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SWR1 3vor8

Das Fest der Heiligen Familie, so heißt der heutige Sonntag in der katholischen Kirche. So direkt nach Weihnachten passt das ja: Jeder hat noch die Idylle der Krippe im Kopf: Wie schön sie dort dargestellt ist, die Heilige Familie: Maria ganz zart, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, schaut liebevoll auf den neugeborenen Jesusknaben. Josef, ein kräftiger Mann, steht im Hintergrund und passt auf seine Familie auf. Und das Jesuskind selbst, es schläft oder lächelt, einen schreienden Jesusknaben hab ich in einer Krippe noch nie gesehen. Also eine Idealfamilie, die heilige Familie, alles voller Harmonie, keine Konflikte. Denkste, in der Bibelstelle, die heute in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen wird, kommt es zu einem ganz schönen Konflikt zwischen Jesus und seinen Eltern. Jesus ist zwölf Jahr alt, die Familie nimmt an einer Wallfahrt nach Jerusalem teil. Auf dem Rückweg müssen die Eltern feststellen: Ihr Sohn ist weg. Wie jedes normale Elternpaar geraten sie in Panik. „Wo ist unser Kind?“ Sie laufen zurück nach Jerusalem, suchen drei Tage und finden ihn schließlich im Tempel. Da ist ihr Sohnemann und diskutiert mit den Schriftgelehrten. Nun, von einer Tracht Prügel berichtet die Bibel nicht, aber schon von der vorwurfsvollen Frage Marias: „Kind, warum hast du uns das angetan?“ Und das war erst der Anfang, je älter Jesus wird, umso schärfer wird der Ton zwischen Jesus und seiner Mutter. Der Höhepunkt kommt viele Jahre später. Jesus tritt öffentlich auf und legt sich wieder mit Schriftgelehrten an. Da kommt Maria mit dem Rest der Familie und will ihren Sohn Jesus zurückholen. Aber als die Leute Jesus sagen, dass draußen seine Mutter und seine Brüder seien, sagt der nur: „Wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder?“ Und er blickt auf die Menschen, die um ihn herum sitzen, und meint: „Ihr seid mir Mutter und Brüder.“ (Mk 3) Eine härtere Abfuhr kann man sich kaum vorstellen. Er lässt seine Familie vor allen Leuten abblitzen. Es  hat also doch ganz schön gekracht in der heiligen Familie.

Ich finde das sehr tröstlich und befreiend. Es tröstet zu wissen, dass es auch Maria und Josef nicht einfach hatten mit ihrem Sohn Jesus. Und es befreit von der irrigen Vorstellung, dass eine heilige Familie, eine Familie ohne Krach und Auseinandersetzung sei.  

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