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SWR1 3vor8

Auf “die da oben“ schimpft man gerne. „Die da oben“ sind korrupt und machtgierig, kurzsichtig, unfähig und nur am eigenen Gewinn interessiert. Solches Misstrauen gegen die Mächtigen ist alt. Schon in der Bibel kann man es finden. So hat zum Beispiel ein unbekannter Petrus in biblischer Zeit bedacht, wie „die da oben“ es richtig machen müssten. Er schreibt: „Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist!“ (1. Petr.4, 2) Und er zählt auf: nicht genötigt, weil man euch zwingt, sondern freiwillig, also gern. Auch nicht, weil ihr etwas daran verdienen wollt, sondern, weil es denen gut gehen soll, für die ihr zuständig seid. Und, das finde ich am wichtigsten: Nicht als Herren und also Machthaber, sondern als Vorbilder.
Ja, denke ich mir – das wäre gut, wenn „die da oben“ alle so wären.

Aber halt. Sind die Hirten und Hirtinnen immer bloß die anderen? Ich frage mich, ob ich mir damit die Mahnungen des Petrus nicht einfach bloß vom Hals halten will. Hirten sind doch alle, die sich um andere kümmern. Das sind die, die Verantwortung tragen, das sind die, die Orientierung geben. Also Eltern und Großeltern, Mütter und Väter. Die kümmern sich, die tragen Verantwortung, an denen orientieren sich die Kinder. Das sind Lehrerinnen und Trainer, das sind Abteilungsleiter und Gemeinderätinnen, das sind Ausbilder und Rundfunkmoderatorinnen, große Brüder und Schwestern. Sie und ich.

Wie kriegt man das hin, Hirte zu sein oder Hirtin?  Manche trauen sich das nicht, aus Angst Fehler zu machen. Wollen keine Verantwortung, weil sie keinen Ärger wollen. Kein Wunder eigentlich, wo es doch viel leichter ist, auf „die da oben“ zu schimpfen. Viele überlassen die anderen lieber sich selbst. Und wundern sich, wenn es dann in die verkehrte Richtung geht. Ob die Herde immer von selbst weiß, wie es am besten weiter geht?

Deshalb finde ich so wichtig, was dieser Petrus empfiehlt: Vorbilder sollen die Hirten und Hirtinnen sein, nicht Herrscher. Nicht Besserwisser, die nur den einen Weg zulassen, nur den eigenen. Hirte sein heißt auch, dem anderen seine Entscheidung lassen, ihm vielleicht sogar seine Umwege lassen.

Und wie ist es mit Fehlern? Heißt Vorbild sein, ich muss alles richtig machen, alles wissen, alles können, alles im Griff haben? Bloß kein Fehler und also erst recht keinen Fehler zugeben, weil ich dann kein Vorbild mehr sein kann? Ich finde, man kann auch darin ein Vorbild sein, wie man mit seinem Versagen umgeht. Einen Fehler zugibt und nach anderen, besseren Wegen sucht: Wie nötig hätten wir solche Vorbilder, nicht nur „da oben“, sondern mitten unter uns.

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