Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR1 3vor8

15MAI2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich kann ihm das einfach nicht verzeihen. Es war ein blöder, eigentlich unnötiger Streit mit einem Freund. Aber seine Worte haben mich getroffen. Und gerade weil wir befreundet sind, sitzt das tief. Ich finde, er sollte sich auf jeden Fall bei mir entschuldigen.

Aber was, wenn er das nicht tut? War es das dann mit unserer Freundschaft? Soll ich mich vielleicht doch mal bei ihm melden? Mich sogar selber entschuldigen? Denn mit etwas Abstand, Ruhe und wenn ich ehrlich mit mir bin, weiß ich eigentlich: Auch ich habe schlimme Dinge gesagt. Wahrscheinlich habe ich ihn auch verletzt. Aber es fällt mir trotzdem schwer, auf ihn zuzugehen.

Einer müsste den ersten Schritt machen. Wer wagt das? Die Bibel kenn eine Antwort: Gott.

Vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorwirft. Wie Gott euch vergeben hat, so sollt auch ihr vergeben. (Kol 3,13)

Das schreibt der Apostel Paulus in einem Brief in der Bibel über den heute in den evangelischen Kirchen gepredigt wird.

Gott macht den ersten Schritt. Er hat uns schon vergeben, schreibt Paulus. Gott wartet, er erwartet nicht, dass wir Menschen auf ihn zukommen, er tut es selbst.

Für Paulus ist klar: Gottes Vergebung hat Konsequenzen! Wir Menschen sollen auch vergeben. Das fordert heraus, denn Vergebung kann man nicht erzwingen, sie nicht befehlen. Aber ich glaube, wenn ich erkenne, dass mir vergeben wurde, verändert mich das. Gott ist auf mich zugegangen. Das hilft mir meine eigenen Fehler einzugestehen und anderen zu verzeihen. Weil Gott mir vergibt, kann ich anderen vergeben. So wirkt Gottes Vergebung. Und so schaffe ich es hoffentlich auch, auf meinen Freund zuzugehen.  

Denn mir gelingt das nicht immer sofort. Manchmal da sonne ich mich nach einem Streit geradezu in Selbstgerechtigkeit. Ich bin wütend und möchte nicht verzeihen. Das fühlt sich zwar nicht unbedingt gut an, aber immerhin: ich hatte recht und habe das wenigstens gesagt. So eine Haltung kann ja auch befriedigen. Aber meist nur für eine kurze Zeit. Auf Dauer macht es mich nicht glücklich, Recht zu behalten, koste es, was es wolle. Und ich stelle immer wieder fest: Wenn es gelingt, einen Streit beizulegen, mich zu entschuldigen und zu verzeihen und ich das auch zurückbekomme fühlt sich das viel besser an. Eine Freundschaft kann wieder aufblühen. Deshalb finde ich Vergebung so wertvoll; sie ermöglicht Lebensfreude und Lebensfreunde.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35390