Woche vom 16.08.2009 bis 22.08.2009 
Günther Gremp trifft die Schriftstellerin Petra Urbahn
Sonntag, 16. August 2009

In mir war dieses Gefühl Glaube lebt vom Weitersagen, ist in vielfältige Überlieferungen eingebunden; so bewegt sich zur Stunde in Bingen die Rochuswallfahrt aus der Stadt auf den Berg. 1666 wegen der Pest versprochen und seitdem jedes Jahr durchgeführt. Glaube wächst in der Gemeinschaft. Andererseits: in Bingen lebt eine Schriftstellerin, Petra Urban, deren atheistischer Vater das Glauben regelrecht verbot, vergebens:
Es war schlichtweg da, dieses Gefühl, dass da etwas Höheres ist, dass da etwas ist, was mich hält, was mich beschützt, was für mich da ist. Was aber auch von mir erwartet, dass ich in Beziehung zu ihm trete. Ich kann das auch logisch wirklich nicht begründen. Es ist so, dass es in mir war, dieses Gefühl und dass es mich getragen hat ein Leben lang.
Geboren in Sachsen, aufgewachsen in Düsseldorf, lebt die promovierte Literaturwissenschaftlerin heute in Bingen am Rhein.
In die enge Gasse, in der sich Petra Urban ein altes Häuschen gekauft hat, kommt man nur zu Fuß. Trotzdem, in eine einsame Dichterklause hat sich die 51jährige nicht zurück gezogen. Sie lebt mitten in der Stadt zwischen Rhein und Nahe. Anfang der 90iger Jahre ist sie von Düsseldorf hierher gezogen, in die Stadt der Hildegard von Bingen. Ihren Vater hätte das gegraust:
Mein Vater war ein überzeugter Atheist, Glauben hat er strikt abgelehnt. Man diskutierte über alle möglichen Philosophien und Theorien, aber nicht über das, was man allgemein unter Glaube versteht. Und es war so, dass mein Vater es regelrecht lächerlich zu machen verstand, so dass ich als Kind gemerkt habe: das ist ein Thema, da schweigst drüber. Und das habe ich so inhaliert, möchte ich sagen, dass ich dieses Thema viele Jahre für mich ganz weit weg geschoben habe, obwohl ich immer als Kind schon gebetet habe, weil ich eine Großmutter hatte, die mir das las Kind schon beigebracht hat.
Das war`s aber auch schon. Eine Kirche von innen sah auch die Großmutter wie die ganze Familie höchstens aus kulturhistorischen Gründen. Gottesdienst hat der dominante Vater, wie Petra Urban ihn beschreibt, nicht zugelassen, auch nicht den Religionsunterricht der Tochter.
Er wollte das nicht, aber ich habe als Kind schon darauf bestanden, dass ich hinten sitzen darf und deshalb durfte ich zuhören. Und ich habe eifrig mit geschrieben, das klingt jetzt fürchterlich klischiert, aber es ist wirklich so gewesen. Also ich habe es genossen, dabei zu sein, mir das alles anzuhören und ich habe mich viele Jahre später auch immer so ein wenig als Außenseiter gefühlt, weil ich nicht getauft worden bin. Du bist es deinen Eltern nicht wert gewesen, dass sie dich haben taufen lassen. Das ist so ein ganz komplizierter Gedankengang, aber das war es, was mich geschmerzt hat daran.
Nicht wenige Eltern diskutieren heute, ob sie ihr Kind taufen lassen. Bei Petra Urban lerne ich, dass eine verweigerte Taufe als verweigertes Geschenk empfunden werden kann. Hier hat jemand ausgerechnet aus der negativen Erfahrung heraus gespürt, dass Christ sein nicht etwas auferlegt, sondern etwas schenkt. Und das hat sie sich nicht nehmen lassen.
Ich habe meinen Glauben gelebt später, ich habe da nie drüber gesprochen. Ich bin in die Kirche gegangen, ich habe promoviert über Religionsphilosophen. Das Thema habe ich wissenschaftlich für mich erarbeitet und ich habe es gelebt. Aber als meine Mutter 1994 gestorben ist, da kam auf einmal so diese Idee, du möchtest dich taufen lassen.
Ein später, aber wohl vorbereiteter Entschluss:
Das ist etwas sehr Gewachsenes gewesen. Hier in Bingen habe ich angefangen, einen Gebetskreis zu leiten, dann war ich auf dem Jakobsberg, habe da auch einen Bibelkreis mitgemacht. Und irgendwann habe ich mal den Satz gelesen: Gott hat keine anderen Hände als deine.
Und da sie weniger eine Handwerkerin als eine Frau des Wortes ist, hat sie den Satz auf sich so gewendet:
Gott hat keinen anderen Mund als deinen. Und da habe ich angefangen Vorträge zu schreiben, so genannte lebensphilosophische Vorträge, in denen ich aber sehr viel mit der Bibel gearbeitet habe.
Öffentlich von Gott reden
Dr. Petra Urban veröffentlicht nicht nur ihre Romane und Kurzgeschichten, sondern sie vermittelt auch anderen den Spaß an der Literatur. In Kursen für kreatives Schreiben und in Seminaren gibt sie weiter, was sie begeistert und dazu gehört auch ihr Glaube.
Tabus gibt es in unserer Gesellschaft kaum noch. Wo man früher von der Schlüssellochperspektive sprach, steht heute die Tür sperrangelweit offen. Außer wenn es um den Glauben geht, dann heißt es, der sei Privatsache. Das hat auch Petra Urban erfahren:
In dem Moment, wo sie nach außen gehen und sagen: so und so stehe ich zu Gott, müssen sie damit rechnen, dass sie –nicht vor einer Wand stehen-, aber schon vor so einer Irritation.
Sie werden auch komisch angeguckt, wenn sie das Wort Jesus in einem Gespräch fallen lassen und damit auch ein ganz intensives Gefühl ausdrücken wollen. Und damals war so dieser Weg, dass ich gemerkt habe: ich will öffentlich darüber sprechen. Und manchmal höre ich auch: aber bitte nicht ganz so fromm. Allein diesem Wort „fromm“, dem haftet schon so etwas an wie: ach komm, jetzt nicht mal so viel Gott, mach es mal bisschen philosophisch. Aber ich wollte aber eben wirklich über Gott sprechen und das ist mir auch gelungen und dann kam das Gefühl: so jetzt will ich es haben.
Dieses „es“ war die Taufe. Die Aufnahme in die Kirche bedeutet für Petra Urban mehr als Katechismuswahrheiten zu akzeptieren oder bestimmter Gebote zu befolgen:
Für mich ist das eine Beziehung, die ich lebe und ich glaube, dass sie mich in allem prägt, was ich tue: in meinem Verhältnis zu meinen Mitmenschen, zu meiner Umwelt, wie ich mit Werten umgehe. Ich denke, es gibt nichts in mir und an mir, was nicht von diesem Glauben getragen ist.
Ein Gott, dem die Welt und die Menschen nicht egal sind, der erwartet auch von uns eine Antwort:
Ich pflege diese Beziehung zu Gott indem ich permanent eigentlich mit ihm in Kontakt bin. Das bedeutet für mich, dass ich das Gefühl habe, dass er für mich da ist. Das ist wie wenn sie mit jemand spazieren gehen, mit dem sie reden und auch mal eine Weile schweigen. Sie spüren aber trotzdem, der andere ist immer noch da.
Während unseres Gesprächs wandert mein Blick auch über die vielen Bilder, die an den Wänden hängen, darunter bemerkenswert gemalte Kreuze. Die seien nach dem Tod ihrer Mutter entstanden, erzählt die Schriftstellerin, die offensichtlich noch eine weitere künstlerische Ader hat.
Ich glaube, was mich am Kreuz so fasziniert, ist, dass Leben und Tod in diesem Symbol aufeinander treffen und auch die Liebe, die aber auch nicht vom Tod gelöst ist. Und ich fand es immer so faszinierend, das das Kreuz einen Mittelpunkt hat, wo sich das in Mitte trifft: die Liebe, der Glaube, der Tod, das Leben, alles zusammen. Und das war für mich so ein Kraftpunkt im Kreuz. Und ich habe immer gedacht, dahin zu kommen, das zu akzeptieren, was da ist und die Kraft zu schöpfen aus dem, wo du jetzt eben stehst in diesem Augenblick, angebunden an die Erde, nach oben hin aber offen und so kam diese Affinität zum Kreuz. Und ich finde, es ist ein wunderschönes Symbol.
Buchtipps:
Petra Urban
Die Flaneurin
Leinpfad-Verlag 2009
203 Seiten
€ 14,90
Petra Urban
Von Reben umgeben: Warum ich mir in Bingen ein Haus gekauft habe
Rhein-Mosel-Verlag 2007
€ 9,90
Mehr über Petra Urban unter www.petraurban.de



