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SWR1 3vor8

„Stell Dich auf Deine Füße Menschensohn“. Dieser Satz ist heute in den katholischen Kirchen zu hören. Der Prophet Ezechiel hat ihn vor 2600 Jahren von Gott vernommen, als er ihn zum Propheten beruft. Die Passage, die heute zu hören ist, ist Teil eines Berichts über seine spektakuläre Gotteserfahrung. Viel wichtiger als die sicher spektakulären Phänomene einer Gotteserfahrung ist mir aber etwas, das zur jüdisch-christlichen Tradition gehört und die gläubigen Menschen schon seit Jahrtausenden prägt: das Aufrecht sein. Es lohnt sich den Text aus dem Buch Ezechiel daraufhin anzuschauen. Er beginnt damit, dass Ezechiel sich auf den Boden niederwirft als er Gott erfährt. Weil erschrocken ist und überwältigt. Es ist aber auch eine Geste der Unterwerfung. Und die beantwortet Gott mit eben jenem Satz: „Stell dich auf Deine Füße Menschensohn“. Das heißt, Gott will aufrechte Menschen, Menschen, die sich gerade machen in seinem Angesicht. Menschen, die auch gerade bleiben, wenn ihnen der Wind ins Gesicht bläst oder sie von wem oder was auch immer geblendet werden. Denn nur so ist der Mensch Gottes Ebenbild. Nur so kann er glaubwürdig und wirksam von Gott reden.

Keine leichte Aufgabe für einen Propheten. Aber wenn er äußerlich und innerlich gerade bleibt, dann können sich auch andere an ihm aufrichten. Eine Erfahrung, die noch heute gültig ist. Und die ich selbst schon als befreiend und stärkend erlebt habe.

Zum ersten Mal bei einer Geschichte, die über 40 Jahre zurück liegt und mich für mein Leben geprägt hat. Ich war in meiner Kindheit und Jugend in einem katholischen Internat untergebracht.

Als ich 17 Jahre alt war, hat mich mein Internatsleiter geschlagen. Das erste und einzige Mal. Und zu Unrecht, aus jeglicher Perspektive. Was auch immer mich in dieser Situation dazu befähigt hat: Ich bin aufrecht geblieben. Habe ihm gesagt, dass ich nun den Raum verlassen und erst wieder mit ihm sprechen werde, wenn er sich beruhigt hat. Eine Stunde später bin ich wieder zu ihm gegangen. Habe die Sache geklärt, und ihm gesagt, dass ich sofort das Internat verlassen würde, wenn er mich noch einmal schlägt. Daraufhin hat er sich entschuldigt und mich nie wieder angerührt. Diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass es gut und richtig ist aufrecht zu bleiben. Egal wer vor mir steht und was auch passiert…

Ez 1, 28c – 2,5

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