Manuskripte

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Woche vom 05.04.2009 bis 11.04.2009




Dr. Maria Meesters

Von Dr. Maria Meesters, Baden-Baden, Katholische Kirche

Karfreitag

Freitag, 10. April 2009     [Druckversion]

Karfreitag. Christen denken heute an den Tod Jesu. Und verehren im Gottesdienst das Kreuz und den Gekreuzigten. Da wird ein Kruzifix, verhüllt mit einem violetten Tuch, langsam in die Kirche getragen. An den Altarstufen nimmt der Priester das Tuch ab. Dreimal singt er: Seht das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen. Und die Gemeinde antwortet: Kommt, lasset uns anbeten. Dann gehen in langer Prozession alle nach vorn, knien nieder und berühren das Kreuz mit der Hand.
Mich beeindruckt und berührt dieser Ritus immer wieder. Das Kreuz verehren, das Marterinstrument berühren. Und dabei singen vom Heil der Welt. Das ist eine starke Spannung. Spannung von Tod und Leben, von grausamer Gewalt und liebevoller Ohnmacht.
Mich ermahnt der Ritus, diese Spannung nicht aufzulösen. Das Kreuz ist Zeichen des Todes und Zeichen des Lebens.
Das ist das Eigene des christlichen Kreuzes, daß es uns in diese Spannung hineinstellt. Die Spannung, die ja von der Lebenserfahrung auf Schritt und Tritt bestätigt wird. Tod und Leben, Tod im Leben, Leben im Tod.
Die Liturgie dieser Tage fordert auf, den Tod nicht zu verdrängen und den Tod nicht für die letzte aller Erfahrungen zu halten. Leben ist bedroht, belastet mit Schmerzen und Konflikten, Leben ist kostbar, auch angesichts der zahlreichen, unwiderlegbaren Erfahrungen von Tod.
Daß in diesem Gewirr Gott mit uns ist, darauf zu vertrauen, fordern uns die kommenden Tage auf. Im Bild des Kreuzes und des Gekreuzigten finden wir beides: daß wir teilhaben am Leben und daß wir sterben müssen. Das christliche Kreuz gibt Raum für die ganze Breite der Erfahrung. Und dabei bezieht es Position. Es hat Platz für Leben und Tod. Aber es ist entschieden für das Leben.
Viele Menschen haben ihr Kreuz, das daheim irgendwo hängt, oder in einer Kirche, die sie hin und wieder besuchen, oder das sie bei sich tragen.
Vielleicht ist es gut, mit dem persönlichen Bild des Kreuzes und des Gekreuzigten im Gespräch zu bleiben, es zu befragen, zu klagen, zu widersprechen und sich trösten zu lassen. Per E-Mail empfehlen


Dr. Lucie Panzer

Von Dr. Lucie Panzer, Stuttgart, Evangelische Kirche

Joh 12, 15

Sonntag, 05. April 2009     [Druckversion]

Siehe, dein König kommt zu dir und reitet auf einem Eselchen.

Wenn die Staatsmänner der Welt sich versammeln, um über das Schicksal der Völker zu verhandeln, dann fahren sie in gepanzerten Limousinen vor, mit verdunkelten Scheiben. In den vergangenen Tagen konnte man im Fernsehen sehen, wie das ist. Die Menschen, für die sie Verantwortung haben, die sehen sie kaum. Die versammeln sich dann zu lautstarken Protestkundgebungen, weil sie das Gefühl haben: die in den Limousinen, die wissen nicht, wie es uns geht und nicht, welche Träume und welche Sorgen wir haben.
Als Jesus vor 2000 Jahren in die Hauptstadt seines Landes kam, da ritt er auf einem Esel. Daran erinnern sich Christen heute, am Palmsonntag. Vorher war er mit seinen Schülern zu Fuß im Land unterwegs. Da hat er Menschen getroffen. Dabei hat er gesehen, wie es ihnen geht und warum sie so leben, wie sie es tun. Er hat beobachtet, wie jeder versucht, möglichst viel für sich herauszuholen aus den Möglichkeiten, die er hat. Er hat begriffen, wie die Leute krank werden, wenn sie diesem Kampf ums überleben nicht gewachsen sind. Er hat gesehen, dass die Kranken einsam werden, weil nur die Tüchtigen einen Platz finden. So etwas sieht man, wenn man den Menschen auf Augenhöhe begegnet.
Wer den Leuten auf Augenhöhe begegnet, der begreift, was sich ändern muss. Jesus hat den Leuten gesagt: Ihr müsst euch ändern, wenn sich etwas ändern soll. Wenn jeder von euch seine Rüstung fallen lässt, mit der er sich gegen die anderen schützt und verteidigt: dann muss plötzlich keiner mehr fürchten, übervorteilt zu werden. Die ganze Kraft, die man braucht, um sich zu behaupten, die ganze Energie, die ihr für den permanenten Kampf jeder gegen jeden verheizt, die könntet ihr für den Aufbau einer neuen, einer besseren Welt verwenden. Und Jesus selbst hat vorgelebt, wie das ist, wenn man sich den Menschen ohne Vorbehalte zuwendet. Wie dann das Leben leichter wird und friedlicher.
Aber die Mächtigen damals wollten das nicht hören. Sie fürchteten um ihre Macht. Deshalb ließen sie Jesus verhaften. Und die kleinen Leute wagten nicht, ihnen zu widersprechen und auf den Weg Jesu zu setzen. So konnte Jesus dann hingerichtet werden.
Seither haben es immer nur wenige versucht, wie er es gesagt hat. Zu wenige. Aber die, die es versucht haben und versuchen: die merken, wie sich ihr Leben verändert. Und dass sich die Welt um sie herum verändert. Ich wünschte, mehr Menschen hätten den Mut, es zu probieren. Ich – und Sie – und die Männer und Frauen in den dunklen Limousinen auch. Per E-Mail empfehlen