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SWR1 3vor8

27SEP2020
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Manchmal denke ich mir: Alle Probleme der Welt lassen sich auf eine einzige Ursache zurückführen. Den Egoismus. Ich zuerst. Ich vor dem anderen. Ich schneller, besser, größer. Das geht schon im Kindesalter los, wenn der eine neidisch auf das schöne Fahrrad des anderen ist. Klar, es gibt auch eine gesunde Form, auf sich selbst zu achten. Niemand soll sich aufgeben. Diese Achtung vor sich selbst ist die Voraussetzung, damit man anderen mit Respekt begegnet. Im christlichen Hauptgebot ist dieser Zusammenhang prägnant ausgedrückt: Liebe deinen Nächsten – wie dich selbst! Aber wer eben nur auf sich selbst schaut, wird im Laufe der Zeit blind. Er sieht nur einen Teil der Realität. Seinen begrenzten Ausschnitt. Und das macht ihn ungenießbar und womöglich sogar gefährlich. Denn auch Kriege entstehen in ihrer letzten Konsequenz aus Egoismus. Der Klimawandel. Und der Raubbau mit der Natur. 

Der Apostel Paulus hat in Kleinasien christliche Gemeinden gegründet. Er hat sie im Sinne Jesu unterwiesen und ihnen ans Herz gelegt, auf eine bestimmte Art und Weise zusammenzuleben. Er hat dabei genau dieses Grundproblem des Menschen im Blick: die Ich-Sucht. Er weiß, dass auch die Frauen und Männer seiner Gemeinde davor nicht bewahrt sind. Deshalb schreibt er der Gemeinde in Philippi den folgenden Ratschlag. Er wird heute in den katholischen Gottesdiensten als Lesung vorgetragen:

Wenn es eine Ermahnung in Christus gibt,(…) dann (…), dass ihr eines Sinnes seid,
einander in Liebe verbunden, einmütig, einträchtig,
dass ihr nichts aus Streitsucht und nichts aus Prahlerei tut.
Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst.

Paulus weiß ganz genau, dass daraus die Probleme entstehen, die Menschen einander zu Feinden machen und dass er deshalb an der Wurzel des Übels ansetzen muss. Weil der Egoismus so tief in der Natur des Menschen verankert ist. Weil es wie ein Urtrieb ist, zuerst an sich selbst zu denken, macht Paulus diesen Punkt zur Haupt-Sache des neuen Glaubens. Und ich meine, es ist notwendig, diesen Akzent heute einmal deutlich zu setzen: Wenn ich mich an Christus halte, muss ich diese Art von Egoismus bei mir überwinden, ja sie bekämpfen.

Es gibt viele schöne Beispiele, bei denen Christen das gelungen ist. Auch jetzt, wenn es um Leib und Leben der Menschen geht, die auf ihrer Flucht auf Moria gestrandet sind. Oder wenn ich an die junge Frau denke, die seit Wochen für meine Mutter einkauft und für sie da ist wie eine Tochter. Aber trotz der guten Beispiele: Es bleibt noch viel zu tun, um den Egoismus in Grenzen zu halten.

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