Manuskripte

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Woche vom 18.05.2008 bis 24.05.2008




Dr. Peter Kottlorz

Von Dr. Peter Kottlorz, Rottenburg/N., Katholische Kirche

Fronleichnam und ökonomisch erwirkter Hunger

Donnerstag, 22. Mai 2008     [Druckversion]

(zu Joh. 6,51-58 „Ich bin das lebendige Brot...“)

„Volle Tanks machen leere Teller“. Wie bitte? Ja, das muss ich erklären. Weil Biokraftstoffe wie Biodiesel zur Zeit boomen, steigen die Preise für Nahrungsmittel. Und das spüren wir hier auch, vor allem aber trifft es wie immer die Ärmsten der Armen. Viele Menschen in den Entwicklungsländern können sich in diesen Tagen nicht mal mehr ihren täglichen Bedarf an Brot oder Reis leisten, weil die Preise für Mais, Weizen und Reis enorm gestiegen sind. Allein um 50 % im letzten halben Jahr.
Zu dieser enormen Verteuerung tragen natürlich auch die Spekulationsgeschäfte bei. Ein Sack Weizen zum Beispiel wird an der Börse in Chicago etwa 30 mal gekauft und verkauft bis er tatsächlich als Sack Weizen zu dem Händler kommt, der ihn dann wirklich an einen Menschen weitergibt. Ein 30facher virtueller Handel also, bei dem der wirkliche Verkauf dauernd hinausgezögert wird, nur um den Preis in die Höhe zu treiben. Bis zu einem Preis, den sich die Ärmsten der Armen jetzt nicht mehr leisten können und hungern müssen. Das kann nun als normale wirtschaftliche Prozesse sehen oder als absurde Sauerei. Ich tendiere zu letzterem und da passt das heutige Fronleichnamsfest wie der Deckel auf den Topf. Denn an Fronleichnam geht es ums Brot, das heilige Brot.
Brot ist ein archaisches Wort. Es steht für Nahrung, für Lebensunterhalt. Mit dem Wasser zusammen ist es unser Lebenselixier, das, was uns am Leben erhält. Wer je richtig Hunger hatte, der weiß wie köstlich ein Stück Brot schmecken kann. Das muss auch der Mann aus Nazareth gewusst haben. Er, der die göttlichen Kräfte in sich gespürt hat, hat sich als das „lebendige Brot“ bezeichnet. Als lebendiges Brot, das vom Himmel kommt. So wird es heute in den katholischen Kirchen gelesen. Aber was heißt das: „lebendiges Brot“? Das heißt, dass er, dass sein Leben, seine Botschaft zur seelischen Nahrung, zum geistigen Lebensunterhalt wird für die, die so zu leben versuchen, wie er. Und dazu gehört vor allem die Mitmenschlichkeit, das Teilen. „Zum Hungernden kommt Gott in Form von Brot“, hat mal ein sehr weiser Mensch gesagt. Also, ganz konkret als Brot, Reis oder Kartoffel auf den Tisch derer, die hungern müssen. Aber Gott kommt als Brot des Lebens auch in Form von Gerechtigkeit. Eine Gerechtigkeit, die sich offen ausspricht gegen den Wahnsinn, der den Reichen dieser Welt volle Benzintanks beschert und den Armen leere Teller.
Ein schönes Fronleichnamsfest wünsche ich Ihnen! Per E-Mail empfehlen


Michael Broch

Von Michael Broch, Leonberg, Katholische Kirche

Gott ist Liebe – Johannes 3, 16-18

Sonntag, 18. Mai 2008     [Druckversion]

Dreifaltigkeitssonntag, Lesejahr A

„So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit die Welt durch ihn gerettet wird.“ – Dieser Satz aus dem Johannes Evangelium wird heute in den katholischen Gottesdiensten gelesen. Ein Text mit einer schweren, verhängnisvollen Hypothek. Die Christenheit hat sich geradezu eingeschworen auf die Vorstellung: Der Tod Jesu war ein Sühne-Tod, ein Opfer-Tod. Am Kreuz hat Jesus seinem Gott gegenüber alles wieder gut gemacht, worin die Menschheit untreu und schuldig geworden ist. Eine grausame Vorstellung. Da darf man schon fragen: Wie konnte Gott von seinem geliebten Sohn diesen entsetzlichen Tod verlangen? Schon der Gedanke daran ist sadistisch. Welche Genugtuung könnte er dabei empfinden? Viele lässt das an Gott zweifeln, erst recht an einem Gott der Liebe. Wäre die Vergebung erst durch den Sühne- und Opfertod Jesu am Kreuz bewirkt worden – dann wäre alles umsonst und ohne Bedeutung gewesen, was Jesus an Gutem gesagt und getan hat. Nein. Ich bin davon überzeugt: Gott konnte diesen Tod nicht gewollt haben. Und Jesus hat ihn auch nicht gesucht. Er ging seinen Weg der Liebe und der Leidenschaft für Gott und für die Menschen bis zur letzten Konsequenz, bis zum Tod am Kreuz. Dahin wurde er reingezwungen – weil die religiöse und die politische Elite seine Botschaft von Gott nicht verstanden hat oder nicht verstehen wollte. Und was ist das für ein Bild, das Jesus von Gott zeichnet? – Mit geradezu revolutionärer Kühnheit macht er Schluß mit dem gängigen Gottesbild, nach dem Gott liebt und gütig ist und dann wieder zürnt und straft und richtet. Jesus erkannte – so verstehe ich die Evangelien – dass die Menschheit auf Dauer mit diesem zwiespältigen, doppeldeutigen Gott nicht selig werden kann. Der Gott, den Jesus meint, möchte Erkenntnis und Liebe, aber er verlangt keine Opfer. (Hosea 6,6) In Jesu Gottesbild ist nichts mehr, was bedroht, was Angst einjagt und Schrecken verbreitet. Für Jesus ist Gott eindeutig und bedingungslos Liebe, Liebe ohne Schatten. Das hat er selbst erfahren. Das hat er gelebt in dem, was er gesagt und getan hat und wie er mit den Menschen umgegangen ist. Und das bis in seinen Tod hinein. Per E-Mail empfehlen