. Getrieben von Angst und erschöpft, begnügt er sich mit dem Platz bei einem großen Stein. Dorthin legt er sich. Ich stelle mir vor: Bevor er in den Schlaf der Erschöpfung sinkt, bedrängen ihn die Bilder von den Ereignissen, die ihn in die Flucht getrieben hatten. Er denkt an die Mutter, die ihn, den Lieblingssohn, ganz oben haben wollte und ihn dazu anstiftete, den Vater, den Bruder zu betrügen und den Segen des Vaters zu erschleichen. Er sieht sich bei seinem Betrugsmanöver, wie er, in den Kleidern des Bruders und mit einem Fell an den Armen und am Hals, sich vor dem erblindeten Vater als seinen Bruder ausgibt und den Vater täuscht, der ihm dann den Segen des Erstgeborenen gibt. Er empfindet erneut den Schrecken, als ihm die Mutter von der Morddrohung des Bruders berichtet und ihn zur Flucht treibt. Die Bilder bedrängen den Verstörten, bis er in tiefen Schlaf sinkt.

Ein Mensch auf der Flucht. Auf der Flucht vor einer Bedrohung. Auf der Flucht vor dem, was er getan hat und dessen Folgen. - Fluchtbewegungen, den Drang davonzulaufen, gibt es im Leben aller Menschen. Eine große Unruhe kann das Leben bestimmen. Sie wirkt sich aus in der Jagd nach immer neuen Erlebnissen, in der Unzufriedenheit mit dem, was man ist oder hat, in der Furcht, zu kurz zu kommen. Oft es ist aber auch die Flucht vor der Verantwortung, die Flucht vor dem eigenen Versagen, vor dem, was man angerichtet hat wie bei Jakob, die Flucht vor uns selbst. Können da Träume helfen?

Jakob träumt. Er sieht im Traum eine große Leiter, die Himmel und Erde verbindet. Es ist eine riesige Treppe, wie sie in der alten Welt Tempeltürme hatten als Zugang zum Heiligtum. Darauf steigen Engel auf und nieder und stellen die Verbindung her zwischen Himmel und Erde. Der Himmel ist offen über dem Träumenden. Und Gott ist nahe. Er spricht zu ihm. Er verspricht dem erschöpften und verstörten Betrüger: Ich bin mit dir. Ich will dich behüten, wo du hinziehst. Ich will dich nicht verlassen. – Jakob erwacht. Und fürchtet sich, aber anders als zuvor. Es ist jetzt das erschrockene Erstaunen über Gottes Nähe an seinem Fluchtort, die Entdeckung, dass Gott uns Menschen näher ist, als wir es wissen und spüren, nah auch in unserer Angst und unserer Schuld. Jakob weiß, dass Gottes Zusage keine Rechtfertigung seines Betrugs ist. Er kann darum kaum fassen, dass Gott dennoch mit ihm sein möchte und ihn nicht lässt. -
Marc Chagall hat Jakobs Traum gemalt: Man sieht Jakob in einem blutroten Gewand träumend an den Felsen gelehnt, über ihm die Leiter und die Bewegung der Engel. In der rechten Bildhälfte entdeckt man eine zweite Himmelsleiter, mit ihr verbunden ein schwebendes Kreuz mit einem Gekreuzigten. Der Himmel öffnet sich über dem Kreuz, dort, wo gelitten wird. Gott ist den Leidenden nahe! Und Chagall denkt an das Leiden seines Volkes. Christen können nicht anders als daran zu denken, dass sich der Himmel öffnet, weil der gekreuzigte Jesus für alle Menschen gelitten hat. Dass darum Gott auch denen nahe ist, die versagt haben. Dass er nahe ist in der Angst. Dass er Schuldige nicht lässt. Dass sie ihren Weg mit ihm gehen und neue Wege finden können! Per E-Mail empfehlen