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SWR1 3vor8

24JUL2022
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Mit Gott feilschen. Wahrscheinlich hat fast jeder, der an Gott glaubt, das irgendwann schon mal gemacht. Als Schüler zum Beispiel: Lieber Gott, ich will jetzt auch besonders brav bleiben, wenn du, mir hilfst, eine gute Note in der Klassenarbeit zu schreiben. Oder ein Erwachsener, der hoch und heilig verspricht auf dem Jakobsweg zu pilgern, wenn Gott ihn nur endlich wieder ganz gesundmacht. Und auch die Opferkerzen, die sich in jeder katholischen Kirche finden, haben mitunter ja etwas von so einem Deal mit Gott. Da opfere ich dann eine Kerze, vielleicht auch zwei oder drei. Und erhoffe mir insgeheim, dass Gott auch etwas für mich tun wird. Für mich selbst oder einen geliebten Menschen, für den ich Gott um etwas bitte.

Wahrscheinlich ist das zutiefst menschlich. Denn wenn Gott eine Art Gegenüber wird mit dem ich reden kann, dann kann ich auch mit ihm verhandeln. Die Bibel kennt einige solcher Geschichten, in denen Menschen versuchen, einen Deal mit Gott zu machen. In einer der bekanntesten ist es Abraham. Den Städten Sodom und Gomorra, deren Bewohner durch und durch verkommen sind, droht die Vernichtung. Wie auf einem arabischen Basar beginnt Abraham nun, mit Gott um die Stadt Sodom zu feilschen. Wenn sich noch fünfzig Gerechte dort finden, dann würde die Stadt doch ganz sicher verschont bleiben, oder? Ja, wird sie. Und wenn es doch nur fünfundvierzig sind? Ok, dann auch. Vielleicht sind es aber auch nur vierzig. Ja, auch dann bleibt die Stadt verschont. So geht das weiter bis Abraham schließlich bei zehn Gerechten angekommen ist. Auch wenn sich nur noch diese Zehn in Sodom finden sollten, die Stadt bliebe trotzdem verschont.

Manch einer mag diese Geschichte als Beleg dafür lesen, dass der Gott der Bibel eben doch ein kleinkarierter, strafender Despot ist. Doch für mich erzählt sie etwas ganz Anderes. Von einem Gott nämlich, der Recht und Gerechtigkeit will und dennoch Mitleid empfindet und bereit ist, um jeden Einzelnen zu ringen. Und von Menschen, die sich am Ende selbst durch ein rücksichts- und gewissenloses Handeln ins Verderben stürzen. Sie erzählt davon, dass ich im Gebet zwar mit Gott feilschen kann. Dass Gott aber niemals mein Geschäftspartner sein wird. Mit Gott kann man keine Deals machen. Ich kann nur darauf vertrauen, dass er mich sieht und mich nicht vergisst. Was immer auch kommt.

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