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Woche vom 16.10.2011 bis 22.10.2011




Elisabeth Schmitter

Von Elisabeth Schmitter, Rottenburg, Katholische Kirche

Der stotternde König

Samstag, 22. Oktober 2011     [Druckversion]

Es kommt nicht oft vor, dass ich im Kino ein Taschentuch brauche. Aber vor ein paar Monaten war es mal wieder so weit. Der Film heißt The King's Speech und erzählt die Geschichte von Georg VI., dem Vater von Königin Elizabeth. Er hatte das, was man einen Sprachfehler nennt: er stotterte. Nun haben das viele Leute und müssen damit leben. Die meisten suchen sich einen Beruf aus, in dem es nicht so sehr aufs Sprechen ankommt. Ein König sucht sich keinen Beruf aus, er muss sprechen. Der Film erzählt von Selbstzweifeln und Niederlagen, und von der Begegnung mit einem unkonventionellen Therapeuten. Er versteht es, dem sensiblen König so viel Selbstvertrauen zu geben, dass der aus dem Gefängnis seiner Sprachbehinderung heraustreten kann und seiner Rolle und seinem Amt gewachsen ist.

Das Sprechen und die Sprache, sagt man, sei das, was uns von anderen Lebewesen unterscheidet und zu Menschen macht. Aber was wäre das Sprechen-Können ohne das andere, ohne die Erfahrung, dass man etwas eben nicht über die Lippen bringt, dass man sich verhaspelt, dass man sich einen unbewussten Versprecher leistet und alle lachen, dass einem jedes Wort im Hals stecken bleibt, dass man etwas sagen muss, hinter dem man gar nicht steht, dass man das, was man ausdrücken möchte, einfach nicht rüberbringen kann. Ich glaube, das Ringen um die Sprache und ums Sprechen ist mindestens genauso menschlich wie die Schönheit des flüssigen und kunstvollen Sprechens.

Seit 1998 gibt es einen ‚Welttag des Stotterns', heute ist dieser Tag. Und ich hätte auch einen Vorschlag, wen man zum Patron der Stotterer machen könnte und all derer, die es schwer haben mit dem Sprechen oder überhaupt nicht sprechen können. Es ist der Apostel Paulus. Schreiben konnte er wie kaum ein anderer, seine Briefe haben die ganze christliche Theologie geprägt und gehören zur Weltliteratur. Aber wenn er vor vielen Menschen sprechen sollte, tat er sich schwer und konnte nicht überzeugen. Das hat er selbst in seinen Briefen geschrieben.

Der sprachgehemmte Apostel und der stotternde König. Beide sind gerade durch ihre persönliche Grenze, durch ihre Behinderung zu dem geworden, wofür sie verehrt und geliebt wurden: menschliche Menschen.

 

 

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Wahrzeichen

Freitag, 21. Oktober 2011     [Druckversion]

Jede Stadt hat ihr Wahrzeichen. Moskau und der Kreml, New York und die Freiheitsstatue, Stuttgart und der Fernsehturm, das gehört einfach zusammen.

 Wahrzeichen. Was für ein hochtrabender Begriff für eine doch eher prosaische Sache. Man sieht ein Gebäude und weiß sofort, wo es hingehört. Das hat doch nichts mit Wahrheit zu tun. Oder doch? Wenn in einem Reiseprospekt der schiefe Turm von Pisa für eine Abenteuerreise nach Alaska werben sollte, dann würde ich sofort denken, da stimmt doch was nicht. Wahrheit hat damit zu tun, dass verschiedene Wahrnehmungen übereinstimmen. Wenn jemand etwas sagt, und in seinem Gesicht steht etwas ganz anderes, dann werde ich misstrauisch. Sogar mir selbst gegenüber, denn manchmal spüre ich ja schon beim Sprechen, dass innen und außen nicht übereinstimmt. Das Wahrzeichen ist sozusagen das Garantiesiegel: Wo Eiffelturm draufsteht, muss Paris drin sein.

Hab ich denn auch so ein Wahrzeichen? Vielleicht ist es meine Haarfarbe, mein Lachen, mein Auto, meine Familie, meine Freunde? Oder eher etwas, das man mir nicht von außen ansieht, mein Beruf, mein Dialekt, meine politische Überzeugung. Vielleicht ist es auch meine Wirkung auf andere, meine Ausstrahlung, die mir selbst gar nicht bewusst ist, von der andere aber sagen: das ist typisch Elisabeth. Oder ist es das, was mich trägt, die Hoffnung, aus der ich lebe? Das Vertrauen, dass für mich gesorgt ist und dass ich niemals ins Leere fallen kann?

Ich glaube schon, dass mein Glaube wesentlich zu meiner Person gehört, und ich fände es auch schön, wenn man mir das irgendwie anmerken könnte. Aber ich trage ihn nicht vor mir her. Nicht, dass ich meinen Glauben verschweigen wollte, ich möchte nur der Logik des Lebens folgen: Ein Kind muss ja auch zuerst spüren, dass die Eltern es lieben, bevor man ihm sagen kann, dass Gott es noch viel mehr liebt. Zuerst kommt das Leben, dann die Deutung.

 

Eigentlich müsste ich dann selbst zum Wahrzeichen werden. Was ich tue, wie ich mich verhalte, was ich ausstrahle und was ich sage - nur wenn das auch zusammenpasst, kann man mir glauben. Heute will ich mal darauf achten und daran denken, dass ich mein eigenes Wahrzeichen bin.

 

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Richtig und falsch

Donnerstag, 20. Oktober 2011     [Druckversion]

Was ist gut und was ist schlecht? Was ist richtig und was ist falsch? Diese Fragen  heften sich uns an die Fersen, sobald wir die ersten Schritte machen, und sie begleiten uns ein Leben lang. Im Kindergarten lernen wir, dass es nicht richtig ist, alle Sandkastenförmchen für uns zu behalten, andern die Autos kaputt zu machen oder die Kekse wegzuessen, bei Streitereien zu kratzen und zu beißen. Und je älter wir werden, desto mehr Bereiche kommen dazu.

Was ist richtig und was ist falsch? Wer im Leben zurechtkommen will, sollte das einfach wissen, und zwar in ganz verschiedenen Lebensfeldern. Und woher wissen wir, was richtig und was falsch ist? Kinder lernen es, wenn alles gut läuft, von den Eltern und anderen Erwachsenen, und die haben es wieder von ihren Eltern gelernt und so weiter. Jede Generation gibt dieses Wissen an die nächste weiter. Wenn es verlorenginge, gäbe es keine gemeinsamen Regeln mehr und das Zusammenleben würde im Chaos und in Gewalt versinken. Aber keine Angst: soweit wird es nicht kommen.

Was mich so sicher macht? Es gibt da etwas, das uns ins Herz geschrieben ist, eine Grundregel des Lebens, quer durch alle Religionen, Kulturen und Nationen. Natürlich klingt diese Regel in den vielen Sprachen der Welt unterschiedlich, letztlich aber meinen alle dasselbe. In der Bibel heißt das so: Alles, was du für dich willst, das tu auch anderen. Der Volksmund hat es umgedreht: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Und der Hindu Gandhi sagt: Ich kann dir nicht weh tun, ohne mich selbst zu verletzen. Auch eine interessante Übersetzung.

Man nennt das die Goldene Regel. Sie gehört vielleicht zum seelischen Gencode, den wir in uns tragen und der unser Verhalten bestimmt. Ich kann zwar dagegenhandeln, aber dadurch verschwindet er nicht einfach. Deshalb ist auch der ethische Grundbestand in allen Kulturen vergleichbar. Man kann sagen: Das ist das Erbe der Evolution, denn es gehört zur Überlebensausrüstung der Gattung Mensch. Ich sehe darin aber auch die Signatur, die uns der Schöpfer in die Seele geritzt hat. Damit wir nie vergessen, woher wir kommen, wohin wir gehen und wem wir gehören.

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Berge und Ameisen

Mittwoch, 19. Oktober 2011     [Druckversion]

Eine Szene beim Bergwandern: Beim Aufstieg überholen wir einen Vater mit seinem wirklich noch sehr kleinen Sohn. Sie sind schon ziemlich weit oben, und ich staune, wie klaglos der Kleine läuft. Aber dann bleibt er auf einmal stehen, und ist durch nichts dazu zu bewegen, weiter zu gehen. Guck mal, Papa, eine Ameise! Der Vater versucht zu überzeugen: Ach, Ameisen gibt's doch überall! Jetzt schau doch mal, wie weit man hier sehen kann, das gibt's nur hier! Der Kleine bleibt lieber beim Kleinen. Er interessiert sich nicht für den einzigartigen Fernblick. Er findet die Ameise, die über einen Stein krabbelt, viel spannender.

Ja, die Perspektive. Für den Vierjährigen ist die Ameise in jeder Hinsicht näher als für seinen baumlangen Vater. Und der hat auch schon gelernt, dass auch mächtige Berge aus der Entfernung klein aussehen und trotzdem groß sind. Der Kleine weiß das noch nicht und traut dem, was er sieht: kleine Berge, die nicht höher scheinen als er selbst. Und dann noch so weit weg, dass man sie nicht anfassen kann. Da bleibt er doch lieber bei seiner Ameise, da kann man wenigstens zuschauen, wie sie sich bewegt.

Die Perspektive. Sie ist vielleicht das Spannendste am Leben. Denn sie macht die Wirklichkeit erst zu dem, was ich als wirklich empfinde. Ich zum Beispiel schaue aus der Perspektive des Glaubens auf die Welt. Ich glaube, dass alles, was ist, einen Grund hat, und diesen Grund nenne ich Gott. Die Berge und die Ameise und der kleine Junge und sein Vater und das Heidekraut auf dem Weg und das Picknick im Rucksack. Das alles steht für mich in Verbindung zueinander, weil alles aus derselben Hand kommt und in dieselbe Hand zurückkehrt. Wenn man die Welt aus anderem Blickwinkel betrachtet, zeigt sie sich anders, und ich kann nicht sagen, das eine sei richtig und das andere falsch. Oder der Berg sei schöner als die Ameise. Die Perspektive lenkt nur meinen Blick, mal auf das eine, mal auf das andere. 

Ich weiß nicht, ob Vater und Sohn es noch bis oben geschafft haben, wir haben sie überholt und sind weiter gegangen, amüsiert über diese niedliche Szene. Schließlich stand ich auf dem Gipfel, ein bisschen außer Atem, aber stolz auf meine Leistung und beeindruckt von einer grandiosen Landschaft. Dann hab ich mich hingesetzt und gepicknickt - und Ameisen beobachtet.

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Abschied nehmen

Dienstag, 18. Oktober 2011     [Druckversion]

Das Geklirr habe noch in den Ohren. Ich will eben noch schnell die Spülmaschine ausräumen. Aber ich passe nicht richtig auf, da fallen ein paar Tassen aus dem Küchenschrank auf die Fliesen. Der Boden ist voller Scherben. Zwei Becher aus einem blauen Keramikgeschirr, natürlich nicht die, die eh schon eine Macke hatte, sondern die anderen, die noch ganz waren. Schade drum, na ja. Aber dann das: die unscheinbare weiße Porzellantasse, aus der ich als Kind meinen Kakao getrunken habe. Sie war eines der wenigen Erinnerungsstücke, die ich mitgenommen habe, vor Jahren, als der Haushalt meiner Eltern aufgelöst wurde.

Da liegt sie nun, die Tasse. Schön war sie nicht, auch nicht wertvoll, und ich hatte sie nur noch im Gebrauch, wenn alle anderen schmutzig waren. Aber ich hätte sie nie weggeworfen. Denn in ihr war immer noch meine Kindheit, ein Teil von mir selbst. Jetzt also ein abrupter Abschied. Ein Abschied, den ich selbst nicht hätte vollziehen können, jetzt wird er einfach vollzogen, ob ich bereit bin oder nicht.

Auf dem Weg zur Arbeit denke ich: Nur eine Tasse, und so schwer fällt es mir, mich davon zu lösen und weiter zu gehen. Natürlich gibt es Abschiede im Leben, die andere Kaliber sind und mit denen man klarkommen muss. Aber auch die vielen kleinen Abschiede sind nicht ohne. Sie brauchen mehr seelische Kraft als man denkt.

Bei jedem Abschied werde ich an etwas Wichtiges erinnert. Jeder Abschied sagt mir: Geh weiter, du bist noch nicht am Ziel. Ein Leben ohne Abschied gibt es erst, wenn ich alle irdischen Wege bis zum Ende gegangen bin, erst in der anderen Welt, im Himmel, hat man früher gesagt.

Am Abend habe ich eine der Scherben nochmals aus dem Mülleimer geholt und sie kurz in der Hand gehalten. Da war alles wieder da, die Kindheit mit ihren kleinen Seligkeiten und mit ihren Ängsten. Und irgendwann hab ich gespürt: es ist gut. Es ist gut, dass alle diese Wege seit damals hinter mir liegen. Es ist gut, dass ich bis dahin geführt worden bin, wo ich heute stehe.

Der kleine Abschied hatte einen ganzen Tag gebraucht. Am Ende lag die letzte Scherbe im Müll. Als ich nach Tagen zum Container ging, um den Eimer zu leeren, war ich innerlich schon ein paar Schritte weiter.

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Ansteckungsgefahr

Montag, 17. Oktober 2011     [Druckversion]

In jedem Winterhalbjahr rollt sie wieder heran, die so genannte Grippewelle, vor zwei Jahren bekam sie den wenig charmanten Namen Schweinegrippe. Und genauso regelmäßig tauchen dann in Toiletten und öffentlichen Räumen kleine Aushänge auf. Die weisen auf die Ansteckungsgefahr hin und geben Ratschläge, wie man es verhindern kann, sich anzustecken. Regelmäßig die Hände waschen, auf den gewohnten Handschlag verzichten, das Immunsystem stärken durch Vitamine und Spaziergänge, ausreichend schlafen.

Grippewellen kommen und gehen, und wenn man vorsichtig ist und auch noch Glück hat, kommt man ungeschoren davon. Andere Krankheiten breiten sich immer stärker aus, und die Kassen und die Gesundheitsbehörden schlagen Alarm. Eine solche Erkrankung, die wie eine Epidemie um sich greift, heißt Erschöpfungsdepression, manche nennen es auch Burnout.
Vielleicht, so stelle ich mir vor, wird's irgendwann auch dazu solche Empfehlungen geben, wie heute beim Ausbruch von Seuchen. Die hängen dann überall, wo viele Menschen hinkommen und warnen vor ‚Ansteckung' mit Depression. Was könnte da drauf stehen? Wie kann man sich davor schützen?
In dem Gedicht Zusage von Andrea Schwarz habe ich solche Empfehlungen gefunden, die helfen könnten, einer Ansteckung mit der Volkskrankheit Depression vorzubeugen:

 

du brauchst nicht

das Unmögliche

möglich zu machen

du brauchst nicht

über deine Möglichkeiten

zu leben

du brauchst dich nicht

zu ängstigen

du brauchst nicht

alles zu tun

du brauchst

keine Wunder zu vollbringen

du brauchst dich nicht

zu schämen

du brauchst nicht

zu genügen

du brauchst Erwartungen an dich

nicht zu entsprechen

du brauchst

keine Rolle zu spielen

du brauchst nicht immer

kraftvoll zu sein

 

und du brauchst nicht

alleine zu gehen [1]

 

Bei Infektionskrankheiten wird empfohlen, bestimmte Dinge zu tun. Hier könnte empfohlen werden, bestimmte Dinge zu lassen, mehr geschehen zu lassen als aktiv zu tun. Erst mal auszuatmen, statt gleich wieder tief Luft zu holen für die nächste Aufgabe. Um Hilfe bitten, statt alles selbst bewältigen zu wollen. Und vor allem: lernen, dass das Leben zuerst und zuletzt ein Geschenk ist - und dann, aber wirklich erst dann, auch Herausforderung und Aufgabe.

 


[1]   in: Andrea Schwarz, Du Gott des Weges segne uns. Gebete und Meditationen, Verlag Herder, Freiburg i. Breisgau 2008

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