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SWR1 3vor8

08DEZ2019
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„Wer Visionen hat soll zum Arzt gehen.“ Dieses Zitat  wird – unter anderem – Ex-Kanzler Schröder zugeschrieben. Mehr abschätzig als witzig beschreibt es Menschen, die sich Besseres und Schöneres vorstellen können als das, was es schon gibt, als nicht ganz klar im Kopf. Und die sogenannten Realisten als normal. Es gibt aber – Gott sei Dank! – auch Menschen, die sagen, dass die Visionäre die wahren Realisten sind. Weil sie fähig sind, zu sehen wie das vermeintlich Unmögliche Wirklichkeit werden kann. Und weil sie die Kraft und den Willen haben, auch daran zu glauben. Dass Mauern und eiserne Vorhänge fallen können – sogar ohne Blutvergießen. Oder dass einmal Sonne, Wind und Wasserkraft Autos, Schiffe und Flugzeuge antreiben werden.
Ohne Visionen würde unsere Welt nicht besser und nicht schöner werden. Technisch nicht und menschlich nicht. Visionen gehören zu den sozialen und seelischen Grundnahrungsmitteln des Menschen. Im Advent ist viel von ihnen die Rede. Heute zum Beispiel ist in den Katholischen Kirchen ein Text des Propheten Jesaja zu hören. Er gehört zu den großen Figuren im Alten Testament der Bibel. Er hat vor 2800 Jahren in Jerusalem gelebt, konnte packend schreiben und reden. Er hat den Götzenkult in Israel bekämpft, sich laut und deutlich ausgesprochen gegen die korrupte Oberschicht und gegen die Ausbeutung der Armen. Hat Unheil angedroht, aber auch Heil verkündet. In zeitlos schönen Bildern einer Welt voller Gerechtigkeit und Frieden.

Seine Worte werden gern im Advent gelesen, weil der Advent eine Vorbereitungszeit ist. Eine Vorbereitungszeit dafür, dass diese göttliche Welt von Gerechtigkeit und Frieden in den Herzen der Menschen ankommen kann. Jede Zeit hat ihre Bilder von dieser Welt, Jesaja hat sie in paradiesisch friedlichen Natur- und Tierbildern beschrieben. Ich finde sie so provozierend anders und so faszinierend schön, dass ich Sie Ihnen wörtlich in diesen 2. Advent mitgeben möchte. Eine Welt, auf der der Geist Gottes ruht, sieht Jesaja so:

„Der Wolf findet Schutz beim Lamm, / der Panther liegt beim Böcklein.     

Kalb und Löwe weiden zusammen, / ein kleiner Junge leitet sie.

Kuh und Bärin nähren sich zusammen, / ihre Jungen liegen beieinander. / Der Löwe frisst Stroh wie das Rind.

Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter / und zur Höhle der Schlange streckt das Kind seine Hand aus.

Man tut nichts Böses / und begeht kein Verbrechen / auf meinem ganzen heiligen Berg;

denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des HERRN, / so wie die Wasser das Meer bedecken.

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