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SWR1 3vor8

27MRZ2022
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Der Evangelist Lukas ist ein Meister des Erzählens. Und das Gleichnis vom barmherzigen Vater ist für mich sein Meisterwerk. Es wird heute in den katholischen Gottesdiensten gelesen. Das Gleichnis handelt von einem Sohn, der sich zu Lebzeiten sein Erbe hat auszahlen lassen. Als er alles verprasst hat - mit Festen und Frauen - besinnt er sich, kehrt nach Hause zurück und wird vom einst düpierten Vater mit offenen Armen empfangen. Soweit in aller Kürze. So oft ich diese Geschichte im Gottesdienst vorlese - und heute werde ich das wieder tun - es gibt eine Stelle, die mich besonders berührt, an der ich immer mit den Tränen kämpfen muss. Es ist die Stelle, an der der Sohn in Sichtweise des Elternhauses kommt. Dann heißt es wörtlich: Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.(1)

Dass der Vater so reagiert, das ist einfach wunderbar. So großzügig, so wenig nachtragend, so liebevoll. Barmherzig eben. Ich weiß auch genau, weshalb mich das zu Tränen rührt. Weil sich in diesem Moment das zeigt, was den Menschen menschlich macht. Der Vater kann die ärgerliche Vorgeschichte mit seinem Sohn vergessen. Sie ist jetzt nicht wichtig. Er fängt nicht an zu rechnen, wie barmherzig er jetzt sein darf, damit die Verhältnisse von Schuld und Gnade stimmen. Er ist einfach überglücklich. Und zwar aus Liebe, die durch nichts überschattet wird. Ich weiß: Da gibt es noch einen zweiten Sohn, der sich dadurch ungerecht behandelt fühlt. Ich weiß auch, dass dem reumütigen Heimkehrer der Kopf gewaschen gehört. Aber nicht jetzt. Nicht in diesem kostbaren Moment und nicht so schnell. Weil das alles kaputt machen würde, was so menschlich großartig ist an diesem Vater.

Lukas erzählt seine Geschichte auch, um Gott zu charakterisieren. Mit einem Gott, der so eingestellt ist, dürft ihr rechnen. Es tut mir gut zu wissen, dass Gott auch dann auf mich wartet, wenn mein Leben in eine falsche Richtung geht. Dass es bei ihm immer die Chance zu einem Neuanfang gibt. Aber noch viel mehr als das, tut es mir gut wissen, dass ich auch wie der Vater sein kann. Dass jeder Mensch so handeln kann, wenn er liebevoll auf andere schaut. Dass genau diese Liebe den Menschen erst groß macht. Und dass es deshalb so wichtig ist, diese Momente nicht zu verpassen. An denen es darauf ankommt, einem anderen entgegenzugehen, ihm um den Hals zu fallen, ja, ihn zu küssen.

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(1) Lukas 15,20

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