Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR1 3vor8

24OKT2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Da seh ich schwarz“- Redewendungen wie diese weisen auf den Zusammenhang von Seele und Sehen, von Psyche und Wahrnehmung. Genau darum geht es auch in der Geschichte, die heute in den katholischen Kirchen zu hören ist: die Heilung des Blinden Bartimäus durch Jesus von Nazareth. Heilungsgeschichten der Bibel können immer auf drei Ebenen gelesen werden. Zunächst auf wörtlichen, die das Geschehen 1:1 so nimmt wie es beschrieben ist: Dass Jesus als der Sohn Gottes übernatürliche Kräfte hatte und scheinbar unheilbar Kranke heilen konnte. Heilungsgeschichten können aber auch symbolisch verstanden werden: dass der Mensch, der geheilt wurde, blind war für die wesentlichen Dinge des Lebens und Jesus ihm die Augen dafür geöffnet hat. Und schließlich gibt es noch die psychosomatische Sichtweise: dass Menschen, die ein schweres seelisches Trauma erlitten haben und deswegen nicht mehr sehen können, obwohl die Augen keine organischen Schäden haben. „Psychogene Blindheit“ wird das auch genannt.
Ich bin offen für alle drei Sichtweisen bei den Heilungsgeschichten Jesu. Denn mir ist viel wichtiger zu verstehen, warum Jesus so gehandelt hat und was das für den Glauben heute bedeutet.
Nach der Erzählung des Evangelisten Markus hat der blinde Bettler Bartimäus lautstark nach Jesus gerufen. Die Begleiter Jesu wollen Bartimäus abwimmeln. Aber Jesus spürt dessen brennende Sehnsucht und lässt ihn zu sich bringen. Als Bartimäus vor ihm steht, stellt er ihm die Frage, die er leidenden Menschen fast immer stellt: „Was willst Du, dass ich Dir tue?“ Und Bartimäus antwortet:“ Ich möchte sehen können!“ Worauf Jesus zu ihm sagt: „Dein Glaube hat Dich gerettet“ und im gleichen Augenblick konnte Bartimäus sehen. Was ist da eigentlich passiert? Jesus holt einen Ausgestoßenen seiner Zeit – Blindheit galt als Strafe Gottes – aus der sozialen Isolation. Er aktiviert dessen Selbstheilungskräfte, indem er ihn ernst nimmt und fragt was er will. Und nimmt ihn, den Ausgestoßenen, als vollwertiges Mitglied in seine Gemeinschaft auf. Und warum macht Jesus das? Weil Heilung für ihn ein Zeichen des Gottesreiches ist, das unter den Menschen sichtbar und spürbar werden kann. Und weil für Jesus jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist, mit dem er liebevoll, gerecht und heilsam umgehen möchte. So und nur so sollten sich auch die Kirchen von heute verhalten…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34175