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SWR1 3vor8

03MAI2020
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In Zeiten einer ernsthaften Krise, steht schnell auch Gott in Frage. Wenn Gott die Welt gemacht hat, wieso kommen wir dann in solche Schwierigkeiten? Ein Virus, dass aus dem Nichts auftaucht, das nicht zu sehen ist und trotzdem verheerende Folgen nach sich zieht… Wir wissen so wenig, wir fragen nach dem Sinn, und wer mit Gott rechnet, muss seine Rechnung auch in diesem Fall mit ihm machen. 

Das Problem verschärft sich noch angesichts der Bibelstelle, die heute für den katholischen Gottesdienst vorgesehen ist. Es geht dort um den guten Hirten, der auf seine Herde achtgibt. Gott wird so charakterisiert: Als einer, zu dem die Menschen Vertrauen haben können in allen Lebenslagen, der sie nie im Stich lässt, der ihnen nichts Böses will. Anders als der Fremde, der Dieb, der in der Bibelstelle auch erwähnt wird. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.[1]Wo ist zur Zeit das Leben, in Fülle gar? Wo ist der Hirte, der auf uns aufpasst? 

Ich verstehe diese Fragen nicht nur gut, ich stelle sie mir auch selbst. Aber bevor sie einen zu großen und unangemessenen Raum in meinem Denken einnehmen, halte ich dem etwas entgegen, was mir im Moment noch wichtiger ist. Der Blick auf das, was tatsächlich ist. Ja, wir sind in einer Krise und das Virus kostet Menschen ihr Leben. Aber im Großen und Ganzen geht es uns immer noch gut. Wir haben, was wir brauchen. Auch wenn es gerade nicht so ist, wie sonst; auch wenn wir uns einschränken müssen. Wir sind alles in allem in Sicherheit. Wir haben einen hohen medizinischen Standard. Wir stehen besser da, als viele Länder der Welt. Also habe ich fürs erste keinen Grund zum Jammern. Sondern sorge mich um die, die schlechter dran sind. Um ihretwillen erinnere ich mich an das Bibelwort von Gott, dem guten Hirten, und bemühe mich, selbst zu so einem Hirten zu werden für den Teil der Menschheitsherde, der in echter Not ist. 

Und erst dann frage ich danach, wo ich Gott vermisse, wo ich das Vertrauen in ihn zu verlieren beginne. Dann muss er auch Wort halten, und ich muss begreifen, wie er mein Vertrauen verdient. Und dazu muss ich groß denken: über den Tag hinaus, über meinen kleinen Horizont, auch über die derzeitige Krise, sogar über mein irdisches Leben hinaus. Gott ist alles in allem. Er ist der Rahmen, der alles umfasst. Im großen Ganzen muss er sich als der gute Hirte erweisen. Wenn mir oder irgendeinem dann etwas fehlt, dann verlangen wir zurecht, dass er Verantwortung übernehmen muss.

 

[1]Johannes 10,10

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