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SWR1 3vor8

„Es gibt Muster, die stecken in mir,“ habe ich gedacht vor ein paar Wochen. Ich hatte beim Aufräumen alte Tagebuchnotizen gefunden, mich festgelesen und gemerkt: Lang her, aber nicht vorbei. In manchem bin ich wie damals. Was mich verletzt, zornig macht, wie ich dann reagiere. Vieles ist gleich geblieben.

In der Bibel kann ich mich auch festlesen. Wahrscheinlich weil sie so etwas ist wie ein “Tagebuch der Menschheit“. Wo man auch merkt. Was erzählt wird, ist lange her und sagt trotzdem, wie wir Menschen immer noch sind. Die Geschichte von Kain und Abel ist so ein Eintrag in diesem Tagebuch der Menschheit. Heute wird sie in den evangelischen Kirchen vorgelesen. In dieser Geschichte kommt zum ersten Mal in der Bibel das Wort „Sünde“ vor. Bis heute schlagen wir Menschen uns damit rum.

Kain und Abel -wird erzählt- sind Brüder, sehr verschiedene. Sie geraten aneinander, weil sie sehr verschieden leben und als Brüder dennoch nah sind. Kain ist Bauer. Also sesshaft. Vor 12000 Jahren haben wir Menschen angefangen, so zu leben. Und wir Menschen wie Kain glauben: Land ist Privatbesitz.

Sein Bruder Abel lebt als Hirte. Und das bedeutet: Ihm gehören zwar Tiere. Aber das Land gehört niemandem. Gott vielleicht. Erst Privateigentum, das einer für sich beansprucht. Und immer mehr davon will, macht aus Menschen Konkurrenten.
So spitzt sich die Geschichte im Tagebuch der Menschheit zu: Kain und Abel bringen Gott ein Opfer von ihren Erträgen. Damals war das so eine Art Erntedankfest. Und Kain hat das Gefühl: Mein Opfer, also mein Dank an Gott ist weniger angesehen als das von meinem Bruder. Und er ist angefressen. Ist meine Lebensweise etwa schlechter. Erst ist er beschämt und dann wird ihm heiß und kalt vor Zorn.

Wörtlich steht in der Bibel:
Da packte Kain der Zorn und er blickte finster zu Boden.
Gott sagte zu Kain: "Warum bist du so zornig? Und warum blickst du zu Boden? Ist es nicht so: Wenn du Gutes planst, kannst du den Blick frei erheben? Hast du jedoch nichts Gutes im Sinn, dann lauert Sünde an der Tür und lockt dich? Du, gib ihr nicht nach!"

Aber Kain macht ihr die Tür auf. Geht mit Gewalt gegen seinen Bruder los. Der Wunsch, mehr zu besitzen und der Wunsch nach Anerkennung prägen uns Menschen seit wir sesshaft sind. Die Gefahr ist, dass wir sie uns holen. Mit Gewalt. Auf Kosten von anderen. Allerdings Gott traut mir zu, dass ich so frei bin und tue was richtig ist. „Wie sagt er: Gib der Sünde nicht nach.“

 „Tagebuch der Menschheit“ haben Carel van Schaik und Kai Michel - der eine Evolutionsbiologe, der andere Historiker - die Bibel genannt und das Buch, das sie geschrieben haben: „Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät, Hamburg 2016

Bibeltext:
Kain erschlägt  Abel (4,1-16)
Adam schlief mit seiner Frau Eva.
Sie wurde schwanger und brachte Kain zur Welt.
Sie sagte: "Mithilfe des Herrn habe ich einen Sohn bekommen!"
Danach  brachte sie seinen Bruder Abel zur Welt.
Abel wurde Hirte und Kain Ackerbauer.
 
Einmal brachte Kain dem HERRN von der Ernte des Ackers eine Opfergabe dar. Abel brachte erstgeborene Lämmer seiner Herde und ihr Fett als Opfer dar. Abel und sein Opfer gefielen dem HERRN. Doch Kain und sein Opfer gefielen ihm  nicht.
Da packte Kain der Zorn und er blickte finster zu Boden.

Der HERR sagte zu Kain:
"Warum bist du so zornig? Und warum blickst du zu Boden?

Ist es nicht so: Wenn du Gutes planst, kannst du den Blick frei erheben?
Hast du jedoch nichts Gutes im Sinn, dann lauert Sünde an der Tür und lockt dich? Aber du darfst ihr nicht nachgeben!"
Kain sagte zu seinem Bruder Abel: "Lass uns aufs Feld gehen!"
Als sie draußen auf dem Feld waren, fiel Kain über seinen Bruder Abel her und schlug ihn tot.

Da fragte der Herr zu Kain: "Wo ist dein Bruder Abel?"
Kain antwortete: "Das weiß ich  nicht. Bin ich dazu da, auf meinen Bruder achtzugeben?"
Der HERR entgegnete  ihm: "Was hast  du getan? Das Blut deines Bruders schreit vom Ackerboden zu mir. Verflucht sollst du sein, verbannt vom Ackerboden, den deine Hand mit seinem Blut  getränkt hat.
Wenn du ihn bebaust, wird er dir künftig keinen Ertrag mehr bringen. Als heimatloser Flüchtling sollst du auf der Erde umherirren."

Kain erwiderte dem Herrn: "Die Strafe ist zu schwer für mich.
Du verjagst mich jetzt vom Ackerland und verbannst mich von deinem Angesicht.
Als heimatloser Flüchtling muss ich auf der Erde umherirren. So wird es kommen: Jeder, dem ich begegne, kann mich erschlagen."
Der HERR antwortete ihm: "Das soll nicht geschehen! Siebenfach  wird Rache genommen an der Familie von Kains  Mörder."
Dann drückte der Herr dem Kain ein Zeichen auf. Niemand, der ihm begegnete, durfte ihn töten.
Kain ging fort, dem Herrn aus den Augen, und hielt sich im Land Nod auf. Das liegt im Osten von Eden.

 

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