Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen 3vor8

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Woche vom 23.12.2007 bis 29.12.2007




Dr. Lucie Panzer

Von Dr. Lucie Panzer, Stuttgart, Evangelische Kirche

„Jesus Christus, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen.“ (2. Kor 8,9)

Mittwoch, 26. Dezember 2007     [Druckversion]

„Wenn ich einmal reich wär’…“ singt Tevje, der arme Milchmann im Musical Anatevka. Und dann träumt er vom guten Leben: schöne Kleider und Schmuck für seine Frau, damit sie sich nicht mehr für ihre ärmlichen Kleider schämen muss. Und für alle seine Töchter eine reiche Aussteuer, damit sie einen guten Mann kriegen können und glücklich wären. Das Leben wäre ein Fest – wenn ich einmal reich wär’.
Natürlich wäre es gut für Tevje und eigentlich für jeden, wenn er sein Auskommen verdienen könnte. Da muss noch viel getan werden – auch in unserem Land - damit wenigstens das normal ist. Aber das andere stimmt trotzdem auch: wer sich nur auf sein Geld verlässt, der ist manchmal am Ende ganz schön arm dran.
Deshalb erinnert am 2. Weihnachtsfeiertag die Bibel. Reichtum, der das Leben wirklich gut macht – das ist mehr als bloß viel Geld. Den kann man nicht verdienen und auch nicht im Lotto gewinnen. Der ist geschenkt. Und es ist ein Armer, der die Menschen wirklich reich macht. Heute wird in den evangelischen Gottesdiensten darüber nachgedacht, wie das gemeint sein könnte. „Jesus Christus, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen.“ (2. Kor 8,9)
Ein Armer macht mich reich – reich allerdings wohl nicht an Geld.: Reich aber, weil ich Gott vertrauen kann, , weil ich besser weiß was wirklich wahr und wichtig ist und weil ich viele Geschichten kenne, die mir Hoffnung geben und Sinn. Wegweisungen, an denen ich mich orientieren kann..
So erklärt der Apostel Paulus, wie er das meint. Und ich fange an, zu begreifen: Gottvertrauen, erkennen, was wirklich wichtig ist und richtig, Hoffnung und Liebe: das sind Dinge, von denen man leben kann – auch wenn das Geld nicht so reichlich ist. Denn wo Menschen Gottvertrauen haben – da muss nicht jeder für sich bunkern, was er hat. Da können Menschen zusammenlegen, was sie haben – und auf einmal reicht es für alle zum Leben. Wo die Liebe lebendig ist, da muss man nicht mit einem dicken Bankkonto sich selbst und anderen beweisen, wie viel man wert ist. Wo Menschen erkennen, was wirklich wichtig ist und richtig – da sind sie nicht so anfällig für die Versuchung, immer selber das beste Geschäft machen zu wollen.
Liebe, Hoffnung, Gottvertrauen – damit kann man gut leben, erklärt Paulus den ersten Christen. Und das hat Jesus gezeigt. Jesus, der von Gott kam. Aber arm wurde, in einem Stall geboren, der unser Leben geteilt hat. Damit wir endlich in Kopf und Herz kriegen, was wirklich reich macht. Per E-Mail empfehlen


Dr. Maria Meesters

Von Dr. Maria Meesters, Baden-Baden, Katholische Kirche

Dienstag, 25. Dezember 2007     [Druckversion]

Guten Morgen und: Frohe Weihnachten!
Vielleicht gehören Sie ja zu den Menschen, die mit Weihnachten so ihre Probleme haben, nicht mit dem Feiern, sondern mit Weihnachten an sich, mit dem religiösen Kern. Daß Gott Mensch wird – welch ein verrückter Gedanke. Für Viele auch ein selbstverständlicher Gedanke, besonders natürlich zu Weihnachten, aber eigentlich kann man sich ja nichts Erstaunlicheres vorstellen. Wenn man sich denkt, dass Gott jemand ganz anderes ist als der Mensch – warum soll der ein Mensch werden? Wer kommt auf einen solchen Gedanken? Steckt dahinter Sehnsucht? Steckt dahinter die Erfahrung, dass in uns selbst etwas Göttliches ist?
Stellen wir uns einen Moment lang vor, diese Geschichte wäre nicht wahr , ich meine nicht den Wortlaut der Erzählungen von der Geburt in Betlehem in einem Stall, sondern die Aussage überhaupt, dass Gott ein Mensch geworden ist – stellen wir uns einen Moment lang vor, das wäre nicht wahr – wer hätte es ausdenken können? Ist nicht die Vorstellung, dass wir Menschen uns so etwas ausdenken, fast so erstaunlich wie die Tatsache selber, dass Gott ein Mensch geworden ist?
Trauen Sie sich, auch ihre Skepsis zuzulassen, die vielleicht da ist. Skepsis ist ein Weg zur Wahrheit, dahin, dass das, was mir gesagt wird, meine eigene Wahrheit werden kann. Mein Leben prägen kann. Im Fall von Weihnachten trösten kann, wenn ich mir armselig vorkomme oder mutlos angesichts des Leids in der Welt.
Menschen feiern Weihnachten und sind gleichzeitig skeptisch gegenüber dem religiösen Gehalt dieses Festes. Das ist dann nicht einfach Folklore oder Gefühlsduselei. Es ist – mehr oder weniger bewusst – oft auch ein Versuch zu glauben. Sich darauf zu verlassen, dass Gott in diesem an Chancen und Zumutungen reichen Leben an unserer Seite ist. Daß deshalb jedes Leben Sinn und Würde hat. Und dass sich so auch mit vielen offenen Fragen leben lässt.
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Wolf-Dieter Steinmann

Von Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen, Evangelische Kirche

weihnachtlicher Richter

Sonntag, 23. Dezember 2007     [Druckversion]

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die Frieden verkündigen, Gutes predigen,…. denn alle Augen werden es sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und rühmt miteinander…(Jes. 52,7-10)

Ob Marco und seine Eltern noch damit gerechnet haben, dass sie Weihachten miteinander daheim feiern können? Am Freitag vor einer Woche bei der Verhandlung in der Türkei?
Gehofft haben sie bestimmt, aber damit gerechnet? Bei dem Richter. Er muss ihnen in den vergangenen 8 Monaten immer strenger vorgekommen sein, vielleicht sogar unbarmherzig. Obwohl er sicher nach Recht und Gesetz gehandelt hat. Und dann hat er Marco doch gehen lassen. Die ganze Zeit hatte der Richter nur Hiobsbotschaften, und auf einmal kriegt er
etwas von einem weihnachtlichen Freudenboten.
Wenn man das oder etwas ähnliches erlebt, kriegt das „Frohe Weihnachten“ noch einen ganz anderen Sinn als normal. Da spürt man, was Freude ist. Kann richtig aufatmen, selbst wenn vielleicht noch nicht alles ausgestanden ist.
Aufatmen, sich zuerst tief und still freuen und dann vielleicht auch ausgelassen feiern, das können wir eigentlich alle, an Weihnachten. Meint die Bibelstelle, an die heute in den evangelischen Kirchen erinnert wird. Da heißt es:
„Wie schön sind die Füße der Freudenboten, die Friede verkünden und Gutes predigen. Alle Augen werden es sehen, wenn Gott wieder kommt. Seid fröhlich.“
Wenn Gott nah kommt, an Weihnachten, da kann man aufatmen. Er ist kein strenger, unbarmherziger Richter, dem die Menschen am liebsten sind, wenn sie Angst vor ihm haben müssen und eingeschüchtert sind. Gott hat keinen Spaß daran, Menschen zu demütigen. Gnadenlosigkeit ist nicht sein Ding. Aufatmen lassen und Freude machen, das ist es. So wird das Leben leichter, das Herz fröhlich.
Verstehen Sie, warum dann viele von uns darin Gott gar nicht folgen wollen? Ich habe nämlich das Gefühl, dass ich -und viele andere auch- eher unbarmherziger, ungeduldiger mit anderen umgehen. Im Straßenverkehr zB. Aber auch sonst. Manchmal verhalte ich mich, als ob nur
die anderen Fehler machen. Natürlich muss man Fehler ansprechen, damit sie korrigiert
werden können. Aber warum oft so, dass gleich der ganze Mensch heruntergemacht wird.

Ich habe darum allen Grund, und vermutlich Sie auch, dass ich dieses Jahr an Weihnachten genau hin gucke. Auf den barmherzigen Gott in der Krippe. Der nicht verurteilt, sondern aufrichtet. Der einem das Herz anrührt. Dass es wieder weiter und größer wird. Großherziger.
Damit nicht nur Marco und seine Familie spüren, was „frohe Weihnachten“ ist.
Ich wünsche es Ihnen, von Herzen. Per E-Mail empfehlen