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SWR1 3vor8

30AUG2020
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An Gott zu glauben macht das Leben nicht automatisch einfacher. Es ist sogar manchmal echt herausfordernd und kann einen an Grenzen bringen. Davon erzählen gleich zwei biblische Texte, die heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören sind.

In dem einen geht es um den Propheten Jeremia, der kurz davor ist, alles hinzuschmeißen. Sein Auftrag ist es, die Menschen im Namen Gottes auf ihre Fehler hinzuweisen. Laut zu sagen, was in der Gesellschaft nicht gut läuft. Das bringt ihm jede Menge Widerstand und Kritik ein. Nicht nur die führenden Machthaber, auch seine Freunde wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben. Und deshalb ringt Jeremia mit Gott. Wie viel einfacher wäre sein Leben, wenn er nicht mehr an Gott denken und in seinem Namen sprechen müsste.

Im zweiten biblischen Text wird diese Erfahrung noch getoppt. Die Jünger müssen sich von Jesus anhören: „Wer mit mir kommen will, darf nicht an seinem Leben hängen. Er muss sein Kreuz auf sich nehmen und mir auf meinem Weg folgen.“ (Mt 16,24)

Ein heftiger Satz. Ich verstehe ihn so, dass ich aufgefordert bin, mich mit allem, was mir möglich ist, für das Leben einzusetzen. So, wie es Jesus tut. Deshalb muss ich nicht gleich alles aufgeben, was mir etwas bedeutet. Es ist okay, dass ich mein Leben genieße, aber entscheidend ist, dass ich grundsätzlich bereit bin, für andere aus meiner Komfortzone herauszugehen.

Das kann heißen, dass ich nicht nur betroffen bin, wenn ich die Nachrichten schaue. Sondern dass ich mich frage, ob ich etwas tun kann. Manchmal war das dann für mich der springende Punkt, um nach einer humanitären Katastrophe einer Hilfsorganisation Geld zu überweisen oder um mich ehrenamtlich zu engagieren.

Ein anderes Beispiel, bei dem ich aus meiner Komfortzone raus musste: Eine Kollegin hatte mich sehr verletzt. Mit einem kleinen Kommentar. Ich hab mich dann entschieden, sie darauf anzusprechen. Das war nicht leicht. Lieber hätte ich mich beleidigt zurückgezogen. Aber jetzt haben wir das klären können, ohne dass eine von uns das Gesicht verliert.

Das Kreuz, das ich dabei immer zu tragen habe, bin ich oft selbst: mit meiner Angst im Leben zu kurz zu kommen. Oder mit meiner fixen Vorstellung, wie mein Leben sein sollte. Doch auch diese nicht so glänzenden Seiten gehören zu mir. Sie sind mein Kreuz. Damit muss ich umgehen lernen, um besser unterscheiden zu können, was nur mir einen Vorteil bringt oder was dem Leben insgesamt dient, so wie Gott es sich gedacht hat.

Jeremia und den Jüngern Jesu ist klar: Der Glaube ist nicht nur was, was stärkt, sondern er fordert Konsequenzen – auch unbequeme. Dass sie vor diesem irre hohen Anspruch nicht völlig kapitulieren, liegt vermutlich daran, dass sie erfahren haben, nicht allein zu sein. Gott ist dabei – egal, ob das, was sie vorhaben, gelingt oder nicht. Genau das treibt mich auch an. Ich kann mein Leben mit allen Höhen und Tiefen angehen, weil ich sicher bin: ich bin nicht allein.

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